Schlankes Debian-Derivat Semplice Linux aus Italien

Aus LinuxUser 02/2015

Schlankes Debian-Derivat Semplice Linux aus Italien

© Computec Media GmbH

Wieselflink

Debian gehört zu den eher ressourcenintensiven Linux-Distributionen, bietet jedoch einen enormen Software-Fundus. Mit Semplice Linux nutzen Sie diesen und müssen dank Openbox trotzdem nicht auf Geschwindigkeit verzichten.

Zahlreiche Linux-Distributionen richten sich mit einem schlanken Desktop an Anwender mit älterer Hardware. Exotische Fenstermanager und Arbeitsoberflächen besitzen jedoch manchmal nicht die gleiche Funktionalität wie die Platzhirsche KDE oder Gnome und sehen zusätzlich häufig etwas rustikal aus. Anders dagegen das aus Italien stammende Semplice Linux [1]: Es bietet trotz eines schlanken Desktops moderne Bedienkonzepte und kommt zudem dank seiner Basis Debian mit einer enormen Software-Auswahl zu Ihnen.

Erster Eindruck

Semplice Linux gibt es in einer 32- und einer 64-Bit-Variante, wobei die entsprechenden ISO-Images mit jeweils knapp 640 MByte Platzbedarf auf einen CD-Rohling passen. Nach dem Start bietet der Bootloader Grub sowohl Optionen für den Live-Betrieb als auch für die direkte Installation auf einem Massenspeicher. Anders als viele etablierte Distributionen hält sich Semplice im Live-Modus nicht lange mit dem Start auf: Nach weniger als zwei Minuten ist der Desktop geladen.

Damit Sie nicht umständlich nachträglich die Lokalisierung anpassen müssen, öffnet das System auch im Live-Betrieb sofort einen Assistenten zur Konfiguration der Tastenbelegung und Zeitzone. Danach lädt Semplice umgehend den Openbox-Desktop. Der wirkt durch eine dezente Farbgebung und eine Panelleiste mit Systray am unteren Bildschirmrand wie ein LXDE- oder XFCE-Desktop, dem lediglich der Startbutton für die Applikationsmenüs fehlt.

Durch einen Rechtsklick in die Arbeitsoberfläche öffnen Sie das Hauptmenü von Semplice, das eine erstaunliche Software-Fülle bietet: Neben Abiword und Gnumeric aus dem Gnome-Bestand finden sich hier der Webbrowser Chromium, GNU Paint, Exaile, Mplayer, Xfburn und als grafisches Paketverwaltungstool Synaptic. Für die Arbeit mit Dateien und im Terminal kommen der Dateimanager PcmanFM und Roxterm zum Zug.

Eine weitere interessante Applikation findet sich im Untermenü Anwendungen | Systemverwaltung. Via Manage Semplice features schalten Sie durch einfache Schiebeschalter unterschiedliche Dienste ein oder wieder aus (Abbildung 1). Über den Starter Install Semplice schließlich bannen Sie das System auf die Festplatte.

Abbildung 1: Per Schieberegler bestimmen Sie, welche Funktionen Semplice freischaltet.

Abbildung 1: Per Schieberegler bestimmen Sie, welche Funktionen Semplice freischaltet.

Installation

Der Installer von Semplice Linux ähnelt auf den ersten Blick jenem von Ubuntu, bietet aber einige clevere Funktionen. Steht etwa nur wenig Speicherplatz auf der Festplatte zur Verfügung, dann bieten die Lokalisierungsoptionen die Möglichkeit, überflüssige Sprachdateien zu entfernen. Daneben erlaubt Semplice, von Haus aus ein vollwertiges Root-Konto zu erstellen (Abbildung 2), sodass Sie sich bei vielen administrativen Aufgaben die Arbeit mit dem Sudo-Befehl ersparen.

Abbildung 2: Die Anlage von Usern inklusive eines Root-Accounts nehmen Sie in einem einfachen Dialog vor.

Abbildung 2: Die Anlage von Usern inklusive eines Root-Accounts nehmen Sie in einem einfachen Dialog vor.

Nach der Anlage der Benutzerkonten partitionieren Sie die Massenspeicher. Hier wählen Sie zwischen einer automatischen Routine und der manuellen Einteilung der Festplatte(n). Der automatische Partitionierer erzeugt einen Swap-Speicher und eine Ext4-formatierte Partition für das Wurzelverzeichnis. Um eine zusätzliche Home-Partition zu nutzen, müssen Sie die Festplatte oder SSD manuell konfigurieren.

Nach dem Partitionieren erscheint erneut der Dienste-Manager, mit dem Sie überflüssige Komponenten schon vor der eigentlichen Installation ausschließen. Nach einer Zusammenfassung aller Einstellungen packt die Routine dann das System in kurzer Zeit auf die Festplatte.

Erster Start

Der Semplice-Desktop startet erwartungsgemäß sehr zügig. Ein erster Blick in die von Synaptic verwalteten Paketquellen zeigt, dass bereits sämtliche Software-Repositories aktiviert sind. Somit stehen Ihnen mehr als 41?000 Pakete zur Verfügung, und auch proprietäre Anwendungen lassen sich so ohne zusätzliche Arbeit installieren.

Positiv sticht zudem die vollständige Hardware-Unterstützung ins Auge: Während Debian aus lizenzrechtlichen Gründen auf die Installation proprietärer Firmware-Komponenten für den Betrieb von WLAN-Karten verzichtet, klappt bei Semplice auch der Betrieb des WLANs automatisch.

