“Atme einfach. Warum bist du so nervös?” So spricht sich Madeline am Anfang des Spiels selbst Mut zu. Den braucht sie auch, denn der Aufstieg auf den Celeste-Berg wird wild und anspruchsvoll.
Bereits im Jahr 2018 ist das 2D-Jump’n’Run-Spiel Celeste der kanadischen Spielentwickler Maddy Thorson und Noel Berry erschienen, in dem die Protagonistin Madeline den Berg Celeste erklimmt. Dabei bekommt sie es nicht nur mit unwegsamem Gelände zu tun, sondern auch mit ihren eigenen Ängsten. Die nehmen im Laufe des Spiels körperliche Gestalt an, stellen sich ihr immer wieder in den Weg. Neben einer engagierten Hintergrundgeschichte über die Leiden von Heranwachsenden, bietet Celeste einen gelungenen Soundtrack der bekannten Spielemusikkomponistin Lena Raine. Sechs Jahre nach dem Release erschien kürzlich der Nachfolger Celeste 64: Fragments of the Mountain mit 3D-Grafik. Das lieferte den Anlass, unter Linux einen Blick auf die erste und bis heute erfolgreiche Version des Spiels zu werfen.
Sie kaufen das mittlerweile in Version 1.4 vorliegende Spiel über die Webseite von Celeste [1] bei verschiedenen Anbietern. Linux-Nutzern ist Itch.io [2] zu empfehlen, wo das kopierschutzfreie Programm für 19,99 US-Dollar zu haben ist. Sobald Sie das rund 850 MByte große ZIP-Archiv (64 Bit) entpackt haben, kann es nach wenigen Schritten direkt losgehen: Legen Sie die Dateien einfach in einem beliebigen Verzeichnis ab, beispielsweise im Home-Verzeichnis unter ~/Celeste/. Im Ordner mit den Dateien finden Sie ein Shell-Skript, das der Befehl chmod +x Celeste im Terminal zunächst ausführbar macht. Das Kommando ./Celeste startet schließlich das Spiel.
Der Berg ruft
Nach dem Begrüßungsbildschirm beginnen Sie ein neues Spiel. Als Name für die Protagonistin ist zwar Madeline voreingestellt, was sich aber ändern lässt. Bevor Sie loslegen, noch ein Hinweis vorab: Celeste besitzt als Jump’n’Run einen anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad. Um den Einstieg zum Aufstieg auf den Berg angenehmer zu machen, haben die Programmierer einen Hilfemodus eingebaut. Wenn Sie einmal nicht weiterkommen, geben Sie nicht auf und aktivieren Sie den Hilfemodus. Unter anderem bremst er die oft wilde Spielgeschwindigkeit etwas aus, verleiht Madeline mitunter Unsterblichkeit oder gewährt eine unbegrenzte Anzahl von Hochsprüngen, um zu weit entfernten Plattformen zu gelangen.
Eine kurze Einführung dient gleichzeitig als Tutorial, das die Steuerung erklärt. Madeline kommt am Fuß des Bergs Celeste an und spricht sich Mut zu: “Atme einfach. Warum bist du so nervös?” Entschlossenheit braucht sie zweifellos, denn schon der erste Abschnitt erfordert einiges Geschick. Ein Rabenvogel erklärt an den passenden Stellen die Steuerung (Tabelle “Steuerung”). Madeline kann springen, klettern und sprinten. Der Sprintmodus erlaubt höhere Sprünge und mithilfe der Pfeiltasten beschleunigen Sie die Spielfigur in die gewünschte Richtung.
Die Kunst liegt darin, die insgesamt überschaubaren Steuermöglichkeiten geschickt zu kombinieren. Beispielsweise kann Madeline zuerst springen und danach in der Luft zusätzlich einen Sprint hinlegen, um weitere Entfernungen zu überwinden. Luftsprints kann sie, zumindest anfangs, lediglich einmal ausführen. Danach muss sie wieder auf dem Boden landen oder im Flug einen grünen Kristall berühren, um erneut sprinten zu können. Obwohl sich die Steuerung wie bei vielen Jump’n’Runs auf wenige Tasten beschränkt, erweist sich die Kombination der Bewegungsabläufe als trickreich. Tipp: Ein angeschlossenes Gamepad vereinfacht die Sache nicht nur, sondern bringt auch mehr Stimmung ins Spiel als die Bedienung per Tastatur.
