Ardour3 – vollständige Musikproduktionssuite für Linux

Aus LinuxUser 06/2011

Ardour3 – vollständige Musikproduktionssuite für Linux

© Vlastimil Sestak, 123rf.com

Frischer Wind

Ardour bewährt sich seit Jahren als Audio-Produktionssystem. Die dritte Generation des Profi-Programms integriert endlich auch MIDI-Komposition und bringt noch viele weitere Fortschritte.

Produktiver Umgang mit Audio-Daten unter Linux ist schon seit einigen Jahren auf professionellem Niveau machbar: Alsa, Jack und Kernel-Tuning für Echtzeit haben sich bewährt und unter allen gängigen Distributionen leicht verfügbar. Die freie Szene hat viele interessante und oft hervorragende Anwendungen für Klangkünstler hervorgebracht. Kompositionstools, Editoren, Effekte und Synthesizer, die als eigenständige Anwendungen und Plugins zur kreativen Arbeit mit Sound unter Linux einladen. Noch fehlt jedoch die “Killer”-Anwendungen, die alle verfügbaren Möglichkeiten freier Audio-Software an einem Ort komfortabel und mächtig zusammenfasst. Rosegarden, Muse und LMMS profilieren sich als sehr gute MIDI-Sequencer, bieten aber nicht sehr viel für reine Audio-Bearbeitung. Immerhin Qtractor offeriert in seinen Audio-Spuren solide Funktionalität. Aber auch er bleibt noch weit von dem entfernt, was die Digitale Audio-Workstation (DAW) Ardour2 [1] für Audio-Aufnahmen zu bieten hat.

Ardour2 bietet alles, was Sie heutzutage für die Aufnahme, den Schnitt, das Arrangieren und Mixen von Klängen erwarten dürfen. Alle Aktionen laufen in Echtzeit – Sie hören sofort, was Sie tun, sobald Sie einen Effektparameter ändert. Alle Schnitte lassen sich leicht rückgängig machen (nicht-destruktiv) oder in mehreren Varianten parallel ausführen. Alle Aktionen im Mixer können Sie automatisieren und fast alle auch durch MIDI-Hardware oder spezielle Mixerkonsolen fernsteuern. Das Renommee, das Ardour2 inzwischen besitzt, kann man schon daran ablesen, dass es in der SAE (School of Audio Engineering) als Übungsplattform zu Einsatz kommt und dass der High-End-Audio-Ausrüster Harrison Ardour2 als Grundlage für seine Mixbus-Software verwendet. Das einzige Defizit in der Leistungsliste von Ardour2: Es bietet keine Spuren, auf denen sich MIDI-Noten aufnehmen, bearbeiten und abspielen lassen. Darum arbeiten Ardours Chefentwickler Paul Davis und seine vielen Helfer mit Hochdruck an Ardour3. Die dritte Generation der DAW wird die ersehnten MIDI-Spuren bringen. Ein Blick auf die ersten Alpha-Versionen verspricht, dass dies durchaus nicht alles ist, auf das Sie bei Ardour3 gespannt sein dürfen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Völker, höret die Signale! Die komplett überarbeitete Oberfläche von Ardour3 mit Audio- und MIDI-Spuren, Projektnavigator, neuem Mixer und einem ebenfalls neuen LV2-Plugin.

Abbildung 1: Völker, höret die Signale! Die komplett überarbeitete Oberfläche von Ardour3 mit Audio- und MIDI-Spuren, Projektnavigator, neuem Mixer und einem ebenfalls neuen LV2-Plugin.

Erbstücke aufpoliert

Da Ardour3 noch sehr intensiv entwickelt wird, bittet Paul Davis darum, keine fertigen Distributionspakete der Software bereitzustellen. Wer sich ein Bild vom aktuellen Stand der Entwicklung machen möchte, kann Ardour3 vom Projektserver via Subversion (SVN) herunterladen und aus den Quellen übersetzen (siehe Kasten “SVN-Auszug von Ardour3 selbst bauen”). Freilich stellen solche Auszüge allenfalls eine ungefähre Vorschau des fertigen Programms dar. Manchmal bekommt man mit einer neuen Revision innerhalb weniger Stunden neue Oberflächenmodule, andere Beschriftungen oder deutlich sichtbare Designänderungen. Seit Mitte März 2011 begrüßt der SVN-Build die Nutzer mit einem Hinweis auf den Alpha-Status von Ardour3 (Abbildung 2).

