Mit Dasher auch ohne Tastatur tippen

Aus LinuxUser 08/2016

Mit Dasher auch ohne Tastatur tippen

© niroworld, 123RF

Tastenlos

Dasher erlaubt, mit etwa Übung auch ohne Tastatur flüssig zu schreiben – etwa per Maus, mit dem Finger auf einem Touchpad oder für Menschen mit Handicap via Mund- oder Augensteuerung.

Nicht immer eignet sich eine Tastatur zur Eingabe von Texten in einen Computer. Dabei limitieren einerseits die Größe des Eingabegeräts, andererseits etwa eine körperliche Einschränkung des Anwenders. Um für Menschen mit Behinderung die Barrieren abzusenken, entwickelte der im April 2016 im Alter von 48 Jahren verstorbene britische Professor David MacKay [1] zusammen mit seinem Doktorand David Ward die Software Dasher [2]. Das Programm steht als freie Software unter der GNU GPL und fand im Gnome-Projekt ein organisatorisches Zuhause.

Das grafische Texteingabesystem (Abbildung 1) ermöglicht dem Anwender eine effiziente Texteingabe durch ein Zeigegerät (Maus, Mundmaus, Augensteuerung) mit ununterbrochenen Gesten statt per Tastatur oder Diktierprogramm. Bei Touchscreens lässt sich das Programm auch mit einem Finger oder Stift steuern. Zudem beherrscht Dasher mittlerweile Sprachausgabe, auch abweichend von der voreingestellten PC-Sprache. Eine Gehirn-Computer-Schnittstelle [3] steht für eine Folgeversion auf dem Plan.

Abbildung 1: Mit Dasher brauchen Sie keine Tastatur zum Tippen. Das Programm richtet sich primär an Menschen mit Behinderung, eignet sich aber auch für Tablet-PCs.

Abbildung 1: Mit Dasher brauchen Sie keine Tastatur zum Tippen. Das Programm richtet sich primär an Menschen mit Behinderung, eignet sich aber auch für Tablet-PCs.

Die Software findet sich in allen gängigen Distributionen, allerdings in der Regel nicht in der im März 2016 veröffentlichten Version 5.0 Beta [4]. Arch Linux entfernte das Programm jedoch Anfang Juli, da sämtliche aktuellen Ausgaben (selbst die Beta aus Github) den Dienst quittierten [5]. Die 5.0 Beta muss man daher meist aus dem Quellcode [6] bauen. Außer für Linux gibt es Dasher auch für FreeBSD, NetBSD, Solaris, Android und Windows.

Der erste Eindruck täuscht

Startet man Dasher zum ersten Mal, meint man die falsche Software installiert zu haben: Das Programm erinnert eher an ein Computerspiel denn an eine Bildschirmtastatur. Tatsächlich lehnt sich Dasher in der Steuerung an Arcade-Spiele wie etwa Pong [7] an. So fällt die Eingewöhnung leicht und erfolgt zudem spielerisch und kurzweilig.

Als Ergebnis versprechen die Entwickler ein System (Abbildung 2), mit dem man schneller und mit weniger Fehlern schreibt als mit einer klassischen Bildschirmtastatur. Das soll im Besonderen für die Augensteuerung über einen Eyetracker zutreffen. Professor MacKay war überzeugt, solange einem behinderten Mensch noch die Kontrolle über einen Muskel bliebe, könne man ein Gerät entwerfen, mit dem sich Dasher steuern lässt. So entwickelte er beispielsweise einen Controller, der via Atmung funktioniert.

Abbildung 2: Das "Tippen" der ersten Wörter erweist sich noch als Geduldspiel. Mit ein wenig Übung erzielt man jedoch eine beachtliche Geschwindigkeit.

Abbildung 2: Das “Tippen” der ersten Wörter erweist sich noch als Geduldspiel. Mit ein wenig Übung erzielt man jedoch eine beachtliche Geschwindigkeit.