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Pfeiltasten |
Bewegung |
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[C] |
springen |
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[X] |
sprinten |
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[Y] |
festhalten/klettern |
Mount Celeste
Die kanadischen Spielentwickler haben für den Berg, den es zu erklimmen gilt, den Mount Celeste auf Vancouver Island als Vorbild aus der realen Welt ausgewählt.
Schon am Fuß des Bergs warnt eine alte, geheimnisvolle Einheimische, dass der Berg ein seltsamer Ort sei. Genau das hat Madeline erwartet und macht sich an den langen Aufstieg zum Gipfel. Allerdings wird sich die Warnung der Alten schnell bewahrheiten, denn Madelines Gedanken und Gefühle nehmen bald körperliche Gestalt an und stellen sich ihr als Widersacher in den Weg.
Aufstieg
Neben Prolog und einem Epilog setzt sich Celeste aus neun Kapiteln beziehungsweise Leveln zusammen. Das jeweils nächsthöhere Kapitel schaltet sich erst frei, wenn Sie das vorherige abgeschlossen haben. Das neunte Kapitel war ursprünglich nicht Teil der ersten Fassung, sondern ein kostenloser Download als Add-on. In der aktuellen Version 1.4 ist es jedoch enthalten.
Das erste Kapitel, Die verlassene Stadt, bietet die Gelegenheit, sich mit Spiel und Steuerung vertraut zu machen. Fiesen Gegnern begegnet Madeline dabei noch nicht. Vielmehr ist vor allem Geschick im Klettern und Springen gefragt. Außerdem trifft Madeline hier zum ersten Mal auf die Figur Theo. Er möchte den Berg ebenfalls erklimmen und die Wege der beiden werden sich häufiger kreuzen. Theo ist Outdoor-Fan, liebt Fotografie und macht im Spiel immer wieder Selfies für seinen Account bei InstaPix (Abbildung 1).
Als Gag haben die Programmierer für Theo tatsächlich ein Instagram-Konto mit dem Namen “TheoUnderStars” erstellt [3]. Dort finden Sie im charmanten Comic-Stil nicht nur seine Selfies mit Madeline, sondern auch weitere Bilder, die mehr über seine Hintergrundgeschichte und die Zeit nach dem Besteigen des Bergs verraten.

Abbildung 1: Theo besteigt ebenfalls den Celeste. Er macht im Spiel eifrig Selfies von sich und postet sie bei “InstaPix”.
Hintergrundmusik
Super Sound: Die stimmungsvolle Hintergrundmusik von Lena Raine erhalten Sie auch auf Bandcamp [4].
Nur nicht aufgeben
Selbstverständlich geht eine Menge schief, immerhin ist der Aufstieg beschwerlich. Fällt Madeline in einen Abgrund oder berührt Stacheln auf dem Boden, ist es mit dem Spiele-Leben schon vorbei. Das Level startet neu, entweder am Beginn des Kapitels (Abbildung 2) oder an einem der automatischen, über lange Kapitel verteilten Speicherpunkte. Hier zeigt sich deutlich, dass es sich bei Celeste nicht um ein Jump’n’Run im Arcade-Stil handelt. Eine begrenzte Anzahl an Leben gibt es nicht. Madeline kann unendlich oft versuchen, einen Level zu schaffen. Die vielen unvermeidlichen Tode wertet das Spiel nicht als bittere Niederlage, sondern als Chance für den nächsten Versuch. Dennoch verlangt Celeste Spielern eine gewisse Frustrationstoleranz ab – das Spiel verfügt durchaus über schwierige Parts, die viel Geschicklichkeit erfordern. Geben Sie also nicht zu schnell auf.

