Zahlreiche technische Einschränkungen erschwerten es bislang, unter Linux HD-Filme von Blu-rays abzuspielen oder zu transkodieren. Dank freier Entwickler gibt es jetzt Abhilfe.
Zwar gibt es für Linux inzwischen zahlreiche Multimediaanwendungen, die auch professionellen Ansprüchen genügen. Bislang tat sich allerdings im Bereich der Abspiel- und Ripping-Software für Blu-ray-Disks eine Lücke auf. Dadurch kamen die Vorteile der Blu-rays unter Linux nicht zur Geltung, obwohl inzwischen auch Fernseher und Monitore im unteren Preissegment in aller Regel Full-HD-Auflösung bieten.
Wer Blu-ray-Disks transkodieren wollte, war auf das einzige dafür erhältliche Linux-Programm MakeMKV angewiesen, das sich unter zahlreichen Distributionen nur mit erheblichem Aufwand installieren lässt. Doch inzwischen rüsteten findige Entwickler die Transkodierungssoftware Handbrake [1] so weit auf, dass sie sich auch für den Einsatz mit Blu-ray-Scheiben eignet. Damit überspielen Sie jetzt unter jeder Distribution Ihre BDs problemlos auf einen anderen Datenträger.
Auch der – nicht nur unter Linux – führende Mediaplayer VLC [2] schafft es inzwischen, kommerzielle und damit meist durch Kopierschutzverfahren eingeschränkte Medien wiederzugeben. Damit eignet sich das freie Betriebssystem nun auch uneingeschränkt als Basis für das heimische Kino mit hochauflösenden Inhalten.
Software einrichten
Sowohl VLC als auch Handbrake stehen in den Repositories aller gängigen Linux-Distributionen zum Abruf bereit, von wo aus Sie die Software mit dem Paketmanager der Distribution einrichten. Sie finden anschließend in der Menüstruktur je nach Distribution im Untermenü Unterhaltungsmedien oder Multimedia die entsprechenden Starter.
Damit die beiden Programme jedoch auch mit kopiergeschützten Medien umgehen können, gilt es, einige Voraussetzungen zu erfüllen. Als Kopierschutz für Video-DVDs kommt seit mehr als 20 Jahren das Content Scramble System CSS [3] zum Einsatz, das allerdings findige Entwickler bereits Ende der 90er-Jahre brachen. Seitdem steht für zahlreiche Linux-Distributionen die Bibliothek Libdvdcss bereit.
Bei den meisten Linux-Derivaten müssen Sie diese Bibliothek aus den Repositories manuell nachinstallieren, da sie aus juristischen Gründen in vielen Ländern nicht vorinstalliert werden darf. Mit der Libdvdcss lassen sich anschließend nahezu alle derart geschützten Video-DVDs in VLC abspielen und in Handbrake transkodieren.
Blu-ray-Hürdenlauf
Wesentlich komplizierter gestaltet sich aber der Kopierschutz für Blu-ray-Disks: Hier kommt das AACS-Verfahren (Advanced Access Content System) zum Einsatz [4]. Außerdem ist das BD+-Verfahren [5] gebräuchlich, das die Lizenzkonformität der Abspielgeräte belegt.
Das AACS-Verfahren chiffriert dabei Inhalte mit einem 128 Bit breiten Schlüssel nach dem AES-Standard. Außerdem führte die AACS-Spezifikation eine Laufwerksauthentifizierung ein. Sie sorgte dafür, dass sich auf Computersystemen jahrelang keine derart eingeschränkten Blu-ray-Medien abspielen ließen, da den PC-Laufwerken der spezifische Schlüssel fehlte.
Unter Linux kam erschwerend hinzu, dass Software für das Abspielen solcher verschlüsselten Medien zusätzlich eine kostenpflichtige AACS-Lizenz voraussetzte, sodass unter dem freien Betriebssystem alle gängigen Applikationen mangels Lizenz das Abspielen von BDs verweigerten.
Als dritte Einschränkung führte die Industrie zudem den Standard BD+ ein. Hierbei handelt es sich um eine kleine virtuelle Maschine, die ein Java-Applet enthält. Das prüft zu Beginn eines Abspielvorgangs, ob das Abspielgerät eine modifizierte Firmware verwendet oder Schlüssel verändert wurden. In beiden Fällen verhindert es die Wiedergabe der Disk.
