Bislang gab es nur wenig Lernsoftware, die sich fächerübergreifend einsetzen lässt. Mit OpenTeacher steigt nun ein neues Programm mit interessantem Konzept in den Ring.
Qualitativ hochwertige Lernsoftware aus vielen freien Projekten hat sich unter Linux inzwischen fest etabliert. Neben statischen Lernprogrammen gibt es auch sehr flexible Autorensysteme, bei denen die Lehrer Inhalte für ihre Schüler selbst zusammenstellen können. Das OpenTeacher-Projekt beschreitet jedoch konzeptionell völlig neue Wege: Die Software eignet sich gleichermaßen als Autoren- und als Lernsystem für Lehrende wie Schüler, vereint unterschiedliche didaktische Methoden unter einer einheitlichen Oberfläche und deckt auch noch mehrere Disziplinen ab.
Die meisten gängigen Distributionen stellen bereits Binärpakete für OpenTeacher in ihren Repositories bereit. Zusätzliche Binaries für verschiedene Distributionen sowie den Quelltext finden Sie auf der Website des Projekts unter http://openteacher.org. Für einige ältere Betriebssystemvarianten lassen sich auch aktuelle Binärpakete nutzen: So klappt die Installation des Mageia-4-Binaries auch problemlos unter älteren Mageia- und Mandriva-Versionen.
Erster Start
Nach einem zügigen Start aus dem Menü Applikationen | Bildung öffnet sich ein unscheinbares Programmfenster, das schon auf den ersten Blick den enormen Funktionsumfang der Software erahnen lässt: Drei große Schaltflächen, die das Anlegen medialer, geografischer und linguistischer Lektionen ermöglichen, sowie ein Tastaturtrainer stellen die dominierenden Elemente des Hauptfensters dar (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das übersichtliche Hauptfenster von OpenTeacher erlaubt das Anlegen verschiedener Übungen.
Im unteren Bereich des Fensters ermöglichen zwei Dialoge das Laden bereits angelegter Lektionen von lokalen Speichermedien oder aus unterschiedlichen Quellen im Internet. Die zuletzt geöffneten Lektionen erscheinen rechts in einem gesonderten Listenfenster. Eine kleine, am oberen Fensterrand horizontal angeordnete Schalterleiste gestattet das schnelle Laden, Speichern und Drucken vorhandener Trainingseinheiten. Darüber befindet sich noch eine Menüleiste.
Los geht’s
Zunächst sollten Sie über das Menü Bearbeiten | Einstellungen die grundlegenden Präferenzen für die Arbeit mit dem Programm festlegen. Der Einstellungsdialog fällt bei OpenTeacher dabei ungewohnt üppig aus, weil die Software unterschiedliche Zielgruppen mit verschiedensten Übungsformen bedient und sich somit sehr flexibel einsetzen lässt.
Am unteren Fensterrand finden Sie deshalb eine stattliche Anzahl von Reitern, die jeweils in Untermenüs verzweigen. Um einen besseren Überblick zu erhalten, empfiehlt es sich, das Programmfenster zu maximieren. Ansonsten übersehen Sie leicht Optionen in der Reiterleiste. Im Einstellungsdialog stellen Sie zunächst sicher, dass unten rechts der erweiterte Modus eingestellt ist, der alle Einstellmöglichkeiten eröffnet.
Die wichtigsten Parameter finden Sie anschließend im Reiter Übungseinheiten für Wörter, in dem Sie auch die Abfragemethode für Vokabeltests definieren. Für Sprachübungen, bei denen die Software Begriffe vorspricht, aktivieren Sie zusätzlich im Reiter Aussprache unter Voice name (language) die Alternative german. Hier geben Sie auch per Häkchen vor, ob OpenTeacher Orte oder Wörter ausspricht. Die jeweiligen Modifikationen in den Einstellungsdialogen müssen Sie nicht manuell speichern, das Programm aktiviert sie sofort.
Lektion erfassen
Um eine erste Lektion zum Lernen von Vokabeln anzulegen, klicken Sie im Hauptfenster des Programms auf die Schaltfläche Wörter-Lektion erstellen. Sie erhalten nun in einem neuen Reiter ein übersichtliches Menü, in dem Sie Vokabel- oder Begriffslisten anlegen.
