Viele Vereine und Projekte in Deutschland und anderswo retten alte Hardware vor dem achtlosen Wegwerfen. Sie spenden die Hardware für Bedürftige und sorgen so für einen nachhaltigen Einsatz der Ressourcen.
Eine gedankenlose Wegwerfkultur und der Wunsch nach immer leistungsfähigeren Computern sorgen für einen wachsenden Berg an vermeintlich zu alter und nicht mehr zeitgemäßer Hardware. Der Autor bekennt sich dabei ebenfalls zur Unsitte, ständig aktuelle Hardware besitzen zu wollen. Das hat global gesehen allerdings drastische Folgen: Wie aus einer jüngst erschienenen Studie [1] hervorgeht, entstehen jährlich weltweit rund 50 Millionen Tonnen Elektroschrott.
Dabei vermeidet praktizierte Nachhaltigkeit in diesem Umfeld nicht nur Müll: Durch Projekte, die gebrauchte Hardware weitergeben, profitiert darüber hinaus der Teil der Bevölkerung, der nicht in der Lage ist, halbwegs aktuelle und zum Teil überhaupt Computer zu finanzieren. Insofern unterstützen diese Aktionen den Grundsatz, dass jedes Mitglied der Gesellschaft Zugang zu IT haben sollte.
Verteilt über den deutschsprachigen Raum gibt es einige Projekte, die Rechner als Spenden entgegennehmen, sie im Bedarfsfall aufarbeiten, Linux als Betriebssystem aufspielen und die Computer an bedürftige Menschen weitergeben. Wir stellen zwei dieser Projekte vor, die jeweils einen ganz unterschiedlichen Ansatz gewählt haben.
Angestöpselt e.V.
Der in Würzburg beheimatete, als gemeinnützig anerkannte Verein Angestöpselt e.V. [2] überholt seit 2011 nach dem Vorbild der Computerspende Hamburg ihm überlassene Computer und verteilt sie an Bedürftige. Das Projekt bezeichnet sich selbst auch als Verein für Digitalkompetenz, was auf Aktivitäten verweist, die über das Verschenken gebrauchter Hardware hinausgehen.
Wegen des rapiden Wachstums des Vereins musste er bereits zwei Mal umziehen. Der Keller eines der Gründer war schnell zu klein, und 2018 stand erneut ein Umzug in größere Räumlichkeiten an (Abbildung 1). Bisher ermöglichte der von rund 50 ehrenamtlichen Mitgliedern getragene Verein bereits rund 2500 Menschen mit einer Hardware-Spende den Zugang in die digitale Welt.
Das Engagement von Angestöpselt e.V. reicht aber weit über Würzburg hinaus. So unterstützten die Mitglieder mit einigen Laptops die Aktion Liebe im Karton [3], die zu Weihnachten 2018 Geschenke für Kinder in Syrien sammelte.

Abbildung 1: Das Angebot von Angestöpselt e.V. findet so viel Zuspruch, dass der Verein 2018 zum zweiten Mal in größere Räume umziehen musste.
Ab Intel Dual Core
Spenden gebrauchter, aber noch funktionsfähiger Hardware von privat oder aus Unternehmen sind beim Würzburger Verein gerne gesehen. Dabei sollten die Desktop-PCs oder Notebooks nicht älter als acht Jahre sein und mindestens über eine Intel-Dual-Core- oder AMD-Athlon-64-CPU sowie Hauptspeicher nach dem Standard DDR verfügen (Abbildung 2). Bei Monitoren nimmt der Verein aufgrund geringer Kapazitäten im Lager nur TFT-Displays an (Abbildung 3). Gespendete Drucker müssen unbedingt funktionsfähig sein und über mindestens halbvolle Tintenpatronen verfügen. Neben Hardware sind Spenden auch in Form von Software oder Geld möglich.

Abbildung 2: Hier wartet viel Arbeit: Das Lager des Angestöpselt e.V. ist gut mit gespendeten Rechnern gefüllt.

