Das schnelle Internet macht’s möglich: Booten oder installieren Sie eine Vielzahl von Linux-Distributionen direkt aus dem Netz.
Wer auf herkömmlichen Wege eine Distribution auf seinem Rechner installieren möchte, muss zuerst das Image herunterladen, es auf eine DVD oder eine USB-Stick packen und abschließend davon installieren. GPXE [1] erspart Ihnen langwierige Downloads: Das nur wenige KByte große Bootimage überspielen Sie auf eine Diskette oder einen USB-Stick und booten anschließend davon booten. Danach stehen Ihnen direkt ein gutes Dutzend Distributionen zur Installation oder zum Live-Start zur Verfügung. Weil GPXE die notwendigen Dateien über das Internet herunterlädt, setzt diese Technik allerdings eine schnelle Netzanbindung voraus.
Funktionsweise
GPXE vom Projekt Etherboot basiert auf Intels PXE (Preboot eXecution Environment), erweitert dessen Möglichkeiten aber um zusätzliche Funktionen. So unterstützt es neben FTP auch HTTP und iSCSI, um die gewünschte Distribution zu booten. Diese Erweiterungen ermöglichen das Laden von Distributionsimages über das Internet, wo sie auf der Site http://boot.kernel.org (BKO, [2]) zum Download bereitstehen. Dank der Verwendung von Standard-Protokollen stellen auch restriktive Netzwerkzugänge kein Hindernis beim Betrieb dar.
Stick einrichten
Da praktisch alle modernen Rechner das Booten von USB-Devices ermöglichen, aber nur im Ausnahmefall ein Floppy-Laufwerk besitzen, verwenden Sie vorzugsweise die USB-Methode, die auch die Webseite favorisiert. Laden Sie dafür das zum Download bereitgestellte, etwa 200 KByte kleine Image gpxe.usb herunter und kopieren Sie es im Anschluss mit
# dd if=gpxe of=/dev/USB-Device
auf den USB-Stick. Vorsicht: Das Überspielen löscht sämtliche auf dem Datenträger enthaltenen Dateien. Wie Sie den Stick weiterhin als Massenspeicher verwenden, lesen Sie im Kasten “Booten und speichern”. Wie Sie ein eigenes Bootimage erstellen, zeigt der Kasten “GPXE selbst bauen”.
Booten und speichern
Um den Stick nach dem Aufspielen des Bootimages weiterhin als Massenspeicher verwenden zu können, müssen ihn neu partitionieren. Am einfachsten verwenden Sie dazu Gparted. Sie sehen darin, dass der USB-Stick nach dem Aufspielen eine einzelne, etwa 2 MByte große Partitionen beherbergt. Der Rest ist freier Speicher, auf dem Sie eine Partition mit beliebigen Dateisystem einrichten (Abbildung 1). Danach verwenden Sie den Stick wie gewohnt.
GPXE selbst bauen
Zwar bietet Etherboot die Quellen von GPXE [1] zum Download an, doch ein Blick in die gut kommentierte Konfigurationsdatei macht schnell klar, dass ein Eigenbau aufgrund der vielen Einstellungsparameter kein einfaches Unterfangen darstellt. Einfacher geht es mit dem webbasierten Imagegenerator ROM-o-matic [7]. Es beschränkt die Konfiguration in einer grafischen Oberfläche auf das Notwendigste und baut auf Knopfdruck das individuelle Image.
Start
Nach den Vorbereitungen stecken Sie den Stick an dem Rechner ein, den Sie übers Netz booten möchten. Stellen Sie sicher, dass das USB-Device in der Bootreihenfolge des BIOS an erster Stelle steht. Nach dem Start ermöglicht die Boot-Sequenz zunächst, mit [Strg]+[B] in den Kommandozeilenmodus zu wechseln. Steht im Netz ein DHCP-Server zur Verfügung, bezieht der Bootloader die nötigen Informationen zum Einrichten der Netzwerkkarte von dort. Anderenfalls erreichen Sie mit [Strg]+[C] eine Konfigurationsmaske, in der Sie die notwendigen Daten wie IP-Adresse, Gateway und DNS manuell eintragen.
Danach lädt der Bootloader zunächst die grafische Benutzeroberfläche Syslinux (Abbildung 2) herunter, in der Sie aussuchen, welche Distribution sie installieren oder booten möchten. Einen Überblick des Angebots führt die Tabelle “BKO: Distributionsauswahl” auf. Für einige der Live-Distributionen können Sie beim Übertragungsprotokoll zwischen HTTP und iSCSI auswählen, bei der Boot-Zeit konnten wir jedoch keinerlei Unterschiede feststellen.

