Suchen Sie abseits der ausgetretenen Ubuntu- und Debian-Pfade eine flinke, multimediafähige Distribution mit Gnome-3-Desktop, sollten Sie sich Chapeau Linux genauer ansehen.
Seit Langem gehört Fedora zu den beliebtesten Linux-Distributionen überhaupt. Doch um die auf freie Software eingeschworene Distribution in jeder Situation auf dem Desktop problemlos nutzen zu können, fallen manuelle Nacharbeiten an, wie die Installation von Codecs, unfreier Firmware oder Software von Drittherstellern. Das brandneue Chapeau Linux springt hier in die Bresche und bietet einen topaktuellen Gnome-3-Desktop auf Fedora-Basis zusammen mit allen zusätzlichen Komponenten.
Anforderungsprofil
Chapeau Linux [1] zeigt sich hinsichtlich der Hardware-Anforderungen recht anspruchsvoll: Das ISO-Image [2] eignet sich ausschließlich für aktuelle 64-Bit-Maschinen. Auch bei der Grafikkarte setzt es nicht etwa auf solide Hausmannskost von Intel, sondern auf leistungsstarke dedizierte Grafikkarten von Nvidia und AMD/ATI. Der Grund für diesen Ressourcenhunger: Chapeau Linux möchte neben Freunden multimedialer Inhalte auch Gamer ansprechen, deren Hobby naturgemäß sehr hohe Anforderungen an die Hardware stellt.
Die Entwickler integrieren daher bereits von Haus aus neben Steam auch Play On Linux samt Wine in die Distribution, sodass dem Spielvergnügen nichts im Weg steht. Durch die ebenfalls bereits eingepflegten Codecs für unterschiedlichste Multimedia-Dateiformate sowie der Unterstützung für Video-DVDs und Blu-ray-Medien lässt sich Chapeau auch ohne lästige Modifikationen als Heimkino-Basis nutzen. Außerdem kann man Fremdapplikationen wie den Adobe Flash Player und diverse Cloud-Applikationen “ab Werk” abrufen.
Installation mit Hürden
Nach dem Herunterladen des rund 1,8 GByte großen Images zeigt sich Chapeau zunächst von einer extrem widerspenstigen Seite: Zwar erläutert die Entwickler-Homepage ausführlich, wie man das System auf verschiedenen Wegen auf einen USB-Stick installieren kann [3] – jedoch schlugen unsere entsprechenden Versuche mit zwei unterschiedlichen Flash-Sticks und den Tools Unetbootin, Live USB Creator und livecd-iso-to-disk fehl. Auch unter Anwendung des dd-Befehls ließ sich kein startfähiges System auf dem USB-Stick installieren.
Nach dem Brennen des ISOs auf eine DVD zeigte sich ein weiteres Manko: Auf mehreren Testrechnern mit leistungsschwächeren Intel-Grafikkarten aktueller Bauart ließ sich die Distribution nur im Troubleshooting-Modus booten, bei dem lediglich ein rudimentärer Grafiktreiber maximal XGA-Auflösung (1024 x 768) darstellt. Auf zwei parallel herangezogenen Testsystemen mit Grafikkarten von Nvidia beziehungsweise AMD/ATI gab es dagegen keine Probleme.
Chapeau Linux bootet auf solchen Rechnern zügig in einen Gnome-3-Bildschirm mit den bekannten Bedienelementen, sodass Sie das System im Live-Betrieb ausprobieren können. Möchten Sie Chapeau Linux anschließend auf der Festplatte einrichten, stoßen Sie dazu den von Fedora her bekannten grafischen Installer Anaconda an. Sie erreichen ihn über das Festplatten-Symbol in der Anwendungsleiste am linken Bildschirmrand. Dieses Panel erscheint nach einem Klick oben links am Bildschirm auf die Schaltfläche Activities.
Gnome-3-Desktop
Nach erfolgreicher Installation landen Sie in einem spartanischen, in dunklen Farben gehaltenen Gnome-Desktop. Ein Klick auf die Schaltfläche Aktivitäten oben links im Panel öffnet die Anwendungsleiste, welche die üblichen Applikationen und Werkzeuge beinhaltet. Die Kachelansicht aller installierten Programme (Abbildung 1), die Sie über den Eintrag Anwendungen anzeigen in der Anwendungsleiste erreichen, umfasst neben den Standard-Programmen für Büro, Grafik und Internet auch die wichtigsten Anwendungen aus dem Gnome-Fundus.
Ebenfalls mit im Boot sind eine ganze Reihe zusätzlicher kleinerer Tools wie der VLC Media-Player, Gparted oder auch einige Spiele. Im Untermenü Verschiedenes finden sich überwiegend Verwaltungswerkzeuge, aber auch der Adobe Flash Player. Play On Linux und Steam, die beide als Spieleplattformen eher der Unterhaltung dienen, integriert Chapeau Linux in die Hauptansicht. Dort findet sich außerdem auch die bereits vorinstallierte Windows-kompatible Laufzeitumgebung Wine.
