Debian-Derivat Deepin Linux aus China

Aus LinuxUser 04/2020

Debian-Derivat Deepin Linux aus China

© Artem Samokhvalov, 123RF

Made in China

Deepin Linux gilt als meistgenutzte Linux-Distribution in China. Eignet sich der Debian-Ableger auch für den Einsatz in Europa?

Das inzwischen seit mehr als 15 Jahren kontinuierlich in Entwicklung befindliche Deepin Linux [1] aus China hat bereits eine wechselvolle technische Geschichte hinter sich. Seit längerer Zeit erfährt das mittlerweile von Debians “Stable”-Zweig abgeleitete freie Betriebssystem auch hierzulande vermehrt Aufmerksamkeit, vor allem aufgrund des eigenentwickelten Deepin-Desktops. Inzwischen findet sich das von Wuhan Deepin Technology entwickelte System in China sogar vorinstalliert auf zahlreichen Notebooks des vor allem für seine Smartphones bekannten Technologiegiganten Huawei [2].

Einrichtung

Sie erhalten das 64-Bit-Betriebssystem in der aktuellen Version 15.11 als rund 2,4 GByte großes ISO-Image auf der Webseite des Projekts. Dort finden Sie verschiedene Links zu Cloud-Anbietern, Spiegelservern und zu Sourceforge, die das Abbild bereitstellen [3]. Optional bietet das Projekt hier noch ein lediglich 385 MByte großes Live-Abbild an. Die Standard-Variante ist nicht für den Live-Betrieb ausgelegt, sie erlaubt nur die Installation auf einem Massenspeicher. Die kleine Live-Variante bietet dagegen lediglich einige Werkzeuge und Hilfsprogramme.

Beide Abbilder sind als Hybrid-Image angelegt und lassen sich daher sowohl von einem optischen Datenträger als auch von einem USB-Stick aus hochfahren. Die Live-Variante eignet sich dabei aufgrund der Software-Zusammenstellung eher als schlankes Rescue-System oder, dank des vorinstallierten Firefox, als portables System zur Nutzung des Internets. Die enthaltenen Werkzeuge wie Deepin Clone, Deepin Repair und Gparted ermöglichen daneben das Warten von Rechnern und bei Bedarf auch eine Problembehebung (Abbildung 1).

Abbildung 1: Als Rettungssystem gut geeignet: das Deepin-Live-System.

Abbildung 1: Als Rettungssystem gut geeignet: das Deepin-Live-System.

Die Installationsvariante öffnet nach entsprechender Auswahl im Bootmenü einen grafischen Installer im Vollbildmodus. Darin stellen Sie zunächst die verwendete Sprache ein und akzeptieren anschließend die Nutzungslizenz. Danach legen Sie einen Benutzer an; das Anlegen eines Root-Zugangs ist nicht vorgesehen. Anschließend stellen Sie die Zeitzone ein und partitionieren den Massenspeicher. Dabei greift Deepin Linux durchgängig nicht auf bekannte Programme zurück, sondern nutzt Eigenentwicklungen.

Nach diesen interaktiven Arbeiten befördert der Installer die Distribution auf die Platte. Nach einem Neustart gelangen Sie in einen äußerst modern wirkenden Desktop, in dem Sie zunächst in einem aufwendig animierten Willkommensbildschirm die Grundkonfiguration des Systems vornehmen (Abbildung 2).

Abbildung 2: In wenigen Schritten passen Sie per Mausklick den Deepin-Desktop an.

Abbildung 2: In wenigen Schritten passen Sie per Mausklick den Deepin-Desktop an.

Der Qt-basierte Deepin-Desktop zeigt zunächst keine Icons auf der Arbeitsoberfläche, sondern lediglich unten mittig eine Dockleiste mit Programmstartern. Links befindet sich der Deepin-Starter, der ähnlich wie bei Gnome eine Kachelansicht der vorhandenen Applikationen freigibt. Ganz rechts in der Dockleiste finden Sie einige Statusangaben zur Uhrzeit und zum Netzwerkzugang, zur Systemlautstärke sowie bei Mobilsystemen zum Batteriestatus.

Über das Zahnrad-Symbol in der Mitte der Dockleiste öffnen Sie das Kontrollzentrum, das nicht als herkömmliches Fenster erscheint, sondern vertikal nach rechts ausklappt. Dort gibt es nur relativ wenige Einstelloptionen, die allerdings jeweils in Untergruppen verzweigen.

Im ersten Schritt aktivieren Sie durch einen Klick auf die Kategorie Tastatur und Sprache die deutsche Tastaturbelegung, denn trotz der deutschen Lokalisierung bei der Installation arbeitet das System zunächst mit einer US-Belegung. Mit einem Klick auf den Pfeil links oben im Dialog gelangen Sie zurück zum primären Einstellungsmenü. Anschließend empfiehlt es sich, das System über die Kategorie Aktualisieren auf den aktuellen Stand zu bringen.