Seit dem 22. März 2011 bietet das Projekt auch 32- und 64-Bit-Binärpakete der Ardour3-Alpha zum Download an. Für Endnutzer empfiehlt sich diese Binärversion eher als ein SVN-Build: Sie läuft in der Regel stabiler und wartet weniger mit Überraschungen auf. Die aktuellen Ardour3-Alpha-Pakete finden Sie auf unser Heft-DVD. Sie enthalten ein Installer-Script, das Ardour3 Alpha mit all seinen Abhängigkeiten im Systemverzeichnis /opt installiert. Die Pakete lassen sich auf jeder gängigen Distribution einrichten – sie setzen lediglich voraus, dass darauf der Audio-Server Jack bereit steht (Abbildung 3).

Abbildung 2: Bis März 2011 legte das Ardour-Projekt Wert darauf, dass Ardour3 "noch nicht im Alpha-Status angekommen ist". Hier verkündet der SVN-Build ausdrücklich "Dies ist ein Alpha-Release."

Abbildung 2: Bis März 2011 legte das Ardour-Projekt Wert darauf, dass Ardour3 “noch nicht im Alpha-Status angekommen ist”. Hier verkündet der SVN-Build ausdrücklich “Dies ist ein Alpha-Release.”

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install-Skript der Alpha-Pakete startet man am besten in einem Terminal. Neben der Installation unter /opt prüft es auch die Echtzeitfähigkeiten des Systems und macht Vorschläge zur Optimierung.” width=”274″ height=”300″ /> Abbildung 3: Das install-Skript der Alpha-Pakete startet man am besten in einem Terminal. Neben der Installation unter /opt prüft es auch die Echtzeitfähigkeiten des Systems und macht Vorschläge zur Optimierung.

Beim ersten Start von Ardour3 warnt ein freundlicher Assistent vor dem Alpha-Status der Software, fragt, was Sie tun möchten, und bietet einige grundsätzliche Einstellungen an. Die Oberfläche, die sich anschließend öffnet, sieht auf den ersten Blick der von Ardour2 noch sehr ähnlich. Die Audio-Spuren bieten einige Detailverbesserungen, das Schnittwerkzeug Rhythm Ferret lässt sich deutlich genauer einstellen als in Ardour2. Der Menüpunkt Strip Silence hilft ungemein beim Aufpolieren von Aufnahmen: Wie bei einem Gate-Effekt lassen sich damit Abschnitte automatisch entfernen, die nur leises Rauschen enthalten. Der Datei-Import erlaubt jetzt auch komprimierte Formate wie OGG oder FLAC, im Export-Dialog lassen sich Einstellungen speichern und professionelle Voreinstellungen wie CD Red Book verwenden.

Die Oberflächen für LADSPA-Effekte erhielten ein Analysefenster (Abbildung 4). Diese grafische Anzeige der Wirkung des Plugins wertet die LADSPA-Module deutlich auf und lässt ein intuitiveres Arbeiten zu. Mit Ardour2 erstellte Projekte lassen sich in Ardour3 öffnen und bearbeiten. Dabei handelt es sich allerdings um eine Einbahnstraße: Haben Sie in Ardour3 Änderungen an einem solchen Projekt vorgenommen, lässt es sich nicht mehr mit Ardour2 bearbeiten.

Abbildung 4: Die neue Oberfläche für LADSPA-Plugins wie SC4 (links) zeigt in einer Animation die Wirkung des Plugins auf das Audio-Material.

Abbildung 4: Die neue Oberfläche für LADSPA-Plugins wie SC4 (links) zeigt in einer Animation die Wirkung des Plugins auf das Audio-Material.

SVN-Auszug von Ardour3 selbst bauen

Ardour3 wird sehr intensiv entwickelt, die Entwickler pflegen jeden Tag um die 20 neue oder überarbeitete Dateien ein. Von ALSA, Jack, und Libsnd benötigt der Build jeweils die aktuellsten stabilen Versionen, auch eine Bau-Umgebung für GTK sollte möglichst aktuell und vollständig sein. Die Bauanleitung unter http://ardour.org/build ist nicht mehr ganz aktuell. Neben den dort erwähnten Paketen benötigen Sie außerdem aktuelle Entwicklerpakete von Cppunits und Uuid. Einige Fähigkeiten von Ardour3 sind optional. Dazu gehört neben kleinen Perlen wie dem Support für die Wiimote-Fernbedienung auch die wichtige LV2-Schnittstelle, für die Sie möglichst aktuelle Entwicklerpakete von SLV2 und LV2-core benötigen. Für das Holen der Quellen muss außerdem Subversion installiert sein. Die tagesaktuellen Quellcodes im Umfang von über 80 MByte bekommen Sie mit dem Aufruf

