Mit einer eigenen Distribution und passenden Kursen treiben IT-Verantwortliche auf den Philippinen den Einsatz von Linux voran. Die Fähigkeiten des selbst entwickelten Systems überzeugen.
Seit einigen Jahren versuchen die Philippinen zu den Industrienationen aufzuschließen und verfolgen dabei einige eigenständige Projekte im IT-Sektor. Bereits im Jahr 2001 begannen Entwickler unter dem Dach des Forschungs- und Technologieministeriums im Advanced Science and Technology Institute (ASTI) in der Hauptstadt Manila damit, einen freien Desktop auf Basis von Red Hat Linux zu entwickeln.
Ziel der eigens dafür ins Leben gerufenen Open Source Group war es, ein für die spezifischen Verhältnisse auf der südostasiatischen Inselgruppe geeignetes Betriebssystem zu entwerfen. Es sollte sich für den universellen Einsatz eignen und sich gegenüber den vorherrschenden proprietären Lösungen durch eine bessere Hardware-Kompatibilität, einfachere Bedienung, eine größere Stabilität und mehr Tempo auf alter Hardware auszeichnen. Schnell zeigte sich, dass eine einzige Variante des neuen Systems diese hoch gesteckten Ziele nicht erreichen konnte, sodass das Team neben dem universellen Desktop weitere Abkömmlinge entwickelte. Das Projekt firmiert als nicht-kommerzielle Distribution bereits von Beginn an unter dem Namen Bayanihan Linux.
Der der Landessprache Tagalog entlehnte Begriff Bayanihan beschreibt eine Atmosphäre der gemeinsamen Arbeit im Team zum Wohle aller – was exakt dem Ziel des Projekts entspricht. Die Verantwortlichen hoffen, dass die IT als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts zur weiteren Entwicklung des Landes beiträgt. Vor allen Dingen hofft man, mithilfe der selbst entwickelten Linux-Systeme die Abhängigkeit von ausländischen Herstellern zu vermindern – vornehmlich von solchen aus der ehemaligen Kolonialmacht USA.
Zuwachs
Im Jahr 2003 erhielt die Bayanihan-Familie mit Version 3 Zuwachs durch einen Thin-Client-Manager, den eine weitere bei ASTI in Manila angesiedelte Arbeitsgruppe entwickelt hat. Die Software erlaubt es, in heterogenen Umgebungen mit älteren, leistungsschwachen Workstations ohne Festplatte und optische Laufwerke ein Netzwerk mithilfe eines einzigen leistungsstarken Servers aufzusetzen.
Dieses Projekt sollte vor allem in den öffentlichen Schulen des Archipels für einen effizienten Einsatz vorhandener Hardware sorgen und orientiert sich dabei zusätzlich an den Bedürfnissen der dort tätigen Administratoren: Wie in Europa rekutieren diese sich auch auf den Philippinen meist aus pädagogischem Personal ohne fundierte EDV-Kenntnisse.
Gleichzeitig mit der Freigabe der neuen Versionen richteten die Verantwortlichen im Internet entsprechende Projekt- und Supportseiten ein, die nicht nur Foren für Anwender sowie Links zu Downloads bieten, sondern auch die Möglichkeit, direkt mit den Entwicklern Kontakt aufzunehmen [1]. Mit Roadshows und der Teilnahme an regionalen Konferenzen stellten sich die Projekte zusätzlich einer breiteren Öffentlichkeit vor.
Wechsel auf Debian
Nach rund zweieinhalb Jahren kontinuierlicher Entwicklungszeit erschien im März 2007 die Version 4 von Bayanihan Linux. Sie basierte erstmals auf Debian statt auf Red Hat Linux. Mit dieser Version entfiel der Thin-Client-Manager. Auch die Server-Version, der auf CentOS basierte, haben die Entwickler zwischenzeitlich eingestellt.
Die Versionen 3.1 und 4.0 von Bayanihan Linux, der für die 3.x-Varianten entworfene Thin-Client-Manager sowie der auf CentOS aufbauende Server in den Versionen 2005 und 2006 sind jedoch aktuell nach wie vor erhältlich [2], ohne dass das Projekt diese aktiv bewirbt. Auf der Download-Seite finden Sie außerdem ausführliche Dokumentationen zu den Varianten.
