Rettungssystem mit 4MLinux

Aus LinuxUser 12/2015

Rettungssystem mit 4MLinux

© Liliya Kulianionak, 123RF

Im Doppelpack

Mit zwei sehr schlanken Varianten stellt 4MLinux auch Nutzern älterer Hardware gängige Wartungs- und Rettungstools zur Verfügung.

Das aus Polen stammende 4MLinux gilt als guter Allrounder für betagte Hardware. Dabei konzentrieren sich die Programmierer auf die vier Bereiche Maintenance (Systemwartung), Multimedia, Miniserver und Mystery (Spiele). Daneben stellt das Entwicklerteam auf der Projektseite unter http://4mlinux.com mit dem 4MLinux Rescue Kit ein ausschließlich mit Tools zur Daten- und Systemwiederherstellung bestücktes Rettungssystem bereit.

Die Hauptvariante der kürzlich erschienenen Version 13.1 läuft bereits auf Pentium-Prozessoren der ersten Generationen und begnügt sich mit 128 MByte Haupt- und 1 GByte Festplattenspeicher. Für den Live-Betrieb benötigt der Rechner allerdings mindestens 1 GByte RAM. Die ISO-Images der 4MLinux-Varianten passen problemlos selbst auf eine CD: So beansprucht die Vollversion des unter der GPLv3 vertriebenen Systems gerade einmal rund 360 MByte, während das 4MLinux Rescue Kit sogar mit lediglich gut 200 MByte auskommt.

Dafür erhalten Sie in der Komplettvariante ein Betriebssystem mit grafischer Oberfläche, für die der extrem schlanke Window-Manager JWM in Kombination mit Windowmaker verantwortlich zeichnet. Zugleich ist das System gemäß der Entwicklungsphilosophie mit einem ansehnlichen Fundus an schlanker Software bestückt.

Das 4M Rescue Kit konzentriert sich hingegen unter Verzicht einer grafischen Oberfläche ganz auf seine Aufgabe als Rettungssystem: Es besteht faktisch aus vier unabhängig voneinander genutzten Betriebssystemteilen, die die gängigen Wartungsaufgaben wie Virenprüfung für heterogene Umgebungen, Dateisicherung und damit einhergehend das Anlegen eines Images, Massenspeicherpartitionierung und das Zurücksichern von gespeicherten Daten umfassen. Das 4M Rescue Kit dient als reines Live-System und besitzt deswegen auch keine Installationsroutine.

Einstieg in 4M

Der schlicht gehaltene Grub-Bootmanager der Vollversion bietet drei Optionen an: Die ersten beiden starten das Live-System, wobei im Falle von Problemen mit der Grafik-Hardware der VESA-Framebuffer für Abhilfe sorgt. Hierbei bittet Sie das System kurz nach dem Start, durch Drücken der Eingabetaste und Auswahl eines geeigneten Videomodus die Hardwareprobleme zu umgehen. Der als dritte Option angebotene Legacy-Installer befördert in wenigen Schritten das System auf die Festplatte.

Beachten Sie, dass der von 4MLinux genutzte Kernel einen Prozessor mit PAE-Unterstützung erwartet: Zwar kam diese Technologie bereits 1995 mit dem Pentium-Pro-Prozessor erstmals zum Einsatz, wurde jedoch bei einigen späteren Prozessoren wie den ersten Pentium-M-Baureihen deaktiviert. Auch einige Intel-Atom-Prozessoren unterstützen den PAE-Modus nicht.

Im Live-Betrieb öffnet sich zunächst ein Terminalfenster, in dem Sie die Lokalisierung des Systems einrichten. Das voreingestellte LANG=en ändern Sie in LANG=de. Anschließend öffnet sich rechts auf dem Desktop der Conky-Monitor, der eine vertikale Statusanzeige mit verschiedenen Parametern des laufenden Systems zeigt. Am oberen Rand zeigt der Desktop mittig eine Icon-Leiste zum Start der wichtigsten Programme.

Conky beansprucht verhältnismäßig viele Ressourcen. Im Bedarfsfall deaktivieren Sie die Statusanzeige mithilfe eines Klicks auf den ganz rechts in der Starterleiste befindlichen Button Conky ON/OFF. Am unteren Rand befindet sich eine horizontale Panelleiste mit einigen Startern und einem System-Tray mit Informationen. Auf dem Desktop selbst finden Sie ein einziges Icon. Ein Klick darauf öffnet das Home-Verzeichnis (Abbildung 1).

Abbildung 1: Wirkt ganz und gar nicht veraltet: der Desktop von 4MLinux.

Abbildung 1: Wirkt ganz und gar nicht veraltet: der Desktop von 4MLinux.