$ svn co http://subversion.ardour.org/svn/ardour2/branches/3.0

Das Python-Skript waf steuert deb Build. Sind alle erforderlichen Entwicklerpakete und Tools installiert, stoßen Sie im von Subversion angelegten Verzeichnis 3.0 mit dem Befehl ./waf configure die Konfiguration der Quellcodes an. Möchten Sie wissen, welche Schalter sich für den Build setzen lassen, hängen Sie zusätzlich die Option --help an. Waf prüft, ob alles nötige bereit steht, und zeigt in einer Zusammenfassung an, welche Extrafunktionen es mit baut (Abbildung 5). Ab der Zeile Build Target [] beginnt die Liste der optionalen Komponenten. Fehlt vor dieser Zeile eine Abhängigkeit, bricht Waf mit einer Fehlermeldung ab. In diesem Fall installieren Sie das fehlende Paket nach. Beklagt sich Waf über ein fehlendes Paket, obwohl dies installiert ist, liegt meist eine veraltete Version des Programms vor. Diese ersetzen sie dann durch einen Eigenbau aus den aktuellen Quellen von der jeweiligen Projektwebseite. Obwohl das Paket aubio optional ist, verlangt Waf es während des Builds. Auch rubberband, samplerate und soundtouch sollten Sie auf jeden Fall mit einrichten. Für den optionalen Support für VST-Plugins benötigen Sie aktuelle Entwicklerpakete von Wine. Zudem müssen Sie die Option --vst an ./waf configure anhängen.

Abbildung 5: Sieht die Ausgabe von waf configure in etwa so aus, bekommen Sie ein gut ausgestattetes Ardour3 gebaut.

Abbildung 5: Sieht die Ausgabe von waf configure in etwa so aus, bekommen Sie ein gut ausgestattetes Ardour3 gebaut.

Den eigentlichen Build starten Sie mit dem Kommando ./waf und müssen dann auch auf einem kräftigen, aktuellen System wenigstens eine Stunde für die rund 740 Operationen einplanen, die Waf anschiebt. Das Build-System ist auf Geschwindigkeit optimiert und reißt alles an sich, was es im Rechner an Prozessorleistung und Arbeitsspeicher findet. Schlecht gekühlte Laptops können sich bis an die heikle 100 Grad-Grenze erhitzen. In diesem Fall sollten Sie unbedingt die Prozessorgeschwindigkeit zwangweise begrenzen und die Temperatur Ihres Prozessors ständig überwachen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Auf einem T60-Laptop kann es schon mal heiß hergehen, wenn Waf Ardour übersetzt. Die Temperatur lässt sich mit <code srcset=

sensors in einem Terminal überwachen. Unter Gnome erlaubt das Governor-Applet das zwangsweises Drosseln der CPU-Frequenz (siehe Pfeil).” width=”300″ height=”227″ /> Abbildung 6: Auf einem T60-Laptop kann es schon mal heiß hergehen, wenn Waf Ardour übersetzt. Die Temperatur lässt sich mit sensors in einem Terminal überwachen. Unter Gnome erlaubt das Governor-Applet das zwangsweises Drosseln der CPU-Frequenz (siehe Pfeil).

Auch, wenn ./waf configure Erfolg gemeldet hat, bricht mitunter dennoch der Build-Vorgang mit einem Fehler ab. Suchen Sie dann auf der Ardour-Mantis-Seite [4] nach dem Fehler. Bekannt gewordene Probleme lösen die Entwickler meist schnell, oft nach wenigen Stunden. Findet sich das Problem dort nicht, sollten Sie es melden. Dazu eignet sich auch die Mailingliste von Ardour [5], nicht aber das Ardour-Forum.

Der Befehl sudo ./waf install installiert Ardour3 nach /usr/local. Die neue Version beißt sich nicht mit einer parallelen Installation des stabilen Ardour2 – Ardour3 stellt faktisch eine eigenständige, neue Software dar. Die Konfigurationsdateien liegen in ~/.ardour3 statt in ~/.ardour2.

