Das auf Sicherheit und Forensik spezialisierte Backbox Linux taugt nicht nur zur Schwachstellenanalyse, sondern eignet sich dank seines schlanken Unterbaus auch als Desktop-Distribution.
Viele sicherheitsbezogene Linux-Derivate konzentrieren sich auf einen bestimmten Bereich der IT-Sicherheit und berücksichtigen andere Problemstellungen nur am Rand oder gar nicht. Das bereits seit einigen Jahren kontinuierlich entwickelte italienische Ubuntu-Derivat Backbox Linux dagegen nimmt sich der meisten sicherheitsrelevanten Themen an, mit denen sich Administratoren kleiner und mittlerer Netze konfrontiert sehen.
Sie erhalten das rund 2,5 GByte große ISO-Abbild auf der Projektseite https://backbox.org sowohl für 32-Bit- als auch 64-Bit-Architekturen. Hier wählen Sie, ob Sie das Image direkt oder per Bittorrent herunterladen möchten. Dabei legen Sie entweder eine Spendensumme fest oder tragen im entsprechenden Feld eine 0 ein.
Als minimale Systemvoraussetzungen geben die Entwickler einen Computer mit 1 GByte Arbeitsspeicher und 10 GByte freiem Platz auf dem Massenspeicher an. Die Bildschirmauflösung sollte mindestens 800 x 600 Punkte betragen, als Boot-Laufwerk kommen sowohl ein USB-Speicherstick als auch eine DVD infrage.
Ähnlich wie bei Ubuntu fährt das System ohne Ihr Zutun beim Booten automatisch hoch. Drücken Sie in den fünf Sekunden Wartezeit eine Taste, erscheint ein Auswahlmenü, in dem Sie die Lokalisierung (unter anderem Deutsch) festlegen. Nach kurzer Zeit erscheint ein XFCE-Desktop der recht aktuellen Version 4.11 im konventionellen Design mit einer horizontalen Panelleiste am oberen Bildschirmrand (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der XFCE-Desktop bietet keine Überraschungen, lediglich einige Einträge im Programmstarter deuten auf die Eigenheiten der Distribution hin.
Im Startmenü fallen bereits auf den ersten Blick drei ungewöhnliche Rubriken auf: So deuten die Untermenüs Anonymous, Auditing und Services auf die universelle Einsetzbarkeit der Distribution für sicherheitsrelevante Aufgaben hin. Auf dem Desktop selbst findet sich neben dem obligatorischen Papierkorb und einigen Icons zu vorhandenen Laufwerken und Ordnern auch ein Starter zum Installieren des Systems auf dem Massenspeicher.
Ein Klick darauf aktiviert Ubiquity, den Standard-Installationsassistenten von Ubuntu, der bei Backbox in frischeren Farben erscheint, als beim originalen Ubuntu.
Software
Backbox Linux basiert auf Ubuntu 14.04, als Grundlage dienen der Kernel 4.4 und Systemd. Die Distribution bringt viele gängige Programme vorinstalliert mit, darunter LibreOffice 4.2.8, Firefox 50.0.2, Gimp 2.8.10 und Thunderbird 45.5.1. Multimediaprogramme wie VLC oder Audacity fehlen hingegen, auch ein Untermenü Spiele suchen Sie vergeblich.
Dafür bietet Backbox im Unterordner Services die Option, unterschiedlichste Dienste und Prozesse per Mausklick zu starten oder zu stoppen. Dazu zählen unter anderem der Webserver Apache, das Anonymisierungsnetzwerk Tor sowie die Datenbank PostgreSQL und der SSH-Daemon. Der Status dieser Dienste lässt sich bequem per Mausklick ermitteln (Abbildung 2).
Über das Löschtool Bleachbit entfernen Sie überflüssige und obsolete Daten. Dazu zählen vor allem rotierende Log-Dateien, aber auch Zwischenspeicher oder Chroniken, die Rückschlüsse auf das Nutzerverhalten am Computer zulassen. Dazu bietet Backbox zwei Starter: einen für User und einen zweiten für den Administrator mit erweiterten Dateirechten.
Im Menü Anonymous lässt sich über drei Skripte per Mausklick der Dienst anonymous starten, stoppen oder dessen aktueller Status ermitteln. Dahinter verbirgt sich ein Skript, mit dessen Hilfe Sie zunächst für eines der im System integrierten Netzwerk-Interfaces eine falsche MAC-Adresse generieren. Zusätzlich erlaubt der Dienst das Modifizieren des Hostnamens und startet abschließend den Anonymisierungsdienst Tor.
Das komplette Skript läuft im Terminal interaktiv ab. Um nur eine per Tor-Netzwerk abgesicherte Internet-Verbindung aufzubauen, klicken Sie im Untermenü Internet auf den Eintrag Vidalia. Das grafische Vidalia-Kontrollpanel, das viele interessante Informationen rund um Tor optisch aufbereitet anbietet, stellt die Verbindung zum Dienst automatisch her (Abbildung 3).
Im Menü Anonymous finden Sie außerdem noch einen Starter, der ein Skript zum Löschen des Arbeitsspeichers vor dem Ausschalten aufruft. Diese Funktion schalten Sie im Terminal nach Angabe Ihrer Authentifizierungsdaten an oder aus.
