Arch-Linux-Derivat für Einsteiger

Aus LinuxUser 06/2018

Arch-Linux-Derivat für Einsteiger

© Martin Wendler, Project Photos

Die Wüste lebt

Namib Linux aus Neuseeland wetteifert mit Manjaro darum, Arch Linux so einfach wie möglich zu machen.

Die Zahl der Derivate von Arch Linux steigt ständig. Derzeit lassen sich etwa 30 aktive Projekte zählen, etwa genauso viele schliefen im Verlauf der letzten zehn Jahre wieder ein. Laut Distrowatch.com erfreuen sich die Arch-Ableger großer Beliebtheit, Manjaro steht dort aktuell sogar auf Platz 1 des Rankings.

Unter den Top 20 finden sich zudem noch Antergos und mit Arch Linux auch das Original. Dass einige Ableger aber sogar vor dem Original liegen, zeigt, dass Arch Anfänger vor hohe Hürden stellt. Weit oben auf der Beliebtheitsskala liegen außerdem Archbang, Chakra und RaspArch für den Raspberry Pi. Das vielversprechende Apricity fand hingegen Mitte letzten Jahres ein Ende.

Arch einfach

Der Neuzugang Namib Linux tritt unter dem Slogan “Arch Linux Made Simple” an [1]. Hinter der Distribution steckt die Gruppe Meerkat Software aus Neuseeland. Seit der ersten Ausgabe von Namib im September 2017 gab es insgesamt vier Veröffentlichungen der Distribution. Die ersten drei beschränkten sich auf Maté als Desktop-Umgebung (Abbildung 1).

Abbildung 1: Als Standard-Desktop von Namib Linux dient der Gnome-Abkömmling Maté im Gnome-2-Stil.

Abbildung 1: Als Standard-Desktop von Namib Linux dient der Gnome-Abkömmling Maté im Gnome-2-Stil.

Mit der Herausgabe von Namib Linux 18.02 vom Februar gibt es nun auch Varianten mit KDE Plasma, Gnome und XFCE. Die zwischen 1,5 und 2,3 GByte großen Images [2] sind als Live-Medien ausgelegt, sodass Sie Namib Linux testen können, ohne den eigenen Rechner zu verändern.

Jedes Arch-Derivat muss sich die Frage gefallen lassen, was es anders macht als das Original, und was dabei von diesem übrig bleibt. Arch besitzt den Ruf, Anfängern viele Steine in den Weg zu legen: Es gilt, sich mit vielen neuen Begriffen und Konzepten vertraut zu machen, denn Arch verlangt während der Installation und Konfiguration viele Entscheidungen, die man nur mit entsprechendem Hintergrundwissen richtig treffen kann.

Nah am Original

Diese Hürden senken die meisten Derivate durch eine grafische Installationsroutine, die das System in wenigen Minuten aufsetzt, ohne aber individuelle Freiheiten zu gewähren. Das gilt auch für Namib, das sich für diese Aufgabe auf das immer beliebtere Installer-Framework Calamares verlässt. Dabei richtet Namib neben einer guten Auswahl an Paketen auch alle benötigten Hardware-Treiber und Multimedia-Codecs ein.

Was bleibt dabei von Arch Linux übrig? Auf den ersten Blick das Prinzip des Rolling Releases sowie der Paketmanager, der sofort nach der Installation rund 300 Pakete zur Aktualisierung anbietet (Abbildung 2). Kommt bei Arch dabei vorzugsweise die Reinform in der Gestalt von Pacman auf der Kommandozeile zum Einsatz, so bietet Namib seinen Anwendern hier standardmäßig die grafische Variante Pamac an. Daneben funktioniert auch Pacman direkt im Terminal.

Abbildung 2: Nach der Installation hält Namib in der Maté-Variante eine angemessene Auswahl an Programmen und verschiedene Kernel-Spielarten bereit.

Abbildung 2: Nach der Installation hält Namib in der Maté-Variante eine angemessene Auswahl an Programmen und verschiedene Kernel-Spielarten bereit.

Sinnvolle Paketauswahl

Im Praxistest musste sich Namib in der Ausführung mit Maté als Desktop beweisen, zudem nahmen wir auch die Plasma-Variante unter die Lupe. Die aktuelle Version kommt mit Kernel 4.15 und Systemd 238. Fürs Büro bringt die Maté-Spielart LibreOffice und den Dokumentenbetrachter Atril mit. Ins Internet geht es mit dem aktuellen Firefox 59, für E-Mail greifen die Entwickler auf Thunderbird in der Version 52.7 zurück.

Zur Nutzung des Torrent-Netzwerks steht Transmission bereit. In der Abteilung Multimedia finden sich Anwendungen wie MPV für Video und Rhythmbox für Audio. Falls Sie noch optische Medien nutzen, steht Brasero zum Brennen bereit. Die Bildbearbeitung übernimmt der Klassiker Gimp. als Bildbetrachter kommt Eye of Maté zum Einsatz, hinzu kommen die mit Maté ausgelieferten kleinen Zubehöranwendungen. Proprietäre Grafikkartentreiber spielt Namib bereits bei der Installation des Systems ein.

Repositories

Namib nutzt neben einer kleinen eigenen Paketquelle die Arch-Repositories Core, Extra, Community und Multilib direkt und ohne Filter. Damit hält es sich, was die Aktualität der Pakete angeht, sehr nah am Original.

