Neues in Inkscape 1.1

Aus LinuxUser 09/2021

Neues in Inkscape 1.1

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Das jüngst veröffentlichte Inkscape 1.1 heißt neue Nutzer mit einem frischen Assistenten willkommen, hilft bei der Suche nach Funktionen und baut die leistungsfähigen Live-Path-Effekte weiter aus.

Die von den Entwicklern des Projekts bereitgestellten Release Notes zu Inkscape 1.1 [1] sind endlos lang und kündigen einige Funktionen an, die seit Jahren auf dem Wunschzettel vieler Nutzer des Programms stehen. Die erste davon sticht direkt beim Start des Programms ins Auge: Ein in drei Reiter aufgeteilter Willkommens- und Einladungsdialog empfängt den Nutzer (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der neue Willkommens-Assistent mit all seinen Tabs, von links nach rechts: Dokumentenhistorie, Schnelleinrichtung und die Vorlagen.

Abbildung 1: Der neue Willkommens-Assistent mit all seinen Tabs, von links nach rechts: Dokumentenhistorie, Schnelleinrichtung und die Vorlagen.

Dort lassen sich in der Schnelleinrichtung der Hintergrund der Zeichenfläche, die Tastaturkurzbefehle sowie das Aussehen der Oberfläche, der Icons und des Mauszeigers einstellen. Der zweite Tab zeigt Möglichkeiten, dem Inkscape-Projekt helfend unter die Arme zu greifen. Im dritten Reiter erscheint die Dateihistorie, sodass Sie die zuletzt bearbeiteten Dokumente wieder öffnen oder das Programm mit einer Vorlage starten können.

Suche in den Menüs

Aber auch andere Änderungen an der grafischen Oberfläche machen sich schnell bemerkbar. Hinzugekommen ist zum Beispiel die sogenannte Kommandopalette. Durch Eintippen eines Fragezeichens öffnen Sie nun ähnlich wie in Blender über die Leertaste eine Suchmaske für Befehle (Abbildung 2). Die Treffer zeigt Inkscape nicht nur an, Sie können die Kommandos gleich direkt von der Suchleiste aus aufrufen. Auch das Docking-System für Dialoge war Teil der Umgestaltung.

Abbildung 2: Die durch Eingabe eines Fragezeichens geöffnete Kommandopalette hilft bei der Suche nach Funktionen.

Abbildung 2: Die durch Eingabe eines Fragezeichens geöffnete Kommandopalette hilft bei der Suche nach Funktionen.

Eine weitere Neuerung findet sich im Einstellungsdialog (Bearbeiten | Einstellungen). In der Version 1.0 wurde die Konfigurationsmaske komplett überarbeitet. Die Entwickler änderten dabei nicht nur das Design, sondern auch den Aufbau und die Organisation der Einstellungen. Erfahrene Nutzer taten sich daher schwer, die gewohnten Einstellungsmöglichkeiten zu finden. In Zukunft soll der Dialog noch weiter ausgebaut werden. Eine Suchfunktion erleichtert nun das Auffinden von Einstellungen.

Verfügbarkeit

Noch findet sich Inkscape 1.1 nur bei wenigen Distributionen in den Paketquellen. Nur stets aktuelle Rolling-Release-Distributionen wie etwa Arch Linux oder Manjaro führen das Programm in der neuesten Version. Für Nutzer von Ubuntu stellen die Entwickler jedoch eine PPA-Paketquelle bereit. Zusätzlich gibt es auf der Projektseite distributionsunabhängige AppImage- und Snap-Pakete [4].

Die Erweiterungen spielen in Inkscape eine immer größere Rolle. Das Herunterladen und Entpacken in das entsprechende Verzeichnis stellt einen geübten Linux-Nutzer zwar vor keinerlei Probleme, ist aber auch nicht gerade nutzerfreundlich. Die jüngste Inkscape-Version führt unter Erweiterungen | Erweiterungen verwalten einen Extension-Manager ein, der sich allerdings noch im Beta-Stadium befindet. Das Werkzeug ermöglicht das (De-)Installieren von Erweiterungen und, viel wichtiger, auch das Einspielen aktualisierter Extensions.

Bislang mussten Nutzer von Hand nach Updates suchen und sie von Hand in das Dateisystem einpflegen. Mit Inkscape 1.1 gibt es jetzt auf Inkscape.org ein Repository, in das Entwickler die Erweiterungen einpflegen können. Um die Sicherheit zu gewährleisten, werden diese Pakete signiert angeboten und hinsichtlich auf Ihre Qualität geprüft. Einige wichtige Erweiterungen wie zum Beispiel Ink/Stitch [2] nutzen allerdings weiterhin ihre eigenen Projektseiten und bieten auch nur dort die Daten zum Download an. Solche Erweiterungen müssen Sie nach wie vor von Hand einspielen.

