Carrier-Grade-Distribution EulerOS von Huawei

Aus LinuxUser 05/2020

Carrier-Grade-Distribution EulerOS von Huawei

© Nikkytok, 123RF

Im dichten Nebel

Huawei rüstet Unternehmen mit Telco-Hardware und Endkunden mit Smartphones aus. Daneben entwickelt die Firma mit EulerOS eine Distribution für Carrier.

Der chinesische Netzausrüster und Telekommunikationskonzern Huawei ist weltweit im Geschäft. Doch die Aktivitäten des Unternehmens aus der Sonderwirtschaftszone Shenzhen beschränken sich längst nicht nur auf Technik für Funknetze und die Entwicklung und den Vertrieb von Consumer-Produkten wie Smartphones und Notebooks: Schon seit Längerem bietet Huawei mit EulerOS [1] ein Server-Betriebssystem an, das allerdings ähnlich wie Red Hat Enterprise Linux (RHEL [2]) oder SuSE Linux Enterprise Server (SLES [3]) ursprünglich ausschließlich für Geschäftskunden konzipiert war.

Huawei bewirbt EulerOS als extrem zuverlässige und leistungsfähige Carrier-Grade-Distribution, die zudem als eines von lediglich sechs Systemen weltweit nach dem UNIX03-Standard [4] zertifiziert ist. Damit spielt es in einer Liga mit Konkurrenten wie IBMs AIX und HPEs HP-UX. Dementsprechend wenig Notiz nahm die Allgemeinheit bislang von dem System.

Die Firma positioniert EulerOS als besonders sichere Alternative zu vorhandenen Server-Systemen, wobei sie rund um das CentOS-Derivat [5] ein komplettes Ökosystem geschaffen hat. Dabei integriert sie eigene Software in das Portfolio, wobei hier ebenfalls der Schwerpunkt auf Enterprise-Storage-Lösungen und – damit einhergehend – auf containerbasierten Anwendungen liegt. Zum Jahresbeginn 2020 hat der chinesische Hersteller zudem mit OpenEuler eine Community-Edition veröffentlicht [6].

OpenEuler bietet zusätzlich in einem eigenen Repository zahlreiche Pakete an, die es vereinfachen sollen, aus dem Quellcode eine lauffähige Distribution anzufertigen. Daneben haben die Entwickler mit A-Tune ein Projekt eingepflegt, das es ermöglichen soll, das Betriebssystem unter Zuhilfenahme von Algorithmen aus der künstlichen Intelligenz zu optimieren. Mit Isulad gibt es zudem einen Container-Daemon, der die Ressourcen schont.

Erster Eindruck

Sie erhalten EulerOS als rund 4,5 GByte großes ISO-Abbild auf der Webseite von Huawei. Die Distribution arbeitet ausschließlich mit Computersystemen mit 64-Bit-Architektur zusammen.

Beachten Sie, dass das ISO-Abbild aufgrund des Umfangs nicht auf einen herkömmlichen optischen Datenträger passt, sondern eine Double-Layer-DVD mit rund 8,5 GByte Kapazität benötigt. Zudem handelt es sich nicht um ein Hybrid-Image, sodass Sie tatsächlich einen optischen Datenträger zur Installation benötigen.

Im Grub-Bootmenü finden Sie lediglich zwei Optionen zur Installation des Systems; ein Live-Betrieb erscheint für ein Server-Betriebssystem ohnehin wenig sinnvoll. EulerOS startet den von CentOS und RHEL bekannten Assistenten für die Installation. Er fragt zunächst die Lokalisierung ab, wobei hier nur die Auswahl zwischen Englisch und Chinesisch besteht.

Es empfiehlt sich, hier zunächst die englischen Lokalisierung zu belassen. Im anschließenden Bildschirm Installation Summary erhalten Sie Gelegenheit, weitere Lokalisierungsoptionen zu konfigurieren. Hier stellen Sie die deutsche Tastaturbelegung ein, indem Sie im entsprechenden Dialog mit aktiven Tastaturlayouts unterhalb des Fenstersegments auf den Button mit dem Plus-Zeichen klicken und die deutsche Belegung aus der dann eingeblendeten Liste wählen.

In der Gruppe Software Selection wählen Sie anschließend aus, welchen Typ von Server Sie installieren möchten. Die Option Server with GUI ermöglicht dabei die größte Auswahl an verschiedenen Variante (Abbildung 1). Anschließend passen Sie noch in der Gruppe Installation Destination die Partitionierung und Konfiguration des Datenträgers an.

