Siduction 2018.1.0 im Test

Aus LinuxUser 03/2018

Siduction 2018.1.0 im Test

© Domenico Gelermo, 123RF

Verführerisch

Siduction fügt Debians Unstable-Zweig “Sid” zu einer Distribution leicht abseits des Mainstreams zusammen.

Wer sich als Umsteiger von Ubuntu oder Linux Mint nach einer anderen Distribution umsieht, der wirft gern einen Blick auf Debian. Es lockt dessen sprichwörtliche Stabilität, die Debian allerdings auch mit gut abgehangener Software erkauft. Das gilt zumindest für Debians “Stable”-Zweig, den einzigen, den das Projekt veröffentlicht.

Für das konkrete Beispiel LibreOffice bedeutet das beispielsweise Folgendes: Aktuell wäre LibreOffice 5.4.4; das derzeit aktuelle Debian 9 “Stretch” führt LibreOffice 5.2.7 im Archiv – diese Version der Bürosuite wurde vor rund einem Jahr veröffentlicht. Es finden sich aber durchaus auch noch ältere Pakete in den Repositories von Debian 9. Die Situation lässt sich mit Backports zwar abmildern, doch erhält man längst nicht jede Anwendung auf diesem Weg.

Andernorts findet sich bereits LibreOffice 6 in den Archiven, wie etwa bei OpenSuse Tumbleweed, Arch Linux und Debian “Unstable”. Bei Letzterem, es trägt den Spitznamen “Sid“, handelt es sich um den Entwicklungszweig von Debian, der das Projekt weder veröffentlicht noch sonderlich unterstützt.

Verführerisch

Hier springt Siduction [1] in die Bresche: Die Distribution auf der Basis von Debian “Sid” bietet aktuelle Pakete und Unterstützung auf mehreren Ebenen. Seit sieben Jahren veröffentlicht das Projekt diese Rolling-Release-Distribution. Einige der Beteiligten arbeiten aber bereits seit kurz nach der Jahrtausendwende zusammen, als Kanotix [2] die erste und seinerzeit einzige Distribution auf der Basis von “Sid” war. Der Name Siduction, ein Wortspiel, setzt sich aus den Begriffen “Sid” und “Seduction” (Verführung) zusammen.

An Silvester 2017 gaben die Entwickler Siduction 2018.1.0 heraus und liefern eigenständige Images mit den Desktop-Umgebungen Cinnamon 3.4.6 (Abbildung 1), Gnome 3.26, KDE 5.10.5, LXQt 0.12.0, LXDE 0.99.2, Maté 1.18.3 und XFCE 4.12.4 aus. Daneben gibt es noch die Varianten Xorg und NoX. Ersteres bringt einen X-Server-Stack und Fluxbox als Window-Manager mit, Letzteres kommt ganz ohne X daher und lässt dem Anwender völlig freie Hand bei der Ausgestaltung seines Systems.

Abbildung 1: Der Cinnamon-Desktop bietet ein im Vergleich zu KDE Plasma oder Gnome eher traditionelles Menü an.

Abbildung 1: Der Cinnamon-Desktop bietet ein im Vergleich zu KDE Plasma oder Gnome eher traditionelles Menü an.

Die Images basieren auf einer Momentaufnahme von Debian “Unstable” vom 29.12.2017. Die Siduction-Entwickler erweiterten den Snapshot mit einigen nützlichen Paketen und Skripten, zwei Installern, einer angepassten Version des Kernels 4.14.10 sowie dem X-Server 1.19.5 und Systemd 236. Die Paketauswahl umfasst neben den nativen Anwendungen der jeweiligen Desktops den Webbrowser Firefox, die Bürosuite LibreOffice und das Desktop-Wiki Zim. Die Auswahl der weiteren gewünschten Anwendungen obliegt größtenteils dem Anwender.

Zwei Installer

Bei den beiden Installern von Siduction handelt es sich um eine grafische Variante auf Basis des Calamares Installer Frameworks (Abbildung 2) und um einen Textinstaller auf der Basis von Ncurses (Abbildung 3).

Abbildung 2: Der Startbildschirm von Calamares bietet eine Übersicht über die einzelnen Schritte.

Abbildung 2: Der Startbildschirm von Calamares bietet eine Übersicht über die einzelnen Schritte.


Abbildung 3: Der CLI-Installer lässt mehr Freiheiten bei der Wahl der genutzten Werkzeuge.

Abbildung 3: Der CLI-Installer lässt mehr Freiheiten bei der Wahl der genutzten Werkzeuge.

Der Calamares-Installer, dessen Icon auf dem Desktop prangt, erledigt die meisten Aufgaben rund um das Partitionieren und Installieren mit Bravour, inklusive UEFI-Installationen. Allerdings beherrscht er keine verschlüsselten Installationen mit LVM und LUKS. Hier kommt der Textinstaller namens Cli-installer ins Spiel. Er übernimmt ein vorbereitetes LVM samt LUKS und nimmt die Installation vor [3]. Die nächste Version des in Calamares eingebundenen Partitionsmanagers (respektive dessen Herzstück Kpmcore) soll die Möglichkeit bringen, verschlüsselte Systeme auch mit dem grafischen Installer aufzusetzen.