Abbildung 2: Zu Beginn eines jeden Kapitels erhält Madeline eine Postkarte mit Tipps. Hier mit der Ermutigung, nicht aufzugeben.
Sammler und Entdecker
Wie bei Jump’n’Run-Spielen üblich, müssen Sie in Celeste Gegenstände sammeln und allerlei versteckte Dinge aufspüren (Abbildung 3). Geheime Kammern öffnen sich, wenn Madeline gegen den Eingang springt und sprintet. Oft lassen sich versteckte Zugänge anhand von Hinweisen in der niedlichen Pixelgrafik erahnen, doch manchmal hilft bei besonders geheimen Verstecken nur beherztes Ausprobieren. Es gilt, drei Arten von Gegenständen zu sammeln: Erdbeeren, Kristallherzen und Musikkassetten für noch mehr Nostalgie.

Abbildung 3: An dieser Stelle im ersten Kapitel ist rechts unten eine geheime Kammer versteckt, die sich öffnet, wenn Madeline gegen die Wand sprintet.
Finde die Erdbeeren
Unterwegs sollten Sie so viele Erdbeeren wie möglich einsammeln. Einige der Früchte liegen offen herum, andere sind gut verborgen oder wollen wegrollen, wenn Madeline auf sie zurennt. An einigen Stellen tauchen Bonus-Erdbeeren auf, nachdem Madeline alle in in einem Raum verteilten kleinen grünen Erdbeersamen zusammengetragen hat, ohne dabei den Boden zu berühren. Für jede gesammelte Erdbeere bekommt Madeline 1000 Punkte gutgeschrieben. Hat Madeline eine Erdbeere berührt, kann sie sie nicht sofort einpacken. Die Erdbeere folgt Madeline bis sie den Boden berührt und wird erst dann eingesammelt.
Berührt Madeline mehrere Erdbeeren ohne zwischendurch auf dem Boden aufzukommen, verlängert sich die Schlange der folgenden Erdbeeren. Schafft sie es, eine Schlange von sechs Erdbeeren hinter sich zu vereinen, erhält sie bei Bodenkontakt nicht nur die sechs Früchte, sondern auch 1 UP. Insgesamt gibt es 175 rote Erdbeeren zu sammeln. Die Anzahl der versteckten und gefundenen Erdbeeren zeigt am Ende eines Kapitels eine Statistik an.
Wie viele Erdbeeren Madeline zusammenklaubt, wirkt sich nicht direkt auf den Spielverlauf aus. Im Epilog geht es später allerdings ans Backen eines Erdbeerkuchens. Wie reich er belegt ist, hängt von der Anzahl der gesammelten Erdbeeren ab. Neben roten Erdbeeren finden sich auch goldene Erdbeeren, die sich aber erst zum Ende des Spiels zeigen.
Musikkassetten
Das zweite Sammelobjekt sind Kassetten, von denen es in jedem der ersten acht Kapitel ein Exemplar gibt (Abbildung 4). Sie sind gut versteckt, und einmal gefunden, braucht es viel Geschick, sie einzusammeln. Hat Madeline eine Musikkassette ergattert, wird eine Art “B-Seite” des aktuellen Kapitels freigeschaltet. Dieser Durchlauf fällt zwar kürzer aus, ist aber dafür deutlich schwieriger. Wenn Madeline die B-Seite des achten Kapitels gemeistert hat, winken die goldenen Erdbeeren als Belohnungen.
Das ist beispielsweise auch der Fall, wenn Sie das erste Kapitel ohne einen Sprint geschafft haben und bei anderen Kapiteln, wenn Sie sie jeweils ohne Verlust eines Lebens durchgespielt haben. Den Höhepunkt der Herausforderungen bilden jedoch die C-Seiten der Kapitel. Die lassen sich erst spielen, sobald Madeline alle B-Seiten erfolgreich abgeschlossen hat, und enthalten eine weitere Variante eines Kapitels mit einem noch höheren Schwierigkeitsgrad.

