Kann Mozilla mit Firefox 57 “Quantum” an alte Größe anknüpfen und Google Chrome, Opera und Vivaldi das Wasser reichen? Wir messen nach.
Die Veröffentlichung von Firefox 57 “Quantum” sorgte Mitte November für ein mächtiges Rauschen im IT-Blätterwald. Nach Jahren der Entwicklung und zwölf Monaten Umbauarbeiten geben sich die Mozilla-Entwickler davon überzeugt, Firefox sei nun doppelt so schnell wie vor einem Jahr und spare dabei noch rund 30 Prozent Speicher ein. Außerdem war zu lesen, Firefox läge nun wieder Kopf an Kopf mit Googles Chrome, was die Geschwindigkeit angeht.
Wir wollten das genauer wissen und haben die Firefox-Versionen 51 und 57 gegen Chrome 62 auf den Prüfstand gestellt. Als weitere Kandidaten bezogen wir Opera 49 und Vivaldi 1.12 mit in den Test ein. Sie nutzen beide Blink, einen Webkit-Fork – dieselbe Render-Engine also wie Google Chrome. Von daher erwarteten wir bei dem Duo keine allzu großen Abweichungen
Wir nahmen die Tests auf einem Mittelklasse-Notebook des Typs Thinkpad X220 von Lenovo mit 4 GByte Hauptspeicher vor. Auf einem frisch installierten Debian “Sid” waren zusätzlich lediglich die Browser in ihrer Standardkonfiguration installiert. Dann durchliefen alle Probanden spezielle Browser-Benchmarks. Jeweils fünf Durchläufe pro Browser und Benchmark waren zu absolvieren, um sicherzustellen, dass keine Ausreißer den Durchschnitt verfälschen.
Als Messwerkzeuge kamen Speedometer [1], JetStream [2], Ares-6 [3], Kraken [4], WebXPRT [5], MotionMark [6] und HTML5-Test [7] zum Einsatz. Im Wesentlichen ermitteln diese Benchmarks die Geschwindigkeit, mit der die Browser HTML und Javascript abarbeiten. Der Benchmark WebXPRT geht sogar noch etwas tiefer und bezieht unter anderem auch Bildbearbeitung und DNS-Sequencing in den Testlauf mit ein. Ares-6 konzentriert sich auf die Geschwindigkeit beim Umsetzen neuerer Javascript-Routinen. Außer bei den Benchmarks Ares-6 und Kraken bedeuten höhere Werte jeweils auch bessere Ergebnisse.
Der HTML5-Test stellt den Grad der Konformität der Browser mit dem HTML5-Standard des World Wide Web Consortiums (W3C) fest. Zudem haben wir nachgeschaut, wie es mit dem Speicherverbrauch der Probanden ausschaut, wenn es beim Browser-Start zehn Tabs zu öffnen gilt.
Kopf-an-Kopf-Rennen
Auf den ersten Blick verraten die Zahlen, dass Mozilla zum Jahresbeginn mit Firefox 51 weit von der Leistung der anderen Browser entfernt war, wenn es um die Geschwindigkeit geht. Aber um das festzustellen, bedarf es keiner Zahlen: Wenn Sie in den letzten Jahren neben Firefox auch Chrome oder andere Browser mit Chromes Multi-Prozess-Engine Blink genutzt haben, konnten Sie kaum umhin, festzustellen, dass Firefox hier weit zurücklag. Das galt sowohl für den Start des Browsers selbst als auch für das Öffnen von Webseiten und die Navigation darin.
Firefox 57 schlägt sich im Vergleich zu Chrome, Opera und Vivaldi je nach verwendetem Test unterschiedlich: Mal hatte der neue Mozilla-Browser die Nase vorn, mal einer der Konkurrenten. Die Browser mit der Blink-Engine verhalten sich im engen Rahmen sehr ähnlich, wobei manchmal Chrome leicht vorne liegt, manchmal Opera oder Vivaldi, manchmal auch beide. Die Abweichungen liegen aber in einem Bereich von Nuancen, die bei der realen Nutzung keinerlei Rolle spielen.
Gemischte Ergebnisse
Bei den Tests von Speedometer (Abbildung 1) und Ares-6 (Abbildung 2) liegen Chrome und seine beiden Verwandten mit klarem Abstand in Führung. Bei WebXPRT (Abbildung 3) und Kraken (Abbildung 4) hat zwar Firefox 57 die Nase vorne, aber nicht so klar wie im umgekehrten Fall. Der stark auf Grafikleistung ausgerichtete MotionMark (Abbildung 5) sieht Opera und Vivaldi als Sieger und Firefox 57 leicht vor Chrome. JetStream (Abbildung 6) ordnet Opera als Sieger ein und markiert Firefox 57 gleichauf mit Chrome.
Der HTML-5-Test fällt etwas aus dem Rahmen. Er misst den Grad der Konformität des Browsers mit dem HTML5-Standard. Von möglichen 555 Punkten erreichen die Browser mit der Blink-Engine rund 520 Punkte, während die beiden Mozilla-Browser mit 465 und 481 Punkten etwas zurückliegen (Abbildung 7).
Das Gefühl bei der realen Nutzung der Browser bestätigt die Messwerte. Auf halbwegs aktueller Hardware halten sich die subjektiv feststellbaren Unterschiede in engem Rahmen. Mit Firefox 57 reiht sich der Mozilla-Browser gefühlt wieder bei Chrome und Konsorten ein, auch wenn er von den Messwerten her noch leicht hinterherhängt.