Aus dem hauseigenen Namib-Repository stammen hauptsächlich die Pakete für Administrationswerkzeuge wie Settings und Hardwareerkennung, die ursprünglich aus dem Fundus von Manjaro stammen. Neugierigen Naturen bietet das manuell in der Datei /etc/pacman.conf aktivierbare Testing-Repository eine Vorschau auf kommende Neuerungen. In der Steuerzentrale (Abbildung 3) schalten Sie unter Software-Aktualisierungen bei Bedarf auch das Arch User Repository (AUR) frei (Abbildung 4).

Abbildung 3: Die Steuerzentrale fasst unter dem Maté-Desktop alle Einstellungsmöglichkeiten zusammen.

Abbildung 3: Die Steuerzentrale fasst unter dem Maté-Desktop alle Einstellungsmöglichkeiten zusammen.


Abbildung 4: In den Einstellungen des Paketmanagers schalten Sie auch das AUR frei. Das sollten jedoch nur erfahrene Anwender tun.

Abbildung 4: In den Einstellungen des Paketmanagers schalten Sie auch das AUR frei. Das sollten jedoch nur erfahrene Anwender tun.

Einfache Bedienung

Beim Start des Live-Images lädt automatisch die Installationsroutine. Möchten Sie sich zunächst nur umsehen, klicken Sie deren Fenster weg.

Die Bedienung des Systems fällt nicht weiter schwer und funktioniert hauptsächlich per Rechtsklick: Steuern Sie damit eine im Hauptmenü aufgelistete Anwendung an, lässt sich eine Verknüpfung in der Favoritenliste oder auf dem Desktop platzieren. Ein entsprechender Klick auf das Panel ermöglicht, dessen Eigenschaften zu ändern oder Applets hinzuzufügen. Ein Rechtsklick auf den Desktop schließlich lässt Sie Ordner, Dokumente und Programmstarter erstellen, ein Terminal öffnen oder Details des Desktops anpassen.

Gut gefällt die Möglichkeit, mehrere Kernel unter einer grafischen Oberfläche zu verwalten. Diese von Manjaro übernommene Funktion arbeitet nicht ganz fehlerfrei, da der aktuelle Kernel gleich mehrmals erscheint. Das beeinträchtigt allerdings nicht die Funktionalität, die das Installieren und Wechseln von Kerneln erleichtert. So führt das Programm beispielsweise für gehobene Sicherheitsansprüche einen speziell gehärteten Kernel im Angebot.

Die KDE-Plasma-Variante von Namib baut diese Funktion als Modul in die Systemeinstellungen ein. Darüber hinaus umfasst der vorinstallierte Software-Pool wesentlich mehr Anwendungen als bei Maté. Ein Blick ins Hauptmenü lässt vermuten, dass hier KDE-Full zum Einsatz kommt (Abbildung 5). So meldet das System gleich nach dem Start fast 600 anstehende Updates. Weiter stechen die vielen Anwendungen aus dem Bildungs- und Entwicklungsbereich hervor.

Abbildung 5: Die Plasma-Variante von Namib Linux bietet wesentlich mehr Software als jene mit Mat&eacute;. &Uuml;ber <span class="ui-element">Discover</span> l&auml;sst sich der Bestand inklusive der Plasmoids genannten Erweiterungen f&uuml;r das Panel &uuml;bersichtlich verwalten.

Abbildung 5: Die Plasma-Variante von Namib Linux bietet wesentlich mehr Software als jene mit Maté. Über Discover lässt sich der Bestand inklusive der Plasmoids genannten Erweiterungen für das Panel übersichtlich verwalten.

Fallstricke

Da sich Namib Linux direkt aus den Paketquellen von Arch Linux bedient, erbt es auch dessen Fallstricke. Für nicht so sattelfeste Anwender zählt dazu beispielsweise Pacnew: Dabei verhindert eine Pacnew-Datei bei einer Aktualisierung das Überschreiben einer bereits existierenden, vom Nutzer veränderte Konfigurationsdatei.

Bei Debian muss der Anwender in dieser Situation sofort entscheiden, was das System machen soll, und liegt mit dem Bestätigen per Eingabetaste fast immer auf der richtigen Seite. Bei Arch und Namib weist das System während des Upgrades lediglich auf die Erstellung einer Pacnew-Datei hin. Sie müssen danach entscheiden, welche Datei Sie aktivieren wollen oder ob Sie beide zusammenführen möchten.

Setzen Sie hier aufs falsche Pferd, drohen ernsthafte Konfigurationsfehler; oft funktioniert die Software dann überhaupt nicht mehr. Das steht in krassem Gegensatz zur ansonsten so simplen Bedienung des Systems und erfordert einiges Hintergrundwissen.

Fazit und Ausblick

Namib bewahrt das Rolling-Release-Prinzip von Arch Linux und dessen Paketmanagement. Wer aber nicht auf der Kommandozeile arbeiten möchte, der muss das auch nicht. Es orientiert sich stärker an Arch Linux als Manjaro – was sich, je nach Kenntnisstand des Anwenders, positiv wie negativ auswirken kann. Trotzdem geht das typische Arch-Feeling verloren, was aber auch auf viele andere Arch-Derivate zutrifft. Ansonsten bereitete uns die Distribution beim Test keine Probleme.

Was unterscheidet Namib von Manjaro? Zwar steht das gesamte Arch-Wiki zur Verfügung, doch es fehlt der Support im noch nicht sehr gut besiedelten Forum. Namib muss erst noch eine Community rund um die Distribution aufbauen. Ob die Distribution im mittlerweile breiten Angebot von Arch-Derivaten langfristig überleben kann, erscheint mangels herausragender Eigenschaften derzeit fraglich. 

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