Abbildung 4: In jedem der ersten acht Kapitel ist, wie hier im vierten Kapitel Goldener Bergzug, eine Kassette versteckt, die ein weiteres Level freischaltet.
Ein Herz aus Kristall
Als zusätzliche Boni gibt es in jedem der ersten acht Kapitel einschließlich der B- und C-Seiten insgesamt 24 Kristallherzen zu entdecken. In den ersten sieben Kapiteln warten mitunter Aufgaben oder Rätsel auf ihre Lösung, bevor sich die Kristallherzen zeigen. Im achten Kapitel sowie auf den B- und C-Seiten sind die Kristallherzen jeweils am Ende des Kapitels zu finden.
Um das Kristallherz im ersten Kapitel zu bekommen, müssen Sie viel Geschick beim Rätseln beweisen. Zunächst müssen Sie durch luftige Höhen sprinten, um die Plattform in Abbildung 5 zu erreichen. Dort angekommen, sieht Madeline fünf bunte Vögel immer wieder einem bestimmten Muster folgend in verschiedene Richtungen fliegen. Dazu gibt es einen Computerbildschirm, der eine Abfolge von Farben anzeigt. Das Kristallherz wird freigeschaltet, wenn Madeline Sprints in jene Richtungen ausführt, die die Vögel vorgeben. Und zwar in der Reihenfolge, in der die Farben dieser Vögel auf dem Computerbildschirm erscheinen. Doch Vorsicht, eine Farbe kommt zweimal vor, sodass insgesamt sechs Sprints nötig sind.

Abbildung 5: Um an das Kristallherz des ersten Kapitels Die verlassene Stadt zu gelangen, braucht es Kombinationsgabe.
Das Muster der Vögel kehrt im Lauf des Spiels wieder – zum Erlangen des Kristallherzens im sechsten Kapitel Reflexion ist es ebenfalls gefragt. In Abbildung 6 erinnern die sechs Kristalle an der Wand an die Farben der Vögel aus dem ersten Kapitel. Darunter sind vier Fackeln angebracht, die Sie entzünden müssen, um das Kristallherz freizuschalten. Dazu führt Madeline zunächst Sprints in dieselben Richtungen wie im ersten Kapitel aus, was die erste Fackel zum Erleuchten bringt.
Um die übrigen drei Fackeln zum Brennen zu bringen, muss Madeline die Richtungen der Sprints nach einem bestimmten Muster variieren, das jeweils die Symbole unter den Fackeln andeuten. Zwei Tipps: Um die zweite Fackel zu entzünden, spiegeln Sie das erste Muster in vertikaler Richtung. Das Feuer der dritten Fackel entfachen Sie, wenn Sie die Sprints horizontal gespiegelt hinlegen. Die vierte und letzte Fackel brennt, wenn Sie das Muster vollständig spiegeln. Erst dann erscheint das begehrte Kristallherz über der Statue rechts im Bild.

Abbildung 6: Um an das Kristallherz des sechsten Kapitels Reflexion zu gelangen, müssen Sie clever kombinieren.
Wer schon mal Super Mario Bros. 3 gespielt hat, wird bei dem kleinen Rätsel im vierten Kapitel Goldener Bergzug keine Schwierigkeiten haben. Das weiße Element rechts unten in Abbildung 7 ist nämlich von dort entlehnt, und auch der Trick dahinter ist ähnlich: Wenn Madeline einige Sekunden lang auf dem Element in die Hocke geht, rutscht sie in den Hintergrund. Das erlaubt ihr, dort ohne Schwierigkeiten zum Kristallherz nach oben zu klettern. Kristallherzen nehmen im achten und neunten Kapitel eine wichtig Rolle ein. Dort ist jeweils eine bestimmte Anzahl gesammelter Herzen nötig, um Zugänge freizuschalten.

Abbildung 7: Wenn Madeline einige Sekunden lang auf dem weißen Element in die Hocke geht, rutscht sie in den Hintergrund und kann dort klettern.
