Desktop-Umgebung Hawaii vereint moderne Komponenten

Aus LinuxUser 10/2014

Desktop-Umgebung Hawaii vereint moderne Komponenten

Glasklare Glaskugel

In der virtuellen Maschine gehen Sie auf eine gefahrlose Reise in die Zukunft des Desktops unter Linux mit dem Gespann Hawaii und Maui.

Die Namen “Maui” und “Hawaii” beschwören verlockende Bilder von endlosen Stränden und glühenden Sonnenuntergängen herauf. Was die glasklare Sicht angeht, hält der moderne Desktop gleichen Namens da locker mit. Das Vergnügen ist in diesem Fall allerdings komplett digital.

Hawaii vereint in sich viele Komponenten, die die Zukunft auf dem Linux-Desktop formen: Die Integration von Wayland [1] gehörte von Beginn an zu den Entwicklungszielen, ebenso wie Qt, das in der derzeit aktuellen Version 5 zum Einsatz kommt. Das Anwenden von Qt-Quick [2] und QML zum Gestalten folgt daraus wie von selbst. Die gerade frisch veröffentlichte fünfte Inkarnation von KDE bedient sich ebenfalls dieser Mittel.

Frühe Phase

Sowohl Maui als auch der dazugehörende Desktop Hawaii befinden sich in einer frühen Entwicklungsphase. Die Weiterentwicklung geht derzeit recht behäbig voran. Anders formuliert, handelt es sich genau genommen eher um eine Umgebung für den Entwickler zum Testen neuer Entwicklungen und weniger um ein Projekt mit dem Ziel, die Linux-Infrastruktur zu bereichern.

Zum Testen reicht eine virtuelle Maschine wie Virtualbox oder Qemu in diesem Fall nicht aus. Diese arbeiten noch nicht mit dem neuen Protokoll Wayland zusammen, das in den Startlöchern steht, um das ältere Display-Server-Protokoll des X-Window-Systems abzulösen.

Hawaii verdankt Wayland die auffällig kristallklare Anzeige aller Elemente (Abbildung 1). Derzeit kommt als Compositor [3] der für Wayland entwickelte Weston zum Einsatz, allerdings bringt das System zusätzlich einen eigenen angepassten Compositor namens Green Island [4] mit. Somit setzt die Desktop-Umgebung als erste auf Qt als Basis, die Wayland komplett unterstützt und die erste, die einen eigenen Compositor mitbringt.

Abbildung 1: Ohne Schnickschnack dafür aber dank Wayland gestochen scharf zeigt sich der Hawaii-Desktop.

Abbildung 1: Ohne Schnickschnack dafür aber dank Wayland gestochen scharf zeigt sich der Hawaii-Desktop.

Der Entwickler integrierte darüber hinaus einen eigenen Dateimanager namens Swordfish [5]. Sie bedienen den Desktop ausschließlich über die am unteren Rand befindliche Leiste. Im Menü finden Sie neben dem Dateimanager noch den Browser Qupzilla (Abbildung 2) und den einfachen Bildbetrachter Eyesight.

Abbildung 2: Getreu dem Credo des Entwicklers kommen bei Maui ausschließlich Programme zum Einsatz, die das System nicht unmäßig belasten, etwa der Browser Qupzilla.

Abbildung 2: Getreu dem Credo des Entwicklers kommen bei Maui ausschließlich Programme zum Einsatz, die das System nicht unmäßig belasten, etwa der Browser Qupzilla.

Ein weiterer interessanter Ansatz findet sich in der Basis des vom gleichen Entwickler konzipierten Systems Maui: Wo andere Distributionen Paketmanager einsetzen, verwendet der Entwickler OSTree [6]. Das erlaubt es, Software vorab zu kompilieren, zu bündeln und als Ganzes auszuliefern.

Arch Linux aufbauen

Die besten Möglichkeiten zum Testen bieten daher Arch Linux oder eines der Derivate Antergos [7] oder Manjaro [8]. Arch Linux gehört deshalb zur ersten Wahl, da es bei aktueller Software gleichzeitig den Betrieb mit einer minimalen Basis erlaubt. So brauchen Sie keinen X-Server oder andere Desktop-Umgebungen. Nach der Installation des Grundsystems stellen Sie zuerst auf das deutsche Tastaturlayout um (Listing 1). Danach ergänzen Sie die Datei pacman.conf um den Eintrag aus Listing 2.

