Als erstes fällt beim Öffnen der Packung das umfangreiche Zubehör auf, das Acer dem im Handel rund 250 Euro kostenden Revo beilegt: Es finden sich nicht nur ein Wireless Desktop mit Maus und Tastatur, sondern auch eine VESA-Halterung, mit der Sie das Gerät beispielsweise hinter den Flachbildfernseher schrauben können.
Allein für eine VESA-Halterung zahlt man bei anderen Herstellern oft gesalzene Preise: Für eine zu Apples Mac Mini passende Klammer müssen Mac-User z.B. 50 Euro oder mehr berappen. Der mitgelieferte Wireless Desktop wirkt im Gegensatz zum Revo selbst etwas billig und klapprig, funktioniert aber gut und ist klein und leicht – gut geeignet für den Wohnzimmerbetrieb mit dem Revo als Mediacenter. Stirnrunzeln gab es jedoch beim Verbinden des Wireless Desktops, als wir schlussendlich den zugehörigen USB-Dongle im Batteriefach der Maus fanden, hatten wir schon sämtliches beiliegendes Druckmaterial ergebnislos diesbezüglich durchforstet.
Auch die interne Ausstattung des Geräts (Abbildung 1) überzeugt: Dank Nvidia-Ion-Chipsatz (entspricht Geforce 9400M) bietet der Revo im Gegensatz zu herkömmlichen Atom-Rechnern mit Intel-Chipsatz Gigabit-Ethernet, eSATA, passable 3D-Grafik und hardwarebeschleunigte Videodekodierung der Videoformate MPEG2, VC-1/WMV3 und H.264 mittels Nvidias VDPAU. Acer liefert unsere Konfiguration des Rauten-Nettops mit 250-GByte-Festplatte im 2,5-Zoll-Formfaktor, WLAN (Mini-PCI) nach 802.11 n-draft und zwei GByte DDR2-RAM aus, wobei einer der beiden Speichersockel noch unbestückt bleibt. Ein Atom 330 Dualcore 1,6 GHz stellt das Gehirn des Systems – Intels einziger Atom mit 64-Bit-Fähigkeiten. Der Revo zeigt sich anschlussfreudig: Er hat fünf USB-2.0-Ports (einen oben am Eck neben dem Einschaltknopf, vier hinten) und einen eSATA/USB-Kombiport vorne. Auch einen SD/MMC-Cardreader integriert Acer an der Vorderseite, genau wie Kopfhörer, einen optischen SP/DIF-Ausgang und Line-in-Klinkenbuchsen. Rückwärtig (Abbildung 2) sind neben den vier USB-2.0-Ports auch ein VGA- und ein HDMI-Ausgang, Gigabit-Ethernet, die Strombuchse für das externe Netzteil sowie ein Loch für ein Kensington-Lock vorhanden.
Das Gerät hat ein durchaus als extravagant zu bezeichnendes Design (Abbildung 3), es ist eindeutig für den Einsatz auf dem Tisch geeignet und dient als Blickfang – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Atom-Nettops, die primär als billiger und platzsparender Arbeitsplatz und weniger durch Aussehen bestechen. Das Design ist wohl unter anderem für den anhaltenden Erfolg des Revo verantwortlich, bei unseren Streifzügen über die CeBIT 2010 erspähten wir in der "Golden Mall" einen chinesischen 1:1-Klon des Revo. Üblicherweise kopieren die Hersteller im Land der aufgehenden Sonne nur Apples Design, und wie sagt ein englisches Sprichwort? "Imitation ist die höchste Form der Schmeichelei." Etwas unschön finden wir, dass Acer das Gerät nicht nur mit den von Laptops bekannten nervigen Metallstickern (Intel Atom, Nvidia Ion) vollpflastert, sondern dass auch überall am Gerät total überflüssige Barcodes prangen – das muss bei einem auf Design getrimmten Rechner nicht sein.