Ein späterer erneuter Aufruf des eingangs geschilderten Subversion-Befehls holt nur die tatsächlich neuen Dateien vom Projekt-Server. Sie rufen nun ./waf configure auf und prüfen so, ob es eventuell auch eine Abhängigkeit zu erneuern gilt. Anschließend wiederholen Sie die Befehle für den Build. Dabei baut Waf auch nur die tatsächlich veränderten Komponenten, sodass sich erfahrungsgemäßdie Bauzeit bei wöchentlichen Updates etwa um die Hälfte reduziert. Allerdings sollten Sie auch ausreichend Platz auf der Festplatte vorsehen: Damit Waf nicht veränderte Dateien überspringen kann, müssen die alten Versionen dieser Dateien im Build-Verzeichnis erhalten bleiben. Im Verzeichnis 3.0/build/default sammelt sich beim Kompilieren mehr als 1 GByte Material an. Den größten Teil davon stellen rund 200 Objektdateien, aus denen am Ende des Build-Vorgangs das fertige Programm entsteht.

Neue Aufnahmen

In der Auswahlleiste für den Mausmodus links oben fallen neue Knöpfe auf: Ein Stift und eine Note deuten an, dass Sie in Ardour3 auch direkt komponieren können. Die Mausmodi gehen ineinander über – so bearbeitet das Anfasser-Werkzeug im normalen Modus sämtliche Regionen, auch die in MIDI-Spuren. Bei gedrücktem Notensymbol lassen sich mit dem Anfasser Noten in MIDI-Regionen verschieben, löschen und ähnlich wie Regionen arrangieren. Für das Zeichnen von Noten drücken Sie bei aktivem Notensymbol auf das Stiftsymbol halb links. In den Menüs traten während des Testzeitraums noch Änderungen auf – man darf also hoffen, dass die Auswahl der Mausmodi im stabilen Ardour3 stromlinienförmig und selbsterklärend wird. Der Menüpunkt Project | Add Tracks and Busses öffnet den aus Ardour2 bekannten Spurenerzeuger, ein spezieller Schalter für MIDI-Spuren verbirgt sich in der Ausklappliste für den Spurentyp (Configuration).

Ardour3 bietet für MIDI-Spuren ein unter Linux bislang einzigartiges Konzept: Es bietet keinen separaten Pianoroll-Editor, sondern stellt dieses Werkzeug in der Spur selbst zur Verfügung. Das ist zunächst ungewohnt; will man in den üblichen zwei bis drei Oktaven komponieren, muss man die Spur stark vergrößern. Auf der Klavierleiste liegt ein kleines Werkzeug, mit dem sich in die Region selbst vertikal zoomen lässt. Dieses Werkzeug ermöglicht auch das Scrollen durch die Oktaven der Klavierleiste. Nach kurzem Einarbeiten geht das Komponieren und Arrangieren gut von der Hand. Durch das direkte Bearbeiten an der Stelle, an der die Noten erklingen, kommt eine Art Symphoniepartitur-Feeling auf. Außer dem direkten Einzeichnen in die Spur bietet Ardour3 noch drei weitere Methoden für das Aufnehmen und Manipulieren von Noten – mehr dazu im folgenden Abschnitt “MIDI-Komponieren”.

Für jede MIDI-Spur legt Ardour einen Port im Jack-MIDI-System an, der sich mit dem neuen Verbindungswerkzeug unter Window | MIDI-Connection Manager mit verschiedenen Klangerzeugern verbinden lässt. Intern lassen sich Synthesizer-Plugins im Format LV2 direkt in den Mixerzug der Spur einfügen. Mit installierten Wine-Entwicklerpaketen lässt sich beim Build auch der Schalter --with-VST setzen. Dazu benutzt Ardour die von Tobias Doerffel für LMMS entwickelte freie VST-Implementierung VeSTige, eine Registrierung und der Download der proprietären Freeware Steinberg VST-SDK ist nicht erforderlich. So lassen sich ohne Konflikt mit der GPL auch von Ardour3 VST laufbereite Binärpakete bauen und weitergeben. Allerdings macht der VST-Support Ardour nicht eben stabiler. Instrumente und Effekte im VST-Format laden Sie aus Windows-DLL-Dateien über VeSTige. Das funktioniert manchmal recht gut, oft aber auch gar nicht und in jedem Fall nur unter deutlich spürbarer Systemlast. Die Alpha-Pakete von Ardour.org sind ohne VST-Support gebaut.

