Das plattformübergreifende Desktop-Wiki Zim

Aus LinuxUser 03/2017

Das plattformübergreifende Desktop-Wiki Zim

© loganban, 123RF

Tagebuch

Zim überträgt das Prinzip eines Wikis auf den Desktop von Linux, MacOS und Windows. Ideen, Notizen oder auch einfach nur eine Einkaufsliste lassen sich so sehr einfach organisieren.

Das Wort Wiki [1] stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet “schnell”. Der Begriff steht für ein System, bei dem sich HTML-Dokumente im Internet per Browser nicht nur lesen, sondern auch editieren lassen. Die bekannteste Ausprägung eines Wikis stellt zweifellos die Wikipedia dar.

Wikis finden aber auch in großen und kleinen Projekten bei Linux und Open Source Anwendung, etwa wenn es um Dokumentationszwecke geht. So sind beispielsweise Debian, Ubuntu und Arch Linux für ihre ausführlichen Wikis bekannt. Die Hauptaufgabe eines Wikis besteht darin, Inhalte strukturiert zu organisieren. Der Einsatzbereich des Desktop-Wikis Zim erstreckt sich dabei von Brainstorming und Wissenssammlung über Aufgabenlisten bis hin zum Schreib- und Organisationswerkzeug für längere Texte und Bücher.

Eierlegende Wollmilchsau

Zim [2] überträgt das Prinzip eines Wikis auf den Desktop. Zum Betrieb benötigt man daher weder einen Webserver noch eine Datenbank (Abbildung 1). Das Desktop-Wiki gibt es für Linux, Mac OS X und Windows, es verwendet über alle Plattformen hinweg dasselbe Datenformat.

Abbildung 1: Der erste Blick verrät noch wenig über die vielen Fähigkeiten des Desktop-Wikis.

Abbildung 1: Der erste Blick verrät noch wenig über die vielen Fähigkeiten des Desktop-Wikis.

Das Programm basiert auf dem GTK-Framework und findet sich in den Paketquellen der meisten Linux-Distributionen. Am ehesten vergleichen lässt sich Zim vom Prinzip her mit dem aus der Windows-Welt stammenden, aber auch unter Linux lauffähigen WikidPad [3], geht aber noch um einiges darüber hinaus.

Markup und Versionierung

Die Art der Speicherung der in Zim eingegebenen Daten kommt vielen Anwendungszwecken entgegen. Jede in Zim erstellte Seite landet als Textdatei mit Wiki-Markup auf der Festplatte. Das Programm organisiert diese Files in sogenannten Notebooks, also Notizbüchern, die man am ehesten mit den Datenbanken von herkömmlichen Wikis vergleichen kann.

Eine neue Seite erstellen Sie immer in Form eines Links auf eine nicht existente Seite. In den Text der Seite fügen Sie dann bei Bedarf Verweise zu anderen Seiten ein. Zudem bietet Zim als Plugin unter anderem eine Versionsverwaltung, die verschiedene Bearbeitungsstadien eines Dokuments in Form der Versionskontrollsysteme (VCS) Git, Bazaar oder Mercurial vorhalten kann (Abbildung 2).

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Abbildung 2: Die in Zim integrierte Versionskontrolle schalten Sie über das Menü Datei frei.

Dazu müssen Sie das entsprechende VCS lokal auf dem Rechner installieren. Sobald Sie dann das jeweilige Plugin in den Einstellungen aktivieren, lassen sich über das Menü Datei | Eine Version speichern verschiedene Bearbeitungsstände eines Dokuments ablegen.

Das erlaubt trotz der ansonsten lokalen und auf einen einzelnen Anwender ausgelegten Ausrichtung von Zim gemeinsames Arbeiten an Dokumenten. Die VCS-Struktur erscheint dabei auch in Dateimanagern, die Dokumente unter Versionskontrolle gesondert darstellen, wie etwa Dolphin oder Files, dem früheren Nautilus (Abbildung 3).