Abbildung 1: Im Installer wählen Sie über verschiedene Kategorien und Software-Pakete den Typ des Servers aus, den Sie installieren möchten.

Abbildung 1: Im Installer wählen Sie über verschiedene Kategorien und Software-Pakete den Typ des Servers aus, den Sie installieren möchten.

Mit einem Klick auf Begin Installation unten rechts im Dialog startet die Installation. Während diese läuft, vergeben Sie in den Dialogen Root Password und User Creation ein Administratorpasswort und legen einen Benutzer an.

Nach Abschluss der Installation fordert Sie das System zu einem Neustart auf. Haben Sie den Server mit grafischer Oberfläche installiert, so gelangen Sie zunächst in einen Assistenten, in dem Sie die Huawei-Lizenz durch Anklicken des entsprechenden Markierungsfelds akzeptieren. Danach gelangen Sie in einen einfach gehaltenen, englischsprachig lokalisierten Gnome-Desktop.

Dessen konventionelle Oberfläche verfügt oben horizontal über ein Panel mit zwei Menüs und einem System-Tray. Am unteren Bildschirmrand befindet sich ein weiteres, leeres Panel. Der Desktop bleibt zunächst leer. Das Gnome-Initial-Setup-Programm, das nach dem Start lädt, ermöglicht es, die Spracheinstellungen zu modifizieren und das WLAN einzustellen.

Außerdem nehmen Sie hier eine Verknüpfung mit bestehenden Online-Konten vor und schalten Telemetriedienste per Schieberegler aus. Nach einem erneuten Warmstart erscheinen die Menüs deutsch lokalisiert, und auf dem Desktop finden sich der persönliche Ordner und der Papierkorb.

Umständlich

Ein Blick in die Menüs zeigt, dass sich die vorinstallierte Auswahl an Software an den Bedürfnissen eines Servers orientiert: So gibt es zwar keinen Webbrowser, jedoch mit Empathy ein Messaging-Programm.

Im Menü Office finden Sie zwar die LibreOffice-Suite, jedoch keine der teils Desktop-spezifischen Zusatzprogramme, die anderen Distributionen meist vorinstallieren. Stattdessen integriert das Menü ein Wörterbuch sowie einen Kontakt-Manager. Ein Untermenü Spiele fehlt völlig, und das Menü Multimedia beinhaltet lediglich zwei Programme: den Gnome-eigenen Videoplayer und das Webcam-Programm Cheese.

Insgesamt erscheint die Auswahl wenig durchdacht. So findet sich das aus dem Gnome-Bestand stammende Wetter-Applet vorinstalliert, Anwendungen zum Monitoring und zur Fehleranalyse aber fehlen weitgehend.

Da EulerOS auf CentOS aufsetzt, verwendet es den Paketmanager Yum. Nach der Installation ist jedoch im System kein einziges Repository aktiviert, sodass Weder ein Update des Systems noch die Installation von Zusatzprogrammen gelingt.

Um diesem Manko abzuhelfen, wechseln Sie ins Terminal und erzeugen mit administrativen Rechten im Verzeichnis /etc/yum.repos.d/ eine Datei namens EulerOS.repo. Diese füllen Sie mit den Zeilen aus Listing 1, um so das Repository Base zu aktivieren (Abbildung 2).

Abbildung 2: Wollen Sie das System aktualisieren oder zusätzliche Software installieren, setzt das voraus, dass Sie das entsprechende Repository von Hand ins System integriert.

Abbildung 2: Wollen Sie das System aktualisieren oder zusätzliche Software installieren, setzt das voraus, dass Sie das entsprechende Repository von Hand ins System integriert.

Listing 1

[base]
name=EulerOS-2.0SP5 base
baseurl=http://developer.huawei.com/ict/site-euleros/euleros/repo/yum/2.5/os/x86_64/
enabled=1
gpgcheck=1
gpgkey=http://developer.huawei.com/ict/site-euleros/euleros/repo/yum/2.5/os/RPM-GPG-KEY-EulerOS

Haben Sie die Datei gesichert, führen Sie den Befehl yum repolist all aus, um die Liste der Paketquellen anzusehen. Fehlt dort das soeben aktivierte Repository, prüfen Sie die angelegte Datei auf Fehler in der Syntax.

