Moderne Distributionen auf alten Rechnern – wie gut das klappen kann, demonstriert Puppy Linux.
Der Glaube, Linux eigne sich besonders gut für alte Rechner, mag auf puristische Linux-Distributionen zutreffen, nicht jedoch für topaktuelle Releases mit KDE- oder Gnome-Desktop. Möchten Sie damit halbwegs zügig arbeiten, benötigt der Rechner mindestens eine 1-GHz-CPU, 256 MByte Arbeitsspeicher und wenigstens 2 GByte freien Festplattenplatz.
Puppy Linux [1] ist hier wesentlich genügsamer. Ihm reichen bereits eine 90-MHz-Prozessor und 64 MByte Hauptspeicher zum Betrieb. Auf eine Festplatte verzichtet die Distribution ebenfalls, da sie direkt über die CD startet. Dabei zeigt sich Puppy, dem Kernel 2.6.21-7 als Basis dient, alles andere als puristisch. Es bringt eine ganze Reihe aktueller Office- und Multimedia-Anwendungen mit. Natürlich fehlen auch Internetprogramme zum Surfen, Chatten und Mailen nicht, die die Distribution auf einer schicken grafischen JWM-Oberfläche anzeigt (Abbildung 1).

Abbildung 1: In Sachen Programmvielfalt nimmt es Puppy durchaus mit weit größeren Distributionen auf. Als Oberfläche dient der Windowmanager JWM.
Puppy verfügt darüber hinaus über diverse, einfach zu bedienende System- und Konfigurationswerkzeuge. Fehlende Software installieren Sie über den Puppy-Softwaremanager nach. Die Release-Notes mit der vollständigen Liste der Veränderungen finden Sie unter [2].
Das brandneue System Rescue CD 0.40 [3] (Kasten “SysRescCD 0.4”) stellt die zweite Distribution auf der CD und enthält viele Programme, um Fehler auf dem Rechner aufzuspüren und zu beheben.
SysRescCD 0.4
Genauso mannigfaltig wie Computerfehler müssen auch die Werkzeuge sein, um sie zu diagnostizieren und falls möglich zu beheben. Die System Rescue CD oder kurz SysRescCD bietet einen vollwertigen, mit den wichtigsten Werkzeugen ausgestatteten Reparaturkit an.
Die Kerndistribution enthält vornehmlich Applikationen, um Festplatten und deren Inhalt zu analysieren und zu bearbeiten. Dazu zählt beispielsweise das Partitionierungsprogramm Gparted, das mit ähnlich viele Funktionen aufwartet wie sein kommerzieller Vetter Partition Magic. Mit dem Tool Testdisk reparieren Sie defekte Partitionstabellen. Das Programm Partition Image erstellt ähnlich wie Nero Ghost Abbilder von Partitionen in einer Datei, die Sie bei Bedarf zurückschreiben.
Ebenfalls mit an Bord ist die Werkzeugsammlung Sleuth Kit [4] zur forensischen Datenanalyse, das zugehörige grafische Frontend Autopsy fehlt jedoch. Eine genaue Funktions- und Anwendungsbeschreibung der einzelnen Programme finden Sie unter [5].
Die modular aufgebaute SysRescCD besteht neben der Distribution aus einer Reihe von Floppy-Images, die Sie über das Bootmenü starten. Während AIDA16 eine detaillierte Hardwareanalyse Ihres Rechners vornimmt, löscht Dariks Boot and Nuke sowohl Partitionen als auch komplette Festplatten, indem es sie mit zufälligen Daten beliebig oft überschreibt.
Haben Sie das Passwort Ihrer Windows-Installation (2000/XP/Vista) vergessen, hilft Ihnen NT Password Recovery (Abbildung 2): Es setzt nicht nur Passwörter zurück, sondern enthält auch einen kommandozeilenbasierten Registry-Editor, mit dem Sie Einträge in der Registrierdatenbank des Microsoft-Systems bearbeiten.

Abbildung 2: Mit NT Password Recovery setzten Sie nicht nur Benutzerpasswörter von Windows-Systemen zurück sondern bearbeiten auch die Registry.
Viele – wenn auch zugegeben sehr nützliche – Tools auf eine CD zu schustern, reicht allerdings nicht aus, um eine gute Distribution zu machen: Eine brauchbare Dokumentation wäre deswegen eine klare Zielvorgabe für die nächste Release.
Startup
Um Puppy zu starten, wählen Sie aus dem Bootmenü der Heft-CD den ersten Eintrag Puppy Linux starten und bestätigen die Auswahl mit [Eingabe]. Bleibt der Bootvorgang nach der Meldung uncompressing Linux… OK, booting the Kernel hängen, dann starten Sie den Rechner neu und geben in die Adresszeile ([F5]) des Boot-Menüs acpi=off ein. Dieser Schalter deaktiviert die ACPI-Unterstützung.