Böse Badeline
Nachdem Madeline den Aufstieg im ersten Kapitel gemeistert hat, schlägt sie ihr Nachtlager auf. Zu Beginn des zweiten Kapitels Alte Stätte wandert Madeline in Traumwelten umher. Sie stößt auf einen Spiegel, aus dem ihr Spiegelbild ausbricht (Abbildung 8). Das lebendige Spiegelbild, im Spiel immer als Teil von dir bezeichnet, ist die Manifestation von Madelines negativen Gedanken und Gefühlen. Als böse Zwillingsschwester Madelines erhält sie den Namen Badeline. Sie wird Madeline durch den weiteren Verlauf des Kapitels verfolgen und terrorisieren. Doch ganz abschütteln oder gar besiegen kann sie ihr Spiegelbild nicht. Erst später verschwindet es triumphierend lachend – vorerst.

Abbildung 8: Madelines schlechte Gedanken und Gefühle nehmen eine körperliche Form an und materialisieren sich in der Figur Badeline.
Kondition beachten
Madelines Ausdauer zeigt das Spiel zwar nicht per Indikator in einem Statusbereich an, aber ihre Kondition spielt dennoch eine wichtige Rolle bei Aktionen. Wenn Madeline den Boden berührt oder einen grünen Kristall einsammelt, erholt sich ihre Kondition wieder. An einer Wand festhalten, an einer Wand nach oben klettern und an einer Wand nach oben springen – all das erfordert Ausdauer und beansprucht die Kondition. Ist sie zu niedrig oder aufgebraucht, blinkt Madeline rot vor Anstrengungen auf und kann die gewünschte Aktion nicht ausführen, bis ihre Kondition regeneriert ist.
Ordnung machen
Das dritte Kapitel Himmelsresort führt Madeline in ein verlassenes Hotel, wo sie Oshiro, den Geist des verstorbenen Hotelbesitzers trifft. Der ist sichtlich erfreut, nach so langer Zeit wieder einen Gast begrüßen zu dürfen. Im Verlauf des Spiels stellt sich heraus, dass Oshiro eine ordentliche Schließung des Etablissements nicht mehr gelang. Deshalb konnte er das Hotel nicht loslassen und geistert nun dort umher, getrieben von unerledigten Aufgaben.
Das Hotel ist in großer Unordnung: Überall liegen modrige Bücher, alte Handtücher und Kisten stapeln sich. Madeline bietet Oshiro an, beim Aufräumen zu helfen. Diese Aufgabe erfüllt Madeline, indem sie die drei Schalter entdeckt, die alle Gegenstände ordentlich verstauen. Nicht nur die Hindernisse im immensen Wirrwarr verlangen Madeline Klettergeschick ab, sondern auch bedrohliche Nagetiere, die als Gegner eine Manifestation von Oshiros schlechten Gedanken sind.
Nachdem sie das Hotel aufgeräumt hat, führt Oshiro Madeline in die besten Gemächer. Doch dort taucht unvermittelt Badeline auf und bricht einen heftigen Streit mit Oshiro vom Zaun. Schließlich bleibt Madeline nichts anderes übrig, als zu flüchten. Allerdings heftet sich nun auch der wütende Oshiro an ihre Fersen.
In einem versteckten Raum im dritten Kapitel Himmelsresort findet sich darüber hinaus eine Spielekonsole mit der Pico-8-Version von Celeste Classic, der Ur-Version des heutigen Spiels (Abbildung 9). Einmal entdeckt lässt sich dieses Spiel ebenfalls über das Hauptmenü starten.

Abbildung 9: Gut versteckt im Hotel Himmelsresort findet sich eine Spielekonsole mit der Pico-8-Version von Celeste Classic.