Abbildung 1: Speedometer sieht die Browser mit Blink-Engine klar vorne. Firefox 57 triumphiert über Firefox 51, mit mehr als der doppelten Punktzahl.

Abbildung 2: Auch Ares-6 ermittelt eine klare Dominanz von Chrome, Opera und Vivaldi. Bei Firefox 51 brach der Test ständig ab.

Abbildung 3: Bei WebXPRT, dem umfangreichsten Test unseres Parcours, setzt sich Firefox 57 an die Spitze. Der Rest des Feldes liegt ungefähr gleichauf, mit Firefox 51 als Schlusslicht.

Abbildung 4: Kraken zeigt ein ähnliches Bild wie WebXPRT: Firefox 57 liegt vorne, die Blink-Browser folgen geschlossen dahinter und hängen Firefox 51 ab. Achtung: Hier bedeuten kleinere Werte ein besseres Ergebnis.

Abbildung 5: Die Ergebnisse von MotionMark, der Grafik- und Animationsfähigkeit testet, fallen aus dem Muster. Hier liegen Opera und Vivaldi an der Spitze, gefolgt von Firefox 57 und Chrome.

Abbildung 6: Bei JetStream ergibt sich ein klarer Vorteil für Chrome und Opera. Vivaldi und Firefox 57 liegen ungefähr gleichauf und hängen Firefox 51 ab.

Abbildung 7: Bei der Konformität mit dem HTML5-Standard des W3C muss Mozilla noch etwas nacharbeiten.
Mozilla spart Speicher
Ganz anders sieht es bei der Speichernutzung aus. Wir öffneten in jedem der Browser zehn Tabs mit denselben Webseiten und bestimmten dann den Speicherverbrauch. Bei den Mozilla-Browsern gelingt das über die Eingabe about:memory in der Adresszeile. Nach einem Klick auf Measure oben links berechnet Firefox den RAM-Verbrauch und bricht ihn auf einzelne Prozesse herunter. Der oberste angezeigte Wert (--explicit) gibt den gesamten belegten Speicher an.
Bei den Browsern, die als Web-Engine Blink verwenden, zogen wir zur Feststellung des Speicherverbrauchs den Task-Manager heran. Sie öffnen ihn über das Menü Weitere Tools oder die Tastenkombination [Umschalt]+[Esc]. Der Task-Manager listet die einzelnen offenen Webseiten getrennt mit ihrem Speicherverbrauch auf. Dabei erscheinen am Kopf der Liste separat der Verbrauch des Browsers selbst sowie jener der Sandbox mit der GPU-Verarbeitung.
Das Ergebnis beim Speicherverbrauchstest entspricht dem, was allgemein bekannt ist: Chrome und seine Abkömmlinge erweisen sich als ausgesprochene Speicherfresser. Während Chrome, Opera und Vivaldi beim Öffnen der zehn Webseiten zwischen 337 und 376 MByte Speicher belegen, begnügt sich Firefox 51 mit 249 MByte, während Firefox 57 nur 170 MByte in Beschlag nimmt.
Hier platzieren sich also die beiden Mozilla-Browser als klare Sieger. Wenn Sie mit vielen offenen Tabs arbeiten und wenig RAM zur Verfügung haben, fahren Sie mit Firefox eindeutig besser. Rechner mit einer durchaus noch üblichen Ausstattung von 4 GByte Hauptspeicher stoßen mit Chrome, Opera und Vivaldi schnell an ihre Grenzen, wenn zum normalen Verbrauch des Systems noch viele offene Tabs hinzukommen (Abbildung 8).