Rechts im Fensters sehen Sie in den drei Reitern Symbole, Griechisch und Kyrillisch entsprechende Buchstabenlisten, aus denen Sie beim Anlegen der Frage/Antwort-Liste spezielle Zeichen bequem per Mausklick in die Vokabeldatei integrieren (Abbildung 2).
Nach dem Fertigstellen der Lektion speichern Sie diese mit einem Klick auf die Schaltfläche Speichern unter ab. Dabei offenbart sich ein Stolperstein der Software: Als Standardspeicherformat nutzt OpenTeacher HTML. Eine so gespeicherte Datei können Sie auch auf Rechnern öffnen, auf denen OpenTeacher nicht installiert ist. Die Listen erscheinen dann in optisch leicht aufbereiteter Form im Webbrowser (Abbildung 3).

Abbildung 3: In OpenTeacher angelegte Lektionen im HTML-Format lassen sich auf jedem Rechner anzeigen und ausdrucken.
Allerdings lässt sich eine solchermaßen abgelegte Datei nicht erneut laden und in OpenTeacher verwenden. Wählen Sie daher im Speicherdialog im Auswahlfeld Filter: aus den vielen unterstützten Dateiformaten am besten die Variante Open Teaching – Wörter. Eine so abgelegte Datei können Sie jederzeit mit OpenTeacher erneut nutzen.
Über die Schaltfläche Drucken geben Sie die erstellte Liste auf Papier aus, etwa, um sie auf Rechtschreibfehler zu überprüfen.
Lektion erlernen
Um eine frisch erfasste Lektion zu erlernen, starten Sie die entsprechende Übung direkt im Programmfenster, indem Sie in den Reiter Bring es mir bei! am unteren Bildschirmrand wechseln. Die Software fragt nun zunächst die Lehrmethode ab, die Sie auch im Einstellungsmenü vorab bereits per Häkchen definieren können. Nach dem Auswählen einer Methode klicken Sie unter den Einstellungsoptionen auf die Schaltfläche Ich bin bereit, starte die Lektion!.
Nun fragt die Software die einzelnen Wörter aus der Liste ab. Dabei liest OpenTeacher diese, sofern Sie in den Einstellungsdialogen im Reiter Aussprache die vorhandenen Optionen aktiviert haben, mit einer synthetischen Stimme vor. Anschließend geben Sie die Antwort in einem Textfeld ein und klicken auf Überprüfe!.
Bei Bedarf überspringen Sie auch einzelne Abfragen. Die Software zeigt Ihnen durch einen Fortschrittsbalken am unteren Rand des Programmfensters den aktuellen Stand der Übung an, fehlerhaft beantwortete Fragen stellt sie dabei erneut (Abbildung 4).
Für verspieltere Naturen bietet OpenTeacher noch die Option, bei den Abfragen ein Galgenmännchen anzuzeigen. Es erscheint im Abfragefenster, nachdem Sie die Option Galgenmännchen spielen aktiviert haben.
Haben Sie die Lektion vollständig bearbeitet, zeigt OpenTeacher das Ergebnis in einem eigenen Reiter an. Er beinhaltet neben einer farbigen Zeitleiste am unteren Rand zur Visualisierung der Antwortzeiten auch eine Prozentangabe der korrekt gelösten Fragen sowie links im Fenster eine Liste der Fragen und der von Ihnen gegebenen Antworten. Da OpenTeacher in dieser Liste die auf Anhieb korrekt beantworteten Fragen in einer eigenen Spalte mit Häkchen versieht, lässt sich selbst bei umfangreichen Lektionen problemlos erkennen, wo noch Lerndefizite bestehen (Abbildung 5).
Außerdem finden Sie anhand der Spalte Abgegebene Antwort sehr schnell heraus, ob es sich bei falschen Antworten lediglich um einen Eingabefehler handelt oder eine Frage sachlich nicht richtig beantwortet wurde. Da OpenTeacher nicht fehlertolerant arbeitet, ist es besonders wichtig, dass sich die Antworten exakt an den ursprünglich in die Wörterliste aufgenommenen Schreibweisen orientieren.