Abbildung 3: Monitore führt der Verein ebenfalls einer Zweitverwertung zu. Allerdings nehmen die Mitglieder aus Platzgründen nur TFT-Displays an.
Anschließend arbeiten die Mitglieder die Hardware auf, sofern nötig und möglich, und versehen die Rechner mit Linux als Betriebssystem, bevor sie sie weitergegeben. Als bedürftig gelten Empfänger von Arbeitslosengeld, Rentner, Flüchtlinge, Behinderte und Schüler sowie Studenten. Darüber hinaus arbeitet der Verein Organisationen zu, die selbst gemeinnützige oder mildtätige Zwecke erfüllen.
Da die Anträge auf Hardware oft das Aufkommen an Spenden übersteigen, betragen die Wartezeiten üblicherweise zwischen drei Wochen und drei Monaten. Neben der Weitergabe von Hardware bietet der Verein an, Bedürftigen defekte Hardware zu reparieren. Wer vom Verein Hardware erhalten hat und sich fragt, worum es sich bei diesem Linux auf dem Rechner eigentlich handelt, der hat die Möglichkeit, an einem der regelmäßig abgehaltenen Kurse teilzunehmen, um entsprechende Fragen zu klären.
CoderDojo
Wie bereits angedeutet versorgt der Angestöpselt e.V. aber nicht nur Bedürftige mit aufgearbeiteter Hardware: Seit 2017 gehört auch das Projekt CoderDojo [4] zum Verein (Abbildung 4). Dort können Jugendliche in diversen Workshops das Programmieren erlernen. CoderDojo ist eine weltweite Bewegung für kostenlose, durch ehrenamtliche Helfer unterstützte Programmiertreffen für junge Menschen.

Abbildung 4: In diesem Raum nehmen die Mitglieder die Spenden an, überarbeiten Hardware und schicken diese mit Linux versehen in ein zweites Leben.
Das Dojo wird von Studierenden der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt als freiwilliges soziales Projekt organisiert und von der Hochschule gefördert. Das Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche von 9 bis 17 Jahren. Dabei reicht das Spektrum von der Einführung von unerfahrenen Anfängern über bereits anfänglich geübte Anwender bis hin zu Fortgeschrittene, die ihren Kenntnisstand erweitern möchten.
Eine weitere Verbindung besteht zwischen Angestöpselt e.V. und dem Freifunk Franken [5]: Dessen Firmware versorgt auf einem Router in den Räumlichkeiten des Vereins die Mitglieder und Besucher mit freiem WLAN-Zugang. Vorstandsmitglied Florian Helmerich berichtet im Interview von seinem Engagement bei Angestöpselt e.V. (siehe Kasten “Florian Helmerich”).
Florian Helmerich
LinuxUser: Wie lange arbeitest Du schon im Verein?
Florian Helmerich: Ich bin seit fünf Jahren Mitglied im Verein Angestöpselt e.V. in Würzburg. Ein guter Freund war schon länger dort tätig und hat mein Interesse an einer Mitarbeit geweckt. In der Anfangszeit halfen wir in der Werkstatt, reinigten gespendete Computer, löschten die Festplatten und installierten Ubuntu. Seit drei Jahren bin ich im Vorstand tätig.
LU: Welche Aufgaben hast Du noch im Verein?
FH: Neben den genannten Aufgaben administriere ich einen Proxmox-Server und halte die Website instand. Außerdem versuche ich Spenden zu akquirieren und repräsentiere den Verein auf Veranstaltungen.
LU: Wann bist Du selbst das erste Mal mit Linux in Berührung gekommen?
FH: Meine erste Begegnung mit Linux fand auf dem ersten von mir im Verein installierten Computer statt. Der Schlüsselmoment für meine Begeisterung für Linux kam, als wir von der Installation von optischen Medien auf die Installation per Netzwerk (PXE) wechseln wollten. Dazu benötigten wir einen Linux-Server. Gestaltete sich der Umgang mit der Server-Version von Ubuntu anfangs schwierig, funktionierte es nach intensiver Beschäftigung und dem Studium einiger Anleitungen dann doch problemlos.
LU: Hat sich diese Begegnung auf andere Bereiche Deines Lebens ausgewirkt?
FH: Der Spaß mit Linux zu arbeiten, hielt an, weshalb ich 2017 eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration begann. Dabei administriere ich zahlreiche Linux-Server. Die Ausbildung macht nach wie vor sehr großen Spaß, und ich bereue keinesfalls die Entscheidung, Linux-Administrator zu werden.
LU: Aus welchem Grund setzt Ihr im Verein Linux ein?
FH: Aufgrund der sehr unterschiedlichen Hardware der Rechner: Hier ist Linux klar im Vorteil, gerade wenn es um ältere Geräte geht. Windows kommt schon wegen der damit verbundenen Lizenzkosten nicht infrage. Wir haben uns aufgrund der Bekanntheit und der einfachen Bedienung für Ubuntu als Distribution entschieden – bei Fragen oder Problemen finden sich im Internet dazu zahlreiche Informationen. Um unseren Kunden eine mühsame Neuinstallation zu ersparen, installieren wir ausschließlich die aktuelle LTS-Version mit Langzeitunterstützung.
Faircomputer
Das in Rüti in der Schweiz ansässige Projekt Faircomputer [6] wird von Marcus Möller (siehe Kasten “Marcus Möller”) geführt, dem ehemaligen Leiter des Schweizer Ubuntu-Teams. Es handelt sich um einen Verein nach Schweizer Recht, der sich der Zweitverwertung hauptsächlich von Notebooks für bedürftige Schüler und Studierende widmet, aber auch von Smartphones mit freier Software. Darüber hinaus gibt es einen Reparaturdienst für die gebrauchten Geräte (Abbildung 5).

