Edubuntu – Ubuntu für Schulen

Aus LinuxUser 12/2006

Edubuntu – Ubuntu für Schulen

Bildungswunder

Don’t know much about history, don’t know much biology? Keine Bange: Mit Edubuntu wird alles anders.

Weitgehend unbeachtet fristete bislang Edubuntu, eine der wenigen Linux-Varianten für Schule und Lehre, ein regelrechtes Mauerblümchen-Dasein – und das völlig zu Unrecht. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich Edubuntu als wahres Juwel, das aufgrund seiner interessanten Softwareausstattung zu den vielseitigsten Distributionen der Ubuntu-Familie zählt.

Edubuntu soll vor allem in vier Bereichen die Bedürfnisse der Anwender befriedigen:

  • als vollwertiges PC-Betriebssystem mit dem Schwerpunkt Lernsoftware,
  • als Verwaltungssystem für Schulen (Stundenpläne, Raumpläne etc.),
  • als Server und Client für Computerkabinette, und
  • als Allround-Betriebssystem für den täglichen Bedarf.

Auf den ersten Blick stellt man keinen Unterschied zwischen Edubuntu und den anderen Ubuntu-Derivaten fest: Auch Edubuntu läuft auch 32- und 64-Bit-PCs sowie auf PowerPC-Maschinen; auch hier stehen neben einer kombinierten Live/Install-CD eine Alternate-CD zur Festplatteninstallation sowie eine DVD mit deutlich erweitertem Paketumfang zur Auswahl. Die DVD lässt sich sowohl als Live-Medium als auch zur Installation auf der Festplatte verwenden sowie als Rescue-System einsetzen. [1]

Entscheiden Sie sich dafür, Edubuntu dauerhafte auf der Festplatte einzurichten, so führen beiden Live-Versionen Sie in wenigen Schritten grafisch durch die Installation und Grundkonfiguration des Systems. Anders als bei den großen kommerziellen Distributionen besteht hier nicht die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Desktop- und Servervarianten auszuwählen.

Auf die Installation des Bootloaders Grub haben Sie keinen Einfluss. Das kann zu Problemen führen – insbesondere dann, wenn die Festplatte noch weitere Betriebssysteme beherbergt (siehe Kasten “Grub-Probleme”). In diesem Fall sollten Sie sich genau mit der Partitionierung vertraut machen, da schon ein einziger falscher Eintrag im grafischen Partitionierungswerkzeug von Edubuntu verheerende Folgen haben kann.

Grub-Probleme

Edubuntu installiert – wie andere Ubuntu-Versionen auch – den Bootloader Grub vollautomatisch im MBR der Festplatte. Zwar überprüft die Installationsroutine die Festplatte zuvor auf weitere Betriebssysteme, bindet diese jedoch nicht zwangsläufig korrekt ein.

Um eine funktionierende Konfiguration von Grub auf einer anderen Partition wieder zu aktivieren, starten Sie das System von einer Live-CD wie Knoppix oder Kanotix und führen als Root folgende Befehle aus:

root# mount -o dev,rw /mnt/hda2
root# chroot /mnt/hda2
root# grub
grub> root (hd0,1)
grub> setup (hd0)
grub> quit

Die Befehlssequenz geht davon aus, dass Grub beim Rechnerstart seine Konfiguration von der Partition hda2 einlesen soll. Vorsicht: Grub beginnt die Zählung der vorhandenen Partitionen nicht wie üblich bei 1, sondern bei 0.

Die Alternate-Version führt dagegen mit dem diskreten Charme eines farblich hinterlegten Textbildschirms durch den Installationsvorgang. Hier stehen einige zusätzliche Möglichkeiten zur Auswahl, unter anderem auch für den Bootloader Grub. Auch bei Verwendung der Alternate-Version schadet es jedoch nicht – wie bei allen Installationsvorgängen – zuvor ein aktuelles Backup der bestehenden Daten anzufertigen.