Automatische Wortvorhersage

Dasher nutzt ein wahrscheinlichkeitsbasiertes Vorhersagemodell, um die nächsten Zeichen und Zeichenkombinationen zu prognostizieren. Damit sich diese leichter auswählen lassen, zeigt Dasher sie größer an. Das Schreiben läuft flüssig ab: Einen Mausklick braucht es nur zum Starten und Beenden des Schreibvorgangs, jedoch nicht, wie bei Bildschirmtastaturen üblich, für jedes Zeichen.

Das Programm beherrscht zudem eine Sprachausgabe, indem es sich in das Text-to-Speech-System des PCs einhängt. Dabei arbeitet Dasher mit fast allen Sprachen und Alphabeten zusammen. Zuletzt fügten die Entwickler eine Unterstützung für japanische und chinesische Zeichen hinzu. Dasher setzt neben einiger Übung ein halbwegs intaktes Seh- und Reaktionsvermögen voraus. Dabei lässt sich die Geschwindigkeit, mit der man sich auf Zeichen zubewegt, beliebig einstellen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Im Einstellungsdialog von Dasher lässt sich die Anzeige anpassen. Zudem bietet das Programm verschiedene Modi zur Eingabe von Zeichen an.

Abbildung 3: Im Einstellungsdialog von Dasher lässt sich die Anzeige anpassen. Zudem bietet das Programm verschiedene Modi zur Eingabe von Zeichen an.

Selbst für nicht eingeschränkte Personen erscheint Dasher am Anfang etwas unübersichtlich. Die wichtigsten Bewegungsabläufe erlernt man jedoch recht schnell. Anwender, die das Prinzip der verschiedenen Farbflächen und der Zeichen, die sie repräsentieren, nach einigen Stunden Übung verinnerlicht haben, schreiben mit Dasher etwa 20 bis 25 Worte pro Minute. Geübte Anwender schaffen per Augensteuerung mit 30 Worten fast die Rate von Handschrift, versierte Mausschubser 40 Worte und mehr pro Minute (Abbildung 4).

Abbildung 4: Nach einer Stunde Übung gelingt die Eingabe längerer Sätze bereits sehr gut. Für wirklich schnelles "Tippen" muss man jedoch ernsthaft trainieren.

Abbildung 4: Nach einer Stunde Übung gelingt die Eingabe längerer Sätze bereits sehr gut. Für wirklich schnelles “Tippen” muss man jedoch ernsthaft trainieren.

Dasher spielerisch lernen

Als Nutzer wählen Sie Zeichen aus, indem Sie mit einem Zeigegerät verschiedene Farbflächen, die jeweils Zeichen wie Groß- und Kleinbuchstaben oder Satzzeichen repräsentieren, an einem Fadenkreuz in der Bildschirmmitte vorbeisteuern und diese damit auswählen. Menschen mit körperlichen Einschränkungen steht dafür beispielsweise ein Augenscanner zur Verfügung (Abbildung 5). Nach der Eingabe erster Texte lernt das System dazu und schlägt nach Auswahl eines Buchstabens ein oder mehrere Worte vor. Geschriebene Texte lassen sich auch in die Zwischenablage kopieren und so in andere Anwendungen übernehmen.

Abbildung 5: Für die Eingabe von Texten mit Dasher eignen sich auch Joysticks, Augenscanner oder eine per Atem kontrollierte Steuerung. (Bild: Dasher-Projekt)

Abbildung 5: Für die Eingabe von Texten mit Dasher eignen sich auch Joysticks, Augenscanner oder eine per Atem kontrollierte Steuerung. (Bild: Dasher-Projekt)

Einen guten Überblick über die Eingabemethode vermittelt ein deutschsprachiges Video auf der Webseite Schmetterlong, die viele Informationen zur barrierefreien Kommunikation bereithält [8]. Ein Ausschnitt aus einem Google-Talk zeigt Professor MacKay bei einem Vortrag bei der effizienten Anwendung von Dasher [9]. Dabei erläutert MacKay (auf Englisch) die Entstehung, das Prinzip hinter und die Benutzung von Dasher. Wer ernsthaft in die Software einsteigen möchte, dem sei dieser unterhaltsame Vortrag in voller Länge ans Herz gelegt [10]. Die beste Dokumentation für Dasher findet sich beim Gnome-Projekt [11].