Anzeigemodi

Nachdem bereits in der Version 1.0 einige neue Ansichtsmodi hinzukamen, haben die Entwickler die Anzeigemöglichkeiten nochmals weiter ausgebaut. Der Outline-Overlay-Modus (unter Ansicht | Anzeigemodus | Konturen überlagern zu aktivieren) erweitert jetzt den klassischen, minimalistischen Umrissmodus. Im Gegensatz zur alten Darstellung reduziert Inkscape im Outline-Overlay-Modus nur die Sichtbarkeit der Originalgrafik und legt die Umrisse der für die Zeichnung verwendeten Objekte über das Bild (Abbildung 3).

Abbildung 3: Den Outline-Overlay-Ansichtsmodus aktivieren Sie unter <span class="ui-element">Ansicht</span>&nbsp;| <span class="ui-element">Anzeigemodus</span>&nbsp;| <span class="ui-element">Konturen &uuml;berlagern</span>.

Abbildung 3: Den Outline-Overlay-Ansichtsmodus aktivieren Sie unter Ansicht | Anzeigemodus | Konturen überlagern.

Drastische Änderungen gibt es beim Export. Viele Jahre konnte Inkscape Bilder nur im PNG-Format exportieren, jetzt können Sie dafür auch JPEG, TIFF und – noch wichtiger – WebP nutzen. Außerdem integrierten die Entwickler für den PNG-Export Optipng [3], das Ihnen mehr Kontrolle über den Export gibt und die Dateigröße reduziert. Ganz nebenbei entfällt damit ein altes Ärgernis, der lästige Export-Button, den man beim Export gern anzuklicken vergaß. Jetzt speichert Inkscape automatisch mit der Übernahme des Namens und des Dateiformats.

Auch beim Kopieren und Einfügen gibt es einige Verhaltensänderungen. Bisher fügte das Programm ein kopiertes Objekt immer an den aktuellen Koordinaten des Mauszeigers als oberste Ebene ein. Das bleibt zwar weiter so, aber nun gibt es eine Ausnahme: Markieren Sie zwischendurch ein anderes Objekt, dann fügt Inkscape die Ebene des kopierten Objekts lediglich über der Markierung ein. Außerdem lassen sich jetzt Teile von Pfaden kopieren und einfügen. Ebenfalls neu: Die Software legt SVG-Quellcode wie den aus Listing 1 nicht mehr als Textobjekt ab, sondern fügt ihn direkt als gerendertes Objekt ein.

Listing 1

Quellcode eines Quadrats

<svg width="400" height="180">
  <rect x="50" y="20" rx="20" ry="20" width="150" height="150" style="fill:red;stroke:black;stroke-width:5;opacity:0.5" />
  Sorry, your browser does not support inline SVG.
</svg>

Es darf schon fast als selbstverständlich gelten, dass sich bei den Live-Path-Effekten viel getan hat, gibt es hier doch seit deren Einführung Release für Release interessante Neuerungen. Der Pfadeffekt Boolsche Operation zählt nicht mehr zu den experimentellen Routinen und gilt nun als stabil. Mit dem neuen Pfadeffekt Zwischen Vielen Füllen lassen sich Flächen zwischen mehreren ausgewählten Pfaden auffüllen. Eine weitere Ergänzung, der Pfad-Zerschneiden-Effekt Slice (in der deutschsprachigen Lokalisierung Sektor), lässt sich nicht nur auf Pfade anwenden, sondern auch auf Objekte und Gruppen, die er dann mit wenigen Klicks zerteilt.

Daneben gibt es noch jede Menge kleinere Änderungen, die aber in einigen Fällen trotzdem einen großen Einfluss auf das Arbeiten mit Inkscape haben. So nutzt Inkscape 1.1 für das Darstellen der Anfasser nun SVG-Grafiken, deren Größe sich unter Bearbeiten | Einstellungen | Benutzeroberfläche | Anfassergröße anpassen lässt. Davon profitieren insbesondere die Anwender hochauflösender HiDPI-Bildschirme.

Fazit

Schon unseren Artikel zu Inkscape 1.0 überschrieben wir mit “In einer neuen Liga”, und auch die aktuellste Version spielt in der höchsten Klasse. Das Programm gehört neben Gimp und Blender zu den Vorzeigeprojekten der Open-Source-Szene in Sachen digitaler Medien. Es bleibt abzuwarten, was sich die Entwickler für die nächste Version einfallen lassen, die Messlatte liegt ja wieder etwas höher. Auf jeden Fall hat das Projekt mit Version 1.1 weitere Grundsteine für eine zukunftsgerichtete Entwicklung gelegt. (cla)

Der Autor

Sirko Kemter benutzt Inkscape seit der Gründung des Projekts. Er hat ein Buch zur Arbeit mit diesem Programm veröffentlicht und arbeitet derzeit an einer Neuauflage.

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