Wirtschaftssimulation Widelands

Aus LinuxUser 10/2012

Wirtschaftssimulation Widelands

© Xavier Gallego Morell, 123rf.com

Baumeister

Der Aufbau einer Volkswirtschaft hängt von vielen Faktoren ab. Wer bei der Wirtschaftssimulation Widelands die Ressourcen richtig einsetzt, herrscht im Handumdrehen über ein florierendes Reich.

Linux gilt gemeinhin nicht als bevorzugte Plattform für Gamer. Vor allem kommerzielle Spiele stehen bislang in den vielen Fällen nicht für das freie Betriebssystem bereit. Aber anspruchsvolle Spiele für Linux gibt es auch unter GPL-Lizenz und stehen kostenfrei bereit. Eines davon ist das seit Jahren kontinuierlich entwickelte Widelands [1]. Ähnlich wie das seit DOS-Zeiten bekannte Spiel “Die Siedler” simuliert es den Aufbau einer Volkswirtschaft und fordert vom Spieler daher strategisches wie taktisches Denken gleichermaßen.

Installation

Widelands findet sich inzwischen in den Repositories der meisten großen Distributionen. Sie installieren es entsprechend komfortabel über den Paketmanager des Systems. In der Regel handelt es sich dabei jedoch nicht um die aktuelle Version Build17. Möchten Sie diese verwenden, nutzen Sie den Quellcode des neuesten Releases von der Website des Projektes, den Sie auch auf der Heft-DVD finden.

Für OpenSuse gibt es darüber hinaus ein inoffiziellen Repository. Dies stellt das Spiel in der neuesten Version via 1 click install zum Einrichten bereit [2]. Eventuelle Abhängigkeiten löst das System dabei selbständig auf.

Im Web finden Sie eine ausführliche Anleitungen für unterschiedliche Linux-Distributionen, die beschreiben, wie Sie Widelands aus dem Quellcode kompilieren [3]. Diese detaillierten Hinweise sind dringend nötig, denn die Software weist eine stattliche Anzahl von Abhängigkeiten auf und setzt daher bei den meisten Distributionen zunächst die Installation zahlreicher Pakete voraus. Im Test unter Mandriva 2010.2 zog das System genau 99 zusätzliche Pakete mit einem Gesamtumfang von knapp 200 Megabyte auf die Platte.

Dabei tauchte ein weiteres Hindernis auf: Einige der Bibliotheken, die Widelands voraussetzt, stehen nicht in den erforderlichen Versionen bereit, sondern nur in neueren Varianten. Da die neuen teils andere Abhängigkeiten und Namen besitzen, bleibt als Ausweg nur, das Spiel mit dem Schalter --nodeps aus dem Quellcode zu kompilieren. Dieser bewirkt, dass das Setup sämtliche Abhängigkeiten ignoriert.

Eine saubere Installation der Software ist allerdings unter diesen Umständen nicht mit vertretbarem Aufwand möglich. Da im Test jedoch die neueste Variante des Spiels zum Einsatz kommen sollten, ging dem Test eine manuelle Installation der geforderten Bibliotheken voraus. Das gut 160 Megabyte große Tar-Archiv mit dem Quellcode des Spiels [r] entpacken Sie mit dem Befehl tar -xjvf widelands-build17-src.tar.bz2.

Wechseln Sie in das Unterverzeichnis widelands-build17-src und öffnen Sie in diesem ein Terminal. Starten Sie jetzt das Skript ./compile.sh mit Root-Rechten. Im Test ließ sich das Spiel umgehend und problemlos kompilieren. Im Anschluss starten Sie die Software mit der Eingabe von ./widelands in der Konsole.

Die brandneue Build 17 überzeugte jedoch trotz des erheblichen Aufwands bei der Installation weder unter Mandriva noch unter der aktuellen Version 12.1 von OpenSuse. Nach dem Vorspann und dem Beginn eines Spiels zeigten sich wiederholt auf beiden Systemen massive Fehler in der Grafik. So flackerte das Bild, es traten Artefakte auf, und beim Öffnen von Fenstern überdeckte eine Schraffur Textteile und zum Teil Symbole, sodass diese unleserlich waren.

Zudem fiel auf, dass während des Ladens der Animationen und der Auswahl eines Szenarios die CPU-Last bei 100 Prozent verharrte, und der Mauszeiger sich nur ruckelnd und unpräzise bewegen ließ. In dieser Form war das Spiel nicht einsatzfähig. Für den weiteren Test kam die in den Repositories befindliche Version zum Einsatz.