Software

Das Update spielt neben Fehlerbehebungen und Sicherheitsaktualisierungen auch die chinesische Bürosuite WPS Office ein, die vier Icons oben links auf dem Desktop anlegt. WPS Office hat offensichtlich von der Vorinstallation von Deepin Linux auf Huawei-Geräten profitiert, denn die Suite ist endlich auch unter Linux dem Beta-Stadium entwachsen und liegt in einer optisch brandneuen Version vor.

Die Deepin-Variante der WPS-Office-Suite beschränkt sich allerdings zunächst auf eine englische Lokalisierung. Zudem stechen ein paar kleine Verschlimmbesserungen ins Auge. Unter anderem bietet die neue Version nicht mehr die Option, die ineffizient zu bedienende Ribbon-Oberfläche gegen eine bewährte Menüoberfläche auszutauschen.

TIPP

Für Nutzer anderer Distributionen stellt WPS Office auf der offiziellen Webseite RPM- und DEB-Pakete für die PC- und ARM-Architektur in Varianten für 32- und 64-Bit-Hardware zum Herunterladen bereit.

Vereinfacht

Auch die weitere Software-Ausstattung fällt aus dem Rahmen: So finden sich in den Menüs anstelle der üblichen Abspielprogramme für Multimediainhalte durchgängig Deepin-eigene Anwendungen mit minimalistischen Oberflächen. Selbst das Terminal bietet keine Konfigurationsoptionen zur freien optischen Anpassung mehr, sondern beschränkt sich auf eine Handvoll vorgefertigter Themes.

Anstelle eines Monitoring-Programms gibt es nur eine Lastanzeige, die zwar optisch gefällt, sich aber nur über den Dialog zum Abmelden oder Ausschalten des Systems erreichen lässt (Abbildung 3). Auch ein eigenentwickeltes, jedoch rudimentäres Programm zum Anfertigen von Screenshots findet sich in den Menüs.

Abbildung 3: Die Lastanzeige ist optisch interessant gestaltet, funktionell jedoch abgespeckt.

Abbildung 3: Die Lastanzeige ist optisch interessant gestaltet, funktionell jedoch abgespeckt.

In den Untermenüs, die Sie über den Start-Button unten links in der Dock erreichen, fehlen bekannte Standardanwendungen weitgehend. Als Webbrowser dient der unter Datenschutzaspekten suspekte Google-Browser Chrome. Die im Einstellungsdialog zu findende Cloud-Anbindung, die für Backups sehr nützlich wäre, verlinkt auf einen chinesischen Anbieter. Damit sperrt sie Anwender außerhalb der Volksrepublik China aus. Alternative Angebote außerhalb Chinas oder offene Protokolle für eine lokale, selbst gehostete Cloud-Anbindung fehlen.

Paketdienst

Deepin Linux offeriert einen eigenen, grafisch schön gestalteten App-Store, der sich einfach bedienen lässt. Allerdings stellt er zahlreiche Programme nur in vereinfachtem Chinesisch vor, sodass Sie sich – wenn Sie nicht gerade sowieso Chinesisch an der VHS lernen – schnell nach einer Alternative umsehen sollten. Aus dem Paketbestand der Distribution installieren Sie zum Beispiel den von Debian bekannten Paketmanager Synaptic mit nur wenigen Klicks.

Auch Firefox, LibreOffice, Gimp und andere Standardanwendungen spielen Sie auf diese Weise ein. Jedoch übernimmt das System nicht alle neu installierten Applikationen in die Menüs, sodass hier teilweise Handarbeit ansteht. Bei den Repositories greift die Paketverwaltung lediglich auf die hauseigenen Deepin-Archive zurück, sodass im Vergleich zum originalen Debian “Buster” etwa 20 Prozent weniger Pakete zur Verfügung stehen.

Hardware

Das chinesische Debian-Derivat fällt durch seine ausgezeichnete Hardware-Unterstützung positiv auf. So liefert das System ohne weiteres Nacharbeiten Firmware-Dateien für weniger gebräuchliche Hardware-Komponenten mit, wie beispielsweise WWAN-Karten, die nur mit proprietären Firmware-Blobs unter Linux arbeiten. Somit lässt sich auch Hardware sofort in Betrieb nehmen, die sonst manuelle Installationsarbeiten erfordert.

Weniger erfreulich ist dagegen das Leistungsverhalten der Distribution: Deepin Linux benötigt erhebliche Hardware-Ressourcen. Während dabei der reine Arbeitsspeicherbedarf relativ bescheiden ausfällt, fällt selbst im Leerlauf ohne weitere geöffnete Anwendungen eine signifikante CPU-Last an.