Unterscheidungsmerkmale

Siduction unterscheidet sich in einigen wichtigen Punkten von Debian. So pflegt die Distribution einen eigenen Kernel, den das Projekt immer sehr zeitnah zum Mainline-Kernel aktualisiert. So erscheinen manchmal pro Woche drei neue Kernel, etwa wenn es gilt, Sicherheitslücken zu schließen – so auch im Fall der kürzlich bekannt gewordenen katastrophalen Sicherheitslücken Meltdown und Spectre, die in fast allen Prozessoren der letzten 15 Jahre schlummern.

Siduction war hier über den gesamten Zeitraum, in dem die Patches gegen diese Bedrohung erschienen, stets eine der ersten Distributionen, die Schutz erhielten. Wegen der großen Zahl an Kerneln, die bei Siduction schnell eine Menge Platz belegen, liefert die Distribution ein kleines Werkzeug namens Kernel-Remover mit aus, das es erlaubt, Kernel zu markieren und dann automatisch zu entfernen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Mit dem Kernel-Remover entfernen Sie nicht mehr benötigte Kernel im Handumdrehen.

Abbildung 4: Mit dem Kernel-Remover entfernen Sie nicht mehr benötigte Kernel im Handumdrehen.

Ein weiterer gewichtiger Unterschied zu Debian liegt in der Handhabung von unfreier Software. Dabei geht es um Firmware und Treiber, um während der Installation die Hardware in vollem Umfang zu erkennen und zu aktivieren. Das ermöglicht, dass beispielsweise bereits live und während der Installation eine WLAN-Verbindung besteht, wenn gerade kein Kabel zur Hand ist.

Bei Debian gab es kürzlich zum wiederholten Male eine wochenlange Diskussion der Entwickler über dieses Problem [4], das die Anwender von Debian-Installationsmedien regelmäßig vor Probleme stellt. Zwar gibt es halboffizielle Images, die unfreie Treiber und Firmware enthalten. Allerdings propagiert das Projekt sie nicht öffentlich, sodass selbst einige Entwickler nicht wussten, wo man diese findet. Die Diskussion verlief dann im Sand: Es fanden sich nicht genügend Entwickler, um eine praktikable Lösung bereitzustellen.

Kleine Teams haben es da wesentlich leichter: Die Siduction-Entwickler beschlossen bereits Ende 2016, hier aus praktischen Gründen von der Debian-Linie abzuweichen und es dem Anwender zu ermöglichen, die Hardware bei der Installation vollständig einrichten zu lassen. Dazu liefert das Projekt Treiber, Firmware und Mikrocode bereits auf den Images mit aus; die Release Notes [5] zu Siduction 2018.1.0 führen alle ausgelieferten Non-Free-Komponenten auf. Auf proprietäre Grafikkartentreiber verzichtete das Projekt, da die Grafikkarten mit den mitgelieferten freien Treibern funktionieren. Hier obliegt die Installation dem Anwender selbst.

Zu den Non-Free-Bestandteilen zählen auch Patches gegen die Lücken Meltdown und Spectre. Wenige Tage nach deren Bekanntwerden haben Intel und AMD neue Mikrocodes veröffentlicht, die in begrenztem Rahmen zur Laufzeit Mikrobefehle in den Prozessor einspeisen können [6]. Auf diesem Weg versuchen die CPU-Hersteller die Auswirkungen der Lücken einzudämmen.

Diese Binärpakete sind unfrei und lassen sich nur bei aktiviertem Non-Free-Repository einrichten. Das ist bei Siduction ebenso standardmäßig freigeschaltet wie Contrib. In Contrib finden sich freie Pakete, die unfreie Komponenten als Abhängigkeit nachziehen. Auf diese Weise erhalten auch technisch weniger versierte Anwender diese wichtigen Korrekturen der Mikrocodes automatisch bei einem Full-Upgrade.

Apropos Upgrade: Bei Siduction handelt es sich um eine Rolling-Release-Distribution, die täglich durch vier Synchronisationen des Debian-Archivs eine mehr oder weniger hohe Zahl an aktualisierten und neuen Paketen erhält. Das bewegt sich im Rahmen von 10 bis gelegentlich 200 MByte und mehr pro Tag. Deshalb ist es wichtig, Siduction stets aktuell zu halten. Die Entwickler empfehlen, Full-Upgrades mindestens im Wochenrhythmus vorzunehmen.

Der virtuelle Stallman

Der Siduction-Installer überlässt Ihnen die Entscheidung, ob Sie unfreie Komponenten übergehen oder verwenden möchten. Die entsprechenden Komponenten lassen sich sowohl vor als auch nach der Installation entfernen. Der Befehl vrms (“Virtual Richard M. Stallman”) aus dem gleichnamigen Paket zeigt, welche unfreien Pakete installiert würden oder es bereits sind.