Abbildung 8: Klarer Sieger bei der Speichernutzung: die Mozilla-Browser. Firefox 57 liegt mit großem Abstand vorn, gefolgt von seinem Vorgänger in Version 51. Hier macht die Blink-Engine keinen Stich.
Quantum Flow bleibt interessant
Mozilla hat allerdings für 2018 noch einige Pfeile im Köcher, die Entwickler wollen den modernisierten Unterbau weiter ausreizen. Das Projekt Quantum, dem Firefox 57 seinen Beinamen verdankt, ist noch keineswegs abgeschlossen. So wird in nächster Zeit der Teilaspekt Quantum Render an Bedeutung gewinnen. Dahinter steht das Projekt WebRender [8], das zum Ziel hat, die Darstellung der Webseiten unter Zuhilfenahme der GPU, des Grafikkerns der CPU, stark zu beschleunigen. Der kontinuierliche weitere Ausbau des Projekts Quantum läuft dabei künftig unter dem Namen Quantum Flow. Die technische Entwicklung hin zu Firefox “Quantum” beschreibt ein eigener Artikel in diesem Schwerpunkt.
Fazit und Ausblick
Bevorzugen Sie quelloffene Software und haben deshalb Mozilla und Firefox über die letzten Jahre die Treue gehalten, so werden Sie nun für Ihre Treue belohnt: Firefox 57 schließt mit seiner neuen Quantum-Engine zu den Blink-basierten Webbrowsern auf. Die Benchmark-Ergebnisse der Benchmarks sehen mal Firefox vorn, mal einen der Blink-Browser, oder auch beide Fraktionen gleichauf. Die Unterschiede sind mehr oder weniger akademischer Natur und dürften sich im Alltag nur wenig auswirken.
Dabei gilt es zu bedenken, dass wir alle Browser ohne externe Erweiterungen getestet haben. Früher nahmen Firefox-Addons oft negativen Einfluss auf das Surf-Erlebnis, sei es durch schleppende Ausführung oder gar durch Abstürze. Mit der neuen Erweiterungsarchitektur der Webextensions sollten diese Probleme der Vergangenheit angehören.
Wir halten es allerdings zum jetzigen Zeitpunkt noch für verfrüht, das zu testen. Deswegen werden wir in der zweiten Jahreshälfte 2018 noch einmal gezielt auf diese Konstellation eingehen. Bis dahin sollte es auch ausreichend Addons geben, die mit demselben Code sowohl unter Firefox als auch unter Chrome laufen. Zudem dürfte sich bis dahin auch zeigen, ob sich die Mühe für Mozilla gelohnt hat und Firefox ein wenig von seiner alten Stärke im Browsermarkt zurückerobern konnte.
Infos
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Speedometer: http://browserbench.org/Speedometer/
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JetStream: http://browserbench.org/JetStream
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WebXPRT: http://www.principledtechnologies.com/benchmarkxprt/webxprt/
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MotionMark: http://browserbench.org/MotionMark/
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HTML5-Test: https://html5test.com/
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WebRender: https://hacks.mozilla.org/2017/10/the-whole-web-at-maximum-fps-how-webrender-gets-rid-of-jank/




