Vanilla OS gilt aktuell als Shooting Star der Distro-Szene. Das immutable System bindet mit einem innovativen Paketmanager auf Container-Basis nahtlos Anwendungen aus anderen Distributionen ein.
Würden Meinungsforscher nach dem Linux-Wort des Jahres 2022 fragen, so käme mit Sicherheit “immutable” in die engere Wahl. Der Begriff, der für ein unveränderliches Dateisystem steht, tauchte an allen Ecken und Enden der einschlägigen Berichterstattung auf. Dabei ist die Technik keineswegs neu, sondern kam lediglich bisher nur spärlich zum Einsatz.
Seit einigen Jahren bereiten sich die großen kommerziellen Linux-Anbieter wie Red Hat und Suse mit ihrer Unternehmenssoftware auf einen Paradigmenwechsel vor. Dabei steht die Sicherheit sowohl vor unerwünschten Eindringlingen als auch vor Fehlbedienung oder systemischen Defekten im Vordergrund. Ein Mittel gegen solche Unwägbarkeiten bietet ein gleich beim Start des Rechners nur lesbar eingehängtes Dateisystem.
Mit dieser Maßnahme verändern sich auch das Format und die Art der Bereitstellung von Software sowie die Stellung des Paketmanagers als zentraler Bestandteil einer Distribution. Wir berichteten bereits in LU 01/2023 [1] über die verschiedenen Ansätze, die sich nicht mehr nur auf Unternehmensdistributionen beschränken: Sie beginnen, sich in verschiedenen Ausprägungen auch auf dem heimischen Desktop zu manifestieren.
Ubuntu als Grundlage
Ein mit vielen Vorschusslorbeeren überhäuftes Projekt aus dieser Ecke ist Vanilla OS [2], eine ambitionierte Linux-Distribution mit einem sehr interessanten Konzept. Obwohl erst seit einigen Monaten in der Entwicklung, gaben die Macher rund um den Projektgründer Mirko Brombin [3] kürzlich die erste stabile Version Vanilla OS 22.10 “Kinetic” frei. Dabei erfindet Vanilla OS das Rad jedoch nicht neu, sondern kombiniert geschickt vorhandene Konzepte.
Die Grundlagen des Systems bilden ein entkerntes Ubuntu 22.10, ein reines Gnome 43 ohne die Ubuntu-Anpassungen als Desktop sowie ein eigener Installer. Die Distribution folgt dem Ubuntu-Release-Zyklus. So weit, so unspektakulär. Dabei gibt sich Vanilla OS ganz anders als typische Ubuntu-Derivate. Der erste optische Eindruck ist farbenfroh und erinnert von der Aufmachung her eher an Fedora als an Ubuntu (Abbildung 1). Auch das Konzept geht eher in Richtung Fedora Silverblue, lediglich mit anderen Zutaten. Auf den ersten Blick sieht man dem System seine Besonderheiten aber nicht an. Was ist also das Konzept von Vanilla OS, was macht es besonders?

Abbildung 1: Die Ubuntu-Basis sieht man Vanilla OS nicht an, es erinnert eher an Fedora. Unter der Haube steckt viel mehr, als der unscheinbare Auftritt vermuten lässt.
Vanilla OS gestaltet sich größtenteils immutable, also unveränderlich. Beschreiben lassen sich standardmäßig nur das in einer eigenen Partition untergebrachte /home sowie /etc, /opt und /var. Das System bildet sie innerhalb eines Containers ab. Auf diese Weise können Sie problemlos auf Konfigurationsdateien, Einstellungen und andere wichtige Daten zugreifen, die installierte Pakete benötigen. Dasselbe gilt für die von Ihnen erstellten Dateien.
Doppeltes Root
Die Kernkomponente ABRoot herrscht über zwei je 20 GByte große und als A und B apostrophierte Partitionen (Abbildung 2). Sie bestehen aus einem jeweils identischen, mit Btrfs partitionierten Root-Dateisystem, das die Kernanwendungen beherbergt. Dabei stellt das System die jeweils aktive Partition auf schreibgeschützt. Deswegen setzt Vanilla OS auch mindestens 50 GByte freien Platz auf der Platte voraus.

