Umsatzsteuer plattformübergreifend voranmelden mit Geierlein

Aus LinuxUser 10/2012

Umsatzsteuer plattformübergreifend voranmelden mit Geierlein

© Thomas Leichtenstern, LNM AG

Federvieh

Mit der Software Geierlein senden Sie die Umsatzsteuervoranmeldung komfortabel über das Internet ans Finanzamt – und das plattformübergreifend und bei Bedarf sogar über die Kommandozeile.

Seit 2012 sind Unternehmen verpflichtet, die Steuererklärung elektronisch abzugeben. Bereits seit 2005 gilt dies für die Umsatzsteuervoranmeldung, die Unternehmen und Freiberufler in der Regel monatlich ans Finanzamt übertragen. Mit Geierlein [1] steht eine neue Software bereit, die diese Kommunikation mit dem Finanzamt übernimmt. Dahinter verbirgt sich eine in HTML5 und Javascript geschriebene Anwendung, für die es unter anderem ein in der UI-Sprache XUL programmiertes Frontend gibt. Dieses läuft unabhängig von der Plattform in einem Browser auf Mozilla-Basis.

Bislang erledigt die Software nur die Umsatzsteuervoranmeldung. Für die Einkommensteuererklärung müssen Sie weiter auf Windows-Software Elster-Formular zurückgreifen, die jedoch dank Wine unter Linux läuft.

Von Taxbird zu Geierlein

Geierlein entstand aus dem Taxbird-Projekt [2]. Die seit 2004 entwickelte Software Taxbird haben die Entwickler noch für Gnome 2 programmiert. Allerdings ersetzen viele Distributionen dies mittelfristig durch Gnome 3, somit verschwinden die benötigten Bibliotheken aus den Repositories.

Anstatt nun ebenfalls auf Gnome 3 zu wechseln, entschied sich der Taxbird-Entwickler Stefan Siegl für einen Neustart. Der Nachfolger Geierlein setzt dabei auf Javascript und XUL. Der Vorteil liegt auf der Hand: Geierlein läuft damit nicht nur unter Linux, sondern unter jedem System, für das das Programm XUL Runner oder der Browser Firefox bereit steht.

Damit kommen ebenso Windows- wie MacOS-Nutzer in den Genuss einer freien Software für die Abgabe der Umsatzsteuervoranmeldung. Besonders für letztere ist das spannend, da die offizielle Formular-Software bislang ausschließlich für Windows bereit steht.

Installation

Eine Installation im eigentlichen Sinne benötigt Geierlein nicht. Laden Sie zunächst die jüngste Version des Programms von der Projektseite herunter. Bei Redaktionsschluss war das die Version 0.3.2. Die Datei, beispielsweise geierlein-0.3.2.zip, entpacken Sie in einem Verzeichnis Ihrer Wahl. Anschließend wechseln Sie in das entsprechende Verzeichnis und startet das Programm beispielsweise mit dem Befehl firefox -app application.ini.

Um die Software zu betreiben, brauchen Sie einen Browser mit der richtigen Version der Gecko-Engine, also jenem Modul, dass die Elemente letztendlich in ein Bitmap umwandelt. Im Test mit der Version 0.3.2 verlangte das Programm mindestens eine Gecko-Version 3.5.

Alternativ zum Betrieb in einem Browser läuft die Software Geierlein auch auf einem Rechner mit einem Webserver, wie Apache oder dem leichtgewichtigerem Nginx [7]. Da dieser aber die Kommunikation mit dem Server des Finanzamts durchreicht, braucht es eine spezielle Konfiguration des Server. Beispiele dafür finden Sie auf der Projektseite [8].

Erste Schritte

Einmal gestartet stellt das Programm Geierlein Ihnen keine großen Hürden in den Weg (Abbildung 1). Im oberen Bereich tragen Sie Stammdaten wie Name, Adresse und die vom Finanzamt zugeteilte Steuernummer ein. Bei Bedarf speichern Sie diese über den Button Als Standard speichern dauerhaft ab.

Abbildung 1: Geierlein kommt spartanisch daher, bietet aber alles, was Sie zur Umsatzsteuervoranmeldung benötigen.

Abbildung 1: Geierlein kommt spartanisch daher, bietet aber alles, was Sie zur Umsatzsteuervoranmeldung benötigen.

Darunter geht es weiter mit dem Formular für die eigentliche Umsatzsteuer. Standardmäßig steht ein vereinfachtes Formular bereit, das nur die wesentlichen Felder zeigt. Wer mehr benötigt, klickt auf Vollständiges Formular, dann zeigt die Software das umfangreichere Formular mit allen Feldern an.