Geografielektionen
Neben dem Erlernen von Fremdsprachen bietet OpenTeacher einen weiteren Schwerpunkt für den Geografieunterricht. Um eine entsprechende Übung anzulegen, klicken Sie im Hauptfenster auf die Schaltfläche Topographische Lektion erstellen. Die Software teilt nun das Fenster wie gewohnt in einen Eingabebereich und ein Listensegment, wobei im Eingabebereich links zunächst der afrikanische Kontinent auftaucht.
Oben im Fenster ändern Sie bei Bedarf über das Auswahlfeld Karte: den angezeigten Kontinent. Nun tragen Sie wahlfrei Orte in die Karten ein, indem Sie an der entsprechenden Stelle doppelt in die Karte klicken. Es öffnet sich ein kleines Eingabefenster, in das Sie den Ortsnamen eintragen. Anschließend erscheinen die so definierten Orte in der Listenansicht im rechten Fensterbereich sowie in der Karte.
Alternativ geben Sie unten rechts im Feld Add a place by name: auch Ortsnamen an und lassen OpenTeacher diese anschließend durch einen Klick auf die Schaltfläche Hinzufügen in der topografischen Karte eintragen. Die Software besitzt dazu eine interne Datenbank mit Ortsnamen und den Koordinaten der jeweiligen Orte, die sie mit der Eingabe abgleicht.
Findet das Programm den gewünschten Ort nicht in seiner Datenbank, zeigt es eine Fehlermeldung an. Sie können dann den Ort manuell in die Karte aufnehmen. Möchten Sie einen bereits in die Karte eingetragenen Ort wieder entfernen, so markieren Sie diesen in der Listenansicht und klicken anschließend auf die Schaltfläche Remove selected place oben rechts im Fenster (Abbildung 6).
Geografietest
Durch einen Klick auf den Reiter Bring es mir bei! am unteren Bildschirmrand starten Sie den Testlauf. Haben Sie in den Einstellungen im Reiter Aussprache zuvor die Option Orte aussprechen aktiviert, so liest Ihnen die Software bei der Fragestellung auch die Ortsnamen vor. Da OpenTeacher diese jedoch teils sehr undeutlich “ausspricht”, empfiehlt sich diese Option eher nicht.
Unten im Fenster finden Sie den von Vokabellektionen her bereits bekannten Fortschrittsbalken. Hier werden auch die Ortsnamen angezeigt. In der Karte kennzeichnen rote Punkte ohne Namensangabe die Orte. Durch einen Mausklick auf den jeweiligen Punkt ordnen Sie den angefragten Ortsnamen den topografischen Koordinaten zu. Das Endergebnis visualisiert OpenTeacher nach dem vollständigen Durcharbeiten der Lektion wie bei den Vokabeltests in einer gesonderten Listenansicht.
Darüber hinaus können Sie auch hier die Datei im HTML-Format speichern, um daraus beispielsweise auszudruckende Lehrmaterialien zu generieren.
Ortskenntnisse ungenügend
Das Topografiemodul von OpenTeacher eignet sich aufgrund seines frühen Entwicklungsstadiums und eines noch enthaltenen schwerwiegenden Fehlers nur für Präsenztests oder Abfragen, bei denen Sie die Lektion zuvor frisch angelegt haben. Die zum Speichern vorgesehenen Dateiformate gestatten es nicht, eine Lektion zu sichern und später erneut in OpenTeacher zu laden. Zwar können Sie die Lektionen als PNG- oder HTML-Datei abspeichern, um sie später auszudrucken, erneut bearbeiten kann OpenTeacher sie in diesen Formaten aber nicht.
Das dafür eigentlich vorgesehene Format Open Teaching – Topographie enthält zudem einen gravierenden Fehler: Es speichert die Ortsnamen unabhängig von der topografischen Karte. Da OpenTeacher beim Laden stets zuerst Afrika darstellt, scheinen beim Wiederaufruf einer Lektion alle Orte auf dem oder rund um den schwarzen Kontinent zu liegen (Abbildung 7).
Medienlektionen
Das Medienmodul von OpenTeacher ermöglicht es, öffentlich zugängliche Mediendateien in den Unterricht einzubinden. Die Bedienerführung orientiert sich hierbei an den anderen Modulen. Sie vergeben zunächst einen aussagekräftigen Titel für die Lektion.
