Webbrowser Vivaldi im Test

Aus LinuxUser 07/2015

Webbrowser Vivaldi im Test

© Tito, 123RF

Opera reloaded?

Opera änderte mit Version 15 seinen Kurs und gab seine Eigenständigkeit auf – und damit auch viele Funktionen. Vivaldi möchte den Anhängern des alten Opera eine neue Heimat bieten.

Viele Anwender trauern noch immer dem originalen Opera-Browser [1] nach, der von 1996 bis Ende 2012 mit seiner eigenständigen Art einen durchschnittlichen Marktanteil von rund 2 Prozent auf sich vereinte. Auf Webseiten, die besonders technikaffine Menschen ansprechen, lag der Anteil sogar bei 6 bis 8 Prozent. Das gilt auch für die Linux-Version, obwohl Opera, wie auch Vivaldi [2], keine freie Software ist.

Mit Presto pflegte Opera seine eigene HTML-Render-Engine, ein Mailclient war integriert, und auch ansonsten überzeugte die Software mit originellen Ideen. Deshalb verwenden noch heute viele Nutzer die letzte noch komplette Version 12.16, was nach über zwei Jahren aber schon aus Sicherheitsgründen wenig sinnig erscheint. Zwar hielten viele alte Funktionen inzwischen wieder in Opera Einzug, doch ändert das nichts an der an Chrome angelehnten Machart. Zudem gab es nach dem Neustart bis zu Opera 26 keine stabile Version für Linux.

Diese Umstände machten sich zwei Projekte zunutze: Der Otter-Browser [3] trat Mitte 2014 an, das Erbe von Opera 12 zu übernehmen. Allerdings erwies sich das Open-Source-Projekt personell als unterbesetzt, weswegen sich die bisherigen Ergebnisse nicht für den produktiven Einsatz eignen. Das zweite Projekt, das sich Anfang 2015 die Wiederauferstehung des alten Opera auf die Fahnen schrieb, heißt Vivaldi und wurde vom Mitbegründer und ehemaligen Opera-Vorstand John S. von Tetzchner ins Leben gerufen. Dieser Ansatz ließ viele Freunde von Opera aufhorchen, und die ersten Versionen lassen die Hoffnung auf eine Wiederkehr der Opera-Tugenden unter anderem Namen aufkeimen.

Gute Grundsätze

Vivaldi richtet sich an Anwender, die beruflich oder privat einen großen Teil ihrer Zeit im Webbrowser verbringen und dabei von ihrer bevorzugten Surf-Applikation etwas mehr verlangen als Einheitskost. Das unterstützt das Projekt auch mit einer optionalen Tastatursteuerung. Des Weiteren soll sich die Konfiguration so weit wie möglich an den Arbeitsfluss des Nutzers anpassen lassen. Darüber hinaus bezieht Vivaldi seine Nutzer in das Projekt mit ein. Dazu stellt das Projekt eine Wunschliste für Funktionen [4] bereit.

Das Projekt bietet seine Software derzeit für Linux, Mac OS X und Windows an. Die Entwicklung verläuft bisher zwar zügig, doch das Team um Tetzchner, das dieser laut inoffizieller Informationen privat bezahlt, fällt jedoch recht klein aus. Daher fanden noch nicht alle vorgesehenen Funktionen ihren Weg in den Browser; unter anderem fehlen noch der Mailclient und die Synchronisation über mehrere Geräte.

Dieser Artikel beschreibt die dritte “Technical Preview” von Vivaldi, die Ende April erschien. Der Download [5] erfolgt auf der Vivaldi-Webseite, wo für Linux DEB- und RPM-Pakete in 32- und 64-Bit-Ausführungen zur Verfügung stehen.

Erster Start

Vivaldi benutzt Googles quelloffene Render-Engine Blink. Operas ehemalige proprietäre Engine Presto durfte das Projekt aus rechtlichen Gründen nicht verwenden. Ein großer Teil des Einstellungen-Dialogs stammt ebenso von Chrome wie die beiden bisher einzigen Plugins Chrome-PDF-Reader und das Pepperflash-Plugin. Ansonsten lässt sich auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennen, dass Vivaldi auf Chrome aufsetzt. Beim ersten Start wartet der Browser mit einer eigenwillig eingefärbten Adressleiste auf (Abbildung 1).

Abbildung 1: Eigenwillig, aber nicht unpraktisch: Die Funktion namens Adaptive Interface färbt die Adressleiste in der im CSS der jeweiligen Webseite hinterlegten Primärfarbe ein.

Abbildung 1: Eigenwillig, aber nicht unpraktisch: Die Funktion namens Adaptive Interface färbt die Adressleiste in der im CSS der jeweiligen Webseite hinterlegten Primärfarbe ein.

