Wie alle Arbeitsoberflächen unter Linux bringt der Gnome-Desktop viele eigene kleine Programme mit. Eine der Perlen unter diesen Applikationen ist der Bildbetrachter Gthumb.
Bildbetrachter gibt es unter Linux wie Sand am Meer. Dabei bieten einige dieser Programme Zusatzfunktionen, die in vielen Fällen den Einsatz einer kompletten Bildbearbeitung erübrigen. Eine besonders gelungene Kombination aus Bildbetrachter und Bildbearbeitung für den Alltagsgebrauch bietet das Programm Gthumb [1]. Es erfuhr mit der Umstellung auf das GTK3 ein komplettes Redesign mitsamt zahlreichen neuen Funktionen.
Seit der Version 3.0.0 nutzt Gthumb das GTK3-Toolkit von Gnome, die aktuelle Version 3.4.1 arbeitet daher am besten unter Desktop-Umgebungen wie Gnome oder Cinnamon. In Kombination mit anderen Desktops kommt es eventuell bei der Darstellung der Client-side Decorations, also der in die Fensterleiste integrierten Menüs und Schaltflächen, zu Fehlern. Diese lassen sich jedoch mit einem Patch beheben [2].
Oberflächliches
Das Programm begrüßt Sie mit einer etwas gewöhnungsbedürftigen Oberfläche, die den mit Version 3 eingeführten Gnome-Konventionen entspricht. Im Modus zum Bearbeiten von Bildern zeigt Gthumb im oberen Bereich des Fensters links die aktuelle Bilddatei, während unten über die gesamte Breite horizontal eine Leiste mit Vorschauen der restlichen Bilder im aktiven Ordner erscheint (Abbildung 1).
Rechts im Programmfenster und oben horizontal angeordnet finden Sie unterschiedliche Schaltflächen, die in der Seitenleiste verschiedene Funktionen aktivieren. Eine herkömmliche Menüleiste fehlt. Beachten Sie, dass unter Gnome 3 mit der Einführung der Client-side Decorations einige Bedienelemente im Fenster der Applikation erscheinen, die üblicherweise der Fenstermanager bereitstellt. Dadurch tauchen etwa die Buttons zum Minimieren, Maximieren und Schließen in anderen Desktop-Umgebungen doppelt auf, was sich jedoch nicht auf die Funktion auswirkt.
Die einzelnen Piktogramme auf den Schaltflächen erschließen sich dabei nicht in allen Fällen auf den ersten Blick. Daher zeigt die Software deren Funktionen in einem Tooltipp an, sobald Sie den Mauszeiger darüber bewegen. Während Sie über die Schaltflächen links oben die Ansicht des Bilds verändern oder dieses drehen, finden Sie rechts oben Buttons, mit denen Sie Modifikationen an der Datei vornehmen.
Der ganz links befindliche Schaltknopf Eigenschaften listet die Eigenschaften des Bilds in Form einer Tabelle auf. Derjenige daneben mit dem Titel Datei bearbeiten verzweigt in das Menü zum Bearbeiten: Hier wählen Sie bei Bedarf in der Gruppe Farben aus sieben Funktionen, wobei zusätzlich die Möglichkeit besteht, Inhalte nachträglich zu schärfen. Besonders interessant wirkt die erste Funktion Automatischer Kontrastabgleich: Im Test gelang es damit, kontrastarme Fotos von Landschaften, die aufgrund von starker Sonneneinstrahlung und Nebelbildung sehr verwaschen wirkten, deutlich zu verbessern, ohne dabei gleichzeitig die Helligkeit herabzusetzen.
Mit der Schaltfläche rechts daneben nehmen Sie einen kompletten Farbabgleich vor: Dazu zählen neben dem manuellen Einstellen von Helligkeit, Kontrast, Sättigung und Gamma-Wert per Schieberegler das Anpassen der Anzahl der Farben, wobei diese voreingestellt dem additiven Farbmodell [3] entsprechen. Der dritte Schaltknopf Schärfe verbessern ermöglicht das Nachschärfen eines Bilds. Dabei blendet die Software einen kleinen Ausschnitt des Bilds als Vorschau ein, sodass Sie dadurch noch vor dem eigentlichen Bearbeiten erkennen, ob sich durch zu restriktive Einstellungen sichtbare Artefakte zeigen. Mit der Option Graustufen verwandeln Sie das Bild in eine Schwarzweiß-Aufnahme.
Die zweite Reihe an Schaltflächen in der Rubrik Farben bietet die Möglichkeit, über Histogramms die Farbwerte und Helligkeiten möglichst gleichmäßig über das ganze Bild hinweg anzupassen. Unter Special Effects finden Sie Instagram-typische Filter wie Vintage, Lomo oder Blurred Edges, der an den Rändern des Bilds eine Unschärfe aufbringt. Hinter der letzten Schaltfläche verbirgt sich eine Funktion, die bei Aufnahmen mit zugeschaltetem Blitz den Rote-Augen-Effekt korrigiert.
