Photoflare verspricht einfache Bildbearbeitung mit integrierter Automatik

Aus LinuxUser 05/2021

Photoflare verspricht einfache Bildbearbeitung mit integrierter Automatik

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Hochstapler

Das für das Bearbeiten von Fotos gedachte Programm Photoflare richtet sich an Nutzer, die schnelle Ergebnisse ohne komplizierte Werkzeuge suchen.

Schnell eine Handvoll Bilder zuschneiden, drehen, mit einem Rahmen versehen und anschließend noch etwas Text hinzufügen: Das klappt mit vielen Bildbearbeitungsprogrammen, doch nur wenige besitzen wie Photoflare [1] einen Modus, der diese Arbeitsschritte automatisiert (Abbildung 1). Das noch junge Projekt versucht sich zudem an gleich mehreren Spagaten. Es steht plattformübergreifend für Linux und Windows zur Verfügung, und der Entwickler bittet die Anwender um eine freiwillige Spende von mindesten 5 US-Dollar, um seine Arbeit gegenzufinanzieren. Dafür verspricht er eine besonders gute Performance und leistungsfähige Features.

Abbildung 1: Das Anwendungsfenster von Photoflare unter Manjaro. Das Programm steht plattformübergreifend für Linux und Windows zur Verfügung.

Abbildung 1: Das Anwendungsfenster von Photoflare unter Manjaro. Das Programm steht plattformübergreifend für Linux und Windows zur Verfügung.

Photoflare gliedert sich in die Reihe der kleinen Bildbearbeitungen ein, die bewusst die Konkurrenz zu großen Brocken wie etwa Gimp meiden. Stattdessen versucht Photoflare, seine Funktionen einfach zugänglich und effizient umzusetzen und mit Speziallösungen wie eben einem Automatikmodus anzureichern. Wir haben uns schon des Öfteren Programme mit ähnlichen Zielsetzungen angeschaut, wie etwa Converseen [2] und Pixelitor [3], die alle über irgendwelche besonderen Funktionen verfügen. Nun muss sich Photoflare im Test beweisen.

Vorbild

Photoflare orientiert sich in Aufbau und Funktion am relativ bekannten Freeware-Programm Photofiltre (Abbildung 2). Das gibt es ausschließlich für Windows, es läuft allerdings auch problemlos mittels Wine unter Linux. Derzeit präsentiert sich Photofiltre vom Umfang der Filter und Funktionen noch leistungsfähiger als Photoflare, zudem bleibt es für den privaten Einsatz und im Rahmen der Ausbildung generell kostenfrei [4].

Abbildung 2: Beim Aufbau und bei der Gestaltung vieler Funktionen orientiert sich der Entwickler von Photoflare an der Windows-Freeware Photofiltre.

Abbildung 2: Beim Aufbau und bei der Gestaltung vieler Funktionen orientiert sich der Entwickler von Photoflare an der Windows-Freeware Photofiltre.

Aufbau

Der Aufbau des Anwendungsfensters von Photoflare präsentiert sich recht schlicht und für eine Bildbearbeitung typisch. Zwischen dem Menü und dem Bildbereich gibt es zwei Werkzeugleisten mit den wichtigsten Funktionen. Die untere enthält im Wesentlichen Funktionen für das direkte Bearbeiten; alles andere, wie etwa der Zoom-Faktor der Darstellung, findet sich in der oberen Zeile. Die Werkzeugleiste am rechten Rand organisiert die Werkzeuge wie Stift, Pinsel oder Wischfinger. Tooltipps erklären die Funktion der einzelnen Werkzeuge, bislang jedoch nur auf Englisch.

Unten im Fenster zeigt Photoflare in einer Statusleiste grundlegende Informationen an, wie etwa die Größe des geladenen Bilds. Zudem informiert eine Statusanzeige, was das Programm gerade macht. Das dort eingeblendete Bereit hat allerdings in der Praxis keine Bedeutung, da es auch dann erscheint, wenn aufgerufene Funktionen noch arbeiten. Der Zustand, dass die Statuszeile Bereit signalisiert, aber das Programm nicht reagiert, tritt insbesondere bei größeren Bildern häufig auf.

