Plasma 5.8 führt KDE durch Langzeitunterstützung in ruhige Gewässer, während die Entwickler weiter am Projekt arbeiten. Dadurch bieten sich zwei Stränge, denen Anwender folgen können.
Als vor zwanzig Jahren, am 14. Oktober 1996, Matthias Ettrich das Kool Desktop Environment ins Leben rief [1], wusste niemand, wohin die Reise geht. Ettrich stellte fest, dass das damals bereits fünf Jahre alte Linux zunehmend Verbreitung fand, aber eine einheitliche und schicke Desktop-Umgebung fehlte, die Endanwendern die tägliche Arbeit erleichtert.
Seiner Bestimmung für Endanwender blieb KDE über 20 Jahre und fünf Softwaregenerationen treu, während sich das drei Jahre jüngere Gnome heute immer mehr Entwicklern und anderen Profi-Nutzern zuwendet. Das fortwährende Engagement Ettrichs führte schließlich zu einem persönlichen Höhepunkt im Leben des Entwicklers: Für die Gründung des KDE-Projekts erhielt er 2009 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Dreigeteilt
KDE besteht seit der fünften Inkarnation aus drei Teilen, wobei Plasma die Desktop-Komponente darstellt. Daneben umfasst das Projekt die KDE Frameworks – sie enthalten die früher monolithischen KDE-Libs als modulare Bibliotheken – sowie die KDE Applications, die die zu KDE gehörenden Anwendungen bündeln. Die drei Komponenten greifen ineinander, müssen aber nicht mehr zwingend zusammen erscheinen. Das erleichtert den Entwicklern die Arbeit und erlaubt beispielsweise das Verwenden des KDE-Fenstermanagers KWin im leichtgewichtigen Desktop LXQt.
Plasma steht derzeit bei der Version 5.8 und bietet als erste LTS-Version des fünften Zyklus Langzeitsupport mit Sicherheitsupdates und Fehlerbereinigung für mindestens 18 Monate [2]. Dasselbe gilt für KDE-Frameworks 5.26. Das erleichtert Distributionen wie dem gerade erschienenen SUSE Leap 42.2 oder dem im Frühjahr erwarteten Debian 9 “Stretch” die Pflege des Desktops über die Lebenszeit der entsprechenden Distribution. Hinzu kommt, dass die Projekte dabei auf ein für drei Jahre unterstütztes Qt 5.6 als Grundlage setzen können.
Auf dieser Basis erschien Anfang Oktober Plasma 5.8 LTS, das die meisten der noch vorhandenen Fehler der Version 5.7 beseitigte und einige Neuerungen mitbrachte. So vereinheitlichten die Entwickler in dieser Version etwa das gesamte Erscheinungsbild des Plasma-Themes Breeze inklusive des Login-Bildschirms. Er unterstützt nun die Anzeige von Diashows sowie animierte Hintergrundbilder.
Zudem vervollständigten und verfeinerten die Entwickler das KDE-eigene Icon-Set Breeze weiter. Es vereinheitlicht nun das Aussehen über die Toolkits Qt 4 und 5 sowie GTK 2 und 3 hinweg und enthält Symbole für das LibreOffice-Paket. Der Google-Font Noto findet durchgängig Verwendung, für die Konsole nutzt Plasma den neuen Monospace-Font Hack.
Taskmanager
Der Vorgänger Plasma 5.7 führte ein neu geschriebenes Task-Manager-Backend ein [3]. Der dafür bisher genutzte Code war bereits sechzehn Jahre alt und stark auf X11 ausgelegt, was ihn für den kommenden Display-Manager Wayland ungeeignet machte. Mit Plasma 5.8 wurden jetzt einige Applets komplett überarbeitet, die das neue Backend nutzen. Das betrifft vor allem den Pager und die Fensterliste. Sie beziehen ihre Daten jetzt direkt vom Taskmanager, was Speicher spart und Ressourcen schont.
