Seit Jahren gilt Audacity als erste Wahl zum Bearbeiten von Musikdateien. Die im November veröffentlichte Version 2.2.0 ergänzt die Software um lange erwartete Funktionen.
Linux stand lange im Ruf, sich nicht besonders gut für medienbezogene Aufgaben wie das Schneiden von Videos oder das Erstellen von Audiodateien zu eignen. Was den musikalischen Part betrifft, revidierte der Audio-Editor Audacity [1] dieses Vorurteil nachhaltig: Seit Jahren steht das Programm Endanwendern und professionellen Audio-Jongleuren zur Seite, um Tonaufnahmen in Linux zu erstellen, zu schneiden und letztlich im passenden Format zu exportieren.
In den letzten Jahren erfuhr Audacity weder optisch noch technisch grundlegende Änderungen. Die aktuelle Version 2.2.0 macht damit Schluss – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht.
Optisches
Wer Audacity 2.1 kennt und Version 2.2 zum ersten Mal startet, bemerkt sofort die an moderne UI-Standards angepasste Optik. Konkret sehen einige der Icons moderner aus; insbesondere die Knöpfe zum Steuern der Hauptfunktionen, etwa Start oder Stop, erscheinen nun weniger verspielt und kommen ohne 3D-Effekt aus. Insgesamt wirkt die Anwendung in der Standard-Optik nüchterner und schlanker – ein Umstand, den die Entwickler laut eigener Aussage explizit auch herbeiführen wollten. An der Position der wichtigsten Buttons änderte sich hingegen nichts – wer von Audacity 2.1 auf 2.2 aktualisiert, muss sich entsprechend nicht komplett umgewöhnen.
Stärker ins Gewicht fällt allerdings der Umstand, dass das Programm endlich sogenannte Themes unterstützt. Die entsprechende Auswahl finden Sie im Dialog Einstellungen in der Rubrik Schnittstelle unter Theme: (Abbildung 1). Diese bestehen aus einer Datei, die sowohl Angaben zu den zu verwendenden Farben enthält, als auch individuelle Icons, welche die Software integriert.
Vier Themes ab Werk
Das Projekt liefert das Programm mit vier Themes aus: Neben dem Standard (Abbildung 2) enthält die Software auch das klassische Theme mit der Optik der Vorgängerversion. Hinzu gesellt sich ein Theme mit hohen Kontrasten, das sich explizit an Nutzer mit Sehschwäche richtet.

Abbildung 2: Das Standard-Theme von Audacity 2.2 sieht etwas moderner aus als die vorangegangene Version.
Der eigentliche Knüller jedoch ist das Theme Dark (Abbildung 3). Es taucht Audacity in eine dunkelgraue Oberfläche und stellt alle aktiven Elemente wie Tonspuren in Gelb- und Orangetönen dar. Wer Final Cut auf Mac OS X kennt, fühlt sich von der dunklen Audacity-Optik automatisch daran erinnert.

Abbildung 3: Erhebliche Unterschiede zur Vorversion ergeben sich, wenn man das Theme Dark aktiviert.
Dark dürfte gleichzeitig der Auslöser dafür gewesen sein, dass Audacity nun überhaupt Themes unterstützt: Vor seiner Integration in die Software existierte das Theme nämlich als eigener Audacity-Fork parallel zum Hauptprogramm. Es ist maßgeblich der Arbeit des “Dark-Audacity”-Gründers James Crook zu verdanken, dass die Theme-Option künftig allen Nutzern zur Verfügung steht.
Wem die mitgelieferten Themes nicht gefallen, dem bietet die Software übrigens auch die Möglichkeit, eigene einzubinden. Im Gegensatz zu den früheren Hacks überlebt diese dann auch Updates.
Midi-Unterstützung
Ein Feature, das sich in erster Linie an Musiker richtet, ist die Unterstützung für die Wiedergabe von Midi-Dateien. Wer digitale Musikinstrumente wie Keyboards oder Synthesizer nutzt, kennt das Format nur allzu gut: Will man etwa einem automatischen Keyboard das Abspielen bestimmter Melodien beibringen, so geht das nur per Midi.