Rettungssystem

Anders als die meisten herkömmlichen Linux-Distributionen bringt 4MLinux bereits in der Standardvariante eine große Anzahl von Anwendungen für Wartungsaufgaben sowie die System- und Datenrettung mit: Im Untermenü Maintenance finden Sie fünf Untergruppen, die sich jeweils spezifischen Aufgaben widmen: Partitions, Data, CD/DVD, SystemMonitor und MiscTools (Abbildung 2).

Abbildung 2: Ohne Nachinstallation von Software ist 4MLinux aus dem Stand als Rettungssystem zu gebrauchen.

Abbildung 2: Ohne Nachinstallation von Software ist 4MLinux aus dem Stand als Rettungssystem zu gebrauchen.

Unter Partitions finden Sie neben mehreren Programmen zur Partitionierung von Massenspeichern auch einen Starter für den Abruf der SMART-Werte der Festplatte oder SSD. Zudem haben die Entwickler von 4MLinux bereits Partitionierungssoftware in das System integriert, die auch den Umgang mit GPT-Partitionstabellen beherrscht: Sofern Sie also sehr große Massenspeicher mit Kapazitäten von über 2 TByte nutzen, lassen sich diese problemlos mit 4MLinux aus dem Stand verwalten, ohne Software nachinstallieren zu müssen.

Ähnlich umfassend zeigt sich die Softwareausstattung in der Gruppe Data: Hier finden Sie neben unterschiedlichen Programmen zum Anlegen eines Backups und zur Rücksicherung vorhandener Daten auch einen Wiping genannten Starter. Dieser öffnet die Ncurses-basierte Applikation Nwipe, mit deren Hilfe Sie Inhalte unwiederbringlich vom Massenspeicher radieren (Abbildung 3). Die Gruppe CD/DVD integriert insgesamt vier Starter für den Umgang mit optischen Datenträgern, darunter mit Flburn ein sehr schlankes und eher unbekanntes Brennprogramm.

Abbildung 3: Damit vertrauliche Daten vertraulich bleiben: Nwipe.

Abbildung 3: Damit vertrauliche Daten vertraulich bleiben: Nwipe.

In der Gruppe SystemMonitor versammeln sich zahlreiche Monitoring-Programme, wobei es sich ausnahmslos um Ncurses-Applikationen handelt, die keine grafische Oberfläche mitbringen und im Terminal laufen. Die Werkzeuge bieten entweder einen Überblick über das gesamte System oder widmen sich einem speziellen Bereich, wie etwa der Netzwerkanbindung. Mit Ncdu ist auch eine Software zur Analyse des Speicherverbrauchs auf Massenspeichern vertreten; Htop dagegen visualisiert laufende Prozesse im System. Viele der Programme blenden beim Start eine Schnellhilfe zur Tastenbelegung ein, sodass die Bedienung keine großen Probleme bereitet (Abbildung 4).

Abbildung 4: Auch die Systemprüfung kommt bei 4MLinux nicht zu kurz.

Abbildung 4: Auch die Systemprüfung kommt bei 4MLinux nicht zu kurz.

Die letzte Gruppe MiscTools umfasst neben dem Dateiarchivierer Xarchiver auch Unetbootin sowie das Antivirusprogramm ClamAV für den Einsatz insbesondere in heterogenen Umgebungen. Im Untermenü FileManagers der Gruppe MiscTools greifen Sie zudem auf den wieselflinken Dateimanager PcmanFM oder alternativ den Midnight Commander zurück, der dem legendären Norton Commander unter DOS nachempfunden ist.

Die Vollversion von 4MLinux eignet sich aufgrund ihres schlanken Designs und der integrierten Tools zur Systemwartung und Reparatur durchaus auch als Rettungssystem, das für alltägliche Aufgaben im Bereich von Arbeitsplatzrechnern nützliche Dienste leisten kann.

4M Rescue Kit

Das noch ressourcenschonendere 4M Rescue Kit dagegen ist ausschließlich für den Einsatz als Rettungssystem auf Desktop-Computern gedacht und bietet zudem ein etwas außergewöhnliches Konzept: Im Bootmanager Grub finden Sie vier Optionen zur Auswahl, die jeweils eine minimale Systemumgebung mit den entsprechenden Werkzeugen darin starten. Genaugenommen besteht das 4M Rescue Kit also aus vier Linux-Minimalsystemen auf einem Datenträger. Voll ausgestattete grafische Oberflächen suchen Sie ebenso vergeblich wie zusätzliche Software-Applikationen.

