Flotter Allrounder aus der Türkei: Pisi Linux

Aus LinuxUser 01/2015

Flotter Allrounder aus der Türkei: Pisi Linux

© Tetiana Vitsenko, 123RF

Türkischer Honig

Pardus Linux hatte sich als eigenständiges Linux-System mit vielen Innovationen einen guten Ruf erworben. Der brandneue Nachfolger Pisi Linux möchte daran anknüpfen.

Die Türkei gilt landläufig nicht unbedingt als Hochburg freier und quelloffener Software. Doch auch am Bosporus begannen staatliche Institutionen bereits vor rund zehn Jahren damit, in Form von Pardus Linux eine eigene Distribution zu entwickeln, die viele innovative Komponenten beinhaltete. Nachdem 2012 die Entwicklung von Pardus Linux aufgrund institutioneller Vorgaben primär auf den behördlichen Bereich ausgerichtet wurde, bildete sich ein Community-Team, das als eigenständige Weiterentwicklung von Pardus ein neues Projekt namens Pisi Linux (http://www.pisilinux.org/de/) ins Leben rief. Das inzwischen in der Version 1.1 vorliegenden Pisi Linux setzt viele interessante Eigenentwicklungen ein und fokussiert auf den Desktop für Endanwender.

Grundlagen

Pisi verwendet durchgängig aktuelle Komponenten und mit KDE 4.14.2 einen modernen Desktop. Eine Besonderheit des Systems stellt das Softwaremanagement dar: Als Paketmanager dient die Eigenentwicklung PiSi, die – samt grafischem Frontend – dem Fundus von Pardus entstammt. Ähnliches gilt für den Installer und die Konfigurationsroutine. Unter der Haube sticht besonders ins Auge, dass die türkische Distribution als Init-System nach wie vor SysVinit verwendet. Derzeit gibt es nur ein einziges, etwa 1,5 GByte großes ISO-Image für die 64-Bit-Architektur.

Pisi Linux bietet keine Live-Variante. Stattdessen zeigt es nach dem Start der DVD ein Grub-Auswahlmenü, das neben der Installation auch verschiedene andere Optionen anbietet. Noch vor Auswahl einer der Startoptionen sollten Sie allerdings die Spracheinstellung anpassen. Danach startet der Installer YaLI (“Yet another Linux Installer”), der bei Bedarf auch die Überprüfung des Installationsmediums gestattet.

In YaLI legen Sie zunächst die Tastatureinstellung sowie Datum und Uhrzeit fest. Anschließend richten Sie ein Benutzerkonto sowie die Authentifizierung für den Administrator ein. Im letzten Schritt vor dem Start der Installation partitionieren Sie den Zieldatenträger. Danach zeigt YaLI eine kurze Zusammenfassung der gewählten Optionen an.

Mit einem Klick auf die Schaltfläche Installation starten unten rechts im Installer packen Sie nun das System auf den Massenspeicher. Da die Routine auch sehr viele große Applikationen wie LibreOffice oder Firefox mit auf die Festplatte packt, kann die Installation selbst bei leistungsstarken Rechnern einige Zeit beanspruchen.

Werkzeuge

Nach dem Abschluss der Installation bootet Pisi in einen schnörkellosen KDE-Desktop und startet zunächst ein Tool namens Kaptan, das durch verschiedene Konfigurationsdialoge führt. Zwar ist die Startseite von Kaptan noch nicht vollständig lokalisiert, die Einstellungsdialoge liegen jedoch komplett in Deutsch vor. Das Programm erleichtert die grundlegende Personalisierung des Systems enorm, indem es viele ansonsten in KDE in diversen Dialogen beheimatete Einstellungen unter einer Oberfläche zusammenfasst (Abbildung 1).

Abbildung 1: Mit Kaptan passen Sie den KDE-Desktop Ihren Wünschen an.

Abbildung 1: Mit Kaptan passen Sie den KDE-Desktop Ihren Wünschen an.

Kaptan offeriert unter anderem auch die Option, das voreingestellte Kickoff-Startmenü per Mausklick durch eine klassische Menüstruktur oder die Lancelot-Variante zu ersetzen. Wichtiger als die Optionen zur optischen Personalisierung ist jedoch der Update-Dialog. Hier können Sie das grafische Paketmanagement-Frontend so konfigurieren, dass es Software-Updates automatisch in bestimmten Zeitintervallen vornimmt. Bei Bedarf rufen Sie aus Kaptan auch die KDE-eigenen Tools zur Desktop-Konfiguration auf, um noch Feinjustierungen vorzunehmen.

Dazu gehört unter anderem die Spracheinstellung für den nach der Installation noch englisch lokalisierten Desktop. Hierfür wechseln Sie über das Menü System in die Paketverwaltung und richten das Paket kde-l10n-de ein. Danach wechseln Sie in das Menü Settings und starten die System Settings. Dort rufen Sie per Doppelklick auf Locale die Lokalisierungsoptionen auf und wählen im Reiter Language den Eintrag Deutsch. Nach dem Bestätigen der Sprachanpassung und einer Neuanmeldung am Desktop erscheinen auch die KDE-Menüs in deutscher Sprache.