In der vorliegenden Version kann Audacity Midi-Dateien sowie das verwandte Format Allegro importieren. Um das sinnvoll umzusetzen, haben die Entwickler die Funktion Note Track aufgebohrt. Sie funktioniert quasi wie ein digitales Keyboard: Nach dem Import erscheint direkt in Audacity eine neue Tonspur und stellt die zum Midi-Track gehörenden Töne für das menschliche Auge nachvollziehbar dar.
Zwar klappte der Import auch schon in der Vorgängerversion, die aktuelle erlaubt es aber auch, die Midi-Spuren wiederzugeben. Einen Haken hat die Sache unter Linux allerdings: Ähnlich wie bei anderen Formaten setzt Audacity die eigentliche Wiedergabe von Midi nicht selbst um, sondern verlässt sich auf eine externe Bibliothek. Die dürfte auf den meisten Distributionen jedoch fehlen, sodass vor der Midi-Wiedergabe in Audacity zunächst die Installation eines Software-Synthesizers auf dem Programm steht. Dafür bietet sich Timidity an, zumal die Entwickler auf einer eigenen Wiki-Seite [2] erklären, wie es sich mit Audacity verbinden lässt.
Voller Support
In einer Linux-Zeitschrift etwas deplatziert mag zunächst der Hinweis wirken, dass Audacity 2.2 endlich auch auf MacOS 12.12 problemlos funktioniert. Bislang war man auf ältere MacOS-Versionen festgenagelt, weil Audacity 2.1 unter “El Capitan” nicht problemlos funktionierte.
Allerdings ist das Audacity-Projekt-Format jetzt plattformübergreifend identisch. Sie können also nun eine Datei in Audacity zunächst unter Linux bearbeiten und sie später auf einem Mac in Audacity laden, um dort weiter daran zu arbeiten.
Punktgenaue Auswahl
Regelmäßig gerät man bei der Arbeit mit Audacity in die Situation, Teile einer Tonspur auswählen zu müssen. Die Software verfügt dafür über eine eigene Werkzeugleiste am unteren Fensterrand, die in Version 2.2 mit neuen Features kommt.
Bisher zeigte die Auswahlleiste lediglich die Zeit am Anfang und am Ende der Auswahl in der Tonspur an. Nun lässt sich zwischen verschiedenen Modi wechseln: Wahlweise gibt das Tool Anfang und Ende der Auswahl im Stück an, den Anfang und die Länge der Auswahl, das Ende und die Länge der Auswahl oder den Anfang und die Mitte der Auswahl, bezogen auf die jeweilige Position in der Tonspur.
Effektvoll
Heimlich, still und leise gewöhnten die Entwickler ihrem jüngsten Spross ein ausgesprochen nerviges Verhalten ab: Bisher legte das Werkzeug automatisch eine neue Tonspur an, wenn man eine Aufnahme unterbrach und fortsetzte – etwa, weil man sich versprochen hatte oder weil unerwünschte Hintergrundgeräusche störten. Im schlimmsten Fall resultierten daraus am Ende etliche Tonspuren, die man mühsam wieder vereinen musste, bevor ein Export möglich war.
Audacity 2.2 handhabt das anders: Unterbricht man eine Aufnahme und klickt anschließend erneut auf den roten Aufnahmeknopf, führt das Programm die Aufnahme automatisch in der gerade ausgewählten Tonspur fort. Allerdings gestattet es Audacity nach wie vor nicht, einen Marker auf der Tonspur zu setzen, ab dem die Aufnahme dann losgeht (und gegebenenfalls bereits vorhandene Inhalte überschreibt).
Wollen Sie Räuspern, Versprecher und Hintergrundgeräusche loswerden, müssen Sie also auch in Version 2.2 weiterhin zum Schnittwerkzeug greifen.