Alle diese Technologien zur Einschränkung der Nutzerrechte umgingen intelligente Entwickler aber bereits vor Jahren, sodass es auch unter anderen Betriebssystemen längst gelingt, kommerzielle Blu-ray-Medien abzuspielen. Da die Industrie die Verfahren jedoch ständig weiterentwickelt, müssen Sie zur Wiedergabe von BD-Medien stets ein aktuelles Subsystem vorhalten. Unter Linux gehören dazu die Bibliotheken Libaacs0, Libbluray2 und Libbdplus, die Sie manuell über die Paketverwaltung nachinstallieren müssen. Da kommerzielle Blu-ray-Disks häufig in Java implementierte Menüs enthalten, sollten Sie außerdem das Paket libbluray-bdj einrichten, um darauf zuzugreifen.
Zusätzlich benötigen Sie noch die AACS-Schlüssel. Die Bibliothek Libaacs0 stellt nur die Schnittstelle des AACS-Systems bereit, nicht jedoch die Schlüssel. Für deren Integration finden Sie im Internet freie Schlüsseldateien, die Sie in das Verzeichnis ~/.config/aacs/ kopieren [6]. Bei den meisten Linux-Derivaten müssen Sie dieses Verzeichnis zunächst anlegen.
Die Schlüsseldatei aktualisieren die Entwickler ebenfalls regelmäßig, sodass Sie in gewissen Abständen prüfen sollten, ob es entsprechende Updates gibt. Da sowohl VLC als auch Handbrake auf diese Schlüsseldatei zugreifen, ist deren Installation generell zwingend notwendig, um mit AACS kodierte BD-Medien zu nutzen.
Rechtliche Rahmenbedingungen
Laut §53 des deutschen Urheberrechtsgesetzes (UrhG), §42 Abs. 4 des österreichischen UrhG und Art. 19 des schweizerischen URG hat jedermann das Recht, eine Privatkopie von einem Medium anzufertigen, sofern er dazu keinen wirksamen technischen Kopierschutz umgeht.
Von Medien ohne Kopierschutz dürfen Sie gemäß der deutschen Rechtsprechung Privatkopien für maximal sieben Personen aus Ihrem engsten Umfeld anfertigen. Privatkopien solcher Medien für die öffentliche Aufführung untersagt das Gesetz.
Beim Bestrafen von Verstößen unterscheiden die Gerichte zwischen privaten und gewerblichen Anwendern. Letztere unterliegen der Strafverfolgung nach Paragraf 108b UrhG; für private Anwender bleibt der Besitz von Software, die das Umgehen eines Kopierschutzes ermöglicht, straffrei. Davon unberührt bleiben jedoch zivilrechtliche Ansprüche des Urhebers.
VLC
Nach dem Installieren der nötigen Zusatzdateien lassen sich Blu-ray-Disks in aller Regel ohne weitere Umstände in VLC abspielen. Dazu öffnen Sie unter Medien den Dialog Medien öffnen und stellen im oberen Bereich Medien-Auswahl durch Anklicken des Radiobuttons das voreingestellte DVD-Medium auf Blu-ray um.
Öffnet sich nach einem anschließenden Klick auf Wiedergabe unten rechts im Dialog das Medium nicht und erscheint stattdessen eine Fehlermeldung, so steht im Auswahlfeld Laufwerk das falsche Gerät. Ändern Sie dann das voreingestellte Blockgerät /dev/sr0 in /dev/sr1. Anschließend können Sie die Blu-ray-Disk wie mit einem herkömmlichen BD-Abspielgerät verwenden.
Die eingestellte Tonspur bei mehrsprachigen Inhalten ändern Sie über Audio | Audiospur. Zum Einblenden von Untertiteln aktivieren Sie die jeweilige Untertitelspur über Untertitel | Unterspur. VLC passt die Videoanzeige jeweils an die Bildschirmauflösung an. Das gewährleistet, dass auf hochauflösenden Monitoren die Inhalte stets in der besten Auflösung erscheinen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Unter Medien öffnen im VLC-Player wählen Sie Blu-ray, darunter das zugehörige Laufwerk.