Zum Einsatz kam deshalb unter Mageia 1 die Variante Build 16 aus den Repositories, die aus dem Stand tadellos funktionierte. Bei der Installation legte das Skript automatisch im Unterverzeichnis Spiele des Menüs einen entsprechenden Starter an, sodass Sie das Spiel komfortabel per Mausklick aktivieren. Widelands präsentiert sich danach in einem übersichtlichen Programmfenster (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Startfenster von Widelands beschränkt sich aufs Nötigste.

Abbildung 1: Das Startfenster von Widelands beschränkt sich aufs Nötigste.

Über die Schaltfläche Optionen im Hauptmenü erreichen Sie Einstellungen zur Sprache, zur Bildschirmauflösung und zur akustischen Untermalung. Die Entwickler haben die Darstellung in der Grundeinstellung auf SVGA-Auflösung optimiert, was insbesondere für schwächeren Grafikkarten oder aber WXGA- und XGA-Bildschirme von Vorteil ist.

Sofern Sie einen höher auflösenden Bildschirm nutzen, lohnt es sich die vorgegebenen Werte entsprechend herauf zu setzen. Auf diese Weise sehen Sie einen deutlich umfangreicheren Bildausschnitt und einen besseren Überblick über das Spielgeschehen.

Das Spiel kennt zwei Modi: für einen einzelnen Spieler oder zu mehreren über das Netz. Die Software gestattet dabei das kooperative Spiel sowohl in einem Intranet als auch über das Internet. Nach Auswahl der gewünschten Spielart müssen Sie noch entsprechende Angaben zur IP-Adresse, zu den Account-Daten sowie zum Server im Netz machen. Möchten Sie alleine gegen den Computer spielen, so wählen Sie den Menüpunkt Einzelspieler. Damit haben Sie die Möglichkeit, Ihr Geschick gegen einen oder mehrere virtuelle Gegner zu beweisen.

Immer komplexer

Widelands hat sich – gemessen an den frühen Versionen [5] – zu einer deutlich anspruchsvolleren Simulation gemausert. Es bestehen nun innerhalb der simulierten Volkswirtschaft erheblich mehr wirtschaftliche Abhängigkeiten als bei früheren Varianten, sodass es ähnlich wie beim Schachspiel gilt, die Folgen bestimmter Spielzüge unter Berücksichtigung unterschiedlichster Aspekte genau abzuwägen.

Das ursprüngliche Konzept blieb jedoch gleich: ausgehend von einem Hauptquartier oder einem Dorf bei einer Burg eine florierende Wirtschaft zu begründen, die sich nach entsprechender räumlicher Expansion gegen Eindringlinge zu behaupten weiß. Dazu spielen Sie entweder sogenannte Kampagnen, die auf einer vorgegebenen Historie beruhen, oder Sie versuchen im freien Spiel Ihr Geschick. Dazu wählen Sie aus einer stattlichen Liste bereits vorhandener Karten die Passende aus.

Die Karten weisen unterschiedliche Größen auf mit einer jeweils eigenen Topographie. Sagt Ihnen keine der zahlreichen Landkarten zu, so erlaubt es der Editor, den Sie aus dem Hauptmenü heraus erreichen, eigene Karten zu entwerfen oder vorhandene zu bearbeiten. Dabei legen Sie neben den topographischen Merkmalen die Größen von Gebäuden und das Vorkommen von Rohstoffen fest. Anschließend entscheiden, welcher Volksgruppe Sie angehören möchten. Zur Auswahl stehen Barbaren, Atlanter oder Imperium.

Im nächsten Schritt definieren Sie, wie sich der Computer als Gegner verhält. Daneben legen Sie den Typ des Spiels fest. Durch Anklicken der Schaltfläche Typ wählen aus, ob Sie ein Endlosspiel bevorzugen oder beispielsweise die Alleinherrschaft anstreben. Sammler und Jäger entscheiden sich dagegen vermutlich für das Ziel, einen möglichst großen Waren- oder Baumbestand zu erreichen. Daneben steht der Besitz möglichst großer Ländereien steht als Ziel bereit.

Ein Klick auf die Schaltfläche Spiel starten öffnet das eigentliche Spiel. Widelands benötigt zum Vorbereiten des Szenarios einige Sekunden und präsentiert Ihnen anschließend das Hauptquartier beziehungsweise das Burg- oder Zitadellendorf. Sofern Sie als Startbedingung ein Dorf anstelle des herkömmlichen Hauptquartiers gewählt haben, bestehen bereits einige wichtige Gebäude, die allerdings nicht miteinander verbunden sind. Sie müssen zwischen den Anwesen also zunächst Wege bauen und anschließend neue Gewerbe ansiedeln.