Federleicht
Im vierten Kapitel Goldener Bergzug begegnet Madeline erneut der alten Dame vom Anfang des Spiels. Sie warnt Madeline diesmal davor, überhaupt weiterzugehen. Denn auf dem Berg finden die Besucher schließlich heraus, welche Schatten und üble Triebe in ihrem Inneren schlummern. Madeline lässt sich davon nicht abhalten und schreitet auf ihrem Weg fort. Das letzte Stück des Wegs kann sie bei starkem Gegenwind lediglich mit einer Seilbahn bewältigen. Theo stößt auch wieder zu Madeline und gemeinsam schaffen sie es, die Seilbahn in Bewegung zu setzen. Doch auf dem Weg taucht wieder Badeline auf und stoppt die Gondel unvermittelt, was bei Madeline eine heftige Panikattacke auslöst (Abbildung 10).
Theo beruhigt Madeline mit einem Gedankenspiel: Sie soll sich eine Feder (Abbildung 11) vorstellen, die sie allein durch Pusten in der Luft hält. Dahinter steckt die Überleitung zu einem Mini-Spiel, bei dem der Spieler mit den Pfeiltasten eine Feder innerhalb eines Rahmens halten muss. Erst danach geht es in der Seilbahn weiter. Federn spielen im weiteren Verlauf von Celeste eine wichtige Rolle. Wenn sie als Objekt auftauchen, erlauben sie Madeline, eine Weile zu fliegen.

Abbildung 10: Böse Badeline mal wieder: Als die Seilbahn stoppt, erleidet Madeline eine veritable Panikattacke.

Abbildung 11: Federn gehören in Celeste zu den wichtigen Objekten. Sie lassen Madeline eine Zeitlang frei durch die Luft schweben.
Im Spiegeltempel
Das fünfte Kapitel führt Madeline und Theo in den Spiegeltempel, wo sie durch einen Spiegel in eine Parallelwelt eintreten. Wenig überraschend sehen sich die beiden dort bald mit dem nächsten Hindernis konfrontiert: Theo sitzt in einem magischen Kristall fest. Sie können nur entkommen, wenn Madeline ihren Weggefährten herauszieht (Abbildung 12). Als wäre das nicht schon schwierig genug, bekommen sie es auch noch mit Monstern zu tun, die eine neuerliche Manifestation von Madelines finsteren Gedanken sind.

Abbildung 12: Im Spiegeltempel gerät Theo in eine Kristallfalle, aus der Madeline ihn befreien muss. Dabei müssen sie sich gegen die Attacken von Monstern wehren.
Madelines Geschichte
Im sechsten Kapitel Reflexion erfahren Sie endlich mehr über Madelines Hintergrundgeschichte. Nach dem Abenteuer im Spiegeltempel ruhen sich Madeline und Theo am Lagerfeuer aus. Dabei erzählt Madeline, dass sie unter Depression und Panikattacken leidet. Doch außer ihrer Mutter hat sie sich bisher noch niemandem anvertraut. Um zu verdrängen, neigt Madeline zum ungezügelten Party-Leben mit viel Alkohol. Im Gespräch mit Theo begreift Madeline, dass Badeline deshalb ein Teil von ihr ist.
Sie kann ihren dunklen Zwilling weder zerstören noch lange unterdrücken. Ausschließlich durch Einsicht bringt sie ihn langsam unter Kontrolle. Psychologie und mentale Gesundheit – das sind wirklich unerwartete Themen in einem unterhaltsamen Plattformspiel! Doch die Entwickler haben den Stoff nicht gekünstelt oder aufdringlich eingeflochten, stattdessen verweisen sie mitunter auf echte Artikel von Therapeuten und Psychologen.
Mithilfe der inzwischen bekannten Federn kann Madeline den Berg hinauffliegen und wähnt sich fast am Gipfel, als es zu einer heftigen Konfrontation mit Badeline kommt. Letztere triumphiert und wirft Madeline den Berg hinunter. Die sinnt daraufhin auf Rache und verfolgt Badeline einige Zeit lang – eine Metapher für Madelines Ringen mit ihrer angeknacksten Psyche. Erst nachdem sie eine Verfolgungsjagd absolviert hat, wollen ihr Akzeptanz und schließlich die Zähmung von Badeline endlich gelingen. Nur zusammen können beide im siebten Kapitel Der Gipfel das Erklimmen des Gipfels vollenden.