Lernprogramme

Nach abgeschlossener Installation startet Edubuntu mit Gnome als Windowmanager, wobei das Standardtheme – ein schultafelgrüner Hintergrund mit einer kreideartig skizzierten Weltkarte – bereits andeutet, dass diese Distribution sich vorrangig an Schüler und Lehrer richtet. Icons und Symbole sind kindgerecht plastisch in kräftigen warmen Farben gehalten, und nach Austausch des Hintergrundes gegen ein altersgerechtes Bild spricht Edubuntu sicher sofort auch alle kleinen Computernutzer an.

Ein Klick im Panel auf Anwendungen fördert dann endlich die ersten signifikanten Unterschiede zu anderen Distributionen zutage: Das oberste Untermenü Bildung führt direkt zu den Lernprogrammen. Die Entwickler haben die KDE-Laufzeitumgebung in Edubuntu integriert, so dass die gesamte KEdu-Suite auch unter dem Gnome-Desktop zur Verfügung steht. Hier finden sich Programme zum mathematisch-naturwissenschaftlichen ebenso wie zum sprachlichen Lernbereich.

Etwas aus dem Rahmen fallen der Tipptrainer zum Erlernen des Zehn-Finger-Systems und das Malprogramm TuxPaint. Besonders ins Auge sticht jedoch das Testsystem KEduca, mit dem sich Multiple-Choice-Tests zu beliebigen Themen erstellen, abnehmen und sofort auswerten lassen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Keduca im Einsatz.

Abbildung 1: Keduca im Einsatz.

Wem die Anwendungen der KEdu-Suite noch nicht genügen, der findet zahlreiche weitere Lernprogramme zu den verschiedensten Themenbereichen in den Online-Repositories von Ubuntu. So befördern Sie beispielsweise für die Kleinsten die Spielesammlung Childsplay über den Menüpunkt Anwendungen hinzufügen/entfernen bequem und zuverlässig aus dem Internet auf die heimische Festplatte. Die Nutzung der Repositories ist kostenfrei und setzt auch keine Registrierung voraus.

Auf die Edubuntu-Datenträger, die Canonical auf Anforderung auch per “Ship-it”-Service kostenlos weltweit verschickt, haben die Entwickler noch ein paar weitere versteckte Schmankerl gepackt: So finden sich dort komplette Wörterbücher, die man lokal auf der heimischen Festplatte speichern und nutzen kann. Dazu zählen unter anderem ein Englisch-Wörterbuch (dict-gcide) und ein englischer Thesaurus (dict-moby-thesaurus) zu finden.

Abbildung 2: Der nahezu unerschöpfliche Fundus an Lernprogrammen in Edubuntu.

Abbildung 2: Der nahezu unerschöpfliche Fundus an Lernprogrammen in Edubuntu.

Anders verhält es sich mit der hervorragenden Lernsoftware Gcompris für Grundschüler: Dieses Programm, das nur die VGA-, SVGA- und XGA-Auflösung unterstützt, taucht nicht im Gnome-Panel auf, wenn der Rechner mit einer höheren Auflösung als 1024×768 Punkte arbeitet. Mit gutem Grund: Auf Testsystemen mit höheren Bildschirmauflösungen bringt der manuelle Aufruf von Gcompris den X-Server aus dem Tritt – und zwar derart, dass ein Kaltstart nötig wird. In solchen Details manifestiert sich eindrucksvoll, wie sorgfältig die Entwickler die Software in Edubuntu integriert haben.

Für die Schule

In Schulen und Bildungsinstitutionen allgemein sind nicht nur Lernprogramme auf Schülercomputern gefragt; auch die Verwaltung kommt ohne eine funktionierende und auf ihre Bedürfnisse abgestimmte EDV nicht aus. Dieser Problematik hat sich die Shuttleworth-Foundation ebenfalls angenommen und mit SchoolTool und der kleineren Schwester SchoolBell eine komplette Verwaltungssuite für Bildungseinrichtungen entwickelt. Sie umfasst Anwendungen vom Raumplan über die Stundenplanverwaltung bis zum Kursmanagement. Während SchoolTool dabei die Verwaltungsseite abdeckt, richtet sich SchoolBell an den Studenten oder Schüler, der seinen privaten Stundenplan verwalten möchte. [2]

Beide Softwarepakete besitzen sehr übersichtliche, nahezu identische Oberflächen, so dass auch der Gelegenheitsnutzer auf Anhieb damit arbeiten kann. Die webbasierten Applikationen lassen sich in jedem gängigen Webbrowser aufrufen. Damit Unbefugte nicht etwa die Einträge nach eigenem Gusto verändern, besteht auch ein ausreichender Passwortschutz.