Neben internen Plugins lassen sich auch im Jack-Netz laufende Standalone-Klangerzeuger wie Phasex oder Yoshimi mit Ardour3 verbinden, das selbe gilt für per USB oder über den MIDI-Port der Soundkarte angeschlossene Hardware-Instrumente. Die Spuren können dabei nicht nur Noten, sondern auch Controller-Befehle an die Klangerzeuger schicken. Für diese lassen sich eigene Tracks unter der eigentlichen Spur aufklappen, in denen Sie die Daten in Automatisierungskurven aufnehmen oder einzeichnen lassen (Abbildung 7).

Abbildung 7: Alles, was man an einem Synthesizer einstellen kann, lässt sich in den MIDI-Spuren von Ardour3 automatisieren. Hier Kurven für zwei Parameter des CALF-Monosynth-Plugins und eine Spur für Tremolo-Kurven (Pitch-Bend).

Abbildung 7: Alles, was man an einem Synthesizer einstellen kann, lässt sich in den MIDI-Spuren von Ardour3 automatisieren. Hier Kurven für zwei Parameter des CALF-Monosynth-Plugins und eine Spur für Tremolo-Kurven (Pitch-Bend).

MIDI-Komponieren mit Ardour3

Vorab eine Anmerkung: Ardour3 wird momentan noch in rasendem Tempo weiterentwickelt. Wenn Sie diesen Artikel lesen, können sich bereits einige Details in der Oberfläche oder im Zusammenspiel der Werkzeuge geändert haben. Dabei dürfte es sich vor allem um Fortschritte in Sachen Funktionalität und leichtere Bedienung handeln. Eine aktuelle Darstellung der MIDI-Funktionen von Ardour3 finden Sie auf der Ardour-Webseite [2].

In Ardour3 gelangen MIDI-Noten per Aufnahme von einem Keyboard oder durch direktes Einzeichnen mit dem Mauszeiger in eine Spur Ihres Projekts. Dabei geht Ardour3 methodisch deutlich andere Wege als traditionellere Editoren wie Rosegarden oder Muse. Den wichtigsten Unterschied stellt der Umgang mit den auf der Spur für die Noten angelegten Regionen dar. Jede solche Region repräsentiert einen Abschnitt einer Komposition, der sich grob mit einem Notenblatt vergleichen lässt. Die Regionen an sich lassen sich schneiden, verschieben und kopieren. Der größte Unterschied zu anderen Editoren: Kopien von MIDI-Regionen bleiben miteinander verbunden. Ändern Sie die Noten in einer kopierten Region, geschieht das selbe auch in allen anderen Kopien des gleichen Originals und im Original selbst. Elektronik-Musiker bekommen so eine Möglichkeit, ein Loop an beliebigen Punkten der Zeitlinie einzusetzen und durch Ändern in nur einer Kopie nach Bedarf anzupassen. Möchten Sie lieber klassisch-linear komponieren, klicken Sie eine kopierte Region mit der rechten Maustaste an und wählen MIDI | Fork (Abbildung 8). Damit entsteht eine neue, eigenständige Region. Dort stehenzunächst die gleichen Noten stehen wie im Original, diese lassen sich aber unabhängig von den anderen Kopien bearbeiten.

Abbildung 8: Das Kontextmenü der Regionen präsentiert sich reich befüllt. Viele der Einträge bleiben für MIDI-Regionen allerdings wirkungslos. In der Ardour3-Final wird sich das Rechtsklickmenü stärker an die aktuelle Situation anpassen.

Abbildung 8: Das Kontextmenü der Regionen präsentiert sich reich befüllt. Viele der Einträge bleiben für MIDI-Regionen allerdings wirkungslos. In der Ardour3-Final wird sich das Rechtsklickmenü stärker an die aktuelle Situation anpassen.

Ardour3 enthält keinen separaten Editor für MIDI-Regionen. Stattdessen lassen sich die MIDI-Spuren sehr weit aufzoomen und besitzen eine eigene Klavierleiste. Sie bearbeiten die Noten also direkt in den Spuren. Für die Aufnahme von Noten sieht Ardour3 vier verschiedene Methoden vor:

  • Direktes Einzeichnen mit dem Mauszeiger in einer Region,
  • Einzeichnen mit Hilfe eines Step-Editors mit Klaviatur,
  • Eintrag per Hand in einen Listeneditor, und
  • Aufnahme von einer Notenquelle wie etwa einem MIDI-Keyboard.