Abbildung 2: Zwei Root-Partitionen und ein Heimatverzeichnis verlangen nach mindestens 50 GByte Platz auf der Platte.
Wenn möglich, sollten Sie dem System aber mehr Platz spendieren, denn bei 50 GByte verbleiben für /home lediglich 8 GByte. Derzeit erlaubt der Installer noch kein manuelles Erstellen von Partitionen. Deswegen gilt es, hier aufzupassen: Bei der Installation formatiert das Setup die komplette zugewiesene Festplatte und löscht damit alle bereits vorhandenen Daten. Das soll sich mit der nächsten Version ändern, die voraussichtlich im Mai erscheint.
Von APT zu APX
Im Kern des Systems agiert als eine der Kernkomponenten die Eigenentwicklung APX, ein auf Apt basierender Paketmanager. APX installiert Software aus den Ubuntu-Archiven, erlaubt aber auch das Verwenden von Paketen aus anderen Distributionen wie Fedora oder Arch Linux. Dabei erstellt APX auf dem Tool Distrobox basierende Container [4], die die Anwendungen vom Root-Dateisystem isolieren. Ein weiterer, entscheidender Bestandteil von Vanilla OS, ABRoot, steuert wie schon beschrieben die beiden Partitionen A und B.
Vanilla OS unterscheidet zwischen Updates und Upgrades, wobei Letztere einen Sprung etwa vom derzeitigen Ubuntu 22.10 auf die kommende Version 23.04 darstellt. Updates finden je nach Einstellung wöchentlich oder monatlich statt und spielen (auf Wunsch automatisch) im Hintergrund kleine Verbesserungen, Fehlerbereinigungen und Sicherheitsaktualisierungen ein.
Diese Aktualisierungen steuert die Komponente Vanilla System Operator (VSO). VSO bestimmt den Zeitpunkt für das Smart Update, indem es prüft, ob das Gerät gerade wenig zu tun hat und ob bei Notebooks der Füllstand des Akkus die Prozedur erlaubt. VSO konfigurieren Sie im Vanilla Control Center unter dem Reiter Updates oder über die Konsole.
Von A nach B
ABRoot als zweite Kernkomponente übernimmt dabei die Rolle, zwischen den beiden Root-Dateisystemen zu interagieren: Die Installation von Upgrades findet auf der momentan inaktiven und somit beschreibbaren Root-Partition statt. Beim nächsten Reboot wird diese Partition zum aktiven System. Geht dabei etwas schief, hängt Vanilla OS die vorher aktive Partition wieder ein. Als Vorbild dienten hier Android und Chrome OS, wo dieser Kniff bereits seit Längerem klaglos funktioniert.
Beim zum Testzeitpunkt im Januar 2023 verfügbaren Abbild funktionierte das erste Update über VSO nicht und brach mit einer Fehlermeldung hinsichtlich Smart-Update ab, auch wenn das Feature abgeschaltet war. In einem solchen Fall nutzen Sie stattdessen Apt (Listing 1).
Listing 1
Apt nutzen
$ sudo abroot shell $ apt update $ apt upgrade $ exit
Dieses Vorgehen sollte Notfällen und besonderen Aktionen wie der Installation eines Kernel-Moduls oder eines Treibers vorbehalten bleiben. Paketinstallationen nach diesem Schema empfehlen sich nicht, da sie direkt auf dem Host operieren und nicht in einem Container. Um System und Anwendungen komplett getrennt zu halten, kommt für die Installation von einzelnen Anwendungen das alternative Paketsystem Flatpak zum Einsatz, das die Pakete aus dem Flathub-Repository bezieht [5]. Zusätzlich bringt Vanilla OS auch die Voraussetzungen für das Verwenden von Appimages mit. Sie können sich bei der Ersteinrichtung für eines der beiden Systeme oder für beide entscheiden (Abbildung 3).