Listing 1

localectl set-x11-keymap de pc105 nodeadkeys

Listing 2

[hawaii]
    Server = http://archive.maui-project.org/archlinux/$repo/os/$arch
    SigLevel = Optional TrustAll

Die Eingabe des Befehls aus Listing 3, Zeile 1 befördert die notwendigen Pakete, sowohl der Desktop-Umgebung wie von Wayland auf den Rechner. Obwohl der Test keinen X-Server voraussetzt, funktioniert Wayland nicht ohne Treiber für die Grafikkarte.

Eine Liste der verfügbaren freien Treiber gibt der Befehl aus. Haben Sie den Richtigen ermittelt, installieren Sie ihn, wie beispielhaft für ein Intel-Modell gezeigt, über einen Befehl ähnlich dem in Zeile 3. Danach starten Sie den Desktop über das Kommando in Zeile 4.

Listing 3

pacman -Syu hawaii-meta-git
pacman -Ss   xf86-video| less
pacman -S xf86-video-intel
/usr/bin/hawaii

Für mehr Komfort installieren Sie den vom Entwickler favorisierten, demnächst bei KDE SC verwendeten Login-Manager SDDM [9], den Sie mit einem AUR-Helper über die von Benutzern bereitgestellten Bauanleitungen integrieren.

VMware Player

Der zweite Weg, um Hawaii zu testen, führt über die Distribution Maui. Zum Test benötigen Sie neben dem Image für 64-Bit-Systeme [10] noch den VMware-Player [11] und das Tool Driconf. Letzteres installieren Sie aus dem Repository Ihrer Distribution.

Nach dem Einrichten starten Sie den Player mit Root-Rechten, öffnen parallel Driconf und ändern im Reiter Bildqualität die Einstellung S3DC durch einen Klick auf Yes. Diese färbt sich dabei von Rot nach Grün (Abbildung 3).

Abbildung 3: Damit Maui in der virtuellen Maschine richtig läuft, gilt es, per Driconf S3D zu aktivieren.

Abbildung 3: Damit Maui in der virtuellen Maschine richtig läuft, gilt es, per Driconf S3D zu aktivieren.

Suchen Sie nun im Home-Verzeichnis den Ordner vmware und darin die Datei mit der Endung .vmx. Diese öffnen Sie mit einem Editor und fügen am Ende der Liste mks.gl.allowBlacklistedDrivers = "TRUE" ein. Diese schaltet eventuell benötigte, zusätzliche Treiber für die Grafik frei, die VMware standardmäßig sperrt.

Als letzten vorbereitenden Schritt gehen Sie in das Menü von VMware und setzen unter Virtual Machine | Virtual Machine Settings | Display einen Haken bei Accelerate 3D Graphics.

Nun starten Sie das Image in der virtuellen Maschine. Im darauf erscheinenden Terminal geben Sie am Prompt den Nutzernamen root ein und drücken [Eingabe]. Daraufhin starten Sie die grafische Oberfläche mit dem Befehl /usr/bin/hawaii-terminal.

Fazit

Obwohl Maui und insbesondere der Desktop Hawaii eher als Experiment mit teils allerneuesten Techniken dient, ist es trotzdem hochinteressant. Am einfachsten testen Sie das Gespann über den VMware-Player. Nutzen Sie den Weg über ein selbst gebautes Arch Linux, erhalten Sie einen umfassenderen Eindruck.

Der Entwickler hat sein Werk als offenes Community-Projekt angelegt, lässt sich allerdings keinerlei Prognosen darüber entlocken, wie es weitergeht. Wer mit ihm in Kontakt treten möchte, findet ihn im Kanal #maui-project auf dem Freenode-Server. 

Glossar

OSTree

Ansatz weg vom herkömmlichen, an Paketen orientierten Modell der Distributionen hin zu einem Git-ähnlichen Repository des gesamten Dateisystems.

Der Autor

Ferdinand Thommes lebt und arbeitet als Linux-Entwickler, freier Autor und Stadtführer in Berlin.

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