Auch der Taskmanager selbst bekam mit Plasma 5.8 nochmals neue Funktionen. Sie können nun Dateien auf eine verknüpfte Anwendung im Taskmanager ziehen und so zusammen mit dem Programm öffnen. Das Kontextmenü der Anwendungen im Taskmanager erlaubt nun auch die Mediensteuerung. Mit einem Rechtsklick auf die Anwendung in der Leiste steuern Sie so die Lautstärke von Musik und Videos oder springen zum nächsten Titel einer Playlist.
Sprunglisten
Eine umfassende Vereinfachung erfuhr die Handhabung globaler Tastaturkürzel [4]. So lassen sich nun Aktionen über eine einzige Modifikationstaste wie [Strg],[Alt] oder [Umschalt] aufrufen, ohne dass Sie eine weitere Taste betätigen müssen. Die sogenannte Windows-Taste, unter Linux auch als [Meta] bezeichnet, öffnet nun standardmäßig das K-Menü als Dash im Vollbild.
Die Neuerung spiegelt sich derzeit noch nicht in der Abteilung Kurzbefehle der Systemeinstellungen wider, Sie müssen sie manuell in ~/.config/kwinrc konfigurieren. Die mit Plasma 5.6 eingeführten Sprunglisten (“jump lists”) ermöglichen das Öffnen von Anwendungen mit direktem Sprung zu bestimmten Funktionen (Abbildung 1). Sie erlauben dieses Springen innerhalb einer Anwendung nun auch per Modifikationstaste. Auf diesem Weg öffnen Sie etwa direkt das Compose-Fenster eines E-Mail-Clients oder den Inkognito-Modus eines Webbrowsers [5].
Multimonitor
Plasma 5.8 stellt endlich die Probleme ab, die es beim Vorgänger hinsichtlich des Ansteuerns mehrerer Monitore und der entsprechenden Zuordnung von Anwendungen gab. Gleiches gilt für den Einsatz von Projektoren oder Docking-Stationen. Softwareseitig führt Plasma nun Spectacle statt Ksnapshot zum Erstellen von Screenshots mit (Abbildung 2).
Hier braucht es allerdings noch ein paar Verbesserungen am Speichern-Dialog: Er schließt die Orte-Anzeige von Dolphin nicht ein und benötigt so einige Mausklicks mehr, um oft genutzte Speicherorte zu erreichen. Plasma Discover [6], ein Werkzeug zum gezielten Entdecken von Anwendungen, wurde neu nach den Vorgaben des Kirigami-Frameworks aufgesetzt (Abbildung 3).
Unter der Haube fanden seit Längerem unbemerkt von den Anwendern größere Umwälzungen statt. Sie betreffen hauptsächlich den Fenstermanager KWin, den die Entwickler für den neuen Display-Manager Wayland vorbereiten [7]. So unterstützt der KDE-Fenstermanager unter Wayland bereits alle gängigen Funktionen von X11.
Ausblick
KDE hat auch mit Plasma 5.8 noch nicht alle Funktionen aus KDE 4 zurückerhalten. Doch ein Blick auf die Pläne von KDE-Entwickler Sebastian Kügler [8] verrät, dass beispielsweise die globalen Menüs bereits im Januar 2017 mit Plasma 5.9 in zeitgemäßer Form zurückkehren sollen. Damit erscheinen Applikationsmenüs auch außerhalb des Anwendungsfensters, wie bei Ubuntus Unity im Kopfbereich des Displays oder in der Taskleiste am unteren Bildschirmrand.
Zudem sind für die nächsten zwei Jahre jeweils nur drei Plasma-Veröffentlichungen pro Jahr eingeplant. Dadurch erhoffen sich die Entwickler eine bessere Balance zwischen der Entwicklungsarbeit und den Stabilisierungsphasen zwischen den Veröffentlichungen. Plasma 5.9 erscheint am 31. Januar 2017, die nächste LTS-Version kommt danach im August 2018 mit Plasma 5.14. Sie korreliert dann mit einer weiteren LTS-Version von Qt, die für den Sommer 2018 ansteht.
