ForumUbuntu Server im produktiven Einsatz
piotr – Montag, 14. August 2006 03:05 Uhr

Hallo

Setzt jemand Ubuntu Server im produktiven Einsatz ?
Und warum Ubuntu der Testing Zweig von Debian ist und nicht gereade Debian Stable
oder Debian Testing einsetzen ?
Was spricht für Ubuntu oder dagegen im Server Einsatz ?
Ist schon jemand von Debian zu Ubuntu im Server Bereich umgestiegen ?
Welche Erfahrungen im vergleich zu Debian ?

Piotr

2 Antworten
Tobias Hunger – Montag, 14. August 2006 11:28 Uhr

Ubuntu ist nicht der “Testing Zweig von Debian”, sondern eine eigenständige
Distribution, die sich als Basis den unstable Zweig von Debian nimmt. Dieser
wird zu Beginn jedes Releasezyklus aus Debian’s Repositories importiert. Damit
haben die Entwickler ein Paar Monate um Fehler auszubügeln.

Debian/testing wird meines Wissens ebenfalls aus dem Unstable-Zweig gespeisst,
allerdings wandern die Pakete nach kurzer Zeit automatisch von unstable nach
testing, wenn nicht irgendwelche Bugs gegen sie im Tracker stehen… Ein als
stabil freigegebenes Ubuntu sollte also um einiges stabiler sein als ein
Debian/testing System, jedenfalls wenn die Ubuntu-Entwickler nicht schlampen.

Für Ubuntu Dapper auf dem Server spricht meiner Meinung nach folgendes:
* 5 Jahre Sicherheitsupdates
* neue Softwareversionen
* Zertifizierung für DB2 (wer’s braucht)
* Man kann Support kaufen (wenn man sowas braucht)

Für Debian/stable spricht:
* ältere Softwareversionen, die sicherlich noch mal ein klein wenig stabiler
sind als die in Ubuntu.

Der Vorteil von Debian verdampft natürlich, wenn die Hardware einen neueren
Kernel braucht oder der Apache/PHP/DB/Mailer/was-auch-immer neuer sein muss
als bei debian/stable dabei.

Ich setze mittlerweile aus dem Hardware-Grund einen Ubuntu Server ein. Ist
auch nicht anders als ein debian/testing nur hatte ich halt gerade die Ubuntu
CD griffbereit.

Gerfried Fuchs – Donnerstag, 17. August 2006 17:24 Uhr

Man muss vorsichtig sein. Speziell in Hinblick auf die Sicherheitsupdates. Die Philosophie von Ubuntu ist dabei eine komplett andere als die von Debian: Zum einem fließt bei Ubuntu viel mehr ein als nur Sicherheitsupdates, was zeitweise auch Interface-Änderungen nachsich ziehen kann, wodurch man gegebenenfalls Skripte anpassen muss.

Zusätzlich umfasst die Unterstützung nur den main-Zweig, der verhältnismäßig gering ist. Wenn man auf Software aus universe angewiesen ist, kann es durchaus sein, dass man mal länger wartet oder auch selbst Hand anlegen muss. Zum Teil natürlich verständlich: Wenn man weniger zu unterstützen hat, kann man mehr in die zentralen Pakete investieren und dadurch rascher Updates durchbringen, weil weniger Rücksicht auf das gesamte genommen werden muss.

Dennis Müller hat auch einen nicht unwichtigen Punkt angesprochen: Ubuntu patcht gerne, die Dokumentation dazu und vor allem der Rückfluss an die vorgelagerten Entwickler/Hauptentwickler ist aber zu großen Teilen recht mangelhaft. Teilweise vertritt Ubuntu die Haltung, dass doch die anderen kommen sollen und schauen, ob sie Patches haben, anstatt sie, da sie sie selbst ja erstellen und daher wissen, wann etwas passiert, entsprechend zurückliefern – was die ganze Zusammenarbeit streckenweise etwas anstrengend bis schwerlich möglich macht.

Tobias Hunger – Donnerstag, 17. August 2006 18:23 Uhr

Was den Rückfluss an Infos angeht wird viel über Ubuntu geschimpft, das ist
sicherlich richtig. Die Paar Leutchen, die Ubuntu hauptsächlich betreuen,
können aber auch nicht jedem Debian oder Upstream Entwickler herrennen und
ihre Patches erklären, zumal manche wirklich Ubuntu spezifisch sind und
ausserhalb sowieso nicht sinnvoll einsetzbar sind. Ein automatisiertes
Einsenden von Patches an Debian ist deswegen nur sehr schwer möglich (und von
vielen Debianern auch abgelehnt worden als dieser Vorschlag auf der debian
Liste gemacht wurde).