Abbildung 5: In den Räumlichkeiten von Faircomputer bereiten zwei Vereinsmitglieder ein Notebook auf sein zweites Leben vor.
Das Projekt kommt über eine Zusammenarbeit mit dem Schweizer Ableger des Projekts Labdoo [7] an die Geräte. Es handelt sich dabei um Spenden von privat und aus Unternehmen. Das weltweit agierende Netzwerk Labdoo setzt sich für einen offenen Zugang zu Bildung und elektronischen Medien ein. Es bietet auf seiner Webseite instandgesetzte Geräte an und gibt diese kostenfrei weiter.
Der im September 2018 gegründete Verein Faircomputer, bei dem sich derzeit drei Menschen engagieren, hat bisher bereits über 50 Laptop-Spenden entgegengenommen und 15 aufgearbeitete Geräte an Interessierte weitergeben. Dabei statten die Mitglieder die älteren Geräte mit Debian und dem auf KDE 3 basierenden Trinity-Desktop aus, während bei aktuelleren Modellen XFCE als Desktop zum Zug kommt.
Marcus Möller
LinuxUser: Welchen Background hast Du in Bezug auf IT und insbesondere freie Software?
Marcus Möller: Ich habe über 25 Jahre Erfahrungen im Bereich GNU/Linux und bin aktuell als Freelancer in Österreich, der Schweiz und in Süddeutschland tätig. Als langjähriger Leiter des Schweizer Ubuntu-Teams und aktiver Country Coordinator der FSFE (Free Software Foundation Europe) engagiere ich mich außerdem privat für freie Software.
Mein Interesse für Computer, die vollständig mit freier Software funktionieren, zeigt sich unter anderem bei meinem Einsatz für das Libreboot-Projekt, bei dem ich an der Implementation eines vollständig freien Computer-BIOS arbeite. Nach meinen Vorstellungen sollte jeder Mensch einen uneingeschränkten Zugang zu Computern und Informationen erhalten und diese selbstbestimmt nutzen können.
LU: Kannst Du uns erzählen, wie Du zu dem Verein gekommen bist?
MM: Mit meinem aktuellen Projekt Faircomputer möchte ich die nachhaltige Nutzung von elektronischen Geräten fördern und zur Verbreitung von GNU/Linux im Bildungsumfeld beitragen. Bewogen dazu hat mich meine Tätigkeit als Projektleiter an der ETH Zürich, die ich bis 2018 ausgeübt habe. Die Studierenden zeigten nach meinen Erfahrungen ein starkes Interesse an Laptops mit GNU/Linux und hatten ein ausgeprägtes Bewusstsein für den nachhaltigen Umgang mit wertvollen Ressourcen.
Fazit
Der wachsende Berg an Elektroschrott ist ein deutliches Zeichen für den sorglosen Umgang mit wertvollen Ressourcen. Dem stehen Projekte wie die beiden hier vorgestellten mit einem Ansatz von mehr Nachhaltigkeit entgegen. Dass sie darüber hinaus Menschen die Teilnahme am digitalen Leben ermöglichen, gehört zu den positiven Nebeneffekten.
Glossar
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Dojo
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Aus dem Japanischen, wörtlich: “Ort des Wegs”. Raum oder Einrichtung für intensives Lernen, Meditation oder Kampfsporttraining.
Infos
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Elektroschrott: https://futurezone.at/science/jaehrlich-entstehen-weltweit-50-millionen-tonnen-elektroschrott/400387841
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Angestöpselt e.V.: https://www.angestoepselt.de
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Liebe im Karton: https://www.liebe-im-karton.de
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CoderDojo: https://www.angestoepselt.de/coderdojo/
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Freifunk Franken: https://wiki.freifunk-franken.de/w/Hauptseite
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Faircomputer: https://faircomputer.ch