Inzwischen liegt Bayanihan Linux in Version 5.4 der Desktop-Variante vor, die es für mehrere Prozessorarchitekturen gibt. Daneben bieten die Entwickler eine stattliche Zahl von Addon-CDs an. So findet sich neben einer Education-Variante mit Lern- und Bildungs-Software, einer Multimedia-CD sowie einer speziellen Disk mit Games auch eine für Entwickler gedachte Toolbox [3] im Angebot.
Für den Einsatz in der öffentlichen Verwaltung entstand zudem ein Bayanihan-Desktop mit Vorlagen für die Arbeit in philippinischen Behörden (Abbildung 1). Diese Variante bieten die Entwickler gleich in drei unterschiedlichen ISO-Images an: Neben einer Live-CD gibt es zwei 32-Bit-Images zum Download, von denen eines vornehmlich für sehr betagte Systeme mit Pentium-I-Prozessoren ausgelegt ist [4].
Für Bayanihan Linux 5.4 inklusive sämtlicher Zusätze bietet das ASTI wieder öffentliche Foren und direkte – sogar telefonische – Unterstützung durch die Entwickler an. Zusätzlich existiert ein Schulungsprogramm, das Interessierte ebenfalls über entsprechende Websites erreichen. Damit die Fan-Gemeinde von Bayanihan Linux nicht zu kurz kommt, vertreiben die Marketing-Strategen des ASTI außerdem eine stattliche Anzahl von Merchandising-Artikeln, online oder vor Ort [5].
Umstiegshilfe
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, weswegen erfahrungsgemäß die Migration zu einer anderen Plattform mit neuem Bedienkonzept bei manchen Anwendern auf Widerstände stößt. Deswegen hat das ASTI bereits frühzeitig daran gearbeitet, Bedenken gegen Linux und freie Software durch Hilfen beim Umstieg zu zerstreuen.
Im Sinn der allgemeinen IT-Strategie, die auf den Fortschritt der philippinischen Gesellschaft und Wirtschaft abzielt, stehen daher die Kurse nicht nur Mitarbeitern von Behörden offen, sondern sprechen explizit auch Unternehmen und Privatpersonen an. Zusätzlich veranstalten die Verantwortlichen für Multiplikatoren und IT-Trainer, die ihre Kenntnisse auffrischen oder vertiefen möchten, bei Bedarf speziell angepasste Kurse. Die Schulungen beschränken sich nicht auf Bayanihan Linux, sondern bilden grob die gesamte Palette freier Software ab. Hinzu kommen Themen, die sich mit hardwarespezifischen Fragen beschäftigen. Interessenten können die größtenteils ISO-zertifizierten Kurse anhand der Schulungspläne [6] buchen.
Die Teilnahmegebühren orientieren sich am lokalen Einkommensniveau. Für Filipinos, die nicht die Möglichkeit haben, an den Präsenzkursen teilzunehmen – auf der weitläufigen Inselgruppe eher die Regel als die Ausnahme – bietet das ASTI zusätzlich kostenfreie Kurse im Rahmen des SOI-Projektes (School Over Internet) als Video-Stream an. Das ermöglicht es Lernenden in ländlichen Gebieten, auch ohne Zugang zu den Präsenzveranstaltungen ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Flankierend stellt das ASTI online ein Recherche-System für seine Bibliothek bereit, das nach einer Registrierung allen Interessierten offen steht [7].
Bayanihan: Look & Feel
Das Produkt der philippinischen Entwickler unterzogen wir in der aktuellen Version 5.4 einem Test auf unterschiedlichen Hardware-Plattformen, wobei mehrere Addon-CDs zum Einsatz kamen. Nach dem Download und Brennen der Installationsmedien bootet das System in ein auf den ersten Blick etwas spartanisch wirkendes Grub-Menü. Es bietet wahlweise den Start des grafischen oder des textbasierten Installers an. Ein Untermenü mit detaillierteren Optionen richtet sich primär an Experten.
Trifft der grafische Installer beim Ansteuern der Grafik-Hardware auf Probleme – das ist insbesondere bei vielen älteren Video-Chipsätzen von Intel der Fall – schaltet das Setup automatisch auf die textbasierte Installation um. Das Ablauf der Installation entspricht weitgehend jenem bei Debian. Die Systemeinrichtung gestaltet sich problemlos und läuft trotz rund 1000 Paketen in der Basisversion zügig ab.