Software

Pisi Linux verfügt nach einer Standard-Installation über einen umfangreichen Software-Bestand, der neben dem kompletten KDE-Fundus auch Programme und Suiten wie Gimp, Firefox und LibreOffice enthält. Zusätzlich finden sich einige Gnome-Programme wie etwa Mplayer. Dabei bietet Pisi in jeder Anwendungskategorie eine ausreichende Programmauswahl, um die meisten anfallenden Arbeiten ohne zusätzlich zu installierende Software zu bewältigen.

Zur Ausstattung zählen auch eine Reihe von Diensten und Tools, die sich mit der zentralen Datenspeicherung in der Cloud oder auf einem dedizierten Server beschäftigen. Mit der Cloud-Speicherverwaltung in den Menüs Büroprogramme oder Internet stellen Sie Grundfunktionen von Cloud-Diensten ein und nutzen diese. Die Anwendung System-Config-NFS (Configure NFS) aus dem Menü System erleichtert das Einrichten und Nutzen eines NFS-Servers.

Weitere kleine Tools machen die tägliche Arbeit am System angenehmer: So formatieren Sie über System | Quick Format schnell Wechseldatenträger, so auch USB-Sticks und Speicherkarten, mit verschiedensten Dateisystemen (Abbildung 2). Die komfortable Passwortverwaltung KeyPassX aus dem Menü Dienstprogramme macht mit vergessenen oder falsch eingegebenen Passwörtern Schluss. Gleich mehrere Anwendungen ermöglichen das Konfigurieren von lokalen und via Netz erreichbaren Druckern und Scannern.

Abbildung 2: Mit wenigen Mausklicks lassen sich in Pisi Linux Wechselspeicher neu formatieren.

Abbildung 2: Mit wenigen Mausklicks lassen sich in Pisi Linux Wechselspeicher neu formatieren.

Da es sich bei PiSi um eine Eigenentwicklung von Pardus handelt, lassen sich zur Installation von Zusatzsoftware die Repositories der gängigen Distributionen nicht nutzen. In vielen Anwendungsmenüs finden Sie jedoch einen Eintrag Weitere Programme installieren, der das grafische PiSi-Frontend startet. Es bietet eine ebenso bequeme Bedienung wie Synaptics, YaST und Co., benötigte Abhängigkeiten löst es automatisch auf.

Programme und Updates finden sich jeweils in eigenen Untergruppen, aus denen Sie sie durch Setzen eines Häkchens vor dem jeweiligen Eintrag auswählen. Die Paketverwaltung zeigt dann am unteren Fensterrand den erforderlichen Platzbedarf für die Software samt Abhängigkeiten an. Haben Sie Ihre Wahl getroffen, so klicken Sie unten rechts auf Vorgang auswählen und geben dann noch an, ob PiSi die betreffenden Applikationen installieren oder löschen soll (Abbildung 3).

Abbildung 3: Mit PiSi verwalten Sie den Softwarebestand ebenso einfach wie mit Synaptics oder YaST.

Abbildung 3: Mit PiSi verwalten Sie den Softwarebestand ebenso einfach wie mit Synaptics oder YaST.

Insgesamt umfassen die Pisi-Repositories knapp 6000 Pakete aller Anwendungsbereiche, darunter auch viele alternative Desktop-Umgebungen wie LXDE oder Enlightenment E17. Zusätzliche, nicht in den Archiven befindliche Programme lassen sich aus den Quellen kompilieren und so dem System hinzufügen.

Fazit

Pisi Linux erweist sich als stabiler, flott arbeitender Allrounder ohne Auffälligkeiten, der sich dank ausgeklügelter Verwaltungstools wie Kaptan sowie einer eigenen Paketverwaltung einfach handhaben lässt. Etwas umständlich gestaltet sich noch die Lokalisierung des KDE-Desktops, die Sie trotz deutscher Spracheinstellungen manuell vornehmen müssen. Hilfreiche Foren und Wikis in deutscher Sprache fehlen weitgehend, was sich allerdings mit zunehmender Bekanntheit der noch jungen Distribution ändern dürfte. Insgesamt eignet sich Pisi Linux vor allem für Anwender, die eine solide Distribution ohne großen Einarbeitungsaufwand für die alltägliche Arbeit suchen. 

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2 Kommentare
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Stefan Gronewold
11 Jahre her

Es sind für Pisi Linux sehr wohl deutsche Seiten vorhanden und auch ein deutsches Wiki existiert für Pisi Linux sowie ein deutsches Subforum.
Leider ist es nicht vollständig, da dafür im Moment deutsche Mitarbeiter fehlen, und ich das einzige deutsche Team Mitglied bin.

http://pisilinuxgermany.wordpress.com/

http://wiki.pisilinux.org/de/index.php?title=Hauptseite

http://forum.pisilinux.org/deutsch/

Hoffe es wird zur Kenntnis genommen

Icecube63
11 Jahre her

Wenn die deutsche Lokalisierung so ist wie das eingedeutschte “Warum Pisi Linux/Was ist Pisi Linux” kann man gut drauf verzichten.

Mag ja auf türkisch ok sein, aber so ganz kann ich nicht nachvollziehen warum solch einem “lokalen” Debian-Derivat ohne Besonderheiten ein ganzer Artikel gewidmet wird.
Habe früher selber gerne Pardus genutzt, da war die Alleinstellung aber noch um einiges größer, heute ist es nur noch der Paketmanager.

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