Abbildung 3: Dolphin zeigt per Git die Versionskontrolle der Notizb&uuml;cher an.

Abbildung 3: Dolphin zeigt per Git die Versionskontrolle der Notizbücher an.

Erweiterung über Plugins

Das Desktop-Wiki lässt sich mithilfe von rund 30 bereits vorinstallierten Plugins erweitern. Darüber hinaus finden sich auf GitHub [4] noch zahlreiche Plugins externer Entwickler. Hierzu zählen unter anderem die Verwendung von Formeln, Diagrammen, Notensatz, eine Quellcodeansicht sowie eine Rechtschreibprüfung. Zim kann in eine HTML-Datei “drucken” und verfügt über einen Tabelleneditor, eine Schlagwortverwaltung und einen Taschenrechner (Abbildung 4).

Abbildung 4: Zim l&auml;sst sich mit zahlreichen internen und externen Plugins erweitern.

Abbildung 4: Zim lässt sich mit zahlreichen internen und externen Plugins erweitern.

Zudem lassen sich Texte vielfältig formatieren und mit Bildern, Listen, Aufzählungen und Anhängen versehen. Über das Menü Werkzeuge | Benutzerdefinierte Werkzeuge bietet Zim die Möglichkeit, eigene Erweiterungen zu erstellen, wie beispielsweise die Integration eines Terminals. Zudem lässt sich aus dem Menü Werkzeug ein eigener Webserver starten und so das Zim-Wiki im Browser betrachten.

Der erste Start

Beim ersten Start fragt Zim, wo es seine Daten ablegen soll. Es erstellt an der genannten Stelle ein erstes Notizbuch, nennt es Home und versieht es mit der Endung .txt (Abbildung 5). Home ist nach dem Start dann auch als Notizbuch geöffnet und zeigt neben dem Namen lediglich das Erstellungsdatum.

Abbildung 5: Beim ersten Start legt Zim automatisch ein erstes Notizbuch im Dateisystem an.

Abbildung 5: Beim ersten Start legt Zim automatisch ein erstes Notizbuch im Dateisystem an.

Theoretisch könnten Sie mit dem WYSIWYG-Editor von Zim nun sofort drauflosschreiben; Sie sollten jedoch erst etwas Struktur in Ihr Wiki bringen. Erstellen Sie für jedes Projekt, etwa ein Buchprojekt, eine Linksammlung oder eine To-do-Liste, ein eigenes Notizbuch. So lassen sich die Inhalte am besten auftrennen.

Simple Formatierung

Ein Blick in das Menü Format klärt über die Möglichkeiten der Formatierung auf, die Sie über die Werkzeugleiste sowie die üblichen Tastaturkürzel auf den aktuell ausgewählten Text anwenden. Haben Sie keine Textstelle explizit markiert, formatiert Zim das Wort, in dem gerade die Schreibmarke steht. Neben den üblichen Auszeichnungen wie fett, kursiv, unter- und durchgestrichen gibt es fünf Überschriftsebenen, zudem lassen sich Wörter oder ganze Passagen auch gelb markieren.

Quelltext heben Sie mittels eines Fonts mit fester Breite vom restlichen Fließtext ab. Diagramme, Aufzählungen und Listen komplettieren das Bild. Mithilfe eines Plugins lassen sich auch arithmetische Berechnungen in Zim einbetten und Formeln darstellen. Dasselbe gilt für Gnuplot-Grafiken und Bilder, die Sie auch in der Größe anpassen dürfen. Zudem können Sie aus Zim heraus über das Kontextmenü eines Bilds eine beliebige Bildbearbeitung nutzen und das Ergebnis in Zim speichern. Dabei bleibt das Originalbild unangetastet.