Beim nächsten Warmstart präsentiert sich Bayanihan Linux optisch eher konservativ: Als Bootloader kommt Legacy Grub zum Einsatz, und als Desktop erscheint KDE in Version 3.5.10. Diese schon etwas ältere KDE-Version haben die Entwickler jedoch optisch aufgewertet, zum Beispiel durch ein Thema ingelb-roten Farbtönen sowie einige 3D-Effekte (Abbildung 2).
Offensichtlich lag der Fokus bei der Arbeit am System auf Schnelligkeit und Effizienz beim Einsatz alter Hardware, denn das nicht erst seit Version 4 als Ressourcenfresser bekannte KDE präsentiert sich selbst auf Pentium-III-Maschinen mit lediglich 512 MByte RAM erstaunlich agil.
Das fehlerfreie Ansteuern alter Grafikchips von Intel lässt auf sorgfältige Pflege des Systems und eingehende Hardwaretests schließen. So arbeiten die als besonders eigen geltenden Chipsätze i810/i815 unter Bayanihan Linux sogar mit 3D-Effekten: Das gelingt selbst großen Mainstream-Distributionen wie OpenSuse oder Fedora nicht (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das ordentlich abgespeckte KDE von Bayanihan Linux macht ansprechende Effekte auch auf älterer Hardware möglich.
Bei den Komponente des Basissystems und den Anwendungen zeigt sich die Distribution von den Philippinen weniger konservativ: Der Kernel ist bei Version 2.6.32 angelangt, OpenOffice kommt in Version 3.1.1 und der Webbrowser Firefox in Version 4.0. Firefox möchte nach dem ersten Start durch die aktivierte Update-Routine sogleich auf die derzeit aktuelle Version 6.0.2 aktualisieren. Die anderen Applikationen bringen Sie mithilfe des grafischen Paketmanagers auf die neueste Variante. Dabei müssen Sie nicht bei OpenOffice bleiben: Aktivieren Sie die passenden Repositories, steht die letzte Version von LibreOffice zur Installation und die zum gleichzeitige Einsatz beider Office-Boliden bereit (Abbildung 4).
In den Menüs herrscht teilweise eine solche Fülle an Einträgen, dass insbesondere Einsteiger bei vielen Einträgen genauer hinschauen müssen. Bayanihan Linux integriert nahezu alle Miniprogramme, die KDE von Haus aus mitbringt, ergänzt diese durch die übliche Standardsoftware und sattelt noch diverse Zusatzapplikationen obendrauf: So finden sich beispielsweise im Menü Multimedia Mplayer und Audacity.
Zusätzlich liefern die Entwickler über die Addon-CDs und Repositories weitere Software, so dass sich wirklich für jede Aufgabe ein Programm findet. Die vom ASTI angebotenen CDs tragen dem Umstand Rechnung, dass auf den Philippinen aufgrund der geographischen Eigenheiten nicht überall auf jeder kleinen Insel Breitbandzugänge bereit stehen.
Installieren Sie Software von einer CD, löst das System Abhängigkeiten offline auf. Die jeweilige Addon-CD landet dabei ganz einfach als zusätzliche Paketquelle im Software-Manager Synaptic. Je nach zu installierenden Programmen legt die Routine im Hauptmenü von KDE neue Untermenüs an, so dass das Gruppieren der Software nach Themen in sich konsistent bleibt (Abbildung 5).
Hardware
Bayanihan Linux steht – den Gegebenheiten des philippinischen Computer-Markts Rechnung tragend – in Varianten für mehrere Hardware-Plattformen bereit. Im Test kamen daher mehrere Versionen auf verschiedenster Hardware zum Einsatz, wobei vor allem Notebooks unterschiedlicher Epochen vertreten waren, da diese aufgrund oftmals spezieller Komponenten deutlich höhere Anforderungen an die Kompatibilität eines Betriebssystems stellen.
Auf allen älteren Testgeräten bis zum Baujahr 2008 zeigte das System keinerlei Schwächen. Besonders stach die gute Performance von Bayanihan Linux auf Geräten der Pentium-III- und Pentium-4-Generationen ins Auge, die bereits ein Alter von sechs bis neun Jahren erreicht haben und auf denen die großen Systemen wie Ubuntu oder Fedora oftmals nur langsam oder gar nicht laufen.