Im Test machte sich dieses Verhalten sowohl auf betagten Maschinen mit Zweikern-Prozessoren der Core2-Baureihe als auch auf moderneren Core-i-Systemen durch eine permanente CPU-Last von zwischen 25 und 40 Prozent bemerkbar. Insbesondere auf Mobilcomputern führt das nicht nur zu einer deutlichen thermischen Belastung des Prozessors und ständig laufenden Lüftern, sondern auch zu einer signifikant verkürzten Akkulaufzeit (Abbildung 4).

Abbildung 4: Auf älteren Systemen lastet Deepin Linux die CPU ungewöhnlich stark aus.

Abbildung 4: Auf älteren Systemen lastet Deepin Linux die CPU ungewöhnlich stark aus.

Auf leistungsschwächeren Systemen mit älteren Core-i3-Prozessoren macht sich der hohe Ressourcenbedarf auch durch entsprechende Latenzen bei Programmstarts und bei der Arbeit mit Anwendungen wie Gimp oder LibreOffice bemerkbar. Wie ein Blick in die Prozessliste offenbart, verursacht der Deepin-Desktop die hohe CPU-Last – hier besteht Verbesserungsbedarf.

Zukunft

Das für Anfang 2020 angekündigte, Ende Februar aber noch ausstehende Deepin Linux 20 erhält mit einem neu gestalteten App-Launcher ein frisches Gesicht. Eine Vorabvariante zeigt bereits, dass die Dockbar am unteren Bildschirmrand die gesamte Bildschirmbreite ausfüllt (Abbildung 5).

Abbildung 5: Deepin Linux 20 bringt einige Neuerungen an der Benutzeroberfläche mit.

Abbildung 5: Deepin Linux 20 bringt einige Neuerungen an der Benutzeroberfläche mit.

Bei der Installation legt das System beim Nutzen eines kompletten Massenspeichers mehrere Partitionen an, darunter solche für System-Backups und für Daten. Das treibt die Kapazitätsanforderungen in die Höhe: Bei weniger als 64 GByte freiem Platz bricht die Installationsroutine mit einem entsprechenden Hinweis ab.

Die vorab erhältliche Beta-Version zeigt auch sonst noch einige Auffälligkeiten: So lässt sich die Zeitzone nach dem Start des frisch installierten Betriebssystems nicht korrekt einstellen, da Deepin Linux die anhand von Referenzorten vorgegebenen Zonen munter durcheinanderwirbelt. Dieses Manko lässt sich nur über einen Einstellungsdialog mit manueller Konfiguration der Zeitzone beheben.

Der App-Store läuft in Zukunft nur noch bei einer funktionierenden Internet-Anbindung. Auch lokal gespeicherte Paketlisten, wie sie andere Distributionen nutzen, stehen in Deepin Linux 20 nicht mehr ohne aktives Internet zur Verfügung. Damit lassen sich faktisch keine Programme oder andere zwingend benötigte Komponenten aus dem App-Store installieren, falls nach einer Installation noch kein Internet-Zugriff besteht.

Deutlich verbessert präsentiert sich in der neuen Variante das Lastverhalten der Desktop-Umgebung: Mit Version 20 benötigt der Deepin-Desktop auf vielen Systemen deutlich weniger Ressourcen.

Fazit

Das aufgrund seiner ansprechenden Optik teils hochgelobte Deepin Linux kann bei genauerem Hinsehen über weite Strecken weder funktionell noch ergonomisch überzeugen. Ähnlich wie bei frühen Gnome-Versionen des 3.x-Zweigs schießen die Deepin-Entwickler im Bemühen, alles so einfach wie möglich zu gestalten, weit über das Ziel hinaus, was Anwender in den Anpassungsmöglichkeiten der Arbeitsumgebung stark einschränkt.

Ein weiteres Manko stellen die ebenfalls funktionell stark reduzierten, eigenentwickelten Programme für den Desktop dar: Anwendungen wie das Screenshot-Werkzeug hinken beim Funktionsumfang den Bordwerkzeugen anderer Desktops weit hinterher. Kritikwürdig ist zudem der unter der aktuellen Version 15.11 zu beobachtende enorme Bedarf an Rechenleistung, der vor allem auf Notebooks die Batterielaufzeit verkürzt.

Seltsam mutet außerdem die enge Anbindung an chinesische Cloud-Dienste an. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Dienste außerhalb der Volksrepublik wegen deren strengerer Datenschutzvorschriften und, damit einhergehend, weniger Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten durch den Staat bewusst nicht integriert wurden.

Guten Gewissens lässt sich Deepin Linux daher höchstens aufgrund seiner schicken Optik als inspirierende Studie für Entwickler von Arbeitsoberflächen empfehlen. Für den Alltagseinsatz außerhalb der Volksrepublik China taugt es dagegen nur bedingt. 

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