Netflix unter Linux mit HTML5 und ohne Silverlight

Aus LinuxUser 11/2014

Netflix unter Linux mit HTML5 und ohne Silverlight

© Sofia Vlasiuk, 123RF

Verflixt

Im September startete die weltweit größte Online-Videothek Netflix auch im deutschen Sprachraum. Der Dienst bietet zwar HTML5-Streams an, lässt sie sich allerdings aus der Nase ziehen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich im klassischen Fernsehprogramm nur noch billig produzierte Casting- und Reality-Shows und am Abend Volksmusiksendungen und Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen finden: Die so oft beschworene werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hat immer weniger Lust auf Fernsehen. Wie der Spiegel aufrechnete [1], sinkt die Fernsehnutzung pro Tag besonders in diesen Altersgruppen kontinuierlich.

Schaute ein 14- bis 19-Jähriger 2011 im Schnitt noch 111 Minuten am Tag, so waren es 2013 nur noch 92 Minuten. Ähnlich sieht es bei den 20- bis 29- und 30- bis 49-Jährigen aus, wenn diese auch noch heute wesentlich mehr in die Röhre schauen als der Nachwuchs. Wer viel Zeit im Internet verbringt, der braucht kein TV mehr. Nur die Altersgruppe 50+ bleibt beim gewohnten Fernsehkonsum von über 5 Stunden am Tag.

Dennoch boomen für das Fernsehen produzierte Filme und TV-Serien. “Breaking Bad”, “House of Cards” oder die moderne Interpretation von Sherlock heimsen in steter Folge Preise ein und brechen Quotenrekorde. Fernsehen ist also nicht out – die jüngeren Generationen möchten nur nicht mehr zu bestimmten Zeiten vor dem Fernseher sitzen müssen und ein starres Programm vorgesetzt bekommen: Video-on-Demand-Dienste wie Maxdome, Watchever oder Amazons Prime Video boomen daher.

Netflix startet in Deutschland

Als letzter großer internationaler Anbieter startete im September Netflix [2] auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit über 50 Millionen zahlenden Kunden weltweit (Juli 2014) positioniert sich Netflix als Marktführer unter den VoD-Anbietern und besitzt inzwischen so viel Marktmacht, dass es eigene Serien und Filme produziert. Bislang leisteten sich nur Studios oder Pay-TV-Sender wie HBO diesen teuren, aber bei Erfolg sehr ertragreichen Spaß.

Wie bei der Konkurrenz üblich, bietet auch Netflix eine einmonatige Testphase an. Während dieser dürfen Sie den Dienst auf Herz und Nieren prüfen. Allerdings sollten Sie nicht vergessen, rechtzeitig zu kündigen, sonst läuft das Abo weiter – Sie können es allerdings monatlich kündigen. Das Basisangebot mit Zugang über lediglich ein Gerät kostet 7,99 Euro im Monat. Legen Sie einen Euro drauf, bekommen Sie Netflix auf zwei Geräte sowie hochauflösende HD-Streams. Für 11,99 Euro im Monat erlaubt Netflix dann den Zugang über vier Geräte, sodass auch Familien den Dienst ohne Gerangel nutzen können.

Mit einem modernen Smart-TV rufen Sie Netflix direkt aus den TV-Apps heraus auf. Besitzen Sie noch einen älteren Fernseher, rüsten Sie diesen kostengünstig mit einem Chromecast-Dongle [3] auf. Zusammen mit einem Smartphone oder Tablet unter Android sowie der entsprechenden Netflix-App [4] verleihen Sie dem TV-Gerät die benötigte Intelligenz. Auch Watchever und Maxdome bietet Chromecast-fähige Apps. Nur für Amazons Prime-Video-Angebot braucht es Amazons hauseigene Streaming-Lösung Amazon Fire TV [5].

VoD heißt Silverlight

Was geschieht nun aber, will man einen der Filme auf einem Linux-PC abspielen? Auf den ersten Blick enttäuscht Netflix genauso wie Watchever, Amazon oder Maxdome: Klicken Sie in Firefox, Chromium oder Opera bei einem der Netflix-Filme auf Play, dann liefert der Videodienst stattdessen eine Seite mit den Systemvoraussetzungen aus (Abbildung 1) – Linux bleibt hier außen vor.

Abbildung 1: Mit einem Linux-Browser meldet Netflix nur, dass der Rechner nicht den Systemanforderungen entspricht.

Abbildung 1: Mit einem Linux-Browser meldet Netflix nur, dass der Rechner nicht den Systemanforderungen entspricht.

