Immer mehr Entwickler von Gnome-Anwendungen portieren ihre Projekte auf das GTK4. Der Videoplayer Clapper demonstriert, was das Ende 2020 veröffentlichte Toolkit alles möglich macht.
Um beim Programmieren von grafischen Anwendungen nicht immer wieder das Rad neu zu erfinden und Anwendern einen einheitlich gestalteten Desktop anzubieten, greifen Entwickler in der Regel auf GUI-Toolkits zurück. Diese Bibliotheken enthalten zahlreiche verschiedene Steuerelemente (engl.: Widgets), die Sie mit wenigen Zeilen in den Code der eigenen Anwendung einfügen.
Unter Linux konnten sich GTK+ und Qt fest etablieren. Auf diese Toolkits setzen zum Beispiel die Desktop-Umgebungen Gnome und Xfce beziehungsweise KDE auf. Beide Toolkits gibt es unter Windows und MacOS X, sodass es relativ leicht ist, Anwendungen auf diese Systeme zu portieren – zumindest in der Theorie. Die proprietären Alternativen Universal Windows Platform und Cocoa gibt es hingegen nicht für Linux.
GTK 4 steht bereit
Seit Ende 2020 steht nach über vier Jahren Entwicklungszeit mit GTK 4.0 die neueste Hauptversion des GTK+-Toolkits bereit [1]. Beim bald darauf im März 2021 veröffentlichten Gnome 40 setzen bereits einige Komponenten auf das überarbeitete Toolkit auf. Sehr aktuelle Distributionen wie Fedora 34 [2] oder das nach dem Rolling-Release-Prinzip arbeitende Arch Linux enthalten bereits Gnome 40. Andere Distributionen wie Ubuntu 21.04 [3] führen zumindest die Bibliotheken in ihren Paketquellen, obwohl der Desktop selbst noch nicht auf GTK 4.0 aufsetzt.
In der Praxis fällt das allerdings noch wenig auf: So sieht etwa die Erweiterungen-App des Gnome-Desktops nicht sonderlich spektakulär aus, obwohl sie inzwischen auf GTK 4 portiert ist. Das Programm nutzt die üblichen Widgets wie Schalter, Suchfelder oder ausklappbare Dialoge. Auch ein Blick in die Widget Factory, ein Testprogramm das alle gängigen Widgets in einem Fenster organisiert, zeigt auf den ersten Blick noch keine herausragenden Neuerungen (siehe Kasten “Widgets im Vergleich”).
Widgets im Vergleich
Die Widget Factory lässt sich unter Ubuntu 21.04 oder Debian Experimental über die Pakete gtk-3-examples beziehungsweise gtk-4-examples einspielen (Arch Linux organisiert die Beispielprogramme hingegen in den Paketen gtk3-demos respektive gtk4-demos). Anschließend rufen Sie die Programme über die Kommandos gtk3-widget-factory und gtk4-widget-factory auf.
Clapper zeigt, was geht
Eine der größten Änderungen von GTK 3 zu GTK 4 sticht direkt auf der Hauptseite der Widget Factory hervor: der animierte Würfel. Sobald Sie mit dem Mauszeiger über das Video fahren, erscheinen die für einen Player typischen Schalter zum Unterbrechen oder Starten der Wiedergabe. Der Würfel steht für die Möglichkeit, dass es jetzt möglich ist, fast alle Fensterelemente mit Grafiken oder anderen Medien zu hinterlegen [4]. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt der noch sehr junge Videoplayer Clapper [5] auf Basis von GTK 4.
Auf den ersten Blick erinnert die Software an den Gnome Video Player, doch den Kopf des Anwendungsfensters ziert keine klassische Fensterleiste mehr – die es ja in Gnome bereits seit einiger Zeit gar nicht mehr gibt. GTK 4 dreht die Schraube nun etwas weiter: Das Bild des Videos erstreckt sich fast auf die komplette Fläche des Fensters, einzig die Kontrollleiste am unteren Rand bleibt permanent zu sehen. Die Menüs erreichen Sie über teiltransparente Schalter am oberen Fensterrand (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der auf Basis von GTK4 entwickelte Videoplayer Clapper reduziert den Platzbedarf der Bedienelemente auf das Allernötigste.
Clapper blendet die Schalter nur dann ein, wenn Sie mit dem Mauszeiger in das Fenster fahren. Die Schalter daneben reduzieren das Fenster auf das Videobild oder maximieren es auf den ganzen Bildschirm (Abbildung 2). Auf das Nötigste minimiert, ist Clapper in der Standardeinstellung hingegen auf jedem virtuellen Desktop des Gnome-Desktops zu sehen. Das Fenster gleitet dabei automatisch von Desktop zu Desktop und bleibt selbst beim Aktivieren einer anderen Anwendung im Vordergrund.

Abbildung 2: Im weiter reduzierten Floating-Modus gleitet das Anwendungsfenster automatisch auf den jeweils aktiven virtuellen Desktop.
Aufgrund des noch sehr jungen Alters gibt es Clapper noch nicht in den Paketquellen der gängigen Distributionen. Das Projekt bietet auf seiner Github-Seite jedoch Flatpaks an, die Sie distributionsübergreifend installieren. Alternativ stellen die Entwickler Pakete und Paketquellen für Debian, Fedora und OpenSuse bereit [6]. Die Installation des DEB-Pakets gelang auch auf einem Ubuntu 21.04 (Listing 1).
Listing 1
Installation unter Ubuntu
sudo apt install curl echo 'deb http://download.opensuse.org/repositories/home:/Rafostar/Debian_Unstable/ /' | sudo tee /etc/apt/sources.list.d/home:Rafostar.list curl -fsSL https://download.opensuse.org/repositories/home:Rafostar/Debian_Unstable/Release.key | gpg --dearmor | sudo tee /etc/apt/trusted.gpg.d/home_Rafostar.gpg > /dev/null sudo apt update sudo apt install clapper
Augenschmaus für Gnome
Auch Entwickler anderer Anwendungen übernehmen zunehmend die Möglichkeiten, die GTK 4 bietet. So lohnt sich zum Beispiel ein Blick auf den Radio-Empfänger Shortwave [7]: Je nach Breite des Displays oder auf dem Desktop der Fenstergröße passt sich die Anzeige des Programms fließend den Platzbedingungen an. Eine stetige Entwicklung, die Gnome selbst wie auch die unterschiedlichen Gnome-Anwendungen für den Einsatz auf Smartphones oder Tablets optimiert. (cla)
Infos
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Fedora 34: Ferdinand Thommes, “Stets innovativ”, LU 05/2021, S. 12, https://www.linux-community.de/46106
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Ubuntu 21.04: Erik Bärwaldt, “Haarige Angelegenheit”, LU 06/2021, S. 12, https://www.linux-community.de/46206
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Media in GTK 4: https://blog.gtk.org/2020/05/20/media-in-gtk-4
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Clapper: https://github.com/Rafostar/clapper
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Pakete und Repositories für Clapper: https://software.opensuse.org//download.html?project=home%3ARafostar&package=clapper
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Shortwave: https://gitlab.gnome.org/World/Shortwave





