OpenSuse-Ableger VorKon im Test

Aus LinuxUser 03/2018

OpenSuse-Ableger VorKon im Test

© Sergey Nivens, 123RF

Mehr Schein als Sein

Das kommerzielle VorKon nutzt als Basis OpenSuse Leap 42.3, garniert mit einigen Extras wie üppiger Dokumentation, vielen Zusatzpaketen und Online-Support. Ist das Paket sein Geld wert?

OpenSuse steht seit jeher im Ruf einer besonders ein- und umsteigerfreundlichen Distribution. Der Millin-Verlag hat es sich zum Ziel gesetzt, das System noch nutzerfreundlicher zu gestalten und dem Anwender auf Wunsch zur Hand zu gehen. Für knapp 20 Euro bietet er auf einer DVD ein entsprechend aufgepepptes OpenSuse 42.3 Leap an.

VorKon [1] kommt in einer DVD-Box mit Cover (Abbildung 1). Links darin steckt eine Broschüre, rechts die DVD. Beides wirkt recht unprofessionell. Die Broschüre besteht aus einem beidseitig bedruckten Informationsblatt aus dem Drucker, die DVD-9 mit einer Kapazität von etwa 8 GByte kommt frisch aus dem Brenner, was ihrer Qualität aber im Normalfall kaum einen Abbruch tut.

Abbildung 1: Mit dem Drucker erstellte Ein-Blatt-Broschüre, gebrannte DVD: Einen besonders professionellen Eindruck hinterlässt VorKon auf den ersten Blick nicht.

Abbildung 1: Mit dem Drucker erstellte Ein-Blatt-Broschüre, gebrannte DVD: Einen besonders professionellen Eindruck hinterlässt VorKon auf den ersten Blick nicht.

Während die originale OpenSuse-DVD etwa 4,3 GByte umfasst, bringt es das VorKon-Release mit etwa 8 GByte auf knapp das Doppelte, was etwa 5000 zusätzlichen Paketen entspricht. Allerdings stammt die Software ausschließlich aus den regulären OpenSuse-Repositories, wo sie dem Anwender ohnehin zur Verfügung steht. Für Nutzer mit eingeschränkter Internet-Anbindung bieten die zusätzlichen Pakete aber durchaus einen – wenn auch überschaubaren – Mehrwert.

Was an dieser Stelle jedoch verwundert, ist die Tatsache, dass die Entwickler von Millin nicht die Gelegenheit nutzten, das System direkt mit den neuesten Aktualisierungen aus dem Update-Zweig zu versorgen. Der Patchlevel entspricht der Release-Version vom Juli 2017, was bedeutet, dass Sie nach der Installation zum Testzeitpunkt Mitte Dezember 2017 erst einmal um die 600 MByte zusätzlicher Software herunterladen müssen, um das System auf den aktuellen Stand zu bringen.

Installation

Sowohl der Bootscreen als auch die Installationsroutine entsprechen jenen von OpenSuse. Dasselbe gilt weitgehend für die Vorauswahl der Pakete, des Desktops und der Voreinstellungen.

Bei unserer DVD kam es in verschiedenen Situationen zu teils erheblichen Problemen beim Auslesen von Dateien. Beim Setup beschwerte sich der Installer diverse Male, dass er auf manche Pakete nicht zugreifen könne. Wir machten die Probe aufs Exempel, und kopierten den DVD-Inhalt via Rsync von der DVD auf die Festplatte – mit demselben Ergebnis (Listing 1). Offenbar enthielt die im Test verwendete DVD defekte Sektoren, die das Auslesen der Daten verhinderte. Eine vom Verlag zugesandte Nachlieferung wies diese Fehler nicht auf.

Listing 1

rsync: read errors mapping "/SU4230.001/suse/x86_64/sarg-2.3.9-8.1.x86_64.rpm": Input/output error (5)

Allerdings lief die Installation trotz der Hemmnisse bis zum Schluss durch und bescherte ein funktionierendes System. Die nicht installierbaren Pakete zog die Paketverwaltung von YaST beim ersten Aufruf selbstständig aus den Online-Repositories nach.

Gegenüber der normalen OpenSuse richtet der Installer drei zusätzliche Programme mit ein: Qps zur grafischen Auswertung der CPU-Leistung, das VorKon-Hilfesystem und Vink zum Remote-Zugriff auf den Desktop. Alle drei erscheinen nach dem Start im System-Tray des Desktops.