Anschließend binden Sie Mediendateien aus dem Internet ein, indem Sie unten links im Programmfenster auf den Schalter Add remote media klicken. Im sich daraufhin öffnenden Fenster geben Sie die URL der fraglichen Datei an. OpenTeacher akzeptiert hier Inhalte von verschiedenen Videoportalen als Quelle und stellt die URL oben links im Fenster in der Listenansicht dar. Unten links tragen Sie sie nochmals im Feld Name: ein, darunter in den Eingabefeldern Frage: und Antwort: die jeweiligen Übungsinhalte. Anschließend speichern Sie die Einheit über den schon bekannten Dialog ab, wobei Sie als Dateiformat Open Teaching – Medien wählen.
Laden Sie diese Datei erneut, so schaltet die Software zunächst in den Bearbeitungsmodus. Einen Klick auf den Reiter Bring es mir bei! unten links im Programmfenster ändert die Anzeige, die Listen verschwinden. OpenTeacher spielt das Video ab und stellt darunter die jeweilige Frage dazu dar. Ganz unten befindet sich das entsprechende Antwortfeld, rechts daneben die Fortschrittsanzeige des Tests (Abbildung 8).
Tipptrainer
Als letzte Übungsart bietet OpenTeacher einen Tipptrainer, der das Erlernen des Zehn-Finger-Systems erleichtert. Dabei geben Sie nach dem Programmaufruf durch einen Klick auf den Typing Tutor lediglich den Benutzernamen im gleichnamigen Feld an und stellen das korrekte Tastaturlayout ein. Nach einem Klick auf OK erläutert OpenTeacher kurz in Englisch, wie Sie die Finger auf der Tastatur positionieren sollen. Mit einem Klick auf Start exercise starten Sie die erste Lektion.
Das Programm hält insgesamt 57 Schwierigkeitsstufen bereit, wobei die jeweils nachfolgende erst bei erfolgreichem Absolvieren der vorhergehenden Lektion startet. Fehler signalisiert OpenTeacher, indem es die falsch gedrückte Taste in roter Farbe markiert und im Programmfenster eine entsprechende Mitteilung ausgibt. Nach dem Absolvieren einer Lektion blendet die Anwendung in Textform statistische Daten dazu ein, wie Fehlerzahl, Tippgeschwindigkeit und Schwierigkeitsgrad (Abbildung 9).
Online-Lektionen
Aufgrund der ausgereiften Funktionen zum Erlernen von Fremdsprachen nach dem Karteikastenprinzip finden sich im Netz bereits viele vorgefertigte Listen für OpenTeacher. Diese integrieren Sie über einen mehrstufigen Dialog ins System, indem Sie im Startbildschirm die Option Load from the internet anwählen.
Die Software bietet Ihnen sodann ein rundes halbes Dutzend unterschiedlicher Quellen zum Import der Listen an. Rufen Sie eine davon auf, so können Sie aus verschiedenen Sachgebieten vorgefertigte Übungen ins Programm laden und individuell bearbeiten. Dadurch lässt sich die Applikation auch ohne zeitaufwendiges manuelles Anlegen von Übungen sofort effektiv nutzen.
Fazit
OpenTeacher bietet einige Innovationen, die bislang in dieser Kombination noch in keine andere Lernsoftware implementiert wurde: Neben Vokabelübungen nach dem Leitner-System integriert das Programm einen Tipptrainer sowie (ganz neu) ein Modul zu multimedial unterstützten Übungen. Außerdem gibt es ein topografisches Modul, das sich allerdings noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befindet und sich daher nur sehr eingeschränkt nutzen lässt. Auch das Multimediamodul weist noch einige Schwächen auf.
Das innovative Konzept von OpenTeacher, verschiedene didaktische Methoden unter einer einzigen Oberfläche zu vereinen und gleichzeitig die Lehrinhalte nicht vorzugeben, sondern im Rahmen eines Autorensystems vom Pädagogen selbst definieren zu lassen, verspricht jedoch auch zukünftig interessante Entwicklungen.