Linux-Installation
Acer schickte uns die Revo-Konfiguration mit vorinstalliertem Linpus Linux (92.NVEYZ.DN0) zum Test, diese Konfiguration kostet rund 50 Euro weniger als die Version mit vorinstalliertem Windows (92.NVEYZ.DIN) – die allerdings keinen Wireless Desktop mitbringt und nur eine 160-GByte-Festplatte integriert. Ein kleiner beigelegter Handzettel informiert nur notdürftig über das installierte Linpus Linux. Der taiwanesische Linux-Distributor verbesserte seine vom Acer Aspire One Netbook bekannte Oberfläche inzwischen etwas. So wechselt der Anwender z.B. mit einem Knopf zwischen der alten vereinfachten Bedienung und normalem Desktop-Betrieb. Beim Booten zeigt sich das System immer noch äußerst flott. Trotzdem können wir Linpus keine guten Noten ausstellen: So funktioniert beispielsweise das integrierte WLAN überhaupt nicht (Abbildung 4), und die grafische Oberfläche flackert trotz installierten Nvidia-Treibers bei der Bedienung. Das auf dem Desktop abgelegte Skript zum Brennen einer Linpus-Backup-DVD bleibt ohne optisches Laufwerk herzlich nutzlos, auch dass root der Standard-User ist, fanden wir nicht gut. Der Kernel des Fedora-basierten Systems verdient eher das Attribut "antik" und beherrscht nicht mal das ext4-Dateisystem. Es fehlen darüberhinaus sämliche Codecs (sogar mp3), auch für Codec-Nachinstallation à la Gstreamer existieren keine Mechanismen. Deshalb ist war uns nicht möglich zu überprüfen, ob Linpus auch die VDPAU-Videobeschleunigung beherrscht. Support für Linpus gibt es eigentlich keinen, auf der spärlichen Hersteller-Homepage [1] gibt es weder ein Forum noch eine FAQ, die den Namen verdient; eine Linpus-Community existiert (zumindest außerhalb Taiwans) scheinbar nicht. Dennoch: Der Linux-Anwender spart sich damit die "Windows-Steuer" – und man muss das vorinstallierte Linpus Linux ja nicht nutzen.
Wir steckten ein USB-Slim-Laufwerk von Samsung an, installierten Ubuntu 9.04, 9.10 und 10.04 sowie OpenSuse 11.2 auf dem Revo und waren sehr beeindruckt: In 9.04 funktionierten das WLAN und die Grafik zwar noch nicht vom Start weg, aber 9.10, 10.04 sowie OpenSuse 11.2 arbeiteten direkt nach der Installation einwandfrei, sämtliche Hardware erkannten Karmic Koala, Lucid Lynx und Emerald reibungslos und banden sie ein. Nach der Installation der Nvidia-Treiber über Ubuntus Hardwaretreiberassistenten bzw. das Nvidia-Repository (in den Community-Paketquellen) kamen wir auch in den Genuss der Geforce-Grafikpower. Sogar die Suspend-to-Disk- und Suspend-to-RAM-Modi funktionierten, woran sehr viele Geräte (meist dank fehlerhaften, nur für Windows ausgelegten ACPI-Implementierungen der Hardwarehersteller) scheitern. Lediglich in OpenSuse 11.2 funktioniert der Suspend-to-Disk-Modus nicht, dies ist aber ein bekannter OpenSuse-11.2-Bug und hat mit dem Revo nichts zu tun.
Atom mit ordentlicher Grafik
Obwohl es sich beim Nvidia Ion alias Geforce 9400M nur um Nvidias einfachste Chipsatzgrafik handelt, ist die rohe Rechenpower der 450 MHz schnellen 16-Shader-Unit-GPU mit 54 GFlops schon dramatisch höher als die des integrierten Dualcore-Atoms (6,4 GFlops). Es stellt sich nun die Frage, wofür die Power des Ion-Grafikchips nützlich ist. Das ist weit mehr als nur glxgears und Google Earth: Der Ion eröffnet dem Atom-Rechner mehrere Einsatzbereiche, die ihm mit Intels schwacher Chipsatzgrafik verwehrt blieben.