Die Reaktionen von manchen (wenigen!) Debian Entwicklern auf Ubuntu ist auch
nicht so, dass man das als Submitter gerne wiederholen möchte.

In Teilbereichen der Distribution arbeiten Ubuntuer und Debianer angeblich
sehr effektiv zusammen (X.org und ähnliches).

Was mir an Ubuntu am wenigsten gefält ist launchpad.net: Zum einen ist dieser
Bugtracker/Übersetzer/was-nicht-noch-alles mistig in der Bedienung und total
unübersichtlich und dann auch noch closed-source:-(

Ich bin weder Debian noch Ubuntu Entwickler und von daher ist das hier nur
Geschwätz eines Aussenstehenden. Bitte ignorieren:-)

Gerfried Fuchs – Freitag, 18. August 2006 18:49 Uhr

Verzeih mir, Tobias, dass ich dir da recht breit wiedersprechen muss. Es wird abgelehnt, dass Debian schauen gehen soll, ob denn da Patches vorhanden sind. Wie du selbst sagst, sind doch einige dieser Dinge ubuntu-Spezifisch, und sich da dann erst durcharbeiten ist aufwändig, und wenn dann im Regelfall nichts dabei rausschaut, lässt man es im Gegenzug gleich bleiben.

Dass sich Debian so sehr dagegen verwährt und es ablehnt, ist das genauso »geschimpft«. Fakt ist, dass die Ubuntu-Entwickler selbst am Besten wissen sollten, wenn sie einen Patch erstellen, ob der Ubuntu-spezifisch ist oder nicht. Falls er das nicht ist, ist es weniger Aufwand für sie, ihn weiterzuschicken, da sie den Patch dann nicht ewig mitschleppen müssen, laufend eventuell anpassen, weil sich Upstream was geändert hat, … Der Nutzen fürs weitersenden von Patches an Upstream liegt als bei weitem nicht nur beim Upstream, sondern eigentlich auch ziemlich direkt und unmittelbar bei den ach-so-gestressten Ubuntu-Betreuern selbst. Wenn sie das nicht verstehen (wollen), dann ist das für mich recht kurzsichtig.

Die Reaktionen sind teilweise so, weil sich Ubuntu auf die Fahnen schreibt, dass doch jeder Debian-Entwickler ein Ubuntu-Entwickler sei, und dass sie selbst in ihrem Code of Conduct explizit schreiben, dass sie zusammenarbeiten sollen – wenn man das aber dann auch anspricht und fragt, warum die Zusammenarbeit primär von Debian-Seite von statten zu gehen hat, eben im Sitten vom Durcharbeiten ihres Patch-Repositories, bekommt man u.a. von Matt Zimmermann, CTO von Ubuntu nur sehr zweifelhafte und ausweichende Antworten.

Bezüglich launchpad und rosetta mag ich garnicht wirklich anfangen… Die Übersetzungen in rosetta sind nicht gerade rosig, und eine Verständigung an die ursprünglichen Übersetzer, falls sie abdriften, existiert einfach nicht. Zusätzlich ist die Lizenzbestimmung der in Rosetta hochgeladenen Übersetzungen mehr als zweifelhaft, weil technisch jeder hochladen kann, und Ubuntu bestimmt, dass jegliche eingefügte Übersetzung zusätzlich unter ihre eigene Lizenz zu stellen, was rechtlich mehr als nur bedenklich und nicht machbar ist.

Dennis Müller – Dienstag, 15. August 2006 14:50 Uhr

aus Interesse habe ich den Ubuntu-Server ausprobiert und war erstaunt, daß der Ubuntu-Kernel ACL (Access Control List) über NFS nicht unterstützt.
Gab es in der Vergangenheit damit Probleme oder welcher Grund hat die Ubuntu-Entwickler zu dieser Entscheidung veranlaßt?
Unter Debian Testing (und Fedora und SUSE) wird diese Funktion unterstützt und arbeitet dort nach meiner Einschätzung auch stabil.

Ansonsten macht der Ubuntu-Server einen sehr guten Eindruck. Positiv finde ich, daß die Installation auch auf schwacher Hardware schnell erledigt ist.