Fehler im Praxistest

Photoflare will als kleine, effektive Anwendung das Bearbeiten von Bildern auf ganz intuitive Weise ermöglichen. Komplett durchdacht wirkt das Programm allerdings nicht. So gibt es beispielsweise beim Laden von Bildern keine Vorschau. Sie müssen also vorab wissen, welche Datei(en) Sie laden wollen. Ärgerlicherweise klappt auch Drag & Drop aus einem Dateimanager heraus nicht.

Abstrus wird es, sobald Sie Bilder mit Punkten im Dateinamen laden möchten, wie zum Beispiel geburtstag.2021.02.22.jpg. In diesem Fall erkennt Photoflare den Bildtyp nicht mehr automatisch. Es bietet stattdessen an, die Datei zu reparieren. Dabei wirft es das Datum komplett aus dem Dateinamen und speichert die Datei dann als geburtstag.jpeg auf der Festplatte.

Im Werkzeugkasten bietet Photoflare Ihnen insgesamt 12 Tools an, die jedoch nur teilweise über weiterführende Einstellungsmöglichkeiten verfügen. Zum Repertoire des Programms zählen neben verschiedenen Pinseln und Stiften auch diverse Filterwerkzeuge: Dazu zählen unter anderem Schärfen, Weichzeichnen und Verschmieren, wie sie sich auch im Werkzeugkoffer von Gimp finden. Auch bei der Gestaltung der Icons orientiert sich Photoflare an Gimp, sodass man sich schnell zurechtfindet.

Zu wenige Werkzeuge

Neben den klassischen Pinseln stehen auch zwei Auswahlwerkzeuge zur Verfügung. Bei vielen Bildbearbeitungsprogrammen beweist die Existenz einer solchen Auswahlfunktion, dass die Programmentwicklung recht weit fortgeschritten ist: Gibt es Auswahlen, lassen sich Bildbereiche getrennt voneinander bearbeiten.

Photoflare bringt mit dem Pfeil und dem Zauberstab zwei Auswahlfunktionen mit, doch keines der Werkzeuge überzeugt in der Praxis. Das Pfeilwerkzeug erzeugt ausschließlich rechteckige Auswahlen mit hartem Rand. Der Zauberstab wählt automatisch zusammenhängende Bereiche mit ähnlicher Farbe oder Helligkeit aus. Wie ähnlich die benachbarten Pixel ausfallen müssen, regelt eine variable Schwelle, deren Wirkung sich jedoch nicht wirklich nachvollziehen lässt.

Damit eine vorhandene Auswahl überhaupt erscheint, müssen Sie die Funktion Auswahl anzeigen im Menü oder der Werkzeugleiste aktivieren. Sie sehen dann allerdings keine “laufenden Ameisen”, wie etwa bei Gimp, sondern eine feine Linie, wie sie auch mit einem kleinen Pinsel erzeugt worden sein könnte.

Das Problem mit Photoflares Auswahlen liegt jedoch noch viel tiefer: Das Programm berücksichtigt sie schlicht nicht. Aktionen wie etwa Filter | Weichzeichnen | Verwischen wirken sich auf das gesamte Bild aus, nicht nur auf den ausgewählten Bereich.

Träge und langsam

Während Pinsel und Stifte zum Standardrepertoire einer Bildbearbeitung gehören, zählt ein Klonwerkzeug zu den fortgeschrittenen Funktionen. In Photoflare aktivieren Sie es über das Icon Clone Stamp. Danach wählen Sie einen Radius, dessen Größe ein Kreis im Bild anzeigt. Halten Sie nun [Strg] gedrückt und tippen mit der linken Maustaste ins Bild, dann markieren Sie den Bereich, der nun als Vorlage dienen soll. Klicken Sie nun erneut ins Bild, ohne das Werkzeug zu wechseln, dann kopieren Sie den Inhalt aus dem Vorlagenbereich an die Stelle unter dem Mauszeiger.

Für das Werkzeug offeriert Photoflare drei Modi: Fest verwendet eine harte Pinselspitze, Präzise versucht möglichst genaue Korrekturen, und Diffus nutzt eine mit zufälligen Löchern versehene Pinselspitze für das Klonen. Im Test überzeugen diese Modi weder einzeln noch in Kombination durch gute (weil unsichtbare) Ergebnisse. Zudem fängt die Darstellung auf dem Testsystem (Intel Core i7-7700T) schon bei etwas größeren Bildern (ab etwa 2000 x 2000 Pixeln) zu ruckeln an. Das macht ein präzises Arbeiten so gut wie unmöglich.