Bayanihan Linux absolvierte auf diesen Systemen die gestellten Aufgaben mit Bravour und ohne Probleme bei den Treibern. Auf neuen Dual-Core-Computern ließ sich das System ebenfalls problemlos installieren, hatte jedoch in den 32-Bit-Varianten teilweise Schwierigkeiten, Grafikkarten korrekt anzusprechen. Dieses Manko resultiert aus der Tatsache, dass ältere Versionen von Debian noch keine Treiber für brandneue Hardware ausliefern.
So ließen sich einige Radeon- und Hybrid-Grafikkarten, die sowohl dedizierten Grafikspeicher als auch herkömmlichen Arbeitsspeicher zum Bildaufbau nutzen, nur mithilfe von VESA-Treibern und mit dem Grub-Eintrag nomodeset zur Kooperation bewegen. Bayanihan Linux zeigte dann auf den Displays, die meist dem Seitenverhältnis 16:10 oder gar 16:9 entsprechen, auch ein entsprechend gestrecktes Bild, da die VESA-Modi diese Formate nicht unterstützen.
Aus Gründen der Kosten und Flexibilität treiben auf den Philippinen die Verantwortlichen vor allem in den Metropolen, aber auch in ländlichen Gegenden und auf abgelegenen Inseln ohne kabelgebundenen Breitband-Anschluss den Ausbau der 3G-Netze massiv voran. Die Entwickler von Bayanihan Linux haben daher bei den letzten Updates des Betriebssystems in großer Zahl Treiber für UMTS- und HSPA-Geräte eingebaut.
Dieses Sortiment musste sich im Test USB-Geräten von Huawei sowie Cardbus-Karten von Option und Sierra Wireless stellen. Besonders die Premium-Karten von Sierra Wireless erfordern in vielen Linux-Distributionen noch die manuelle Nachinstallation von Treibern [8]. Bayanihan Linux gab sich dagegen hier keine Blöße und gestattete ohne vorherige manuelle Installationsarbeiten den Aufbau von HSPA-Verbindungen mit einer AirCard 880 wie zusätzlich mit einer AirCard 503. Somit verdient sich die Distribution in diesem Segment ein “exzellent”.
Fazit
Die philippinische IT-Strategie mit ihrem zentralen Element Bayanihan Linux nimmt weltweit betrachtet eine besondere Stellung ein: Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen Migrationen weg von proprietären Lösungen hin zu freier Software gelegentlich an schlechter Planung, zu wenig Manpower oder einfach an der mangelnden Unterstützung der Anwender scheitern, haben die Verantwortlichen in Manila wirklich an alles gedacht.
Nicht nur macht ein erstklassiges Betriebssystem mit vielen Erweiterungen den Umstieg leicht, sondern auch die flankierenden Maßnahmen wie Kurse, Roadshows und umfangreiche Support-Angebote bis hin zum direkten telefonischen Kontakt zu den Entwicklern helfen. Die umfangreichen Angebote bauen Ängste ab und zerstreuen Bedenken. Im Umgang mit der EDV gut geschulte Mitarbeiter sorgen dafür, dass wenig Widerstand gegen neue Software entsteht.
Gerade in westeuropäischen Staaten, wo der Umstieg auf Linux und freie Software bei einigen Projekten gescheitert ist, können sich Verantwortliche ein Beispiel bei der Planung und Umsetzung einer in sich schlüssigen IT-Strategie an den Philippinen nehmen.
Infos
[1] Bayanihan Linux: http://www.bayanihan.gov.ph/
[2] Ältere Bahanian-Versionen: http://bl4.bayanihan.gov.ph/index.php?option=com_content&task=view&id=181&Itemid=42
[3] Add-On-CDs: http://www.bayanihan.gov.ph/index.php/products/bayanihan-addons
[4] Bayanihan Linux herunterladen: http://www.bayanihan.gov.ph/index.php/products/bayanihan-for-gov
[5] Bayanihan-Merchandising: http://www.bayanihan.gov.ph/index.php/products/bayanihan-merchandise
[6] Schulungsangebot: http://trainings.asti.dost.gov.ph/index.php?option=com_content&view=article&id=58&Itemid=66
[7] ASTI-Bibliothek: http://library.asti.dost.gov.ph/cgi-bin/koha/opac-main.pl
[8] Installation von Sierra-Wireless-HSPA-Karten: http://www.sierrawireless.com/Support/SupportCenter.aspx