Da Gthumb alle Modifikationen sofort umsetzt, sehen Sie umgehend, ob die gewählte Option tatsächlich die Bildqualität in Ihrem Sinne beeinflusst. Gelingt das nicht, nehmen Sie die letzte Operation durch einen Klick auf den Schalter Zurücksetzen oben rechts im Programmfenster zurück. In der Button-Gruppe Drehung bietet Gthumb verschiedene Optionen zum Drehen und Spiegeln des angezeigten Bilds an. Die Funktion Drehen zum freien Ausrichten schneidet das Bild auf Wunsch automatisch auf das ursprüngliche Format zu, sodass sich eine größere Anzahl an Bildern mit schiefem Horizont schnell korrigieren lässt.
Die Gruppe Format bietet Funktionen, um das Bild zuzuschneiden und in der Größe zu modifizieren. So ändern Sie ein Bild, das Sie später im Vollformat auf einer Postkarte abbilden möchten, per Mausklick in den dafür nötigen Formfaktor 3:2. Die Software legt dabei auf das aktive Bild während des Bearbeitens ein Gitter, über das Sie mit der Maus den zu berücksichtigenden Ausschnitt festlegen. Mit Speichern oder Speichern unter aus dem Menü sichern Sie die Änderungen auf die Festplatte.
Suchfunktion
Lagern auf dem Massenspeicher große Bildersammlungen, so gerät das Verwalten der einzelnen Alben zunehmend unübersichtlich. Gthumb bietet für diesen Fall nicht nur die Option, Duplikate zu suchen, sondern erleichtert die Suche nach Bildern durch die Ansicht der eigentlichen Ordner auf der Festplatte. Diese blenden Sie nach einem Klick auf den mit Die Ordner anzeigen betitelten Knopf mit dem Pfeil nach links ganz links oben im Bearbeitungsfenster ein.
Gthumb öffnet nun links im Programmfenster einen Verzeichnisbaum, während es rechts in einem großen Bereich Vorschaubilder aus dem jeweils aktiven Verzeichnis in Form einer Liste anzeigt (Abbildung 2). Befinden sich neben Bildern zusätzlich Videos im geöffneten Verzeichnis, so erstellt Gthumb auch zu diesen eine Vorschau – das funktioniert allerdings nur mit Gnome als Desktop-Umgebung zuverlässig. Durch einen einfachen Mausklick auf ein Bild öffnen Sie es, wobei Gthumb dann wiederum sofort in den Modus zum Bearbeiten wechselt.

Abbildung 2: In der Ordneransicht durchstöbern Sie auch große Bildersammlungen nach dem richtigen Bild.
Bei umfangreich verschachtelten Verzeichnissen kommt es manchmal vor, dass die Suche per Durchblättern der Verzeichnisse langwierig ausfällt. Gthumb wartet daher mit einer weiteren Suchfunktion auf, die Sie durch Anklicken des Buttons Dateien suchen oben links im Fenster starten. Hier ermöglicht Gthumb anhand vorgegebener Kriterien, die Sie aus einer Liste wählen und miteinander kombinieren dürfen, eine sehr zielgerichtete Suche nach einzelnen Bildern.
Stapelweise
Gthumb bietet darüber hinaus die Möglichkeit, die Metadaten der Bilder zu bearbeiten. Über einen kleinen Dialog, den Sie über den Schalter Kommentar oben rechts im Programmfenster erreichen, passen Sie die Metadaten entsprechend Ihren Vorstellungen an: Neben Kommentaren und Schlagwörtern können Sie dazu im Reiter Andere Copyright-Vermerke speichern und verschiedene Informationen zum Bild hinterlegen.
Umgekehrt bietet Gthumb die Funktion, die bei der Aufnahme mit Digitalkameras zu jedem Bild gespeicherten Metadaten komplett zu löschen. Dazu aktivieren Sie die Ordneransicht und markieren in der Vorschau die Bilder, deren Metadaten Sie löschen möchten. Klicken Sie anschließend oben rechts auf den Schalter Werkzeuge mit dem Schraubenschlüssel. Der Eintrag Metadaten löschen entfernt dann sämtliche Zusatzinformationen.
Gerade wiederkehrende Aufgaben wie das Ändern von Metadaten oder das Konvertieren in ein anderes Format verursachen viel Aufwand, sobald Sie diese auf eine Vielzahl von Fotos anwenden müssen. Daher bietet Gthumb eine Stapelverarbeitung, die solche Aufgaben automatisch erledigt. Die Funktion erlaubt es, Bilder zu drehen, in ein anderes Format zu konvertieren und die Bildgröße oder Zeitstempel für Kommentare sowie das Datum der letzten Änderung zu modifizieren.
Sie erreichen diese Stapelverarbeitung über den Vorschaumodus. Markieren Sie dort die zu ändernden Bilder und öffnen Sie wieder über den Schalter mit dem Schraubenschlüssel-Symbol oben rechts in der Ordneransicht das Menü für die Bildbearbeitung. Optionen wie Linksherum drehen führt Gthumb ohne weitere Nachfragen auf alle markierten Bilder aus. Andere Optionen wie Format umwandeln … oder Bildgrößen ändern … öffnen hingegen einen Dialog mit weiteren Einstellungen.