Das taufrische Programm Gnome Maps, eine topographische Anwendung, bindet die Karten des OpenStreetMap-Projekts ein und macht so dicke Atlanten zukünftig überflüssig. Die in Javascript realisierte Applikation arbeitet beim Bildaufbau noch etwas zögerlich. Dafür bringt sie die wichtigsten Karten für Deutschland bereits vorinstalliert mit, sodass Sie nicht unbedingt Kartenmaterial aus dem Netz benötigen.
Für Treiberprobleme, speziell solche mit Grafikkarten, steht via Hauptmenü mit dem Driver Helper eine noch junge Software zur Verfügung, die ohne manuelle Arbeiten einen schnellen Treiberwechsel ermöglicht. Hinter dem Icon versteckt sich das Programm Pharlap (Abbildung 2), das für Grafikkarten mit proprietären Schnittstellen bei Bedarf unterschiedliche Module zur Installation per Mausklick vorsieht. So wechseln Sie im Handumdrehen den entsprechenden Treiber, ohne mühsam passende Module zu suchen oder große Downloads proprietärer Software anstoßen zu müssen.
Daneben legt Chapeau Linux einen weiteren eindeutigen Schwerpunkt auf die einfache Nutzung von Cloud-Diensten. So installieren Sie über den Eintrag Dropbox im Programmmenü den proprietären Dropbox-Daemon aus dem Internet. In Form der Gnome-Dokumentenverwaltung steht ein komfortables Werkzeug bereit, um in der Cloud abgelegte Dokumente zu verwalten. Auch das Programm Kontakte stellt einen Zugang zu Online-Konten bereit.
Im multimedialen Umfeld glänzt Chapeau Linux durch eine sehr umfangreiche Ausstattung. So finden Sie die bekannten Anwendungen Gimp, VLC, Brasero, Openshot, Shotwell, Rhythmbox, Sound Juicer und Sound Converter bereits eingerichtet auf dem System vor. Daneben umfasst die Standardausstattung auch weniger bekannte, aber nützliche Applikationen wie die RAW-Konverter Ufraw und Darktable.
Software installieren
Neben dem bereits vorinstallierten Fundus bietet Chapeau Linux in seinen Repositories eine Vielzahl weiterer Programme zum Einrichten an. Der bequemste Weg führt dabei über den Eintrag Software in der Anwendungsleiste: Er verzweigt in ein denkbar einfach gestaltetes Fenster, das eine wesentlich einfachere Bedienung erlaubt als etwa Synaptic, YaST oder auch das Mandriva-Kontrollzentrum.
Im Hauptbereich des Fensters wählen Sie zwischen den drei Optionen Vorgestellt, Ausgewählt und Kategorien. Vorgestellt erläutert die Grundfunktionen einzelner Applikationen in wenigen Sätzen. In Ausgewählt finden sich jeweils mehrere Programme, die teilweise bereits installiert sind. Ein Klick auf das jeweilige Programmsymbol erläutert ebenfalls die jeweilige Anwendung in wenigen Worten und bietet einen Link zur Webseite des entsprechenden Projekts. Zum Suchen und Installieren bestimmter Anwendungen dient dagegen der Bereich Kategorien. Hier finden Sie insgesamt zwölf Schaltflächen, die in jeweils verschiedene Applikationsgruppen verzweigen (Abbildung 3).
Die Gruppen sind wiederum nach Arbeitsbereichen in mehrere Untergruppen sortiert, sodass Sie sehr schnell ein passendes Programm für Ihre Zwecke finden, ohne sich dazu durch endlose Listen wühlen zu müssen. Auch in den Untergruppen gibt es wieder eine Kategorie Vorgestellt, die jeweils mehrere Programme aufführt und dabei bereits installierte Software mit einem blauen Hinweisfeld kennzeichnet. Diese übersichtliche Darstellungsart lädt vor allem Neueinsteiger dazu ein, den Software-Fundus zu durchstöbern und sich auch an bislang unbekanntere Programme heranzutrauen (Abbildung 4).
Um ein neues Programm zu installieren, klicken Sie einfach auf dessen Button in der Liste und wählen im nächsten Bildschirm die blaue Schaltfläche Installieren. Die Routine lädt anschließend die entsprechende Software aus dem Netz und packt sie auf die Festplatte. Genauso einfach entfernen Sie bereits installierte Anwendungen: Dazu klicken Sie nach Auswahl über die jeweilige Untergruppe einfach auf die rote Schaltfläche Entfernen.
Fazit
Chapeau Linux weiß durch seine vollständige Software-Auswahl zu gefallen. Die Distributionen eignen sich insbesondere für Einsteiger, die ohne umständliches Nachinstallieren von proprietärer Software und Codecs anspruchsvolle multimediale Aufgaben erledigen wollen, sowie für Spielernaturen, die von anderen Plattformen umsteigen.
Infos
[1] Chapeau Linux: http://chapeaulinux.org
[2] Download: http://sourceforge.net/projects/chapeau/
[3] Chapeau auf USB-Stick: http://chapeaulinux.org/preparing-a-chapeau-usb-media-on-linux-unix/








