Webblogs, oder kurz Blogs, gibt es wie Sand am Meer. Mit einem kleinen Querschnitt zeigt die LinuxUser-Redaktion einige Schmackerl aus der breiten Vielfalt der Online-Tagebücher.
Glaubt man den Mythen im Internet, so war es unter anderem ein gewisser Simon Gisler, der 1994 mit einem Online-Tagebuch den Startschuss zu einer neuen Diskutierkultur im Internet gab [1]. Damals prägt noch statische Seiten, meist von Hand geschrieben, das Leben des Bloggers. Heute übernehmen ausgefeilte Content Management Systeme, wie WordPress oder Movable Type, die Arbeit: Sie fügen Tages ein und setzen die Inhalte Web-2.0-konform in gedeckten Pastelltönen in Szene.
Die Blogger-Szene ist unspezifisch: So berichten Autoren über persönlichen Anliegen ebenso wie aus dem Krisengebiet Irak (in den sogenannten Warblogs). Gerade letztere machten sich während der Nachrichtensperren im zweiten Golfkrieg einen Namen als einzige, aber eben nicht immer zuverlässige, Quelle über die Vorgänge im Kampfgebiet.
Vielfalt
Durch den einfachen Zugang entstand schnell eine geradezu unüberschaubare Vielfalt von Blogs. Damit Sie einen kleinen Eindruck bekommen, was in der Redaktion gerade angesagt ist, haben sich zwei Mitglieder zusammengesetzt und eine Auswahl für Sie getroffen. Den Auftakt macht Marcel Hilzinger, eingefleischter KDE- und SuSE-Benutzer und zuständig für die Hefte LinuxUser und EasyLinux. Im Anschluß unternimmt Kristian Kissling einen Streifzug durch Blogs für Ubuntu-Liebhaber und zeigt außerdem, welche skurrile und komischen Geschichten sich manchmal in den Online-Tagebüchern finden.
KDE aktuell
Als täglicher KDE-Benutzer lässt sich mein News-Hunger weder über http://kde.org, http://kde-apps.org noch über http://kde-look.org stillen. Da kommen die Blogs der KDE-Entwickler auf http://www.kdedevelopers.org/blog gerade recht. Die teilweise recht kurzen Einträge beschreiben nicht nur neue Features von KDE, sondern geben auch einen – wenn auch kleinen – Einblick in die Persönlichkeiten, die hinter KDE stecken.
Nicht nur für Entwickler interessant ist die Serie This Month in SVN auf http://canllaith.org. Die Seite ist zurzeit allerdings im Umbau und enthält daher noch wenig Content. Der Autor stellt aber bereits jetzt in Aussicht, dass die alten Beiträge bald wieder online stehen.
News aus der SuSE-Welt
Als Benutzer von SuSE Linux lese ich ab und zu die Beiträge auf Planet Suse (http://www.planetsuse.org), einer Seite von James Ogley. James baut schon sein einiger Zeit funktionierende Gnome-Pakete für SuSE (http://www.usr-local-bin.org). Durch Novells Vorliebe für Gnome muss er jetzt nicht mehr so viele Pakete bauen, hat deshalb etwas mehr Zeit zum Bloggen.
Auf Planet SuSE finden sich auch zahlreiche Links zu den Blogs der einzelnen Suse/Novell-Entwickler. Davon lese ich in der Regel Andreas Jägers Blog (http://andreasjaeger.blogspot.com).
Planet Ubuntu
Ein absolutes Muss für alle englischkundigen Ubuntu-Freaks ist http://planet.ubuntulinux.org. Hier berichten größere und kleinere Ubuntu-Talente über ihren Alltag und Neuheiten in aktuellen Versionen. Bei sehr brisanten Themen – wie zum Beispiel dem X.org-Update-Problem – meldet sich ab und zu auch Mark Shuttleworth persönlich zu Wort.
Planet Ubuntu ist reich an Variationen: von Zweizeilern mit Foto bis zu vollständigen Release-Beschreibungen oder Software-Vorstellungen findet sich alles. Ebenso spannende Berichte hält http://fridge.ubuntu.com bereit. Bei der Seite handelt es sich streng genommen nicht um einen Blog, die Meldungen und News sind aber in einem lockeren Stil verfasst.
Boing Boing
Die englischsprachige Webseite BoingBoing (http://boingboing.net) existiert seit 1995 und bezeichnet sich nicht als Blog (der Begriff ist für die Seite eigentlich zu neu), sondern als “Verzeichnis wundervoller Dinge”. Sie ging aus einem noch älteren gleichnamigen Fanzine in Papierform hervor, das Herausgeber Mark Frauenfelder und Carla Sinclair 1988 gründeten.