Mogeln Sie Netflix per User-Agent-Switcher einen Firefox-Browser unter Windows vor, dann kommen Sie zwar einen Schritt weiter. Allerdings verlangt Netflix nun das Installieren des Silverlight-Plugins (Abbildung 2), obwohl in den Netflix-Einstellungen von Haus aus der HTML5-Player aktiviert ist. Unter Linux kommen Sie diesem Wunsch mit Firefox und Pipelight nach [6]. Allerdings gibt es auch einen Weg, Netflix ohne Pipelight beizukommen.

Abbildung 2: Täuscht man per User-Agent-Switcher einen Windows-Firefox vor, dann verlangt Netflix nach Silverlight.

Abbildung 2: Täuscht man per User-Agent-Switcher einen Windows-Firefox vor, dann verlangt Netflix nach Silverlight.

Netflix-HTML5-Player

Netflix bietet als aktuell einziger VoD-Anbieter auch einen HTML5-Player an. Der funktioniert aufgrund der vollständigen Implementation der Encrypted Media Extensions (EME) [7] jedoch nur mit Chrome, Internet Explorer und Safari – unter Linux müssen Sie also zwingend Google Chrome benutzen. Chromes Open-Source-Variante Chromium fehlt ebenso wie Firefox oder Opera die EME-Erweiterung.

Chrome als Browser genügt jedoch noch nicht. Erkennt Netflix anhand des vom Browser übermittelten User-Agents, dass Sie mit Linux arbeiten, landen Sie trotzdem auf der Webseite mit den Systemanforderungen. Erst, wenn Sie die Browserkennung mithilfe der Erweiterung User-Agent Switcher for Chrome [8] anpassen, liefert Netflix HTML5-Videos aus. Installieren Sie dazu die Erweiterung und legen Sie dann entsprechend der Angaben in der Tabelle “User Agent Switcher” in den Optionen des Addons einen passenden User-Agent an (Abbildung 3).

User Agent Switcher

Option Wert
User-Agent Name Netflix Linux
User-Agent String Mozilla/5.0 (Windows NT 6.3; Win64; x64) AppleWebKit/537.36 (KHTML, like Gecko) Chrome/38.0.2114.2 Safari/537.36
Group Chrome
Append Replace
Indicator Flag IE

Auf Rolling-Release-Distributionen wie etwa Arch Linux lädt Netflix dann umgehend den Linux-freundlichen HTML5-Stream (Abbildung 4). Auf älteren oder nicht ganz so aktuellen Distributionen wie etwa Ubuntu 14.04 müssen Sie jedoch noch mit einem am 22. September veröffentlichten Update der NSS-Bibliothek dafür sorgen, dass der Browser mit der von Netflix genutzten Verschlüsselungstechnik umgehen kann (siehe Kasten “Netflix unter Ubuntu 14.04”).

Abbildung 3: Mit dem User-Agent Switcher täuschen Sie Netflix einen Windows-Rechner mit Chrome als Browser vor.

Abbildung 3: Mit dem User-Agent Switcher täuschen Sie Netflix einen Windows-Rechner mit Chrome als Browser vor.

Abbildung 4: Mit Chrome und dem richtigen User-Agent liefert Netflix einen sehr Linux-freundlichen HTML5-Stream aus.

Abbildung 4: Mit Chrome und dem richtigen User-Agent liefert Netflix einen sehr Linux-freundlichen HTML5-Stream aus.

Netflix unter Ubuntu 14.04

Neben Chrome und dem richtigen User-Agent-String braucht ein Linux-System für Netflix auch noch die Network-Security-Services-Bibliotheken [9] von Mozilla in der Version 3.16.2 oder neuer. Das aktuelle Ubuntu 14.04 LTS enthielt diese Bibliothek zum Deutschlandstart von Netflix jedoch nur in Version 3.15.4. Daher blieb trotz Chrome und passendem User-Agent der Bildschirm unter Ubuntu schwarz – es sei denn, Sie haben vorab die für das kommende Ubuntu 14.10 vorgesehene Version der Bibliothek in Ubuntu 14.04 eingeschmuggelt [10].