Nach dem Ausfüllen wählen Sie zwischen Daten senden und Als Testfall senden. Letzteren hilft beim Prüfen der Eingaben. Dabei überträgt das Programm die Daten zwar ans Finanzamt, wo der Server sie jedoch gleich wieder verwirft. Zuvor prüft Geierlein einige der Angaben und warnt zum Beispiel, wenn Sie in Feldern für Zahlenwerte Buchstaben eingetragen haben. Nach dem Absenden erhalten Sie ein Protokoll des Transfers (Abbildung 2).

Abbildung 2: Nach Abschluss des Transfers zeigt die Software in Protokoll mit allen relevanten Daten an.

Abbildung 2: Nach Abschluss des Transfers zeigt die Software in Protokoll mit allen relevanten Daten an.

Auf der Kommandozeile

Für Freunde der Kommandozeile bietet Geierlein ein besonderes Schmankerl: Alle Funktionen stehen ohne grafische Oberfläche bereit. Hierfür nutzen Sie die Javascript-Bibliothek Node.js [3]. Diese ermöglicht den Einsatz von Javascript auf der Kommandozeile und in Server-Applikationen. Dabei setzt sie auf die von Google entwickelte Engine V8. Sie installieren Node.js am Einfachsten über einen Paketmanager der Distribution. Das entsprechende Paket heißt meist nodejs ohne Punkt, da Sonderzeichen in den Namen in der Regel verboten sind.

Um die CLI-Version von Geierlein zu starten, benötigen Sie noch die beiden Node.js-Module iconv und optimist. Diese installieren Sie am besten direkt im Verzeichnis von Geierlein mit npm install minimalist iconv. Anschließend rufen Sie aus dem gleichen Verzeichnis heraus mit bin/geierlein die Software auf.

Bei der Version für die Kommandozeile hinterlegen Sie die Daten zur Umsatzsteuer als Textdatei. Geierlein bringt eine kommentierte Datei ustva im Verzeichnis doc/examples mit (Abbildung 3). Diese editieren Sie nach eigenen Bedürfnissen und übertragen sie anschließend auf der Kommandozeile mit dem Aufruf bin/geierlein Datei.

Abbildung 3: Über eine Textvorlage melden Sie die Daten zur Umsatzsteuer über die Kommandozeilenvariante von Geierlein.

Abbildung 3: Über eine Textvorlage melden Sie die Daten zur Umsatzsteuer über die Kommandozeilenvariante von Geierlein.

Was noch fehlt

Bislang ist Geierlein nicht in der Lage, die Umsatzsteuervoranmeldungen digital zu signieren. Geierlein-Entwickler Stefan Siegl bestätigte auf Nachfrage aber, an diesem Projekt mit Hochdruck zu arbeiten. Ab Januar 2013 akzeptieren die Steuerbehörden nämlich nur noch signierte Datentransfers. Bis dahin möchte er die Funktionalität auf jeden Fall implementiert haben. Wer bereits jetzt auf die Funktion angewiesen ist, greift vorläufig auf die alte Taxbird-Software zurück.

Eine Implementation der Jahressteuererklärung hängt von der Bereitschaft zur Kooperation bei den Steuerbehörden ab und diese erlauben bislang keine freien Softwarelösung (siehe Kasten “Coala oder Eric”).

Coala oder Eric

Für die elektronische Kommunikation mit den Finanzbehörden existieren zwei Protokolle: COALA und ERiC. Ersteres erlaubt zurzeit ausschließlich das Übermitteln von Umsatzsteuervoranmeldungen. Der Einsatz des Protokolls ist für freie Projekte möglich, die Spezifikationen hierfür stellen die Finanzbehörden kostenlos bereit. Programmierer alternativer Software erhalten vom Bayerischen Landesamt für Steuern eine entsprechende Hersteller-ID.

Die Abgabe der Jahressteuererklärung läuft nur mit dem Protokoll Eric. In diesem Fall lehnen die Finanzbehörden aber eine alternative Implementation durch andere Software ab. Es darf nur in offiziellen von den Behörden bereit gestellten Bibliotheken zum Einsatz kommen. Diese stehen aber unter einer proprietären Lizenz. Als Grund nennt die Behörde, dass nur in diesem Fall geeignete serverseitige Prüfungen auf Plausibilität greifen.

Das bedeutet, dass die Eric-Server letztendlich eine ungültige Steuererklärung akzeptieren würden, etwa eine, in der die Summe der Steuern nicht mit den Einzelwerten übereinstimmt. Daher setzen die Finanzbehörden darauf, dass der Client die Steuererklärung vor dem Übermitteln an die Server überprüft.