Unter Werkzeuge | Medieninformation | Codec (Abbildung 2) bietet VLC zudem eine Ansicht zum Auslesen der technischen Spezifikationen, etwa der Auflösung des BD-Mediums. Das gibt Ihnen im Falle einer späteren Transkodierung einen Anhaltspunkt, mit welcher maximalen Auflösung Sie die Inhalte rippen sollten.

Abbildung 2: Aktuelle Medieninformation liefert Daten zu dem eingelegten Medium, die sich beim Transkodieren als nützlich erweisen.
Handbrake
In den letzten Versionen modifizierten die Entwickler die Bedienoberfläche von Handbrake, sodass sich die immer zahlreicheren vorkonfigurierten Presets einfacher aufrufen lassen. Dazu gibt es im oberen Bereich des Programmfensters ein Auswahlfeld namens Preset:. Dieses gestattet es, aus insgesamt sechs Gruppen vordefinierte Audio- und Video-Einstellungen für das Transkodieren eines optischen Datenträgers mit Multimediainhalten abzurufen.
Die Presets orientieren sich dabei sowohl an Ausgabegeräten, wie Spielekonsolen oder Tablet-PCs, als auch an Kompressionsformaten. So finden Sie in der Gruppe Matroska beispielsweise H.264, H.265, VP8 und VP9 in Verbindung mit unterschiedlichen Auflösungen und Frameraten. Die Presets lassen sich bei Bedarf modifizieren (Abbildung 3), die Inhalte speichert Handbrake mit diesen Kompressionsformaten in MKV-Containern.

Abbildung 3: Vordefinierte Presets erlauben unter Handbrake die schnelle Anwahl der passenden Parameter.
Um den zu transkodierenden Film zu laden, klicken Sie oben links im Programmfenster auf den Button Open Source. Handbrake öffnet nun einen Dateimanager, der die Geräte des Verzeichnisses /dev/ anzeigt. Den Blu-ray-Player finden Sie üblicherweise unter sr0 oder sr1, DVD-Laufwerke bezeichnet das Tool auch als solche.
Nach Auswahl des Blockgeräts liest die Applikation deren Inhalte ein, wählt den Hauptfilm aus und zeigt im Dialog Zusammenfassung unten rechts ein Vorschaubild an. Links daneben finden Sie Daten zu den Codecs und den eingestellten Optionen.
Im Feld Title: sehen Sie den automatisch ausgewählten Track und dessen Dauer. Im darunter angeordneten Feld Preset: wählen Sie entweder eine neue Einstellung für das Transkodieren aus oder übernehmen die Vorgaben. Mit Letzteren transkodiert Handbrake den Film auf der BD als MP4-Datei (Abbildung 4).
Zusätzlich zu den Grundeinstellungen aktivieren Sie weitere Optionen über die Schalterleiste, die sich mittig horizontal im Programmfenster befinden. Vor allem Audio und Untertitel bieten viele Möglichkeiten, die Zieldatei anzupassen. Optional fügen Sie über die Gruppe Audio dem Film zusätzlich zur Tonspur weitere Audiotracks hinzu. Die speichert die Software mit in der Containerdatei ab, von wo sie sich beim Abspielen des transkodierten Films in VLC auch einzeln anwählen lassen. Zudem übernehmen Sie über Untertitel auch eventuell vorhandene Untertitelspuren mit in den Container, die Sie beim Abspielen in VLC ebenfalls ab- und zuschalten können.
Um zu prüfen, ob alle Anpassungen Ihren Vorstellungen entsprechen, starten Sie mit Show Preview eine zeitlich begrenzte Vorschau.
Speicherplatz
Bei der Konfiguration von Handbrake empfiehlt es sich, den Speicherbedarf im Auge zu behalten. Während eine herkömmliche Spielfilm-DVD als transkodierte MKV-Datei zwischen 0,7 und 2 GByte Datenumfang hat, benötigen Sie für einen in Full-HD-Auflösung transkodierten Film von einer BD zwischen 25 und 40 GByte Speicherplatz. Bei BDs mit noch höherer Auflösung fallen pro Datei auch mehr als 50 GByte an.