Nach einer Diskussion auf der Ubuntu-Devel-Mailingliste [11] sorgte Canonical jedoch rasch für Abhilfe: Das für Netflix nötige Update der Bibliothek liegt inzwischen in den Security-Paketquellen von Ubuntu 12.04 wie auch 14.04 und lässt sich als normales Sicherheitsupdate einspielen. Bei Schwierigkeiten mit Netflix prüfen Sie daher bitte nach, ob Ihr Ubuntu eventuell noch nicht über die entsprechende Libnss3 in der Version 3.17-0 oder neuer verfügt:

$ dpkg -l libnss3* | grep ii

Sollten Sie bereits einer der im Netz verbreiteten Informationen gefolgt sein und haben die Libnss3 in Ubuntu 14.04 von Hand aktualisiert, dann sorgen Sie mit den Kommandos aus Listing 1 für die Installation der Originalpakete. Scheitert der Download via Wget, dann hat Canonical in der Zwischenzeit die Pakete überarbeitet und mit einer neuen Versionsnummer versehen. Laden Sie in diesem Fall die DEB-Pakete für die Libnss3 [12], Libnss3-1d [13] und Libnss3-nssdb [14] von Hand aus dem Netz.

Listing 1

$ cd /tmp
$ wget http://security.ubuntu.com/ubuntu/pool/main/n/nss/libnss3{,{,-1d}_3.17-0ubuntu0.14.04.1_{amd64,i386}}.deb
$ wget http://security.ubuntu.com/ubuntu/pool/main/n/nss/libnss3-nssdb_3.17-0ubuntu0.14.04.1_all.deb
$ sudo dpkg -i libnss*.deb

Fazit

Ob das Film- und Serienangebot von Netflix das der anderen VoD-Anbieter übertrifft, müssen Sie selbst entscheiden – alle Dienste bieten einen kostenlosen Testmonat an, in dem Sie sich selbst ein Bild machen dürfen. Mit dem HTML5-Player besitzt Netflix allerdings ein für Linux-Anwender entscheidendes Alleinstellungsmerkmal. Nachdem nun Ubuntu 12.04 und 14.04 per offiziellem Update die Systemanforderungen für Netflix erfüllen, hat Netflix versprochen, zeitnah die User-Agent-Abfrage Linux-freundlicher zu gestalten [15].

Nun müsste sich nur noch Netflix aus Chrome befreien lassen, sodass man den Dienst auch direkt in Kodi (ex?*XBMC) und auf einem Raspberry Pi benutzen könnte. Dazu müsste Mozilla aber erst einmal seine Arbeit an der schon im Mai 2014 angekündigten eigenen EME-Implementation [16] abschließen. Damit stünde dann eine erste Open-Source-Lösung für DRM in HTML5-Videoelementen zur Verfügung, die dann sogar auf dem Raspberry Pi liefe. 

Infos

[1] Fernsehnutzung in Deutschland: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/prosieben-exportiert-deutsche-youtube-stars-nach-hollywood-a-988175.html

[2] Netflix: https://www.netflix.com

[3] Chromecast: https://play.google.com/store/devices/details/Chromecast?id=chromecast

[4] Netflix-App für Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.netflix.mediaclient

[5] Amazon Fire TV: http://www.amazon.de/Amazon-CL1130-Fire-TV/dp/B00KQEIMY6

[6] Pipelight: Christoph Langner, “Leinwandtauglich”, LU 07/2014, S. 60, http://linux-community.de/32641

[7] Encrypted Media Extensions: https://dvcs.w3.org/hg/html-media/raw-file/tip/encrypted-media/encrypted-media.html

[8] User-Agent Switcher for Chrome: https://chrome.google.com/webstore/detail/user-agent-switcher-for-c/djflhoibgkdhkhhcedjiklpkjnoahfmg

[9] Network Security Services: https://developer.mozilla.org/en-US/docs/Mozilla/Projects/NSS

[10] “Netflix startet in Deutschland”: http://linuxundich.de/gnu-linux/netflix-startet-deutschland-dank-html5-player-tut-der-dienst-unter-linux-ohne-silverlight

[11] “14.02 up-rev NSS lib so Netflix can play”: https://lists.ubuntu.com/archives/ubuntu-devel-discuss/2014-September/015049.html

[12] Libnss3 aus “Trusty”: http://packages.ubuntu.com/trusty/libnss3

[13] Libnss3-1d aus “Trusty”: http://packages.ubuntu.com/trusty/libnss3-1d

[14] Libnss3-nssdb aus “Trusty”: http://packages.ubuntu.com/de/trusty/libnss3-nssdb

[15] “Lift the User-Agent filtering”: https://lists.ubuntu.com/archives/ubuntu-devel-discuss/2014-September/015050.html

[16] “Reconciling Mozilla’s Mission and W3C EME”: https://hacks.mozilla.org/2014/05/reconciling-mozillas-mission-and-w3c-eme/

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