Präsentationsmodus
Um die Aufnahmen einer größeren Gruppe vorzuführen, bietet Gthumb einen Präsentationsmodus. Sie aktivieren ihn aus der Ordneransicht oben rechts über den leicht abgesetzten Schalter Präsentation. Zurück zur Anwendung kommen Sie durch einen Druck auf [Esc]. Alternativ nutzen Sie [F5] zum Starten und Beenden einer Präsentation. Im Vollbildmodus zeigt Gthumb die im aktuellen Verzeichnis befindlichen Bilder der Reihe nach an, wobei das Programm nach jeweils fünf Sekunden Anzeigedauer zum nächsten Bild wechselt.
Möchten Sie ein Bild länger betrachten, dann pausieren Sie mit [P] die Wiedergabe. Über die Leertaste sowie die Pfeiltaste nach rechts springen Sie umgehend zum nächsten Bild, mit der Pfeiltaste nach links wechseln Sie zum letzten zurück. Die Zeitdauer sowie die Übergänge beim Wechsel der Bilder legen Sie in den Einstellungen unter Betrachter | Diaschau fest – typisch für Gnome 3 erreichen Sie diese über das Anwendungsmenü im Panel (Abbildung 3).

Abbildung 3: Leicht zu übersehen: Die Einstellungen von Gthumb erreichen Sie über das Anwendungsmenü.
Instabil
Unter Arch Linux mit Gnome 3.18.1 und Gthumb 3.4.1 erwies sich der Vollbildmodus als instabil. Spätestens das Beenden der Präsentation führte zu einem Komplettabsturz der Anwendung. Möchten Sie nicht warten, bis die Desktop-Umgebung das zwangsweise Beenden der Anwendung anbietet, schießen Sie das Programm mit killall gthumb von der Konsole aus ab.
Import, Export und Kreatives
Gthumb versteht sich nicht nur auf das Darstellen lokal gespeicherter Bilder, sondern integriert auch Online-Communities wie Facebook und Fotodienste wie Flickr oder Picasa. Möchten Sie Bilder aus diesen Diensten in Ihre Gthumb-Sammlung integrieren, dann importieren Sie sie, indem Sie oben rechts auf den Menüschalter klicken und dort unter Importieren von den gewünschten Dienst auswählen. Über eine Authentifizierung klinkt sich Gthumb dann in den jeweiligen Dienst ein.
Neben der Anzeige von Inhalten bietet Gthumb auch den Export von Bildern zu diversen Online-Fotoalben an. Hierzu markieren Sie die zu exportierenden Bilder und klicken oben rechts in der Kopfzeile auf den Schalter Exportieren. Im Kontextmenü bietet Gthumb dann den Export zu Facebook, Flickr, Picasa, Photobucket und 23 an. Nach einer entsprechenden Authentifizierung laden Sie die markierten Bilder über ein neues Fenster hoch.
Gthumb bietet ambitionierten Fotografen, die ihre Bilder außergewöhnlich präsentieren möchten, einige Funktionen zum kreativen Gestalten einer Diaschau. Dazu markieren Sie wiederum die gewünschten Bilder in der Ordneransicht. Anschließend finden Sie über den Exportieren-Button zu den entsprechenden Funktionen. Contact Sheet… erzeugt einen Kontaktabzug mit allen Bildern im Kleinformat. Mit Internet-Album … erzeugen Sie ein HTML-Album, das Sie dann auf eine Webseite laden. Bildwand … arrangiert Bilder zu einer Montage (Abbildung 4).
Fazit
Gthumb erledigt im Handumdrehen viele Aufgaben, die mit ausgewachsenen Bildbearbeitungsprogrammen viel Zeit in Anspruch nehmen. Anpassungen von Kontrast und Helligkeit, das Entfernen des Rote-Augen-Effekts oder auch das Zuschneiden von Bildern in bestimmte Standard-Formate lassen sich mit nur wenigen Mausklicks bewerkstelligen. Auch als Bildbetrachter mit Präsentationsfähigkeiten macht die Software eine gute Figur.
Gewöhnungsbedürftig stellt sich allerdings in den neuen Versionen die Programmoberfläche dar: Aufgrund fehlender Menühierarchien und durch Schaltknöpfe mit teils ungewöhnlichen Symbolen muss der Anwender sich zunächst mit der Bedienung des Programms beschäftigen. Ist diese Hürde genommen, entpuppt sich Gthumb jedoch als sehr effizientes Programm für viele alltägliche Bildbearbeitungsaufgaben.
Infos
[1] Gthumb: https://wiki.gnome.org/Apps/gthumb
[2] “How to disable GTK3 client side decorations”: http://www.webupd8.org/2014/08/how-to-disable-gtk3-client-side.html
[3] Additives Farbmodell: https://de.wikipedia.org/wiki/Additive_Farbmischung