Schreibschutz und Journal

In der Werkzeugleiste findet sich ein Symbol mit drei Punkten und einem Schreibstift. Fahren Sie mit dem Mauszeiger darüber, erscheint der Text Notizbuch bearbeiten. Ein Klick darauf hat auf den ersten Blick keine sichtbaren Auswirkungen, schaltet aber den Schreibschutz für das gesamte Notizbuch ein. Im Kalender erzeugt ein Klick auf das Icon mit der Aufschrift Heute im aktiven Notizbuch die Struktur eines Journals mit Unterpunkten für Jahr, Monat und Tag, die Sie unter anderem als Tagebuch nutzen können.

Zim speichert während des Bearbeitens fortlaufend den aktuellen Stand ab. Fertige Dokumente exportieren Sie dann bei Bedarf als HTML, LaTeX oder Markdown (Abbildung 6). Die Reiterleiste unterhalb der Werkzeugleiste, die sich mit zunehmender Anzahl von Projekten erweitert, stellt den Verlauf der Bearbeitung dar und lässt sich während der Sitzung nicht löschen.

Abbildung 6: Ein aus Zim im universell nutzbaren LaTeX-Format exportierter Artikel in Kate.

Abbildung 6: Ein aus Zim im universell nutzbaren LaTeX-Format exportierter Artikel in Kate.

Listen, Links und Anhänge

Beginnen Sie eine Zeile mit einem Asterisk (*) oder eckigen Klammern ([]), schaltet Zim automatisch in einen Modus, in dem sich Bullet- beziehungsweise Ankreuzlisten sehr einfach erstellen lassen (Abbildung 7). Um hier für etwas mehr Struktur zu sorgen, rücken Sie die Zeilen per Tabulator ein. Zim führt diese Listen solange fort, bis Sie eine Leerzeile einfügen.

Abbildung 7: Die Organisation dieses Artikels als Aufgabenliste innerhalb von Zim.

Abbildung 7: Die Organisation dieses Artikels als Aufgabenliste innerhalb von Zim.

Aktivieren Sie das Plugin Aufgabenliste, lässt sich diese Funktion weiterführen. Indem Sie dem Aufzählungspunkt durch Eingabe von etwa [] Aufgabe 1 23.2.2017 ! noch eine Fälligkeit und eine Priorität hinzufügen (mit jedem zusätzlichen Ausrufezeichen sinkt die Priorität), lassen sich alle Aufgaben des Projekts über einen Klick auf den Button Aufgabenliste in der Werkzeugleiste übersichtlich darstellen.

Mit internen Verweisen auf andere Seiten des gerade bearbeiteten oder eines anderen Notizbuchs verfügt Zim zudem über eine mächtige Ordnungsfunktion. Dazu legen Sie entweder mit [Strg]+[L] einen Verweis auf eine nicht existente Seite an (Zim erstellt diese dann automatisch) oder verlinken auf eine bereits bestehende Seite. Dieser Link erscheint im Text dann blau.

Alternativ erstellen Sie Links ganz ohne Dialoge oder Tastenkombinationen mithilfe der CamelCase- oder WikiWord-Notation [5], im Deutschen auch Binnenmajuskel genannt. So erzeugt die Eingabe von “LinuxUser” durch das großgeschriebene “U” automatisch einen gleichnamigen Link und die entsprechende Seite. Da dies zu unerwünschten Links führen kann, lässt sich die CamelCase-Verlinkung in den Einstellungen aber auch abschalten.

Pfadangaben wie /etc/default wandelt Zim ebenfalls automatisch in einen Link, der per Klick in das entsprechende Verzeichnis verzweigt beziehungsweise die zugehörige Datei öffnet. Lokale Dateien können Sie nicht nur verlinken, sondern über den Menüpunkt Werkzeuge | Datei anhängen auch als Anhang speichern. Diese Anhänge ordnet Zim dem jeweiligen Artikel zu und verlagert sie beim Kopieren oder Verschieben mit. Kopieren Sie das Wiki etwa auf einen zweiten Rechner, bleiben die Anhänge bei dieser Methode erhalten.