Für das direkte Einzeichnen und den Listeneditor legen Sie zunächst eine neue Region in einer MIDI-Spur an. Dazu schalten Sie für das Standard-Zeigerwerkzeug das Notensymbol ein (Auswahl der Mausmodi, links oben). Ein Linksklick an einer leeren Stelle in der Spur erzeugt dann eine neue Region. Da der so gewählte Werkzeugmodus für das Bearbeiten existierender Noten gedacht ist, müssen Sie das Notensymbol wieder ausschalten, wenn Sie die Region verschieben oder deren Größe ändern möchten (Druck auf [E]). Ein Klick die Note und auf das Stiftsymbol ([E],[R]) in der Auswahl der Mausmodi verwandelt den Mauszeiger in einen Zeichenstift, neben dem die Tonhöhe der aktuellen Note aufleuchtet, sobald Sie den Zeiger auf eine MIDI-Region bewegen.

Ein Linksklick zeichnet die Note mit einer Standard-Anschlagstärke und Länge. Die Länge lässt sich durch Halten der Maustaste und Ziehen verändern. Zum Ändern der Anschlagstärke klicken Sie bei gedrücktem Notensymbol ([O]) auf das Handsymbol und kehren so in den Bearbeitungsmodus des Mauszeigers zurück. Jetzt lassen sich bestehende Noten markieren, [Strg]+[Pfeil oben]/[Pfeil unten] ändert die Anschlagstärke. Das Entwicklerteam von Ardour legt größten Wert auf Bedienbarkeit per Tastatur. Alle beschriebenen Aktionen lassen sich auch nur per Tastenkombination also ganz ohne Maus ausführen.

Eine weitere Methode zur Noteneingabe bietet der Step-Editor (Abbildung 9), der sich hinter einem Rechtsklick auf den roten Rec-Enable-Knopf im Kopf der Spur versteckt. Im oberen Teil des Fensters wählen Sie Notentypen aus, die Sie dann durch Klick in die Klaviatur darunter eintragen. Dabei legt Ardour3 automatisch eine neue Region an. Rechts oben finden Sie die Auswahl für den Arbeitspunkt, an dem dies geschieht. Steht sie auf Playhead, beginnt die neue Region an der Stelle, an welcher der Play-Cursor gerade steht. Setzt Sie den Arbeitspunkt in eine bestehende Region, fügt der Step-Editor die Noten dort ein. Mit dem Nummernfeld im Spurkopf lassen sich außerdem verschiedene Ebenen in einer Region anlegen, die Sie dann nach Bedarf ein- und ausschalten. Im Step-Entry-Werkzeug lässt sich für jede Note auch ein MIDI-Kanal auswählen. Ardour3 kann also aus einer Region heraus Noten an verschiedene MIDI-Kanäle schicken.

Abbildung 9: Der Step-Editor sieht etwas wie ein E-Piano aus und lässt sich mit angeschlossener MIDI-Tastatur auch genau so bedienen.

Abbildung 9: Der Step-Editor sieht etwas wie ein E-Piano aus und lässt sich mit angeschlossener MIDI-Tastatur auch genau so bedienen.

Ardour3 kann MIDI-Signale auch mit Ports im Jack-MIDI-System austauschen. Über Window | MIDI-Connection Manager rufen Sie den neuen Verbindungsmanager (Abbildung 10) von Ardour auf. Hier sehen Sie die aktiven Ports, welche die Soundkarte, USB-Keyboards und MIDI-Software bereit stellen. So schicken Sie Noten aus Ardour auch an externe MIDI-Synthesizer, die als Hardware oder Software am System angemeldet sein können. Intern lassen sich LV2-Instrumente als Plugins in MIDI-Spuren einbinden. Zum Testzeitpunkt waren allerdings die Module aus einer aus dem aktuellen SVN gebauten CALF-Suite [3] die einzigen LV2-Instrumente, die sich tatsächlich ohne gravierende Probleme in Ardour3 benutzen ließen.

Abbildung 10: Der neue Verbindungsdialog von Ardour3 zeigt alle am System angemeldeten Ports an. Im Matrixsystem links lassen sich mit Linksklick Knotenpunkte anlegen, die die Ports miteinander verkabeln. Das bedeutet wesentlich weniger Klicks und Drehungen am Mausrad als noch bei Ardour2.