Passt alles, wählt das System den schnellsten verfügbaren Spiegelserver aus und lädt die Informationen des Repositorys. Danach aktualisieren Sie mithilfe des Befehls yum update das System. Daneben steht im Untermenü Systemwerkzeuge des Gnome-Desktops dazu auch das grafische Werkzeug Software-Aktualisierungen bereit.

Haben Sie Ihr System auf den aktuellen Stand gebracht, installieren Sie anschließend benötigte Zusatzpakete. Dazu gibt Ihnen EulerOS als grafisches Werkzeug im Menü Systemwerkzeuge Gnomes Software an die Hand (Abbildung 3). Schlägt Ihr Herz mehr für die Kommandozeile, tippen Sie am Prompt yum install Paket(e) ein, um ein oder mehrere Pakete ins System zu integrieren.

Abbildung 3: Mithilfe des grafischen Frontends zu Yum installieren Sie Anwendungen mit wenigen Mausklicks.

Abbildung 3: Mithilfe des grafischen Frontends zu Yum installieren Sie Anwendungen mit wenigen Mausklicks.

Probleme

Bei der Installation von Software aus dem Repository zeigt das CentOS-Derivat einige Schwächen: So finden sich hier zahlreiche Desktop-Applikationen, die bei ein Server-Betriebssystem eigentlich nicht braucht. Andererseits fehlen viele potenziell nützliche Programme. Dieses Manko dürfte dem starken Fokus auf Cloud-Dienste und die Software-Entwicklung geschuldet sein.

Weniger einfach zu verstehen sind jedoch Bugs, die auf eine mangelnde Pflege hindeuten: So gelingt es nicht, den Webbrowser Firefox mithilfe des Befehls yum install firefox aus dem Repository der Distribution zu installieren: EulerOS hält den für das Repository verwendeten GPG-Schlüssel für ungültig. Andere Applikationen verweigern sich bei Einsatz desselben Schlüssels nicht.

Veraltet

Das derzeit aktuelle stabile EulerOS 2.0 mit Service Pack 5 basiert auf CentOS 7, das bereits aus dem Jahr 2014 stammt. Das System basiert daher auf einem Kernel der Serie 3.10, sodass für verschiedene neuere Hardware-Komponenten mangels entsprechender Module keine Unterstützung vorliegt.

So lässt sich das chinesische CentOS-Derivat nur in Handarbeit auf einem Server-System mit modernen NVMe-Massenspeichern installieren. Da CentOS 7 nur noch bis Mitte 2020 umfassende Updates erhält, stellt sich die Frage, wie EulerOS sich danach weiterentwickelt.

Für Entwickler

Software-Entwickler kommen dagegen bei EulerOS auf ihre Kosten: So finden sich in den Paketquellen zahlreiche Server-Anwendungen, Programmiersprachen, Compiler und Werkzeuge wie Oprofile, SystemTap oder Valgrind. Auch Datenbanken wie PostgreSQL oder MariaDB installieren Sie via Paketmanager nach. Für lokale wie entfernte virtuelle Umgebungen stellt EulerOS zudem vorinstalliert Gnome Boxes bereit, das einen grafischen Zugriff auf diese Ressourcen ermöglicht.

Merkwürdigkeiten

Huawei stellt in seiner Cloud containerbasierte Applikationen als PaaS-Dienst (“Platform as a Service”) bereit. Die Grundlage dafür bilden das von Huawei selbst entwickelte Containerformat Isula und Kubernetes als Orchestrierungslösung. Doch die Anbindung an die firmeneigene Cloud weist einige Merkwürdigkeiten auf: So steht das kostenpflichtige Angebot erst nach einer Registrierung bereit, die zur Verifikation Daten wie eine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse des Nutzers und dessen Standort abfragt.

Dabei sperrt der Dialog jedoch Anwender aus allen europäischen Staaten aus, dasselbe gilt für die USA, Kanada, Australien und Neuseeland: Diese Länder fehlen in der Auswahlliste. Neben Südkorea, Taiwan, Japan und Singapur finden sich darauf ausschließlich Länder aus anderen Teilen der Welt. Bei den Zahlungsmethoden akzeptiert Huawei keine Kreditkarten aus westlichen Industriestaaten [7].