Fazit

Zim erweist sich als sehr flexibles Werkzeug, mit dessen Hilfe Sie Informationen strukturiert ablegen und bei Bedarf mit anderen Anwendungen weiterverarbeiten. Das in Python geschriebene Programm unterliegt der GPL. Die Dokumentation auf der Projektseite [6] beleuchtet alle Aspekte der Anwendung ausführlich und bietet auch eine Seite speziell für Neueinsteiger [7].

Die Datenablage im Textformat mit Wiki-Formatierung eröffnet vielfältige Möglichkeiten. Mit einem Makefile generieren Sie beispielsweise aus den Wiki-Einträgen eine Webseite. Die gespeicherten Informationen lassen sich dank des Textformats mit Wiki-Notation auf allen drei unterstützten Betriebssystemplattformen einsetzen. Die flexiblen Methoden zur Verlinkung erlauben das Erstellen reichhaltiger Dokumente, die Sie entweder in anderen Anwendungen als Vorstufe nutzen oder gleich innerhalb von Zim finalisieren.

Zim lädt zum sofortigen Einstieg ein und enthüllt die Macht seiner Möglichkeiten erst bei Bedarf. So bleibt das Gestalten der Lernkurve dem Anwender überlassen. Wer die Vielseitigkeit von Zim erst einmal für sich entdeckt hat, mag das bereits seit 2005 entwickelte Desktop-Wiki sowieso nicht mehr missen. Auch Linux-Einsteiger, die aus der Windows-Welt Microsoft OneNote kennen, dürften an Zim schnell Gefallen finden.

Auch eine Android-Version [8] befindet sich in der Vorbereitung. Mit Kiwix existiert bereits ein Zim-Offline-Reader für Android und iOS [9]. Der Datenaustausch soll hier über Plattformen wie Nextcloud oder Dropbox stattfinden. Weiter gibt es bei PortableApps [10] eine portable, für USB-Sticks geeignete Version von Zim. Zim ist also eine runde Sache, und wer die Organisationsstrukturen von Wikis mag, der fühlt sich damit sofort heimisch. 

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3 Kommentare
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Marquardt
5 Jahre her

Berechnung zum Marshelikopter „Ingenuity“ Vor vier Jahren (am 04.04.2017) wurde in der 3sat-Sendung nano bereits der Mars-Helikopter mit seinen wichtigsten Parameter vorgestellt. Die technisch-physikalische Rekonstruktion und mathematische Berechnung ergab damals, dass der Helikopter aufgrund des zu geringen Auftriebes nicht auf dem Mars abheben und fliegen konnte (die Redaktion wurde damals über den Sachverhalt informiert). Übrigens wurde hier ein Auftriebsbeiwert cw von 1,5 angenommen, der natürlich Nonsens ist, da cw  maximal 1 annehmen kann. Aus diesem Grund wurde mit den aktuellen Parametern nochmals (siehe Internet)  mathematisch-physikalisch überprüft, ob der Heli überhaupt auf dem Marx abheben konnte.   1.Die relevanten Parameter des Marshelikopters… Mehr »

micha06de
4 Jahre her

“Mit Kiwix existiert bereits ein Zim-Offline-Reader für Android und iOS [9]. Der Datenaustausch soll hier über Plattformen wie Nextcloud oder Dropbox stattfinden.”

Leider ist das falsch! Das Format der ZIM-Desktop .zim-Dateien entspricht nicht dem Wiki .zim-Format! Es gibt derzeit keine Möglichkeit ZIM-Dektop Notebooks mit mobilen Geräten anzusehen oder zu bearbeiten. Die einzige Möglichkeit, die besteht ist, die Textdateien der Notbooks mit Markdown- oder Texteditoren anzusehen oder zu bearbeiten.

Kurisutofu
1 Jahr her

Inzwischen gibt es eine sehr gute Möglichkeit für Android, nämlich https://github.com/gsantner/markor . Installierbar über den Google Play Store oder F-Droid.

Synchronisiert werden kann das Wiki mit SyncThing, Nextcloud oder ähnlichen Diensten.

Habe ich seit längerem im produktiven Einsatz und bin sehr zufrieden damit.

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