Ein solches Vorgehen erweist sich nicht nur in Bezug auf die Implementation freier Software als problematisch, es ist außerdem aus Sicherheitsgründen nicht empfehlenswert. Denn jemand, der vorsätzlich eine fehlerhafte Steuererklärung abgeben möchte, wäre in der Lage, dies mit einer manipulierter Software in der Lage.

Unter Wine

Wer seine Jahressteuererklärung, als Privatperson oder als Unternehmen, elektronisch übermitteln möchte, ist somit nach wie vor auf proprietäre Software angewiesen. Neben einigen kommerziellen Produkten, die diese Funktionalität bieten, stellen die Steuerbehörden hierfür ein eigenes Programm bereit, das das Elster-Verfahren [4] unterstützt. Mit einer aktuellen Version von Wine klappt der Betrieb der kostenlose Software [5] auch unter Linux-Systemen nutzen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Windows-Software ElsterFormular funktioniert dank Wine auch unter Linux tadellos.

Abbildung 4: Die Windows-Software ElsterFormular funktioniert dank Wine auch unter Linux tadellos.

ElsterFormular (derzeit aktuellste Version 13.2.0.8623k) steht in drei Versionen zum Download bereit: Eine Variante für Privatanwender, die nur die normale Steuererklärung erlaubt, eine Variante für Unternehmen, in der beispielsweise die Umsatzsteuervoranmeldung oder eine Gewerbesteuererklärung möglich ist sowie eine dritte Variante, die alle Funktionen bereithält. Wer die Variante mit dem kompletten Umfang wählt, macht auf jeden Fall nichts falsch. Außer einem etwas größeren Download bietet sie keinerlei Nachteile.

Nach dem Herunterladen wechseln Sie auf der Kommandozeile in das Verzeichnis, in dem sich die heruntergeladene Datei befindet, und startet sie mit dem Aufruf

wine ElsterFormular-13.2.0.8623k.exe

Für die Installation brauchen Sie lediglich die Lizenz der Software akzeptieren und ein Zielverzeichnis im virtuellen Laufwerk C: der Wine-Installation angeben. Anschließend taucht das Programm automatisch im Menü des jeweiligen Window-Managers auf, daneben erscheint es als Icon auf dem Desktop.

ElsterFormular bietet ebenfalls die Möglichkeit, eine Steuererklärung als Testfall zu übermitteln. Wer sich also zunächst nur davon überzeugen möchte, dass das Programm korrekt arbeitet, wählt den Menüpunkt Datenermittlung | Test der Datenübermittlung an das Finanzamt (Musterfall senden), und sieht auf diese Weise, ob die Kommunikation mit den Servern der Finanzbehörden funktioniert. Anschließend steht dem Transfer der Daten nichts mehr im Wege.

Die Finanzbehörden bieten mit ElsterOnline [6] auch die Möglichkeit, einige der Daten direkt über den Webbrowser ans Finanzamt zu übertragen. Allerdings hilft das bei der persönlichen Einkommenssteuererklärung nicht weiter. Denn diese steht bislang in ElsterOnline nicht bereit. 

Glossar

XUL

XML User Interface Language. Eine im Mozilla-Projekt entwickelte Sprache zum Beschreiben von Oberflächen, die mittlerweile in anderen Programmen zum Einsatz kommt.

Elster

Elster steht für Elektronische Steuererklärung und bezeichnet das System der Finanzbehörden zum papierlosen Übertragen von Erklärungen und Voranmeldungen. Die zugehörige kostenlose (aber proprietäre) Software heißt ElsterFormular.

Infos

[1] Geierlein-Projekt: http://stesie.github.com/geierlein/

[2] Taxbird: http://www.taxbird.de

[3] Node.js: http://nodejs.org

[4] Elster: http://www.elster.de

[5] ElsterFormular: https://www.elster.de/elfo_home.php

[6] ElsterOnline: https://www.elsteronline.de

[7] Nginx: Falko Benthien “Auf der Überholspur”, LU 08/2012, S. 38, https://www.linux-community.de/26390

[8] Konfigurationen für Apache und Nginx: https://github.com/stesie/geierlein/wiki

Der Autor

Hanno Böck ist freier Journalist und ehrenamtlicher Entwickler bei Gentoo Linux. Nebenher arbeitet er beim Hosting-Unternehmen http://schokokeks.org mit, welches für den Betrieb seiner Dienste ausschließlich auf freie Software setzt.

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