Abbildung 10: Der neue Verbindungsdialog von Ardour3 zeigt alle am System angemeldeten Ports an. Im Matrixsystem links lassen sich mit Linksklick Knotenpunkte anlegen, die die Ports miteinander verkabeln. Das bedeutet wesentlich weniger Klicks und Drehungen am Mausrad als noch bei Ardour2.

Goldmaster

Was den Erscheinungstermin von Ardour 3.0 angeht, hält sich Paul Davis an das Debian-Prinzip: “Es wird veröffentlicht, wenn es fertig ist”. Im April 2011 läuft Ardour3 soweit, dass es sich gut ausprobieren lässt. Von der Produktionsreife ist es aber noch ein Stück entfernt. Abstürze kommen zwar inzwischen selten vor, aber immer noch viel zu häufig für produktive Arbeit – und gelegentlich nehmen dabei die Projektdateien Schaden. Manchmal lässt sich auch ein mit einem bestimmten Build erstelltes Projekt sich mit einer späteren Version nicht mehr öffnen.

Allerdings macht das Projekt auch rasante Fortschritte. Innerhalb weniger Tage verschwinden massive Probleme, 30 Bugs beseitigten die Entwickler schon in den ersten zwei Wochen des März 2011. Und das waren nur von Nutzern gemeldete Bugs – selbstverständlich beheben die Entwickler auch Probleme, die sie selbst finden. Dem gegenüber stehen ebenfalls rund 30 im gleichen Zeitraum gemeldete Probleme und Wünsche. Das Projekt hält also Schritt mit der Rate der Fehler, die bekannt werden.

Die Neuerungen, die jetzt noch in Ardour3 einfließen, betreffen vor allem Detailverbesserungen und neue Bedienelemente für bereits vorhandene Funktionen. Die für die neue Generation angekündigten Neuerungen haben die Entwickler prinzipiell komplett umgesetzt. Ungereimtheiten und offensichtliche Fehlstellen an der Oberfläche gibt es nicht mehr. So bleibt abzuwarten, wie lange die Aufräumarbeiten auf der Baustelle des mächtigen Flaggschiffs der Linux-Audio-Welt noch dauern. Die ersten Testflüge der Alphaversionen im offenen Userspace lassen hoffen, dass Ardour3 noch in diesem Jahr den Linienbetrieb aufnimmt. 

Community Corp. – Finanzierung a la Ardour

Ardour sieht schon auf den ersten Blick nicht wie ein Hobby-Projekt aus. Ehrfurcht gebietende 80 MByte umfasst ein SVN-Auszug, das meiste davon handgeschriebener Quelltext. Dabei wird Ardour aber im Wesentlichen von nur einem Hauptentwickler programmiert: Paul Davis (Abbildung 11) arbeitet in Vollzeit an Ardour und erwirtschaftet damit seinen Lebensunterhalt. Der wird allerdings nicht nach verbreitetem Strickmuster von einem Großunternehmen im Linuxgeschäft finanziert, sondern direkt von den Nutzern von Ardour.

Abbildung 11: Paul Davis bei einem Vortrag in Barcelona 2008 (Foto: Paco Riviere). Die Spenden der Nutzer finanzieren auch Spesen, wie die Kosten für Teilnahme an Kongressen.

Abbildung 11: Paul Davis bei einem Vortrag in Barcelona 2008 (Foto: Paco Riviere). Die Spenden der Nutzer finanzieren auch Spesen, wie die Kosten für Teilnahme an Kongressen.

Knapp 300 Abonnenten zahlen zwischen 4 und 50 US-Dollar monatlich, rund 2300 US-Dollar kommen zusätzlich durch Spenden herein. Das ergibt ein Brutto-Einkommen von etwa 4500 Dollar monatlich. Davis akzeptiert diesen Wert als Untergrenze, weist allerdings auch darauf hin, dass er sich einen anderen Vollzeitjob suchen würde, sollte die Summe auf Dauer darunter bleiben. Die vielen weiteren Entwickler, die Beiträge zu Ardour leisten, akzeptieren ausdrücklich, dass die Spenden an das Projekt komplett in dessen Infrastrukturkosten und den Unterhalt des Chefprogrammierers fließen. Selbst Audio-Programmierer, die nicht direkt an Ardour beteiligt sind, bitten Spender zuweilen darum, eigentlich für sie selbst bestimmte Spenden lieber an Ardour zu schicken.