Abbildung 3: Die Oberfläche von SchoolTool.

Abbildung 3: Die Oberfläche von SchoolTool.

Gemäß der Philosophie der Shuttleworth-Foundation, Anwendungen möglichst vielen Menschen in ihrer Muttersprache zugänglich zu machen, werden SchoolTool und SchoolBell auch in andere Sprachen übersetzt. Mit SchoolTool steht also auch deutschen Schulen für die üblichen Sekretariatsaufgaben eine leistungsfähige und intuitiv zu bedienende und obendrein noch kostenfreie Lösung zur Verfügung.

Edubuntu als Server

Nun wäre eine Linux-Distribution für den Bildungsbereich nicht komplett, wenn sie nur für Verwaltungsaufgaben und auf Einzelplatzsystemen eingesetzt werden könnte. Viele Schulen verfügen auch über Computerkabinette, in denen zu Bildungszwecken ein komplettes Netzwerk – zumeist inklusive Internetzugang – zur Verfügung steht.

Edubuntu bietet verschiedene Möglichkeiten zum Aufbau eines solchen Kabinetts an: Während bei anderen Betriebssystemen die Schülerrechner (Clients) und auch der Server über eine sehr leistungsfähige und daher aktuelle Hardware verfügen müssen und obendrein mit nahezu jedem Releasewechsel des Betriebssystems neue – noch leistungsfähigere – Rechner zu beschaffen sind, verfolgt Edubuntu den so genannten Terminalserver-Ansatz.

Hier erfüllt ein sehr starker Server alle Aufgaben, die im Netzwerk anfallen, während die Schülerrechner aus so genannten Thin Clients bestehen, deren Leistungsspektrum auch recht schmal ausfallen darf: Sie brauchen noch nicht einmal über eine eingebaute Festplatte zu verfügen, sondern können über das Netzwerk gestartet werden. Der Server wiederum zeichnet nicht nur für den Internetzugang und die Bereitstellung von Datei- und Druckdiensten verantwortlich, sondern erledigt auch alle Rechenaufgaben, die die Clients an ihn herantragen. Somit fungieren die Schülerrechner lediglich als mehr oder weniger “dumme” Ein- und Ausgabegeräte.

Dieses Prinzip bietet gegenüber dem “Fat-Client”-Konzept mit voll ausgestatteten Rechnersystemen als Arbeitsstationen viele Vorteile: Zunächst lässt sich die Installation eines solchen Netzwerks sehr kostengünstig realisieren, weil man für die Schülerrechner auch ältere, andernorts ausrangierte Hardware nutzen kann. Kostspielige Aufrüstungen entfallen – ein einfacher Rechner mit einer bootfähigen Netzwerkkarte genügt den Ansprüchen. Da die Clients via Netz booten, kann man auf Massenspeicher wie Festplatten oder CD-ROM-Laufwerke verzichten.

Ein weiterer Vorteil besteht in der deutlich verbesserten und vereinfachten Verwaltung der gesamten Anlage: Anstatt Software auf vielen einzelnen Maschinen installieren und warten zu müssen, wickelt man dies zentral auf dem Terminalserver ab. Hinzu kommen gewichtige Sicherheitsaspekte: Die Konzeption des Netzwerkes mit “dummen” Arbeitsplatzsystemen ohne Wechsellaufwerke minimiert die Gefahr, dass durch mitgebrachte Speichermedien der Schüler Probleme entstehen.