Strategie

Um im Spiel zu bestehen und dem Computer als Gegner gewachsen zu sein, gilt es, die Ressourcen ausgewogen zu nutzen. Dabei spielt es keine Rolle, wo Sie beginnen. Zunächst sollten Sie Häuser für Holzfäller bauen und Steinbrüche erschließen, um wichtige Rohstoffe auszubeuten. Für die Expansion brauchen Sie Forsthäuser, einen Steinmetz sowie ein Sägewerk. Der Bau größerer Gebäude setzt behandeltes Holz aus einem solchen voraus.

Auf keinen Fall sollten Sie gleich nach dem Start in Ihrem Einflussbereich ausschließlich mittlere und große Gebäude bauen, da diese viele Ressourcen benötigen, und diese unter Umständen in dieser Phase nicht bereit stehen. Die im Hauptquartier oder einem Warenlager befindlichen Rohstoffe erschöpfen sich schnell, wenn der Nachschub ausbleibt.

Das Programm bietet einige Hilfen an, um Ihnen auf einen Blick den aktuellen Bestand der Rohstoffe anzuzeigen: In der mittig angeordneten Symbolleiste am unteren Bildschirmrand greifen Sie über das zweite Symbol von links auf ein Menü mit Statistiken zu. Nach Öffnen klicken Sie erneut auf die zweite Schaltfläche von links und erhalten nun ein Fenster mit detaillierten Angaben zu den vorhandenen Warenbeständen.

Die Auslastung der einzelnen Gebäudegruppen ermitteln Sie durch Anklicken der dritten Schaltfläche von links. Hier sehen Sie neben der in Prozentwerten angezeigten Effizienz die Anzahl der vorhandenen sowie der im Bau befindlichen Gebäude eines Typs. So besitzen Sie stets einen besseren Überblick über die Ökonomie und vermeiden Engpässe in einzelnen Bereichen, indem Sie weitere Gebäude eines Typs bauen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Anhand der Statistiken stellen Sie auf einen Blick fest, ob Ihre Wirtschaft floriert oder nicht.

Abbildung 2: Anhand der Statistiken stellen Sie auf einen Blick fest, ob Ihre Wirtschaft floriert oder nicht.

Als eine weitere nützliche Hilfe erweist sich die Nachrichtenfunktion: Wenn Sie in der Symbolleiste unten im Spielfeld auf die rechte Schaltfläche klicken, öffnet sich eine Liste mit Nachrichten, die das System für Sie generiert hat. Neben Mitteilungen mit eher informativen Charakter erfahren Sie auf diesem Weg unter anderem, wenn ein Bergwerk keinen Rohstoff mehr fördert.

In diesem Falle sollten Sie die betreffende Mine schleunigst abreißen, da ansonsten die Bergleute weiterhin Nahrungsmittel in erheblichem Umfang geliefert bekommen, die unnütz vergeudet wären. Zudem steigt mit der Zeit der Grad der Erfahrung eines Bergmanns, womit er in neuen Minen effizienter arbeitet. Zu den in den einzelnen Nachrichten genannten Gebäuden gelangen Sie ohne Umwege durch einen Klick auf die kleine Schaltfläche mit einem kleinen Haus oben rechts im Nachrichtenfenster.

TIPP

Bergwerke fördern nur dann Rohstoffe, wenn die Bergleute Proviant erhalten. Neben Rationen, die Tavernen herstellen, benötigt der Bergmann je nach Rohstoff auch Bier oder Wein. Der effiziente Betrieb einer Minen hängt also von der Existenz einer Reihe anderer Gebäude ab.

Das Militär

Die Szenarien enthalten je nach Größe der Karte zwischen einem und drei Computergegner, gegen die Sie sich behaupten müssen. Früher oder später erreicht die räumliche Expansion Ihrer Gruppe die Grenze eines solchen Gegners. Sofern Sie die Grenze nicht ausreichend gesichert haben, greift der Feind Sie an und erobert Gebäude Ihres Militärs. Anschließend zerstören die feindlichen Truppen alle zivilen Gebäude in unmittelbarer Nähe. Der Angriff zieht also neben den Verlusten an Territorium einen wirtschaftliche Schaden nach sich.

Der Computer agiert als Gegner meist sehr aggressiv, sodass es sich empfiehlt, Soldaten von Beginn an gut auszubilden und zu versorgen. Nur so sind Sie einem quantitativ überlegenen Angriff gewachsen. Die Ausrüstung und Ausbildung des Militärs setzt neben einer Waffen- und einer Rüstungsschmiede ein Gelände für das Training sowie eine Ausbildungsstätte voraus. Um beides sinnvoll zu betreiben, benötigt Ihre kleine Welt eine sehr große Menge an Proviant und Gerätschaften, was wiederum eine gut entwickelte Wirtschaft voraussetzt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Um Soldaten auszubilden gilt es, darauf zu achten, dass genügend Proviant und Waffen bereitstehen.