Möchten Sie mehrere Disks rippen, empfiehlt es sich deswegen, die transkodierten Inhalte auf externen Datenträgern abzulegen, wie etwa einem NAS. Generell steigt der Speicherplatzbedarf bei Beschädigungen auf dem optischen Datenträger. In diesem Fall muss der Transkoder aufgrund der Fehlerkorrektur mehr Daten in der Datei sichern als bei tadellosen Speichermedien, was den Umfang weiter aufbläht. Kaum eine Rolle spielt hingegen die Anzahl der Untertitel- und Tonspuren bei Filmen: Sie wirken sich nur minimal auf den benötigten Gesamtspeicher aus.
Nach Abschluss der Einstellungen starten Sie den Transkodiervorgang durch einen Klick auf Start Encoding. Anschließend müssen Sie sich, sofern Sie nicht über einen topaktuellen Hochleistungsrechner verfügen, insbesondere bei hochauflösenden Transkodierungen in Geduld üben. Handbrake benötigt auf durchschnittlichen Rechnern durchaus mehrere Stunden, um einen Film auszulesen und zu sichern.
Selbst auf modernen Desktop-Rechnern mit Core-i7-Prozessoren lastet dieser Vorgang in der Regel alle Prozessorkerne annähernd vollständig aus. Erst bei einer Maschine der Intel-“Skylake”-Generation lag im Test die Prozessorlast zeitweise so niedrig, sodass sich an der Workstation nebenbei noch halbwegs flüssig arbeiten ließ (Abbildung 5). Generell sollten Sie das Transkodieren deshalb in die Nachtstunden verlagern, wenn Sie den Rechner nicht anderweitig benötigen.
Um den Transkodiervorgang vorübergehend anzuhalten, klicken Sie auf Pause Encoding. Der Vorgang lässt sich dann zu einem späteren Zeitpunkt durch einen Klick auf Resume Encoding fortsetzen.
Probleme
Treten vor oder während des Transkodierens Probleme auf, hilft Ihnen eine Protokollfunktion dabei, diese zu lokalisieren. So kommt es etwa vor, dass Handbrake bei zerkratzten BD-Medien einzelne Sektoren oder Bereiche der Blu-ray-Disk mehrfach lesen muss, was sich in entsprechenden Angaben in der Protokolldatei niederschlägt. Die erreichen Sie durch einen Klick auf Show Activity oben rechts im Programmfenster. Handbrake weist durch entsprechende Einträge in dieser Datei auch auf fehlende Bibliotheken für das Abtasten der Inhalte hin (Abbildung 6).
Fazit
Endlich lassen sich auch unter Linux kommerzielle und mit Kopierschutzmechanismen eingeschränkte Blu-ray-Disks ansehen und transkodieren. VLC und Handbrake entpuppen sich dabei als flexibel und zuverlässig arbeitendes Duo, mit dem sich für den Privatgebrauch auch Sicherungskopien von Video-BD-Disks anfertigen lassen. Allerdings empfiehlt es sich speziell beim Einsatz von Handbrake, entsprechend leistungsfähige Hardware zu besitzen: Die Software zwingt ältere Computersysteme durch einen speziell bei hohen BD-Auflösungen sehr anspruchsvollen Ressourcenbedarf schnell in die Knie.
Auch beim Massenspeicherbedarf stoßen von einer Video-BD transkodierte Inhalte in neue Dimensionen vor: So kommen schon mit wenigen Dutzend Medien transkodierte Datenmengen von mehr als einem Terabyte zusammen. Dafür erhalten Sie sauber transkodierte Dateien, die bei Auflösung und Audioqualität den Originalen kaum nachstehen und den technischen Abstand im Vergleich zu Video-DVDs deutlich sichtbar machen.
Infos
- Handbrake: https://handbrake.fr
- VLC: https://www.videolan.org/index.de.html
- CSS: http://www.dvdcca.org/css.aspx
- AACS-Verfahren: https://aacsla.com
- BD+: http://www.bdplusllc.com
- Schlüsseldateien: https://vlc-bluray.whoknowsmy.name