Abbildung 3: Bei der Ersteinrichtung nach der Installation entscheiden Sie, welches Paketsystem Sie neben APX nutzen möchten.
Distro aus der Box
Anwendungen, die über die genannten Paketsysteme nicht bereitstehen, lassen sich über das schon erwähnte Distrobox aus Arch Linux (AUR), Fedora oder Ubuntu beziehen. Weitere, bereits geplante Erweiterungen dehnen das Konzept auf Alpine Linux, Void Linux und OpenSuse aus. Distrobox erstellt dazu auf Basis des Docker-Pendants Podman Distributions-Container, in denen die Anwendungen abstrahiert vom System liegen. Dabei sorgt das Vanilla**OS Kontrollzentrum für Übersicht (Abbildung 4).

Abbildung 4: Im Reiter Sub System des Vanilla Control Centers behalten Sie den Überblick über Container und darin installierte Anwendungen.
Als Beispiel zeigt Listing 2 die Befehle zur Installation des Pakets CopyQ aus dem AUR-Repository. Ohne den distributionsspezifischen Zusatz --aur verwendet der Installer das Paket aus den Ubuntu-Archiven, sofern vorhanden (Abbildung 5). Die auf diese Weise installierten Pakete lassen sich über die Applikationsliste von Gnome starten. APX benötigt dabei, anders als sein Verwandter Apt, dank Podman keine Root-Rechte.
Listing 2
APX nutzen
# apx init --aur # apx install --aur copyq

Abbildung 5: APX erlaubt die Installation von Anwendungen aus Distributionen wie Arch Linux oder Fedora in Distrobox-Containern. Als Parameter dient das jeweilige Kürzel der gewünschten Distribution.
Flatpaks installieren Sie entweder über die App-Verwaltung Gnome Software oder über das Terminal, also nicht anders als bei anderen Distributionen. Die Berechtigungen der auf diese Art installierten Anwendungen werden über das vorinstallierte Tool Flatseal [6] installiert.
Fazit und Ausblick
Die Szene nimmt Vanilla OS als einen Paukenschlag für Linux auf dem Desktop wahr. Es wurde von einem Team gestandener Linux-Entwickler erdacht und entwickelt. Was dieses Team in einem halben Jahr zu einem ersten Release schnürte, ist bahnbrechend und lässt darauf hoffen, dass sich Vanilla OS mit den nächsten Veröffentlichungen in der Distro-Szene als eine veritable Alternative etabliert. Eine in der Entwicklung befindliche abgespeckte Version für Entwickler und eine ebenfalls angedachte, auf Gamer fokussierte Edition für KDE Plasma würden dazu bestimmt beitragen [7].
Noch eignet sich Vanilla OS aus unserer Sicht nicht für den produktiven Einsatz – dafür hakte es an verschiedenen Stellen doch zu sehr. Allerdings wurden während unserer Tests ständig Baustellen durch kleine Updates beseitigt. Experimentieren mit Vanilla OS macht jedoch bereits jetzt viel Spaß. Entwickler und Community arbeiten auf Discord im Kanal Vanilla OS und stehen Fragen der Anwender offen gegenüber.
Das Handbuch [8] und die Dokumentation [9] wachsen mit der Distribution und decken das Einrichten und den anfänglichen Betrieb ausreichend ab. Die Entwicklung lässt sich auf Github verfolgen [10]. Wir sind sehr gespannt, wo sich Vanilla OS in zwei, drei Jahren positioniert und ob die Linux-Community die innovative Umsetzung auf dem Desktop bisher wenig genutzter Technologien annimmt. (tle)
Infos
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Quo vadis, Linux?: Ferdinand Thommes, “Wohin führt die Reise?”, LU 01/2023, S. 10, https://www.linux-community.de/48313
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Vanilla OS: https://vanillaos.org
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Mirko Brombin: https://github.com/mirkobrombin
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Distrobox: https://linuxnews.de/2022/05/30/distrobox-distributionen-im-terminal-testen/
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Flathub: https://flathub.org/home
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Flatseal: https://linuxnews.de/2022/06/03/flatseal-1-8-verbessert-flatpak-berechtigungen/
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KDE und Core: https://github.com/Vanilla-OS/os/issues/113
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Vanilla-OS-Handbuch: https://handbook.vanillaos.org
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Vanilla-OS-Doku: https://documentation.vanillaos.org
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Vanilla OS auf Github: https://github.com/Vanilla-OS/os