Ein Blick in die Software-Repositories von YaST offenbart Hausmannskost: Außer Suses Standard-Repos finden sich dort keine zusätzlichen Quellen. Abgesehen von den erwähnten Zusatzpaketen entspricht die VorKon-Suse auch nach der Installation praktisch unverändert dem Original. Den einzigen Unterschied, den unser Test ergab, war eine in der Grundeinstellung aktivierte Snapshot-Verwaltung, unter OpenSuse Snapper genannt und in YaST integriert. Sie ermöglicht es, einen früheren Systemstatus wiederherzustellen, etwa wenn im aktuellen Probleme auftreten.

Dazu blendet das System im Bootloader (Abbildung 2) den zusätzlichen Punkt Start bootloader from a read-only Snapshot ein. Bei dessen Anwahl erscheint die Liste der vorgehaltenen Snapshots, die das System auf Wunsch bootet.

Abbildung 2: Läuft im System etwas schief, genügt es, im Bootmenü einen früheren Status wiederherzustellen, um das Problem zu beheben.

Abbildung 2: Läuft im System etwas schief, genügt es, im Bootmenü einen früheren Status wiederherzustellen, um das Problem zu beheben.

Hilfe!

Der Dreh- und Angelpunkt und das augenfälligste Alleinstellungsmerkmal von VorKon bildet das VorKon-Hilfe-System (Abbildung 3), das Sie über einen Schalter im System-Tray erreichen. Ein Klick darauf öffnet eine lokal gespeicherte Webseite im Webbrowser (Abbildung 4).

Abbildung 3: Bereits bei der Installation richtet VorKon im System-Tray den Hilfe-Button ein, mit dem Sie die dahinterliegende Hilfeseite jederzeit erreichen.

Abbildung 3: Bereits bei der Installation richtet VorKon im System-Tray den Hilfe-Button ein, mit dem Sie die dahinterliegende Hilfeseite jederzeit erreichen.


Abbildung 4: Die VorKon-Hilfe besteht in erster Linie aus einer mehr oder weniger gut strukturierten HTML-Seite.

Abbildung 4: Die VorKon-Hilfe besteht in erster Linie aus einer mehr oder weniger gut strukturierten HTML-Seite.

Die Hilfeseite gliedert sich in unterschiedliche Rubriken, etwa Installation openSUSE oder Software Drittanbieter. Installation openSUSE öffnet im unteren Frame eine Seite, die mit einer eher rudimentären Installationshilfe beginnt und im Weiteren auf die offiziellen, lokal abgelegten Manuals von OpenSuse (wahlweise im HTML- oder PDF-Format) verweist. Allerdings handelt es sich dabei um Dokumentationen von OpenSuse 11.3, 11.4 und 13.1, was der Autor aber auch erwähnt. Nach seiner Begründung habe sich seitdem bei der Installation kaum etwas geändert, Dokumentation in deutscher Sprache gäbe es für Leap 42.3 nur online. Damit behält der Autor auch weitgehend recht.

Anders gelagert ist der Fall aber bei der KDE- und Gnome-Dokumentation aus dem Jahr 2011. Hier hat sich im Laufe der Jahre sehr wohl einiges geändert, weswegen die Manuals inzwischen als veraltet angesehen werden müssen. Ähnlich verhält es sich mit dem enthaltenen Security Guide, der in seinen Grundzügen zwar noch weitgehend stimmt, aber diverse inzwischen hinzugekommene Aspekte auslässt. Auch die Linux-Fibel, die sich zu Teilen noch auf KDE 2 bezieht, dürfte für die meisten Benutzer heute irrelevant sein.

Ebenfalls in die Rubrik “mehr oder weniger nutzlos” fallen auch andere Tutorials und Dokumente, die teilweise bis ins Jahr 2000 zurückdatieren, etwa “Das GNU-Handbuch zum Schutze der Privatsphäre” oder ein Cinepaint-Tutorial aus dem Jahr 2005.

Zusatz-Software

Sowohl auf der Webseite des Projekts als auch in der lokalen Dokumentation suggeriert die Werbung mit Sätzen wie “Hier finden Sie Linux-Software von freien Projekten, kommerziellen Anbietern und den Machern des VorKon-Shops im RPM- und DEB-Format für i586- und x64_64-Bit-Systeme […]”, dass die modifizierte Suse-Distribution diese Zusatz-Software bereits enthalten würde. Das ist nicht der Fall – weder vorinstalliert, noch im lokalen Repository.