Einzelne Dienste, die Huawei in der Cloud kostenpflichtig anbietet, wurden zudem offensichtlich im Auftrag von Regierungsbehörden entwickelt. So gibt es OCR-Dienste, die zum Erkennen von zahlreichen amtlichen und privaten Dokumenten wie Führerscheinen, Reisepässen, Flugplänen, Fahrzeugbriefen, Bankkarten, Zugfahrkarten und Mautabrechnungen optimiert sind. Huawei führt dazu für jedes dieser Module explizit technische Vorgaben auf, die es für das jeweilige Modul zu erfüllen gilt [8].

Wer trotz dieser Einschränkungen Cloud-Dienste nutzen möchte, der verknüpft über den Gnome-Dialog Online-Konten im Einstellungsdialog von EulerOS verschiedene westliche Dienste mit dem Betriebssystem. Das umfasst unter anderem E-Mail- und Messenger-Konten.

Hardware

Huawei ist nicht nur ein bedeutender Netzausrüster, sondern produziert auch eigene Server-Systeme und Storage-Appliances für Rechenzentren. Im Zentrum stehen dabei die Taishan-Server, die das Unternehmen selbst entwickelt hat und die auf den ebenfalls von Huawei hergestellten Kunpeng-Chipsätzen basieren.

Den Prozessor Kunpeng 920, einen ARMv8-Abkömmling, hat Huawei unter einer ARM-Lizenz komplett neu entwickelt und für das 7nm-Verfahren konzipiert. Eine ebenfalls im eigenen Haus entwickelte Chipsatzumgebung ergänzt die für Data-Center-Anwendungen optimierte CPU.

Die Taishan-Hardware verfügt über CPUs mit bis zu 64 typischerweise mit 2,6 GHz getakteten Kernen. Eine PCIe-4.0-Schnittstelle und acht DDR4-Speicherkanäle binden Peripherie und Arbeitsspeicher an.

Folgerichtig gibt es EulerOS auch in einer Variante für die Taishan-Server. Die bewirbt Huawei als Allround-Lösung für High-Performance- und High-Availability-Computing sowie als Cloud-Plattform für Big-Data-Services.

OpenEuler

Anfang 2020 hat Huawei zusätzlich eine Community-Variante von EulerOS namens OpenEuler bereitgestellt. Das rund 3,2 GByte große ISO-Abbild laden Sie von der Webseite herunter [6].

Die Site selbst macht derzeit einen noch unfertigen Eindruck: Weder gibt es eine englischsprachige Dokumentation, noch steht eine Community-Seite bereit. Eine Quick-Setup-Anleitung führt zu einem toten Link. Selbst Anwender mit Chinesischkenntnissen sind dabei keineswegs im Vorteil: Alle Links auf den Seiten führen ebenfalls ins Leere (Abbildung 4). Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass die Freigabe von EulerOS in der Community-Variante in äußerster Hektik erfolgte.

Abbildung 4: Kein Anschluss unter dieser Nummer: Die Webseite des Community-Projekts OpenEuler ist allenfalls halbfertig. Viele tote Links erschweren die Suche nach Informationen.

Abbildung 4: Kein Anschluss unter dieser Nummer: Die Webseite des Community-Projekts OpenEuler ist allenfalls halbfertig. Viele tote Links erschweren die Suche nach Informationen.

Schwerer wiegt jedoch, dass sich das Abbild nur für Rechner mit ARMv8-Architektur eignet, nicht jedoch für x86_64-Systeme. Das erlaubt bislang nur wenigen Auserwählten einen Test von OpenEuler.

Fazit

EulerOS dürfte es äußerst schwer haben, sich außerhalb des Huawei-Imperiums und der Volksrepublik China am Markt zu etablieren. Zwar weist das CentOS-Derivat eine exzellente Stabilität auf und bringt moderne Technologien für High-Performance-Anwendungen in der Cloud mit, doch fördern der restriktive Zugang zu den Huawei-eigenen Cloud-Diensten und die völlig verunglückte Einführung der Community-Variante nicht gerade das Vertrauen.

Aufgrund der teils offensichtlich einseitig auf staatliche Anforderungen zugeschnittenen Cloud-Dienste scheinen US-amerikanische Befürchtungen, der chinesische Konzern kooperiere gefährlich eng mit der Regierung, nicht ganz unbegründet zu sein. Für Entwickler bringt EulerOS zwar zahlreiche Werkzeuge mit, die jedoch RHEL ebenfalls bietet, sodass es recht fraglich erscheint, ob sich in westlichen Industriestaaten überhaupt Zielgruppen für das chinesische Produkt begeistern. (agr/jlu)

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