Schulen, die über vollwertige PCs mit internen Festplatten verfügen, können den Edubuntu-Client lokal einsetzten und mithilfe eines in Edubuntu integrierten Konfigurationsprogramms mit dem Terminalserver verbinden. Auf Maschinen ohne Massenspeicher aktiviert man lediglich die Netzwerk-Bootoption. Weiterer Konfigurationsschritte an den Arbeitsstationen bedarf es dann nicht.

Auf dem Edubuntu-Server müssen lediglich ein DHCP-Dienst sowie der Terminalserver laufen. Letzteren realisiert die Distribution in Gestalt einer Implementierung des LTSP-Servers (“Linux Terminal Server Project”) [3]. Die entsprechenden Softwarepakete finden sich in den Ubuntu-Repositories (Abbildung 4).

Abbildung 4: LTSP-Serverinstallation unter Edubuntu.

Abbildung 4: LTSP-Serverinstallation unter Edubuntu.

Eine zweite Netzwerkkarte verbindet den Terminalserver mit dem Internet. Sinnvollerweise sollte man dazu auf dem Terminalserver noch eine Firewall installieren, um so ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten.

Die nahtlose Integration des LTSP-Servers in Edubuntu ermöglicht ein einfaches und zeitsparendes Management des gesamten Netzwerks auch ohne tief schürfende EDV-Kenntnisse des Administrators – für Lehrkräfte, die oft mit mehr Engagement als Vorwissen die Wartung eines Schulnetzes übernommen müssen, stellt dies eine wichtige Arbeitserleichterung dar.

Edubuntu als Allrounder

Edubuntu eignet sich nicht nur für den Bildungsbereich und Serveranwendungen: Über die bildungsspezifischen Applikationen hinaus verfügt die Distribution auch über den gesamten Fundus an Softwarepaketen, der allen Ubuntu-Derivaten zur Verfügung steht. Mittlerweile weisen die Repositories mehr als 19.000 Pakete auf.

Damit bietet Edubuntu neben allen gängigen Diensten (etwa Apache, Squid, Bind) auch Applikationen von der Entwicklungsumgebung über Multimediasoftware bis hin zu Office- und Finanzprogrammen. Damit stellt sich Edubuntu als typisch vielseitige Linux-Distribution dar.

Fazit

Mit Edubuntu hat die Shuttleworth-Foundation ein “starkes Stück Software” im Portefeuille. Das Betriebssystem stellt sich als rundum gelungene Distribution dar, die alle Anforderungen des Bildungsbereich in höchstmöglichem Maß erfüllt. Mit Edubuntu finden Schüler aller Altersgruppen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Lern- und Testsoftware, die Verwaltung kann mit den Kalender- und Kursprogrammen wie auch mit den üblichen Office-Anwendungen erhebliche Zeiteinsparungen erzielen, und der EDV-Betreuer oder Netzwerkadministrator freut sich über die einfache Installation und Konfiguration.

Die gesamte Software wird im Rahmen des sozialen Engagements des südafrikanischen Milliardärs Mark Shuttleworth kostenfrei geliefert, so dass Schulen ihre üblicherweise recht begrenzten Finanzmittel für andere Zwecke investieren können. Mit der aktuellen Version 6.06 LTS garantiert die Shuttleworth-Foundation obendrein für mehrere Jahre Unterstützung und Updates sowohl für Server- als auch für Clientanwendungen, so dass auf längere Sicht keine kostspieligen Anschaffungen von neuer Hardware auf der Agenda der Anwender stehen dürften.

Glossar

MBR

Master Boot Record. Der erste Datenblock eines bootfähigen Speichermediums. Er enthält eine Partitionstabelle sowie den Bootloader.

Terminalserver

Ein Computer, der mehrere Terminals emuliert. Deren Inhalt wird auf den Bildschirmen von entfernten Systemen (Terminal, PC, Thin Client) dargestellt.

Infos

[1] Edubuntu-Homepage: http://www.edubuntu.org

[2] SchoolTool-Projekt: http://www.schooltool.org

[3] LTSP-Projekt-Homepage: http://ltsp.org

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