Vielmehr platziert der Autor im VorKon-Hilfesystem eine Reihe von Links zu sogenannten YaST-Meta-Packages (YMT). Dabei handelt es sich um kleine Skripte, die den YaST 1-Klick-Installer aufrufen, der wiederum die Installation der Software anstößt, indem er Online-Repositories lokal einbindet und aus diesen die gewünschten Tools installiert (Abbildung 5). Ähnlich wie beim Großteil der Dokumentation stammen die meisten dieser Skripte aber nicht vom Autoren, sondern aus verschiedensten Quellen, wie etwa OpenSuses Paketsuche.

Abbildung 5: Anders, als es die Beschreibung suggeriert, bringt VorKon wichtige Software (wie im Screenshot den Mplayer) nicht selbst mit, sondern lädt sie per YMP-Skript aus den gängigen Repositories wie Packman nach.

Abbildung 5: Anders, als es die Beschreibung suggeriert, bringt VorKon wichtige Software (wie im Screenshot den Mplayer) nicht selbst mit, sondern lädt sie per YMP-Skript aus den gängigen Repositories wie Packman nach.

Während diese Vorgehensweise bei einigen proprietären Paketen wie Nvidia-Treibern oder Adobe-Tools noch nachvollziehbar erscheint, bleibt sie bei freien Programmen wie etwa dem Mplayer oder VLC unklar. Der Nutzwert beschränkt sich darauf, dass der Anwender sich nicht selbst auf die Suche nach der Software machen muss – was allerdings mit OpenSuses Paketsuche [2] auch nicht besonders schwerfiele: Deren Treffer versieht die Suchmaschine mit den gleichen 1-Klick-Installations-Buttons wie die VorKon-Hilfeseite.

Support

Der Millin-Verlag bietet bis zum Erscheinen der Nachfolgeversion ein Jahr kostenlosen Installationssupport, den Sie mit Eingabe eines auf der Broschüre aufgedruckten Gutschein-Codes einlösen. Dieser bezieht sich nach Verlagsangaben “auf das VorKon Basis-System”.

Als exklusives Feature betitelt VorKon die integrierte Fernwartung namens Vink. Dabei handelt es sich um ein in ein RPM-Paket gepacktes Shell-Skript, das die bekannten Fernwartungstools VNC-Server und VNC-Viewer im Hintergrund aufruft und die Verbindung damit herstellt. Diese Kombi nutzen Support-Mitarbeiter, um sich mit Ihrem Rechner zu verbinden und quasi vor Ort zu helfen.

VorKon wirbt damit, dass für das System bis Januar 2019 Updates bereitstehen, was dem Produktzyklus von OpenSuse 42.3 entspricht. Wenig nachvollziehbar erscheinen jedoch Produktbeschreibungen wie “Alleine damit ist die VorKon bereits umfangreicher und stabiler als alle anderen openSUSE-DVD-Distributionen”. Das trifft zwar auf den Umfang der DVD zu, keinesfalls aber auf deren Stabilität, die sich in nichts von der unveränderten, aktuellen Variante unterscheidet.

Von der VorKon-Markteinführung im Dezember 2017 an umfasst die Laufzeit also gerade einmal 13 Monate – nicht unbedingt üppig für ein Produktivsystem. Hier stellt sich die Frage, warum der Millin-Verlag nicht eine Distribution mit Langzeit-Support verwendet, wie etwa das kommende Ubuntu 18.04.

Fazit

Wer sich von VorKon ein aufgemotztes OpenSuse-System erwartet, wie es etwa Linux Mint mit Ubuntu praktiziert, der wird enttäuscht. Abgesehen von marginalen Änderungen erhalten Sie ein weitgehend unverändertes OpenSuse 42.3. Zwar bietet VorKon reichlich zusätzliche Pakete, die aber zum einen kaum jemand braucht und die zum anderen sowieso in den Suse-Repositories bereitstehen. Für den Nutzer tatsächlich relevante Programme wie etwa VLC oder den Mplayer bietet VorKon lediglich in Form von YMP-Download-Skripten an. Ähnlich mager sieht es bei der Dokumentation aus, die zwar üppig ausfällt, aber zum Großteil veraltet ist.

Unterm Strich handelt es sich bei VorKon um ein gewöhnliches OpenSuse, aufgehübscht mit großteils überflüssiger Software und veralteter Dokumentation. Das einzige Argument, 20 Euro dafür auszugeben, bleibt in den Augen des Autors der im Preis inbegriffene Installationssupport, der vor allem Einsteiger beim Setup hilft. 

Infos

  1. VorKon: http://www.vorkon.de

  2. Paketsuche OpenSuse: https://software.opensuse.org/search

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