Dieses Debian-Paket lässt sich auch unabhängig von Siduction installieren, um anzuzeigen, welche Pakete aus den Repositories contrib und non-free in einem System vorliegen (Abbildung 5). Über das Kommando apt purge $(vrms -s) entfernen Sie vor oder nach der Installation alle unfreien Anteile.

Abbildung 5: Vrms, der virtuelle Richard M. Stallman, klärt über unfreie Software im System auf.

Abbildung 5: Vrms, der virtuelle Richard M. Stallman, klärt über unfreie Software im System auf.

Anderer Ansatz

Wenn Sie sich bis hierher von dem Begriff Unstable nicht haben abschrecken lassen, gehören Sie auf jeden Fall zur Zielgruppe von Siduction. Die Distribution arbeitet sehr viel stabiler als einiges, das sich stabil nennt, und lässt sich problemlos alltagstauglich und produktiv einsetzen. Dazu sollten aber einige Voraussetzungen beim geneigten Anwender vorliegen.

Besonders aus dem Ubuntu- oder Mint-Lager hört man immer wieder, ein Betriebssystem müsse “ohne Aufwand” funktionieren. Dort wird dann auch meist der Einsatz der Kommandozeile als unzeitgemäß abgetan. Siduction hat als Nischendistribution einen etwas anderen Ansatz: Es möchte Sie dabei unterstützten, die Funktionsweise Ihres Systems zumindest in Grundzügen kennenzulernen. Deshalb bietet sich eine Mischform aus Kommandozeile und grafischer Bedienung an, die sich automatisch zu einem Arbeitsfluss ausbildet.

Beim Aktualisieren des Systems wünschen sich die Entwickler auf alle Fälle den Einsatz von Apt anstelle von grafischen Paketmanagern. Das macht insbesondere angesichts der Anzahl an Paketen, die ständig einfließen, durchaus Sinn. Hakt es dann einmal irgendwo, lässt sich der Fehler auf der Kommandozeile wesentlich schneller dingfest machen als etwa in Synaptic oder Discover. Grundsätzliche Kenntnis der Werkzeuge Apt und Dpkg erweisen sich also bei der – ab und an doch nötigen – Problemlösung als sehr nützlich.

In Problemfällen greift zudem ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu Debian: Das Original unterstützt Anwender von “Unstable” offiziell nicht, Hilfesuchende sind auf versierte Anwender aus der Community angewiesen. Bei Siduction dagegen zählt der Support zum Programm. Das beginnt im Forum mit einem Abschnitt namens Upgrade Warnings, der vor Situationen warnt, die der Aufmerksamkeit des Anwenders bedürfen [7]. Wer es eilig hat, klickt auf dem Desktop auf das Icon für den IRC-Channel des Projekts und kann auf schnelle Hilfe hoffen.

Fazit und Ausblick

Ein scherzhaftes Bonmot besagt, das Wort “Unstable” beziehe sich mehr auf die Debian-Entwickler als auf die Software. Siduction läuft für eine auf Unstable basierende Distribution erstaunlich stabil. Selbst Anfänger oder Umsteiger bewältigen die Lernkurve mühelos. Im Vergleich etwa zu Arch Linux gibt sich Siduction wesentlich geschmeidiger – dafür ist Arch noch einen Tacken aktueller.

Siduction bietet ein flottes System, egal, mit welchem Desktop. Ein bis zwei Mal im Jahr erscheint ein neuer Snapshot der Distribution, der als aktueller Einstieg dient. Bei allen Images auf der Download-Seite des Projekts [8] handelt es sich um Live-Medien, die vor der Installation ausgiebige Tests ermöglichen. Die mit sinnvollen Voreinstellungen versehenen Desktop-Umgebungen lassen dem Anwender Raum für eine eigene Konfiguration. Auch der Paketbestand beschränkt sich auf das Nötigste, speziell bei den beiden Minimal-Varianten Xorg und NoX, die der Anwender weitestgehend selbst ausstaffieren muss.

Auf den Chemnitzer Linux-Tagen 2018 [9] Anfang März wartet Siduction wie immer mit einem Stand auf interessierte Besucher. Vorher soll es noch die nächste Veröffentlichung geben, die alle Maßnahmen gegen die Sicherheitslücken Meltdown und Spectre bündelt sowie das Paket spectre-meltdown-checker zum Test auf Verwundbarkeit bereits mitbringt. 

Glossar

Backports

Spezielles Repository mit für das nächste Debian-Release vorgesehenen Paketen aus “Testing”, die die Entwickler für den Gebrauch unter Debian “Stable” angepasst und neu übersetzt haben.

Tumbleweed

Eine Rolling-Release-Version von OpenSuse mit den neuesten stabilen Paketversionen. “Tumbleweed” basiert auf automatisiert getesteten Schnappschüssen der Entwicklungsversion von OpenSuse (“Factory”).

Sid

Die Branches und Releases von Debian tragen Codenamen aus “Toy Story”. Im Film agiert Sidney “Sid” Phillips als soziopathischer Antagonist der Helden und zerstört mit Vorliebe alle Spielzeuge, derer er habhaft werden kann.

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