Sorgenkinder
Ein Sorgenkind verbleibt KDE allerdings: Die PIM-Suite mit Kontact und Kmail fiel immer weiter hinter die generelle Entwicklung zurück und plagt sich immer noch mit vielen Fehlern herum. Schon zu KDE-4-Zeiten fanden zwei neue Technologien Einzug in KDE, die diesem Zyklus generell viele Probleme bereiteten. Das waren der semantische Desktop Nepomuk und der Datenspeicher Akonadi, der PIM-Anwendungen wie E-Mail- oder Kalenderprogrammen Zugriff auf einheitlich verwaltete Daten und Metadaten gewährt. Während Nepomuk sich mittlerweile durch das neue Index- und Such-Framework Baloo handzahm zeigt, beschert Akonadi mit seiner Komplexität immer noch Probleme, die einer PIM-Suite schlecht zu Gesicht stehen.
Seit jeher gibt es mit Gnome und KDE zwei Lager, wenn es um die beste Desktop-Umgebung geht. Dabei entfernten sich die beiden Projekte in den letzten Jahren zunehmend voneinander. Während Gnome immer mehr vereinfacht und bewährte Funktionen weglässt, feilt KDE mit der fünften Generation weiter daran, sowohl durchgängig konfigurierbar als auch standardmäßig benutzbar zu bleiben. KDE ging auch mit Plasma 5 nichts von seiner überbordenden Konfigurierbarkeit verloren. Andererseits genügt die Auslieferungskonfiguration den meisten Ansprüchen, ohne dass allzu viel fehlt oder im Weg steht.
Fazit
In den Augen vieler Anwender ist das aktuelle KDE das beste, das es je gab. Über das Standard-Wallpaper mag man ja streiten, aber es lässt sich bei Nichtgefallen in Sekunden austauschen. Insgesamt wirkt der visuelle Auftritt klar, elegant und geschäftsmäßig zugleich; das Design tritt in den Hintergrund und steht nicht im Weg (Abbildung 4). Mit Dolphin als Schaltzentrale verfügt KDE zweifellos über einen der besten Dateimanager auf dem Markt (Abbildung 5).
Mit Plasma 5.8 LTS scheint KDE endlich so richtig im fünften Zyklus angekommen zu sein. Die KDE-Entwickler spendierten Plasma 5.8 bereits zwei kleinere Updates, die sich in brandaktuellen Distributionen wie KDE Neon [9] oder der kleinen, aber feinen Distribution KaOS [10] finden. Mit Plasma 5.8 scheint KDE nun aber mehr denn je zu wissen, wo das Projekt in Zukunft hingelangen möchte.
Infos
[1] Ankündigung: https://groups.google.com/forum/#!original/de.comp.os.linux.misc/SDbiV3Iat_s/zv_D_2ctS8sJ
[2] Plasma 5.8 LTS: https://vizzzion.org/blog/2016/09/lts-releases-align-neatly-for-plasma-5-8/
[3] Taskmanager: https://blogs.kde.org/2016/05/31/new-plasma-task-manager-backend-faster-better-wayland
[4] Tastaturkürzel: https://blog.martin-graesslin.com/blog/2016/08/modifier-only-shortcuts-available-in-plasma-5-8/
[5] Diskussion über Sprunglisten: https://forum.kde.org/viewtopic.php?f=285&t=129536
[6] Kirigami: http://www.pro-linux.de/news/1/23407/kde-stellt-kirigami-oberfl%C3%A4che-f%C3%BCr-anwendungen-vor.html
[7] Wayland in Plasma: https://blog.martin-graesslin.com/blog/2016/06/wayland-in-plasma-5-7/
[8] Plasma-Planung: https://vizzzion.org/blog/2016/10/plasmas-road-ahead/
[9] KDE Neon: https://neon.kde.org/
[10] KaOS: https://kaosx.us/