Nach der Auswahl des Tastaturlayouts gelangen Sie zum Puppy Video Wizard. Mit ihm legen Sie fest, ob Puppy mit dem X.org-Server oder alternativ mit XVesa starten soll. Letzteres verwenden Sie entweder, um Ressourcen auf dem Rechner zu sparen, oder bei Schwierigkeiten mit dem X.org-Server. Beachten Sie: Verwenden Sie XVesa, erscheint nach dem Laden des Desktops eine Abfrage nach der Bildschirmeinstellung. Nach der Wahl der Auflösung klicken Sie unbedingt zuerst auf TEST und danach auf OKAY da Puppy andernfalls die Werte nicht übernimmt.
Setup
Ein Klick auf das Desktop-Icon Setup öffnet Puppys Wizard Wizard. Er fasst auf einer Oberfläche die meisten Konfigurationsassistenten zusammen, hier finden Sie neben der Audio- und Videokonfiguration auch die Netzwerk- und Landeseinstellungen .
Die Netzwerkeinstellungen erreichen Sie über das Desktop-Icon connect. Die Zusammenfassung enthält neben den Firewall-Einstellungen das komplette Netzwerk- und Dial-in-Setup. Sollte Puppy beim Booten keine Netzwerkadresse via DHCP erhalten haben, reicht es meist aus, über Connecting to the Internet by network interface… die Netzwerkkarte via Auto DHCP neu zu konfigurieren. Bevorzugen Sie eine feste IP-Adresse, wählen Sie den Schalter Static IP darunter. Zum Einstellen der Modem-Verbindung klicken Sie auf Connect to Internet by dialup analog modem…. Den Manager für ADSL-Verbindungen erreichen Sie, indem Sie die Checkbox Roaring Penguin (PPPoE) aktivieren und den Internet Connection Wizard neu starten.
Arbeiten mit Puppy
Puppy organisiert seine Programme in einem Menü, das Sie entweder mit einem Klick auf das Icon Menu am linken unteren Bildschirmrand erreichen oder über einen Rechtsklick auf den Desktop. Die übersichtliche Zusammenfassung in Gruppen wie Graphic, Internet oder Multimedia erleichtert die Bedienung.
Während Sie Briefe mit der schlanken aber dennoch funktionsreichen Textverarbeitung Abiword verfassen, steht Ihnen zum Erstellen von Tabellen Gnumeric zur Verfügung. Die Multifunktionssuite Seamonkey liefert Ihnen neben einem Webbrowser auch einen E-Mail- und IRC-Client sowie eine Adressverwaltung. Zum Abspielen von Filmen verwenden Sie Gxine, Bilder betrachten Sie mit dem Image-Browser Gtksee. Eine Übersicht der wichtigsten Programme zeigt der Kasten “Puppy Linux: Programme”.
Systemprogramme wie Gparted und Pdisk helfen Ihnen beim Einrichten der Festplatte. Darüber hinaus enthält die Distribution diverse Netzwerkanwendungen. Der FTP-Server, den sie mit einem Mausklick starten, verfügt über eine rudimentäre Konfigurationsoberfläche, in der Sie beispielsweise festlegen, ob der Dienst auch einen anonymen Zugriff gestattet. Mit dem Samba-Client Linneighborhood öffnen Sie SMB-Shares, zum Zugriff auf Remote-Desktops dienen die Tools RDP Desktop und Tight VNC.
Puppy Linux: Programme
- Abiword 2.4.5 – Textverarbeitung
- Gaim 1.5.0 – Multiprotokoll-Instant-Messenger
- Gnumeric 1.6.3 – Tabellenkalkulation
- Gparted 0.3.3 – Partitionierungsmanager
- Gtksee 0.6.0 – Bildbrowser und Betrachter
- Gxine 0.5.11 – Videoplayer
- Homebank 3.5 – Finanzverwaltung
- Inkscape lite – Vektorgrafikprogramm
- Mtpaint 3.10 – Pixelgrafikprogramm
- Roxfiler 2.6.1 – Dateibrowser
- Pupdvdtool 0.8 – DVD-Ripper
- Seamonkey 1.1.2 – Webbrowser, Mailclient
- Sweep 0.9.1 – Audio-Editor
Zusätzliche Software
Reicht die Auswahl an vorinstallierter Software nicht aus, laden Sie fehlende Programme über den Puppy package manager nach, den Sie über das Icon install öffnen. Nach der Auswahl der Software lädt das Programm die Pakete herunter und löst dabei selbständig die Abhängigkeiten auf (Abbildung 3).