Für die Mac-OS-X-Version von Ardour bietet Ardour.org fertig lauffähige Installationspakete an. Vor dem Download muss der Nutzer eine Spende in selbst gewählter Höhe via Paypal überweisen. Abonnenten bekommen das Vollpaket ohne zusätzliche Spende. Eine Demoversion des Mac-Pakets mit leicht eingeschränkten Fähigkeiten lässt sich auch kostenlos herunterladen. Davis will auch für Linux Ardour3 in einer solchen sofort startbereiten Binärversion auf gleiche Weise anbieten. Dieses Gebaren mag befremdlich erscheinen, weil freie Software meist auch als Binärpaket kostenlos bleibt. Das Vertriebskonzept bedeutet aber nicht, dass das Ardour-Projekt vom Prinzip freier Software abwiche: In jedem Fall bleibt der Download der Quelltexte für den Eigenbau GPL-konform frei zugänglich. So stellt es auch kein lizenzrechtliches Problem dar, Ardour in Linux-Distributionen zu integrieren.

Glossar

Digitale Audio-Workstation

Eine DAW vereint diverse Software, welche die Funktionalität von Tonbandmaschinen und Mischpult in einem traditionellen Tonstudio nachbildet. Ein solches virtuelles Studio lässt sich durch Plugins für Effekte und Klangsynthese erweitern und bietet deutlich mehr Möglichkeiten für den Schnitt von Audio-Material als traditionelle Hardware.

Gate

Ein Gate (engl.: Tor, Pforte) erlaubt es, eine Lautstärke zu bestimmen, ab der eine Audio-Aufnahme stumm geschaltet wird. In Gesangsaufnahmen enthalten die Pausen zwischen den einzelnen Worten oft sehr leise Geräusche, besonders das Atmen des Interpreten. Ein Gate setzt solche leisen Geräusche automatisch auf Null, womit die ganze Aufnahme sauberer wirkt.

LADSPA

Linux Audio Developer’s Simple Plugin API. Eine freie Schnittstelle für Audio-Effekte und Filter unter Linux. LADSPA-Plugins kommen beispielsweise für Effekte wie Hall, Chorus oder Delay zum Einsatz. LADSPA ersetzt unter Linux proprietäre Systeme wie VST von Steinberg.

Regionen

Ardour bearbeitet Klangdateien nicht direkt, sondern verwaltet Anweisungslisten für deren Abspielen. Regionen nennt man die Abschnitte in den Spuren, die jeweils für eine solche Anweisungsliste stehen. Sie sehen wie Schnipsel von klassischen Tonbändern aus und zeigen eine grafische Darstellung des Sounds. So lassen sich Audio-Ressourcen in einem Projekt nach Bedarf klonen und schneiden, ohne die ursprünglichen Aufnahmen tatsächlich manipulieren zu müssen.

Pianoroll-Editor

Das Werkzeug zeigt eine Art Notenblatt. Ein Streifen an dessen linkem Ende enthält eine Piano-Tastatur. Klicks darauf lassen die entsprechenden Töne erklingen, im Notenblatt bearbeiten Sie die (meist als Balken dargestellten) MIDI-Noten in einem Matrixsystem oder tragen neue ein.

LV2

Der Nachfolger von LADSPA. Mit LV2 lassen sich anders als mit LADSPA auch Noten und Controller-Events an virtuelle Klangerzeuger wie Synthesizer und Sampler schicken. Außerdem ermöglicht es individuelle grafische Oberflächen der einzelnen Plug-Ins.

VST

Virtual Studio Technology. Ein Schnittstellenstandard, der Anfang der 1990er Jahre von der Firma Steinberg für Windows entwickelt und als proprietäre Freeware angeboten wurde. VST lässt sich in Audio-Programme einbauen, die dann als sogenannter Plugin-Host Effekte und Klangerzeuger aus Windows-DLL Bibliotheken laden können.

Infos

[1] Ardour: http://ardour.org

[2] Neue MIDI-Funktionen: http://ardour.org/a3_features_midi

[3] CALF Audio-Plugins: http://calf.sourceforge.net

[4] Ardour-Bugtracker: http://tracker.ardour.org

[5] Ardour-Mailinglisten: http://ardour.org/support#mlists

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Berlin als Dozent, Autor und Musiker. Er fand schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik gut zusammenpassen. Wenn er nicht gerade vor seiner Linux-Audio-Workstation sitzt, treibt er sich auf Webservern herum. Auf seinem eigenen (http://lapoc.de) stehen einige CC-lizenzierte Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware zum Download bereit.

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