Mentale Gesundheit
Einen tieferen Einblick in die psychologischen Aspekte hinter der Spielidee von Celeste liefert ein Artikel von Annika Simon: “The mountains we make. Eine medienästhetische Analyse psychischer Störungen in Celeste” [7].
Das hat ein Nachspiel
Nachdem Madeline den Gipfel erreicht hat, treffen sich nach dem Abstieg nochmal alle Charaktere des Spiels in der Hütte der alten Dame am Fuß des Bergs. Mit den gesammelten Erdbeeren backt Madeline den bereits erwähnten Kuchen. Abhängig vom mehr oder weniger üppigen Belag fällt die Reaktion der anwesenden Gäste freudig bis begeistert aus.
Nach dem Epilog dienen zwei weitere Kapitel dazu, das Ende hinauszuzögern. Das achte Kapitel Im Mittelpunkt spielt etwa ein Jahr nach Madelines gelungener Gipfelbesteigung. Nun möchte sie das sagenumwobene Innere des Bergs erkunden. Der Zugang zu einem Höhlensystem steht ihr jedoch nur offen, wenn sie vorher mindestens vier Kristallherzen gesammelt hat. Das neunte Kapitel Abschied führt Madeline in einer Traumsequenz auf den Mond, um von der alte Dame vom Spielbeginn Abschied nehmen zu können. Das Zusatzlevel können Sie nur dann erfolgreich beenden, wenn Madeline in den vorherigen Kapitel mindestens 15 Kristallherzen gesammelt hat. Der Schwierigkeitsgrad geht nochmal kräftig in die Höhe. Bisweilen empfiehlt es sich, im Netz oder bei Reddit nach einer Lösungen zu fahnden.
Zum dreijährigen Jubiläum von Celeste im Jahr 2021 erschien Celeste Classic 2: Lani’s Trek [5], ein Spiel für die virtuelle Pico-8-Konsole, in dem sich als neue Protagonistin Lani auf den Weg zum Gipfel macht. Statt Sprints gibt es als Superkraft diesmal einen Kletterhaken. Nach weiteren drei Jahren Entwicklungszeit erschien in diesem Jahr mit Celeste 64: Fragments of the Mountain [6] eine weitere Ausgabe, in der Madeline zum Berg zurückkehrt. Sie wartet mit 3D-Grafik auf und der Spielverlauf ist der eines klassischen Präzisions-Platformers.
Fazit
Celeste ist ein liebevoll gestaltetes Spiel mit gelungenem Retro-Charme und ungewöhnlichen Charakteren. Es verfügt über eine engagierte Hintergrundgeschichte und die stimmungsvolle Musik einer professionellen Komponistin. Wie viele Indie-Titel ist Celeste gegen einen geringen Obolus von 19,99 US-Dollar für Linux im Onlinevertrieb erhältlich. Der Schwierigkeitsgrad bedeutet oft eine echte Herausforderung und zahlreiche Aufgaben verlangen Ihnen Geduld ab. Hinweise im Hilfemodus senken die Einstiegshürden, damit kein Frust aufkommt. Die B- und C-Seiten der einzelnen Kapitel sowie kleine Fortsetzungen sorgen dafür, dass der Spielspaß lange andauert. (dwo)
Infos
- Celeste: https://www.celestegame.com
- Celeste auf Itch.io: https://maddymakesgamesinc.itch.io/celeste
- Theos Instagram-Account: https://www.instagram.com/theounderstars
- Hintergrundmusik von Lena Raine: https://radicaldreamland.bandcamp.com/
- Celeste Classic 2: https://maddymakesgamesinc.itch.io/celeste-classic-2
- Celeste 64: https://maddymakesgamesinc.itch.io/celeste64
- The mountains we make. Eine medienästhetische Analyse psychischer Störungen in Celeste, in: Arno Görgen, Stefan Heinrich Simond (Hg.), Krankheit in Digitalen Spielen. Interdisziplinäre Betrachtungen. Bielefeld: Transcript, 2020, S. 189–210, DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/14980