BoingBoing lebt von den Links, die Leser aus aller Welt täglich schicken und veröffentlicht abseitige, absurde und manchmal rührende Geschichten sowie schräge Bilder aus dem Alltag. Es gibt jeweils einen kurzen Hinweis, worum es geht, von wem der Link stammt und meist auch ein Foto. Die Seite würfelt die Fotos, Geschichten und Links bunt durcheinander: Da steht ein Bild von einem Kolibri-Schwärmer – einer Motte, die wie ein Kolibri aussieht – neben Fotos von Menschen, die als Muffins verkleidet durch die Wüste wandern, gefolgt von einer Anleitung, wie Sie beim Campen Geschirr ohne Wasser reinigen.
Auch Linux gerät öfter ins Blickfeld des Blogs, das sich – ganz im Sinne seiner Cyberpunk-Wurzeln – gegen restriktive Kopierschutz- und Copyright-Maßnahmen positioniert. Die Beiträge stehen unter der Creative Commons License, auf der Webseite finden Sie ein Archiv aller Beiträge zurück bis ins Jahr 2000.
Ebenso bunt wie die Themen, die BoingBoing aufgreift, sind die Menschen dahinter: Frauenfelder ist Journalist und Illustrator, arbeitete für die Zeitschrift Wired, dann für Playboy und leitet mittlerweile als Chefredakteur MAKE. In dem Bastlermagazin führen Hobbytüftler auch mal eine selbst gebaute, überlebensgroße Einschienenbahn vor. Carla Sinclair ist Autorin von Büchern wie “Netchicks” und “Signal to Noise” und schrieb in den 90er Jahren ebenfalls für Wired. Auch externe Autoren liefern Beiträge für BoingBoing, so die Science-Fiction-Schreiber Cory Doctorow und Rudy Rucker und der Wiener Künstler Johannes Grenzfurthner.
Bildblog
Eine besondere Form des Blogs ist das Watchblog. Es beobachtet eine bestimmte Institution, Firma oder Person und berichtet darüber – nicht selten in kritischer Form. Damit bildet es eine neue Art von Gegenöffentlichkeit, die durch das Internet eine größere Zielgruppe erreicht.
Bildblog (http://bildblog.de) ist so ein Watchblog, Gegenstand seiner Kritik ist die Bildzeitung. Die gehört noch immer zu Deutschlands meistverkauften Zeitungen mit durchschnittlich etwa 3,7 Millionen Lesern pro Tag. Bildblog begleitet die Berichterstattung von Bild: Täglich verfolgen rund 40.000 Leser, welche Peinlichkeiten, Ungenauigkeiten und Fahrlässigkeiten die Boulevardredaktion verlassen. Dabei recherchieren die Betreiber des Blogs einige Bild-Artikel selbst nach, erhalten aber auch sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung.
In vielen Fällen sind die Beiträge komisch, wenn etwa Bild und Online-Bruder Bild.de daran scheitern, das Alter einer Person korrekt anzugeben oder die Zeitung wiederholt alte Fotos als neu veröffentlicht. Manchmal schüttelt es den Leser, etwa wenn Chefkolumnist Franz Josef Wagner darüber schwadroniert, warum er seine “muselmanischen” Mitbürger fürchtet.
Für den täglichen Begleitservice räumte Bildblog dann auch den Grimme-Online-Award und den Leuchtturm-Preis des journalistischen “Netzwerk Recherche” ab. Mit 40.000 Lesern kommt es zwar nicht an die Bild-Millionen heran, zeigt aber, dass ein gut gemachtes Blog durchaus ein ansehnliches Publikum erreicht.
Planet Autopackage
Einige Open-Source-Projekte bringen mittlerweile ihr eigenes Blog mit. Dabei geht es den Betreibern darum, Einblicke in die Entwicklung ihres Projekts zu geben, Neuigkeiten zu verbreiten und auf Schwierigkeiten hinzuweisen. Diese Blogs zeigen die Menschen hinter dem Quellcode und was sie so umtreibt.
Planet Autopackage (http://planet.autopackage.org) gehört in diese Kategorie von Blogs. Es heißt Planet, weil es seine Beiträge aus den Blogs der Entwickler holt und sie in einem einheitlichen Layout anzeigt. Das Projekt selbst arbeitet an einem Paketsystem, das auf allen Linux-Plattformen laufen soll. Die Entwickler berichten über das Programmieren, diskutieren aktuelle Aufgaben im Projekt und skizzieren Ideen für zukünftige Entwicklungen. Sie schreiben aber auch über Urlaube, kaputte Laptops und beruflichen Änderungen – eben die Banalitäten des Alltags.
Nebenbei bekommen die Leser die Kämpfe und Probleme mit: In den Kommentaren zu einzelnen Beiträgen entspinnen sich mitunter ausführliche Streitgespräche über die Vor- und Nachteile das Paketsystems, in denen Entwickler und Kritiker sich in die Haare kriegen. Sicher interessieren solche speziellen Blogs nur einige Linux-Nutzer: Sie verschaffen aber Einblicke in Open-Source-Projekte die über den offenen Quellcode hinausgehen.
Infos
[1] Wikipadia-Eintrag zu Weblogs