Im Gegensatz zu anderen IT-Security-Distributionen verzichtet Backbox darauf, den Webbrowser Firefox von Haus aus mit Addons auszustatten. Ublock Origin, Ghostery oder HTTPS Everywhere sollten Sie daher nachinstallieren und konfigurieren, um dem ausufernden Tracking durch Werbeagenturen Einhalt zu gebieten.
Der ebenfalls vorinstallierte Chat-Client Pidgin kommuniziert optional mithilfe des OTR-Plugins verschlüsselt, doch auch diese Erweiterung müssen Sie manuell nachinstallieren. Im E-Mail-Client Thunderbird empfiehlt sich zudem das Einrichten von Addons wie Enigmail, die das einfache Verschlüsseln von Nachrichten via OpenPGP oder GnuPG erlauben.
Herzstück
Das Kernstück von Backbox bildet das Untermenü Auditing mit 16 Gruppen unterschiedlichster sicherheitsrelevanter Applikationen. Hier finden Sie neben Werkzeugen für Penetrationstests auch viele Programme zur Netzwerk- und Webapp-Analyse sowie für forensische Aufgaben. Zudem enthält es altbekannte Sniffer und Programme zur Schwachstellenanalyse.
Dabei bezogen die Entwickler auch einige ungewöhnliche Werkzeuge mit ins System ein: So lässt sich beispielsweise mit Tools aus der Gruppe Automotive Auditing der CAN-Bus von Kraftfahrzeugen auslesen. Mobile Analysis dagegen beschäftigt sich mit Smartphones und Tablet-PCs, wobei die Untergruppen Android und iPhone die jeweiligen Anwendungen systemspezifisch zusammenfassen.
Ähnlich durchdacht gibt sich das Menü Wireless Analysis, das zwischen Anwendungen für Bluetooth und WiFi unterscheidet. Unter WiFi | Cracking finden Sie Programme zum Überprüfen von WLAN-Verschlüsselungen, wie etwa Aircrack-ng. Das Untermenü Scanning fasst Applikationen zum Aufspüren von WLAN-Netzen zusammen; dazu gehört auch das Programm Kismet.
Einen deutlichen Nutzen bieten diverse Applikationen zur LAN-Analyse: Passwortcracker, die sich teils dateitypenspezifisch anwenden lassen, gestatten es, die Stärke von Passwörtern nachzuvollziehen. Mit Netzwerksniffern wie Ettercap und Wireshark kommen Sie zudem durch Mitschneiden des Datentransfers schnell Schwachstellen im Intranet auf die Spur (Abbildung 4).
Neben Software, die sich ausschließlich mit der Sicherheit von Rechnern und Daten beschäftigt, finden Sie im Menü Forensic Analysis in verschiedenen Untergruppen Werkzeuge zum Rekonstruieren von Daten. Dazu zählen – vor allem im Untermenü Data Recovery – Anwendungen wie Photorec, Testdisk, Scalpel und Foremost. Im gleichen Menü gibt es auch Applikationen zur Datei- und Partitionsanalyse.
Allrounder
Dank des schlanken XFCE-Desktops gibt sich Backbox bereits von Haus aus sehr ressourcenschonend. So belegt das System mit grafischem Desktop und allen gängigen gestarteten Diensten nur rund 500 MByte Arbeitsspeicher, läuft also auch auf schwach ausgestatteten Rechnern problemlos. Da die meisten der mitgelieferten Werkzeuge im Terminal starten, benötigen sie kaum zusätzlichen Arbeitsspeicher.
Dank der geringen Anforderungen an die Hardware eignet sich Backbox auch als solider Allrounder für den täglichen Desktop-Einsatz. Nicht zuletzt deswegen implementierten die Entwickler das grafische Frontend Synaptic zur Paketverwaltung. Es erlaubt auch das einfache Einspielen von Aktualisierungen.
Die Paketverwaltung umfasst bereits alle Paketquellen inklusive derjenigen von Drittanbietern und des Tor-Projekts, sodass Sie damit auch die sicherheitsrelevante Software stets auf dem aktuellen Stand halten. Deswegen führt Synaptic auch mehr als 48?000 Pakete für das Backbox-System auf (Abbildung 5).

Abbildung 5: Dank der Paketverwaltung Synaptic lässt sich Backbox problemlos auf den neuesten Stand bringen und um beliebige Software erweitern.
Fazit
Mit Backbox erhalten Sie ein solides Betriebssystem, das sich einerseits als spezialisiertes Linux-Derivat für Sicherheitsaudits und zum anonymisierten Surfen im Internet via Tor eignet, andererseits aber auch als Allrounder einsetzen lässt. Das System basiert auf Ubuntu 14.04 LTS und bringt daher auch den kompletten Ubuntu-Softwarebestand mit. Zusätzlich stellen die Entwickler noch ein eigenes Repository bereit, das primär dazu dient, die in Backbox integrierten sicherheitsrelevanten Werkzeuge stets auf dem aktuellen Stand zu halten.
Durch den schlanken XFCE-Desktop und die geringen Systemanforderungen wendet sich das italienische Ubuntu-Derivat explizit auch an Nutzer älterer Hardware, die mit begrenzten Ressourcen arbeiten. Deshalb dürfte die Distribution all jene Anwender interessieren, die ein Alltagssystem suchen, das obendrein viele Sicherheitsaspekte berücksichtigt.