Nach dem Öffnen einer weiteren Webseite relativiert sich der Eindruck und enthüllt das “Adaptive Interface” von Vivaldi, eine Funktion, um die Adressleiste in der Primärfarbe der jeweiligen Seite einzufärben. Lässt sich diese aus dem CSS nicht auslesen, verwendet der Browser Schwarz. Ganz links in der Tab-Leiste fällt das rote V von Vivaldi auf – ein Klick darauf öffnet das Menü. Unter Ansicht | Menüposition umschalten wechseln Sie zum gewohnten horizontalen Menü am Seitenkopf.

Die Tab-Leiste lässt sich an allen vier Seiten des Displays platzieren oder ganz abschalten. Da die Scrollfunktion für Tabs noch fehlt, gestaltet sich das Navigieren zwischen sehr vielen offenen Tabs derzeit noch etwas schwierig. Hier hilft die Funktion zum Gruppieren ähnlicher Tabs weiter, die Sie im Kontextmenü beim Rechtsklick auf die gewünschten Tabs unter Neue Tabgruppe aus der Auswahl erstellen finden (Abbildung 2).

Abbildung 2: Zum einfacheren Verwalten vieler geöffneter Tabs erlaubt es Vivaldi, diese zu Gruppen zusammenzuschließen.

Abbildung 2: Zum einfacheren Verwalten vieler geöffneter Tabs erlaubt es Vivaldi, diese zu Gruppen zusammenzuschließen.

Zusätzlich erlaubt es die Software, dem Stapel manuell weitere Tabs hinzuzufügen. Wählen Sie beim Rechtsklick auf den Stapel aus dem Kontextmenü Tabgruppe kacheln, so erscheinen die Seiten gleichmäßig im Browserfenster verteilt. In welcher Form das geschieht, legen Sie mit dem Icon Kacheldarstellung in der Mitte der Statusleiste fest (Abbildung 3).

Abbildung 3: Auf Wunsch verteilt Vivaldi die in einer Gruppe zusammengefassten Webseiten gleichmäßig im Browserfenster.

Abbildung 3: Auf Wunsch verteilt Vivaldi die in einer Gruppe zusammengefassten Webseiten gleichmäßig im Browserfenster.

Vorreiter Opera

Öffnen Sie über das Pluszeichen rechts in der Tab-Leiste oder über das Kürzel Steuerung | T einen neuen Tab, erscheint die Schnellwahl mit neun Fenstern, von denen acht bereits prominente Seiten wie Facebook, Twitter oder die Vivaldi-Homepage belegen (Abbildung 4). Diese löschen Sie aber bei Nichtgefallen.

Abbildung 4: Wie das Vorbild Opera zeigt auch Vivaldi auf der Speed Dial genannten Startseite eine Auswahl vordefinierter Webseiten – die Sie jedoch problemlos an Ihren Geschmack anpassen.

Abbildung 4: Wie das Vorbild Opera zeigt auch Vivaldi auf der Speed Dial genannten Startseite eine Auswahl vordefinierter Webseiten – die Sie jedoch problemlos an Ihren Geschmack anpassen.

Über das mit einem Pluszeichen vorbelegte Fenster legen Sie neue sogenannte Dials an. Sie wählen darin eine bereits offene Webseite aus oder geben eine neue URL ein. Vivaldi erlaubt es, die Zahl der Dials beliebig zu erhöhen. Zudem können Sie durch Aufeinanderlegen von Dials einen neuen Ordner erzeugen, der bei Bedarf weitere Dials aufnimmt.

Die auch Speed Dial genannte Funktion stammt ursprünglich aus dem Smartphone-Browser Opera Mini und wurde dann in Opera 9.20 übernommen, von wo sie ihren Weg in die Browser von Mozilla und Google fand. Auch das Browsen mit Tabs sowie Mausgesten tauchten zuerst bei Opera auf, bevor sie zu selbstverständlichen Funktionen in allen Browsern wurden.

Panels

Am linken Rand des Browserfensters findet sich ein in dunklem Grau gehaltenes Panel, das Schaltflächen für verschiedene Funktionen enthält, von oben nach unten Lesezeichen, E-Mail, Kontakte, Downloads und Notizen. Ein Klick auf die jeweilige Schaltfläche klappt die zugehörige Funktion aus und wieder ein. Auch dieses Panel lässt sich platzsparend durch ein Icon links unten in der Statusleiste ausblenden.

Bis auf die E-Mail-Funktion arbeiten die Panels bereits korrekt. So erlaubt die Notizfunktion das Anlegen einzelner oder in Ordnern verwalteter Notizen (Abbildung 5). Es speichert dabei auch URLs, Screenshots oder Dateien. Die Notizen legt die Software als Text oder Markdown [6] an. Das Panel lässt sich in den Einstellungen von links an den rechten Rand verschieben.