Dass das Einsatzspektrum der Mini-Distribution über den Linux-Tellerrand hinausreicht, zeigt bereits die erste Bootoption: Mit Auswahl der AntivirusLiveCD startet der Virenscanner ClamAV, der ohne grafische Oberfläche auskommt und komplett im Textmodus arbeitet. Sie melden sich nach dem Start als User root und mit dem Passwort root an. Eine Kurzanleitung zur Bedienung rufen Sie mit dem Kommando helpme auf. Da ein isolierter Virenscanner wenig Sinn macht, finden Sie zusätzlich noch den Midnight Commander sowie ein Backup- und Recovery-Programm im System. Mit Links steht zudem ein kleiner, textbasierten Webbrowser bereit.

Über den Starter BackAndImgCD im Grub-Bootmenü aktivieren Sie Backup- und Imaging-Routinen, die es Ihnen gestatten, sowohl einzelne Verzeichnisse als auch komplette Laufwerke zu sichern. Letzteres erweist sich insbesondere dann als besonders nützlich, wenn Sie mit dem System experimentieren, zuvor aber einen Snapshot anfertigen möchten, um die vorhandene Partition im Falle technischer Probleme oder eines Datenverlustes schnell wieder rekonstruieren zu können. Auch hier melden Sie sich als Benutzer root mit identischem Passwort an und erhalten mit helpme eine kompakte Einführung in die drei vorhandenen Routinen.

Das 4M Rescue Kit bietet mit den Kommandozeilen-Programmen Backup, Fsbackup und Image gleich drei Alternativen, um Daten zu sichern oder Abbilddateien anzufertigen. Dabei beschränkt sich das System nicht auf lokale Datenträger: Sie können die zu sichernden Daten oder Images auch an einen FTP-Server senden. Dazu bietet das minimalistische System sogar die Option, die Netzwerkkonfiguration mithilfe des Befehls netconfig anzupassen. Als Übertragungswege kommen dabei neben herkömmlichen (W)LAN-Verbindungen auch Modem-Verbindungen infrage.

Die dritte im Grub-Startmenü aufgeführte Option, 4MParted, dient dem Bearbeiten von Partitionstabellen mithilfe des grafischen Werkzeugs GParted. Damit erledigen Sie alle rund um die Partitionstabellen eines Massenspeichers anfallenden Arbeiten, wobei sich das Werkzeug dank der Unterstützung einer ganzen Reihe von proprietären Dateisystemen auch in heterogenen Umgebungen wohlfühlt. Da eine Fehlbedienung von GParted jedoch schnell Probleme bis hin zum Datenverlust verursachen kann, empfiehlt sich für Einsteiger zunächst ein Blick in die Hilfeseiten des Programms.

Die vierte und letzte Startoption 4MRecover aktiviert wie die dritte Alternative ein Tool mit grafischer Oberfläche: Nach dem Aufruf lädt PhotoRec in Version 7.0, das die Rekonstruktion gelöschter Daten ermöglicht. PhotoRec unterstützt wie GParted auch verschiedene proprietäre Dateisysteme und eignet sich daher gut für Nutzer in heterogenen Umgebungen. Da die Software im Vollbildmodus arbeitet, können Sie zunächst keine weitere Applikation aufrufen. Möchten Sie mit einzelnen Dateien oder Verzeichnissen arbeiten, schieben Sie mit einen Klick auf die Schaltfläche Quit PhotoRec in den Hintergrund, während sich gleichzeitig das Programmfenster des Midnight Commanders öffnet. Sobald Sie die Arbeiten im Midnight Commander abgeschlossen haben, drücken Sie [F10] und wechseln damit erneut in das Fenster von PhotoRec (Abbildung 5).

Abbildung 5: Mit PhotoRec rekonstruieren Sie einzelne Dateien und Verzeichnisse.

Abbildung 5: Mit PhotoRec rekonstruieren Sie einzelne Dateien und Verzeichnisse.

Fazit

Die aktuellen 4MLinux-Derivate eignen sich nicht nur für den Einsatz auf betagten Rechnern mit begrenzter Leistungsfähigkeit der Hardware, sondern geben zusätzlich auch auf modernen Maschinen eine ausgezeichnete Figur als Rettungssystem ab. Dabei stehen weniger netzwerkspezifische Aufgaben im Vordergrund, sondern vielmehr die Wartung und Rekonstruktion von Arbeitsplatzrechnern. Die Vollversion von 4MLinux macht zusätzlich auf älteren Systemen als Allrounder eine gute Figur, wobei die geringen Hardwareanforderungen selbst zehn Jahre alten Computersystemen neues Leben einhauchen. Für Systemadministratoren, die zügig arbeitende Rettungssysteme ohne jeden zusätzlichen Ballast benötigen, ist 4MLinux daher durchaus einen Blick wert. 

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