Photoflare verfügt erwartungsgemäß über eine Reihe automatischer Werkzeuge zum Verbessern von Bildern. Solche Tools basieren direkt oder indirekt auf Heuristiken, also Erfahrungswerten. Sie liefern in der Praxis selten so gute Ergebnisse wie manuelle Eingriffe in die Darstellung von Farben, Helligkeit und Kontrasten. Dennoch sollte man bei einfachen und bereits halbwegs korrekt ausgeleuchteten Aufnahmen erwarten, dass solche Werkzeuge zumindest brauchbare Ergebnisse liefern.

Die in Photoflare integrierten automatischen Werkzeuge wie Auto Levels aus dem Menü Anpassen können im Praxistest jedoch nicht überzeugen. Damit ein gutes Ergebnis zu erzielen, gelang bei keinem aus einer ganzen Reihe von Testbildern (Abbildung 3). Einzig die Funktion Automatischer Kontrast liefert zuverlässig brauchbare Resultate.

Abbildung 3: Automatische Funktionen, wie hier die <span class="ui-element">Auto Levels</span>, liefern selten gute Ergebnisse und bringen gelegentlich sogar das Programm zum Absturz.

Abbildung 3: Automatische Funktionen, wie hier die Auto Levels, liefern selten gute Ergebnisse und bringen gelegentlich sogar das Programm zum Absturz.

Wirkungslose Effekte

Für Effekte greift Photoflare auf eine Reihe von Filtern zurück. Auch hier wiederholt sich das schon vorher aufgetretene Muster: Die Werkzeuge präsentieren sich teilweise wenig durchdacht, oft fehlt ein echter Nutzwert. So erzeugt der Filter 3D Rahmen aus dem Menü Filter | Rahmen zwar zuverlässig einen Rahmen um das Bild, doch dessen Breite lässt sich nicht einstellen. Bei kleinen Bildern liefert die Routine noch brauchbare Ergebnisse, bei hochauflösenden Bildern hingegen muss man den Rahmen mit der Lupe suchen.

Ähnliches gilt für viele andere Effekte im Fundus des Programms. Auch sie lassen sich nicht steuern, berücksichtigen keine Auswahlen und liefern nur selten überzeugende Ergebnisse. So erfolgt zwar das Umwandeln in ein Ölgemälde mithilfe des gleichnamigen Filters zwar recht, bei großen Bildern tritt der Effekt selbst jedoch kaum in Erscheinung. Effekte wie Stanzen führen in der getesteten Version 1.6.6 zu einem Absturz der Software. Ein solches Verhalten zeigen auch einige andere Funktionen.

Wirrer Automatikmodus

Die in Photoflare integrierte Stapelbearbeitung gilt als Highlight des Programms. Sie aktivieren den Modus entweder über Werkzeuge | Automatisieren/Batch… im Menü oder das Zahnrad-Icon in der oberen Werkzeugleiste.

Es startet ein Assistent, in dem Sie die gewünschten Aktionen konfigurieren (Abbildung 4). Im ersten Schritt wählen Sie über Dateien hinzufügen die zu bearbeitenden Fotos aus, wobei die Funktion die bereits im Programm geöffneten Bilder schlicht ignoriert. Anschließend geben Sie den Ausgabeordner und das Ausgabeformat vor. In den folgenden Reitern aktivieren Sie die einzelnen Automatikfunktionen.

Abbildung 4: Mithilfe der Stapelverarbeitung bearbeiten Sie gleich eine ganze Reihe von Bildern. Mit einem Klick auf <span class="ui-element">OK</span> f&uuml;hren Sie alle eingestellten Aktionen aus.

Abbildung 4: Mithilfe der Stapelverarbeitung bearbeiten Sie gleich eine ganze Reihe von Bildern. Mit einem Klick auf OK führen Sie alle eingestellten Aktionen aus.