Abbildung 5: Vivaldis Notizfunktion aus dem Panel erlaubt das Hinterlegen nicht nur getippter Erinnerungen, sondern auch von URLs und Dateien.

Abbildung 5: Vivaldis Notizfunktion aus dem Panel erlaubt das Hinterlegen nicht nur getippter Erinnerungen, sondern auch von URLs und Dateien.

Die Statusleiste am unteren Bildschirmrand hält noch einige weitere interessante Funktionen bereit: Sie ermöglicht, das Laden von Bildern entweder völlig zu unterbinden oder nur bereits gespeicherte anzuzeigen. Daneben finden Sie dort den Schalter Webseiten Aktionen. Dahinter verbergen sich einige mehr oder weniger nützliche Aktionen, die Sie auf die gerade angezeigte Webseite anwenden können, wie etwa die Darstellung in Schwarz-Weiß, in Graustufen, Sepia, invertiert oder unscharf. Einige Einträge, wie etwa der 3D-Modus, funktionieren derzeit noch nicht.

Ganz rechts in der Statusleiste erlaubt ein Schieberegler das stufenlose Vergrößern des Seiteninhalts inklusive der dafür geglätteten Bilder auf bis zu 500 Prozent. Als Standardsuchmaschine bietet Vivaldi Google. Diese Einstellung ändern Sie bei Bedarf im Suchmaschinenfeld oben rechts. Neben DuckDuckGo und Startpage finden sich im Angebot auch Wikipedia, die Suchen von Amazon und Ebay sowie die wissenschaftliche Semantik-Suchmaschine Wolfram|Alpha. Allerdings erlaubt es der Browser bisher noch nicht, für einen markierten Text im Kontextmenü über Suche bei jeweils eine Suchmaschine auswählen.

Steuern per Tastatur

Tastaturbenutzer wissen die vielen vordefinierten Tastaturkürzel zu schätzen, die Sie in den Einstellungen unter Navigation | Maus und Tastatur bei Bedarf nachjustieren. Um die vorhandenen Tastaturkürzel und die Liste geöffneter Tabs einzublenden, drücken Sie [F2] (Abbildung 6). Der aus Google Chrome entliehene eingebaute Taskmanager ([Umschalt]+[Esc]) erweist sich bei vielen offenen Tabs als praktisches Hilfsmittel, um den Speicherhunger von einzelnen Webseiten zu eruieren. Ein Rechtsklick auf die Einträge ermöglicht eine feinkörnige Suche nach möglichen Speicherlecks. Für Webentwickler stehen die gleichen Entwicklerwerkzeuge wie in Chrome zur Verfügung.

Abbildung 6: Mit <code srcset=

F2 rufen Sie den Dialog Kurzbefehle filtern auf. Er zeigt nicht nur die Liste der geöffneten Tabs, sondern auch die verfügbaren Tastenkürzel.” width=”300″ height=”206″ /> Abbildung 6: Mit F2 rufen Sie den Dialog Kurzbefehle filtern auf. Er zeigt nicht nur die Liste der geöffneten Tabs, sondern auch die verfügbaren Tastenkürzel.

Fazit

Das Vivaldi-Projekt trat öffentlichkeitswirksam mit dem Ziel an, das “bessere Opera” zu werden. Zwar warten noch einige Unzulänglichkeiten darauf, dass die Entwickler sie in Angriff nehmen, doch stimmt die Richtung. Am relativ trägen Startverhalten etwa müssen sie noch feilen. Läuft Vivaldi allerdings einmal, so öffnen sich Webseiten wieselflink. Abgesehen von der fehlenden Auswahl an Erweiterungen und der noch nicht optimierten Startgeschwindigkeit steht Vivaldi Chrome in nichts Wesentlichem nach und bietet dem gegenüber sogar einige nützliche Zusatzfunktionen.

Bei den Funktionen schmerzt vor allem das Fehlen des E-Mail-Clients, für den schon ein Verweis im seitlichen Panel existiert. Da Operas Turbo-Modus, der Webseiten komprimiert ausliefert, eine verteilte Server-Infrastruktur voraussetzt, lässt dieses Feature sehr wahrscheinlich noch einige Zeit auf sich warten. Dagegen setzten die Macher den User-Wunsch nach HiDPI-Unterstützung für Retina-Displays und 4k-Monitore bereits um.

Für Vivaldi stehen derzeit Lokalisierungen in 40 Sprachen bereit [7]. Als nicht zu vernachlässigender Vorteil erweist sich die rege Community, die sich im Forum [8] und in IRC-Kanälen austauscht. So waren an der Lokalisierung mehr als 100 Menschen aus über 30 Ländern beteiligt. Das ist bemerkenswert für ein solch junges Projekt und lässt auf einen Browser hoffen, der die Opera-Fangemeinde wie auch neue Anwender zufriedenstellt. 

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