Abbildung 3: Puppys Paketmanager erlaubt den Zugriff auf das Online-Repository und die Nachinstallation erforderlicher Software.
Allerdings lassen sich Pakete aus den Puppy-Repositories auch problemlos ohne den Paketmanager installieren, indem Sie nach dem Herunterladen im Dateibrowser ROX-Filer darauf klicken. Eine weit größere Software-Auswahl steht in den inoffiziellen Dotpup-Repositories zum Download bereit [6]. Allerdings brach die Installation bei etwa der Hälfte der getesteten Pakete mit dem Hinweis auf eine falsche MD5-Prüfsumme ab.
Installation
Wenn sie Puppy das erste Mal herunterfahren, startet eine interaktive Abfrage, ob Sie die Änderungen und Einstellungen speichern möchten. Falls ja, erzeugt das Verwaltungsprogramm eine Datei mit einer frei wählbaren Größe von 32 MByte bis 2 GByte und formatiert diese mit einem Ext2-Dateisystem.
Da Puppy darin nicht nur die Konfigurationseinstellungen speichert, sondern auch nachinstallierte oder heruntergeladene Dateien archiviert, sollte das Volumen des Images nicht zu klein ausfallen. Als Speicherort wählen Sie entweder die Festplatte oder auch andere Datenträger, wie etwa USB-Sticks. Soll das Image auf einer NTFS-Partition lagern, dann achten Sie darauf, dass diese zuvor defragmentiert wurde. Anderenfalls treten unter Umständen erhebliche Verzögerungen beim späteren Zugriff auf die Daten auf.
Beim Booten sucht und erkennt Puppy automatisch die Image-Datei, und hängt diese im Verzeichnis /mnt/home ein. Alle Änderungen und nachinstallierte Programme bleiben damit über einen Neustart des Live-Systems hinaus erhalten. Findet Puppy mehr als eine Image-Datei, fragt es nach, welche davon es verwenden soll.
Möchten Sie Puppy Linux installieren, dann starten Sie den Puppy universal Installer, den Sie im Menü unter Setup finden. Als Installationsziel stellt das Tool sowohl USB-Sticks als auch normale Festplatten zur Auswahl bereit. Nach dem Festlegen der Zielpartition entscheiden Sie die Art der Installation. Während FULL Puppy in einer eigenen Partition wie eine normale Linux-Distribution installiert, kopiert die Option FRUGAL lediglich die erforderlichen Dateien in ein Unterverzeichnis und richtet Puppy als koexistentes System ein, ohne die Partition zu verändern.

Abbildung 4: Puppys universal Installer richtet in Minutenschnelle die Distribution auf einem USB-Stick oder einer Festplatte ein.
Fazit
Puppy Linux mausert sich in der Version 3 zum beinahe perfekten Betriebssystem – nicht nur für alte Rechner. Wie diverse Derivate, die so genannten Puplets [7] belegen, eignet sich die Distribution hervorragend als Ausgangsbasis zum Erstellen eigener Mini-Distributionen. Das durchdachte Bedienkonzept, das für alle relevanten Konfigurationstätigkeiten die passende grafische Oberfläche bereitstellt, ermöglicht auch unerfahrenen Benutzern, das System in kurzer Zeit einzurichten und zu bedienen. Allerdings stehen für Puppy Linux derzeit keine deutschen Lokalisierungen zum Download bereit. Wer darauf nicht verzichten möchte, dem hilft das auf Puppy basierende Muppy [8], das jedoch als KDE-Anwendung recht hohe Systemressourcen benötigt.
Glossar
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ACPI
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Das Das Advanced Configuration and Power Management Interface (ACPI) ist ein offener Standard zur Energieverwaltung von Computern und Laptops, der den bisherigen Sparmodus APM (Advanced Power Management) ablöst.
[1] Puppy Linux: http://www.puppylinux.org
[2] Puppy Release Notes: http://www.puppylinux.com/download/release-3.01.htm
[3] SysRescCD: http://sysresccd.org
[4] Sleuth Kit: http://www.sleuthkit.org
[5] Sleuth-Kit-Tools: http://de.wikibooks.org/wiki/Disk_Forensik/_Beweismittelanalyse/_SleuthKit
[6] DotPup-Repositories: http://www.puppylinux.org/wikka/dpup
[7] Puplets: http://puppylinux.org/wikka/Puplets?show_comments=1
[8] Muppy: http://puppylinux.org/wikka/MuppyPuppy