Flexiblere Shortcuts
Tastaturkürzel sind ein wichtiger Bestandteil bei der Arbeit mit Audiodateien. Mit ihnen lassen sich diverse Aufgaben viel schneller erledigen als mit Mausklicks. Audacity bietet zwar von Haus aus eine ganze Reihe solcher Shortcuts an, trotzdem waren viele Anwender bisher mit der Funktion eher unzufrieden.
Noch Version 2.1 bot nur die Wahl zwischen zwei Extremen: Entweder nutzte man sämtliche vorgegebenen Tastaturkürzel von Audacity – dann blieben aber kaum noch freie Tasten, um eigene Shortcuts zu definieren. Oder man verzichtete auf die Kürzel des Tools und musste im Gegenzug sämtliche Shortcuts selbst definieren.
Die aktuelle Version entschärft das Problem: Sie wählen jetzt zwischen dem bekannten, vollständigen Set an Tastaturkürzeln und einer Basis-Variante, die mehr Tasten unbelegt lässt und entsprechend mehr Raum für eigene Definitionen gibt (Abbildung 4).

Abbildung 4: Neben dem kompletten Layout für Tastaturkürzel gibt es nun auch ein Standard-Schema, das mehr Tasten unbelegt lässt.
Aufgeräumte Menüs
Bei der Menüführung präsentiert Audacity 2.2 gleich mehrere Neuerungen. So organisierten die Entwickler die Struktur der Menüs neu – ohne Funktionsverluste, wie sie hoch und heilig versprechen. Stattdessen teilt sich das Audacity-Menü nun einfach in mehr Untermenüs auf, was die oberste Ebene übersichtlicher erscheinen lässt.
Darüber hinaus besteht nun die Möglichkeit, die Extended Menu Bar zu verwenden. Sie richtet sich vorrangig an Anwender, die Schwierigkeiten mit den Augen oder dem Verwenden der Maus haben: Über die erweiterten Leisten lassen sich Zusatzfunktionen erreichen, die andernfalls nur durch den Klick auf kleine Icons oder Schaltflächen im Hauptfenster von Audacity bereitstehen.
Mehr und bessere Hilfe
Gerade Audacity-Einsteiger fühlen sich von der Vielzahl von Funktionen anfangs oft überfordert. Die mitgelieferte Dokumentation mitsamt der im Programm angezeigten Hilfsoptionen war schon früher nicht schlecht – die Audacity-Entwickler dachten sich aber wohl trotzdem, dass mehr immer geht. Für Version 2.2 möbelten sie die Hilfefunktionen nochmals auf. In vielen Werkzeugdialogen und Menüs gibt es nun ein Fragezeichen-Symbol, das bei einem Klick die passende Hilfeseite in der Audacity-Dokumentation öffnet (Abbildung 5).

Abbildung 5: Einer Frischzellenkur unterzogen die Entwickler auch das Hilfesystem, das die Nutzer bei der Arbeit mit dem Programm unterstützt.
Fazit
Audacity 2.2 präsentiert sich als solides Update, das viele neue Funktionen mitbringt, aber keine alten Funktionen entfernt. Wem das neue Standard-Theme nicht gefällt, dem stehen in den Einstellungen drei Alternativen zur Auswahl bereit. Optional lässt sich auch ein eigenes Theme integrieren.
Im Test präsentierte sich die Software stabil und robust wie eh und je. Nutzen Sie bereits die Vorgängerversion, können Sie bedenkenlos auf Audacity 2.2 umsteigen. Allerdings gab es bei Redaktionsschluss lediglich für Ubuntu (im inoffiziellen Audacity-PPA) und OpenSuse (alternative Repositories) schon passende Pakete. Es dürft aber nur eine Frage der Zeit sein, bis Audacity 2.2 in den gängigen Haupt-Repos auftaucht.
Infos
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Audacity: http://www.audacityteam.org
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Midi-Wiedergabe in Audacity: https://wiki.audacityteam.org/wiki/Enabling_Note_Track_playback_on_Linux