Die Menüstruktur des Semplice-Desktops orientiert sich an den Kategorien, die Sie aus KDE, LXDE oder XFCE kennen. Beim Stöbern durch die Menüs fallen auf den ersten Blick die recht eingeschränkten Konfigurationsmöglichkeiten auf: Es finden sich nur wenige Werkzeuge zum Anpassen des Systems und der Arbeitsoberfläche. Auch bei der Energieverwaltung auf Notebooks fallen die Einstelloptionen gegenüber denen von KDE oder Gnome zurück; insbesondere lässt sich die Display-Helligkeit nicht vom Systemstart an fest einstellen.

Positiv fällt in diesem Kontext jedoch auf, dass Semplice als eine der ganz wenigen Distributionen auf vielen aktuellen mobilen Geräten die Display-Helligkeit mithilfe der vom Hersteller dafür vorgesehenen Tastenkombinationen im laufenden Betrieb steuern kann: Daran scheitern derzeit selbst noch einige der etablierten Linux-Distributionen.

Optik

Der voreingestellte Openbox-Desktop wirkt zwar bereits recht modern, verträgt aber dennoch noch ein wenig mehr Glanz. Semplice bietet dazu im Menü Erscheinungsbild das Werkzeug Erscheinungsbild-Einstellungen. Das aus dem LXDE-Fundus stammende Tool gestattet detaillierte optische Anpassungen des Desktops. Neben Einstellmöglichkeiten zu Farben, Fensterrahmen und dem Symbolthema verändern Sie hier auch Art und Größe der Schrift sowie das Erscheinungsbild des Mauszeigers (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Optik des Semplice-Desktops modifizieren Sie mit einem einzigen Tool.

Abbildung 3: Die Optik des Semplice-Desktops modifizieren Sie mit einem einzigen Tool.

Über den Menüpunkt Visuelle Effekte aktivieren Sie zusätzlich optische Highlights wie Schatten und Transparenzen. Manche Grafikkarten kommen allerdings nicht mit diesen Effekten zurecht, zudem gibt es bei einer Fehlfunktion keine einfache Möglichkeit, die Einstellung zurückzunehmen. Daher testen Sie diese Funktionen besser zuvor auf einem Live-System.

Menüs

Semplice Linux bringt mit Alan2 ein eigenes dynamisches Menüwerkzeug für Openbox mit. Alan2 generiert bei der Installation zusätzlicher Software neue Einträge und Programmgruppen im Menü, ohne dass Sie dazu wie sonst bei Openbox üblich Konfigurationsdateien bearbeiten müssten. Das in Python geschriebene Tool gestattet zudem aufgrund seines modularen Aufbaues, zusätzliche Erweiterungen zu integrieren.

Auf diesem Weg binden Sie beispielsweise eine dynamisch aktualisierte Systeminfo-Anzeige ins Desktop-Menü ein. Speziell für Semplice Linux und Alan2 geschriebene Erweiterungen finden Sie gesammelt im Semplice-Forum [2]. Sollte einmal eine gerade installierte Applikation keinen Menüeintrag erstellt haben, lässt sich dieser aber auch von Hand in die Menüs von Alan2 einfügen [3].

Webapplikationen

Bereits während der Installation des Systems auf dem Massenspeicher fragt Semplice in einem gesonderten Dialog nach der Installation unterschiedlicher Dienste und Applikationen und aktiviert von Haus aus den web application support. Daher finden Sie nach dem ersten Neustart im Menü Anwendungen | Internet den Eintrag Add web application.

Ein Klick auf diesen Starter öffnet ein kleines Fenster, in dem Sie Webdienste wie etwa den von Ihnen genutzten Webmailer so einrichten, dass er in einem eigenen Fenster startet (Abbildung 4). Im entsprechenden Einstellungsdialog legen Sie auch die Fenstergröße fest und haben die Möglichkeit, den neuen Eintrag in einem Untermenü zu platzieren.

Nach dem Anlegen einer solchen Webapplikation startet der auf WebKit2-basierende Browser namens Oneslip ohne Navigations- und Adresszeile und wirkt daher wie ein herkömmliches Programmfenster.

Abbildung 4: Dank Oneslip integrieren Sie einzelne Webinhalte nahtlos in das System.

Abbildung 4: Dank Oneslip integrieren Sie einzelne Webinhalte nahtlos in das System.

Eine weitere praktische Funktion von Semplice Linux stellt die Steuerung der aktiven Dienste unter Anwendungen | Systemverwaltung dar. Im entsprechenden Dialog schalten Sie die benötigten Dienste durch Setzen eines Häkchens zu oder deaktivieren sie durch Entfernen des Hakens wieder (Abbildung 5).

Abbildung 5: Die Diensteverwaltung verwaltet per Mausklick verschiedene Systemdienste.

Abbildung 5: Die Diensteverwaltung verwaltet per Mausklick verschiedene Systemdienste.

Fazit

Semplice Linux macht in der neuen Version 6 einen erstaunlich runden Eindruck. Das System arbeitet schnell, stabil und macht auch optisch einen modernen Eindruck. Die Integration grafischer Verwaltungswerkzeuge macht es zudem voll einsteigertauglich. Schwächen zeigen sich allerdings noch bei der deutschen Lokalisierung. Auch treten im Zusammenspiel mit bestimmten Grafikkarten ohne Hardware-Beschleunigung im Webviewer Oneslip gelegentlich Probleme auf. Insgesamt eignet sich das System sehr gut für ältere und leistungsschwächere Hardware, die mit großen Linux-Distributionen nicht mehr zurechtkommt. 

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