Unter Bildgröße verkleinern oder vergrößern Sie die gewählten Aufnahmen. Das fällt in der Praxis jedoch schwerer, als es scheint: Um hier eine sinnvolle Einstellung vorzunehmen, müssen Sie das numerische Seitenverhältnis der Bilder kennen, sonst verzerrt Photoflare die bearbeiteten Bilder. Laden Sie Aufnahmen im Hoch- oder Querformat oder Bilder in ganz unterschiedlichen Bildformaten in die Automatikfunktion, ist Chaos vorprogrammiert. Die Option Seitenverhältnis beibehalten wirkt sich nur auf die Zahlen im Dialog aus, nicht jedoch auf das Skalieren der Photos. Das Seitenverhältnis bleibt nur gewahrt, wenn Sie die Einheitenvorgabe auf Prozentwerte ändern, doch dann lassen sich keine exakten Bildgrößen mehr einstellen.

In den weiteren Reitern stellen Sie Parameter wie Helligkeit, Kontrast und Sättigung ein, aktivieren Filter oder geben vor, wie und ob Photoflare die Bilder drehen oder spiegeln soll (Abbildung 5). Dabei ignoriert das Programm allerdings die in Fotos eingebetteten EXIF-Daten komplett. In unserem Test verdrehte Photoflare die im Automatikmodus bearbeiten Bilder zudem ohne erkennbare Logik, auch wenn das Verdrehen der Aufnahmen gar nicht aktiviert war.

Abbildung 5: In der Praxis scheitert die Automatik beim Ausf&uuml;hren vieler Filter: Obwohl sie bei manuellem Aufruf funktionieren, bleiben Sie im Batch-Modus ohne Wirkung.

Abbildung 5: In der Praxis scheitert die Automatik beim Ausführen vieler Filter: Obwohl sie bei manuellem Aufruf funktionieren, bleiben Sie im Batch-Modus ohne Wirkung.

Mit einem Klick auf OK schließen Sie den Assistenten ab und starten die Stapelverarbeitung. Dabei lädt das Programm die Bilder einzeln in den Anwendungsbereich und rechnet Schritt für Schritt die aktivierten Funktionen durch. Eine Statusbalken visualisiert den Fortschritt, der Vorgang lässt sich allerdings nicht ab- oder unterbrechen. Auch hier zeigte sich die getestete Version 1.6.6 von der unzuverlässigen Seite: Einfache Filter wie das Umwandeln in Graustufen funktionieren im Automatikmodus nicht.

Alternativen

Es gibt eine ganze Reihe von Bildbearbeitungsprogrammen, die ebenfalls Funktionen zur Stapelverarbeitung von Bildern bieten. Digikam verwendet ein ähnliches Konzept wie Photoflare, allerdings mit deutlich besser steuerbaren Werkzeugen und besseren Ergebnissen. Auch RAW-Converter, allen voran Darktable, Rawtherapee und Lightzone vermögen Bilddateien im JPEG-, PNG- oder TIFF-Format einzulesen und in einem Rutsch zu bearbeiten. Diese Programme verfügen in der Regel über gut funktionierende Werkzeuge, die sich zudem noch über sogenannte Styles (Rezeptdateien) gut auf eine größere Auswahl an Bildern anwenden lassen. Auch für Gimp gibt es Plugins, die einen Batch-Betrieb erlauben.

Fazit

Aufgrund der zahlreichen Mängel verdient sich Photoflare in der aktuell vorliegenden Version 1.6.6 keine Empfehlung. Die Idee, ein kleines, einfach zu bedienendes Bildbearbeitungsprogramm mit integrierter Stapelverarbeitung zu entwickeln, ist gut und nachvollziehbar. Dabei darf der Entwickler jedoch die Qualität nicht aus den Augen lassen. Im derzeitigen Zustand ist Photoflare kein großer Wurf, Multiplattform hin oder her. Die vorhandenen Werkzeuge eignen sich nur sehr bedingt dazu, Bilder zu verbessern. Oft bewirken sie eher das Gegenteil, oder das Programm stürzt gleich ab.

Großen Nachholbedarf gib es bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit bei “großen” Bildern – und was heißt heute schon groß? Selbst Smartphones nutzen mittlerweile 48-Megapixel-CCDs und produzieren dementsprechend große Datenmengen. Die Rechenzeit bei der Bearbeitung steigt bei solchen Bildern unverhältnismäßig stark an. Tools wie etwa das Klonwerkzeug reagieren dann so träge, dass an ein sauberes Arbeiten nicht mehr zu denken ist. Bis sich bei den internen Funktionen deutlich etwas tut, fahren Sie daher mit anderen Programmen besser. (cla/jlu)

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