Abbildung 3: Um Soldaten auszubilden gilt es, darauf zu achten, dass genügend Proviant und Waffen bereitstehen.

Wollen Sie in einer Offensive Gebäude des gegnerischen Militärs erobern, so klicken Sie einfach auf das betreffende Objekt. Anschließend definieren Sie mithilfe des in einem gesonderten Fenster erscheinenden Schiebereglers, wie viele Ihrer Soldaten Sie in den Angriff schicken möchten. Reicht die Anzahl an Soldaten in der Umgebung des Ziels nicht aus, so müssen Sie zunächst in Ihren Kasernen die Anzahl der dort stationierten Soldaten erhöhen.

Kampfhandlungen schmälern die Kraft der Soldaten. Diese erholen sich aber bei Rückkehr in die Kaserne nach einer gewissen Zeit wieder. Warten Sie lange genug, erhalten die Kämpfer die volle Vitalität zurück. Ein kleines Symbol über dessen Kopf zeigt die Ausrüstung und Kampfstärke jedes Soldaten an. Auf diese Weise unterscheiden Sie Soldaten leicht von Zivilisten.

Sie haben nur dann die Möglichkeit, neue Soldaten auszubilden, wenn Ihre Wirtschaft die nötigen Ressourcen bereit stellt. Dazu gehören vor allem ausreichend Nahrungsmittel, aber auch Werkzeug. Auf diese Weise erhöht sich die Bevölkerung und somit die Anzahl potentieller Rekruten (Abbildung 4).

Abbildung 4: Den Zustand der Soldaten erkennen Sie – wie bei diesem Kampf – leicht an den Symbolen über den Köpfen der Kämpfer.

Abbildung 4: Den Zustand der Soldaten erkennen Sie – wie bei diesem Kampf – leicht an den Symbolen über den Köpfen der Kämpfer.

Navigation

Mit zunehmender Dauer des Spiels und bei großen Landkarten gerät das Spiel rasch unübersichtlich. Hier hilft eine Miniatur der Karte, die Sie durch Anklicken des kleinen Symbols mit der Landkarte in der Symbolleiste am unteren Bildschirmrand einblenden. Einzelne Spieler kennzeichnet die Software darauf durch verschiedene Farben.

Im sichtbaren Gebiet navigieren Sie durch Mausklicks. Widelands verändert entsprechend der Anzeige innerhalb der Karte die Position im Programmfenster. Als ein weiteres nützliches Tool erweist sich die Bauhilfe: Ein Klick auf diesen Button bedeckt Ihr Gelände mit roten, gelben und grünen Häusern. Diese Symbole zeigen, wo Sie ein Gebäude mit welcher Größe erbauen dürfen.

Außerdem zeigt das Programm – sobald Sie sich für einen Typ von Gebäude entschieden haben – bei diesem in vielen Fällen den Wirkungsgrad oder den Platzbedarf mithilfe von blauen Ellipsen rund um den Standort an. Das hilft bei der Entscheidung, ob beispielsweise der Bau eines Bauernhofes an einem Ort noch sinnvoll ist, den mehrere Straßen umgeben.

Fazit

Widelands hat gegenüber früheren Varianten enorm zugelegt. Das Spiel überzeugt durch ein intuitives Bedienkonzept, schön gestaltete Grafiken und ein sehr komplexes Konzept, das stets für ein spannende Aktionen sorgt und Strategen dauerhaft fordert.

Den positiven Eindruck trüben lediglich die teils schwer verständlichen Texte der Nachrichten und einige kleine Schwächen im Endspiel bei sehr großen Szenarien. Positiv fallen auch die geringen Hardware-Anforderungen der stabilen Versionen auf: Diese ließen sich im Gegensatz zur aktuellen Build ohne ruckeln auf einem betagten Pentium 4 nutzen, ohne die CPU dabei dauerhaft zu beanspruchen. 

Infos

[1] Widelands: http://wl.widelands.org

[2] Widelands für OpenSuse: http://software.opensuse.org/package/widelands

[3] Kompilieranleitungen: http://wl.widelands.org/wiki/BuildingWidelands/

[4] Wideland Quellcode: https://launchpad.net/widelands/+download

[5] Widelands: Erik Bärwaldt, “Stein für Stein”, LinuxUser 04/2008, S. 58, https://www.linux-community.de/Internal/Artikel/Print-Artikel/LinuxUser/2008/04/Stein-fuer-Stein

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