Die menschliche Seite

Mit Dasher schließt sich auch der Kreis zwischen zwei Menschen, die ihre Arbeit weitgehend in den Dienst der Allgemeinheit stellten beziehungsweise stellen: Der erste bezahlte Job des bekannten Linux-Entwicklers Matthew Garrett [12] war die Arbeit für Professor MacKay von 2002 bis 2003 bei der Entwicklung von Dasher. Beide lernten sich an der University of Cambridge kennen, wo MacKay lehrte und Garrett Genetik studierte.

Garrett schreibt in einem Nachruf in seinem Blog [13], die Arbeit mit MacKay habe ihm praktisch vor Augen geführt, was freie Software für die Anwender bedeutet und wie wichtig deren Beiträge dazu sind. So entwickelte sich durch die Zusammenarbeit Dasher innerhalb eines Jahres vom Forschungsprojekt zu einer gut integrierten Gnome-Komponente. Dabei entwickelte Garrett nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern stellte Dasher in Vorträgen vor.

Vor allem ging er aber zu den Anwendern der Software, hörte ihnen zu und versuchte dann, die Erfahrungen in der Software umzusetzen. Für Garrett formten sich hier die Grundlagen, die ihn nicht nur zu einem Kernel-Hacker und Linux-Entwickler machten, sondern zu einem Aktivisten für freie Software, der sich im Zweifelsfall immer lautstark für den Anwender und gegen Unternehmen einsetzt. Er scheut sich nicht, regelmäßig Microsoft, Intel oder Canonical anzuprangern, wenn deren Vorgehen freie Software behindert.

Wer war Professor MacKay?

Sir David John Cameron MacKay war ein britischer Philosoph, Physiker und Mathematiker und zuletzt Privatdozent für Ingenieurswissenschaften an der University of Cambridge. Von 2009 bis 2014 arbeitete MacKay als leitender wissenschaftlicher Berater des britischen Ministeriums für Energie und Klimawandel, nachdem 2008 sein Buch “Sustainable Energy – Without the Hot Air” für Furore sorgte, das sich mit dem Energieverbrauch und der nachhaltigen Energieproduktion ohne fossile Brennstoffe beschäftigt [15]. MacKay investierte persönlich 10?000 Pfund eigenen Geldes zur Veröffentlichung des Buchs. MacKay arbeitete auch über maschinelles Lernen und die Informationstheorie, in deren Zusammenhang er auch Dasher als völlig neuen Ansatz des Schreibens ohne Tastendrücke entwickelte. Nachdem bei ihm 2015 Krebs diagnostiziert wurde, verarbeitete MacKay den Verlauf seiner Erkrankung in seinem öffentlichen Blog [16]. Er verstarb wenige Tage nach seinem letzten Blog-Eintrag im April 2016 im Alter von 48 Jahren.

Fazit

Dasher erwies sich im Test unter Fedora mit Gnome als sehr zuverlässig. Unter Debian traten hingegen einige seit Langem bestehende Bugs zutage, die die Funktionalität einschränken. In der Praxis fällt das Schreiben mit Dasher anfangs schwer, oft “tippt” man den falschen Buchstaben ein. Mit zunehmender Gewöhnung und mithilfe der zahlreichen Trainingstexte eröffnet sich jedoch schnell eine neue, faszinierende Welt des Schreibens.

Ein Zitat eines Anwender aus einem Forum für Muskelkranke [14] belegt das eindrucksvoll: “Laut Hersteller soll man per Eyetracker bis zu 125 Zeichen pro Minute schreiben können. Das scheint mir etwas übertrieben: Ich tippe mit Kopfmaus etwa 80 bis 90 Zeichen pro Minute. Aber das ist bereits ein erheblicher Fortschritt gegenüber einer Bildschirmtastatur, bei der ich selbst mit Wortvorhersage nur 40 Zeichen pro Minute geschafft habe. So brauche ich nun für alles, was ich schreibe, nur noch die Hälfte der Zeit.” 

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