Abbildung 2: Beim Start lädt der Bootloader zunächst die grafische Oberfläche Syslinux herunter, aus der Sie die gewünschte Distribution zum Booten oder Installieren auswählen.
BKO: Distributionsauswahl
| Installation | Live | |
|---|---|---|
| CentOS | 2.1 bis 5.4 | – |
| DSL* | – | ja |
| Debian | 4, 5, Unstable | 5 |
| Fedora | 1 bis 12 | 11 |
| Knoppix | – | 5.0, 6.0 |
| Red Hat | 6.0 bis 9.0 | – |
| Ubuntu | 4.10 bis 10.04 | 9.04 |
| Freedos | – | 1.0 |
| Damn Small Linux | ||
Der Systemstart via BKO nahm bei Ubuntu 9.04 knapp 15 Minuten in Anspruch. Allerdings holt sich GPXE das Image von einem schnellen Server, weswegen nicht klar ist, warum der Bootvorgang so lange dauert.
Abgesehen von Damn Small Linux bietet BKO derzeit nur relativ umfangreiche Distributionen für GPXE an, obwohl Vertreter wie Puppy Linux [3] und Tiny Core Linux [4] für diesen Einsatzzweck geradezu prädestiniert wären. DSL als einziger Vertreter der schlanken Systeme verweigerte darüber hinaus auf verschiedenen Rechnern den Start. Auch oder gerade für Netzinstallationen auf Netbooks, denen in den meisten Fällen ein DVD-Laufwerk fehlt, bietet BKO derzeit keine passenden Distributionen wie EasyPeasy [5] oder Netbook Remix [6] an.
Sowohl die Installation als auch der Start von Live-Systemen unterscheidet sich in keiner Weise von dem mit lokalen Datenträgern.
Werkzeugkasten
GPXE bietet Ihnen jedoch nicht nur die Möglichkeit, verschiedene Systeme zu booten, sondern enthält auch einen gut gefüllten Werkzeugkasten, den sie im Syslinux-Menü unter PXE Knife erreichen. Unter anderem enthält er in der Rubrik NTFS Tools & Utilities die Applikation ntpassword. Starten Sie Ntpassword auf einem Rechner mit installiertem Windows, setzten Sie damit nicht nur dessen Passwort zurück, sondern bearbeiten auch die Registry.
Gilt es, einem Linux-System auf die Beine zu helfen, leisten die Linux-Images unter Linux Boot Disks wertvolle Dienste. So startet Toms Root Boot eine Root-Konsole auf dem Rechner und stellt die wichtigsten Systemwerkzeuge bereit.
Möchten Sie ohne große Umstände evaluieren, welche Hardware in einem Rechner verbaut ist, verwenden Sie dazu das Hardware Detection Tool aus dem Hauptmenü (Abbildung 3). Der PCISniffer ermöglicht die genaue Analyse des PCI-Busses: Er zeigt sämtliche technische Informationen eines jeden daran angeschlossenen Gerätes an.

Abbildung 3: Mit dem Hardware-Detection-Tool ermitteln Sie im Handumdrehen die im Rechner verbauten Komponenten.
Fazit
GPXE in Verbindung mit BKO bietet sehr flexible Möglichkeiten: Es lassen sich nicht nur verschiedene System auf Rechnern ohne DVD-Laufwerk booten und installieren, sondern obendrein verschiedenste (Rettungs-)Werkzeuge sowohl für Windows als auch Linux nutzen. Der Einsatz von GPXE setzt aber grundsätzlich einen schnellen Netzzugang voraus, da es sämtliche benötigten Daten aus dem Internet nachlädt.
Weniger prickelnd ist, dass BKO vorwiegend große Distributionen anbietet, die sich beim Live-Start mitunter ein Viertelstündchen Zeit lassen. Als schlanke Alternative steht lediglich Damn Small Linux parat, das jedoch auf keinem der getesteten Rechner bootete. Auch spezifische Distributionen für Netbooks sucht man derzeit vergebens. Hier sollten die Entwickler zeitnah nachbessern, um das Potential, das diese Technik bietet, voll auszuschöpfen.
Infos
[1] GPXE: http://etherboot.org
[2] BKO: http://boot.kernel.org
[3] Puppy Linux: http://puppylinux.org
[4] Tiny Core Linux: http://www.tinycorelinux.com
[5] EasyPeasy: http://puppylinux.org
[6] Netbook Remix: http://puppylinux.org
[7] ROM-o-matic: http://rom-o-matic.net







Fast alle kennen ja http://goodbye-microsoft.com. Aber da gab es doch mal ein Projekt, welches auch andere Distributionen den Start per Windows EXE ermöglicht hat!?
boot.kernel.org ist spurlos verschwunden. Gibt es das Projekt nicht mehr?
Gibt es das Projekt nicht mehr? Weiß jemand Näheres?