“Wozu brauchst Du denn ein Modem? Hast du kein ISDN!” Derartiges hört man immer öfter, wenn es um das Thema Internet geht. Aber was verbirgt sich hinter diesen vier mysteriös klingenden Buchstaben eigentlich genau?
Analog oder digital?
ISDN ist die Abkürzung für Integrated Services Digital Network (auf Deutsch: Digitales Netzwerk mit integrierten Diensten). Was verbirgt sich nun konkret dahinter? Der Hauptunterschied zum herkömmlichen Telefonanschluss verbirgt sich hinter dem `D’ für Digital. Bei einem ‘normalen’ Telefonanschluss läuft die Übertragung der Sprache analog ab. Dabei spricht man in ein Mikrofon, das die Schallwellen der Stimme in elektromagnetische Wellen umwandelt. Am anderen Ende der Leitung werden diese dann vom Lautsprecher des Telefonhörers wieder in Schallwellen umgewandelt. Auf diese Weise funktioniert im Prinzip ein analoges Telefon. Bei ISDN sieht das ein bisschen anders aus: Am Anfang steht natürlich auch hier wieder das Mikrofon, in diesem Fall natürlich des ISDN-Telefons. Die aufgefangenen Schallwellen werden vom ISDN-Telefon jedoch digitalisiert, d. h. sie werden in einen binären Code (mit den Zuständen 0 oder 1) übersetzt, der dann auch von PCs interpretiert werden kann. Lieder auf einer Musik-CD sind in ähnlicher Weise elektronisch kodiert. Nachdem die digitalen Daten durch das Telefonnetz auf die Empfängerseite gelangt sind, werden sie wieder dekodiert und schließlich in vom Menschen hörbare Schallwellen zurückverwandelt.
Vorteile von ISDN
Der größte Vorteil dieser Übertragungsart ist, dass im Gegensatz zu rein analogen Übertragungsverfahren nahezu kein Qualitätsverlust mehr auftritt. Bei einer Festnetzverbindung gibt es in der Regel keine Übertragungsprobleme, so dass exakt der digitale Code beim Empfänger ankommt, der vom Sendergerät abgeschickt wurde. Wie beim analogen Übertragungsverfahren kann jedoch auch bei ISDN-Verbindungen das Problem auftreten, dass bei langen Leitungen das elektronische Signal schwächer wird. Deshalb setzt man Verstärker ein, die die Signale in schwacher Form empfangen und entsprechend der Entfernung zum nächsten Verstärker in höherer Signalstärke weiterleiten. Bei analoger Übertragung gibt es dagegen praktisch immer stärkere und schwächere Signale. Es besteht dort also die Gefahr, dass leisere Komponenten während der Übertragung völlig verlorengehen. In digitaler Form ist die Übertragungsstärke dagegen unabhängig von der Sprechlautstärke des Absenders. Das Sendesignal wird einfach immer wieder verstärkt, bis es das ISDN-Gerät des Empfängers erreicht hat. Es ist bei digitaler Übertragungsart also egal, ob man mit dem Nachbarn oder mit dem Bekannten in Australien telefoniert. Man wird immer die gleiche Sprachqualität erhalten. Die Telefonnetze verwenden heutzutage nahezu durchgehend digitale Übertragungsverfahren. Da dadurch auch bei einem analogen Telefonanschluss nur noch der kurze Weg vom eigenen Telefon bis zur Vermittlungsstelle der Telefongesellschaft analog verläuft, bemerkt man hinsichtlich der Sprachqualität zwischen einem analogen und einem digitalen Telefon praktisch keinen Unterschied mehr. Sie können sich vielleicht noch daran erinnern, dass man früher an der Wiedergabequalität erkennen konnte, ob es sich um ein Ferngespräch oder ein Ortsgespräch handelt. Die Qualität eines Ortsgesprächs war deutlich besser.
Integrierte Dienste
Doch nun zu den integrierten Diensten, die ISDN bietet. Diese werden den Inhabern eines ISDN-Anschlusses von den verschiedenen Telefongesellschaften in unterschiedlichem Umfang zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei beispielsweise um die Anzeige der Rufnummer des Anrufenden, die Umleitung von Telefonaten oder die Möglichkeit, Dreierkonferenzen abzuhalten. Die meisten ISDN-Dienste sind zwar auch bei analogen Anschlüssen möglich, jedoch meist nur in Verbindung mit einem monatlichen Aufpreis.
Kanalbündelung
Was zeichnet denn dann noch einen ISDN-Anschluss aus, wenn man die selben Dienste zu nahezu identischen Preisen auch an einem analogen Anschluss nutzen kann? Mit ISDN stehen Ihnen gleich zwei Leitungen, oder genauer gesagt zwei Kanäle, zur Verfügung. Sie haben also die Möglichkeit, Ihren ISDN-Anschluss doppelt zu nutzen, z. B. Telefon – Fax oder Telefon – PC. Wenn Sie etwa große Datenmengen mit hoher Geschwindigkeit vom Internet auf Ihren PC laden möchten, könnte die sogenannte Kanalbündelung interessant für Sie sein. Es lassen sich in diesem Fall beide ISDN-Kanäle (die sogenannten B-Kanäle) für den Computer benutzen. Dies ist selbstverständlich nur dann möglich, wenn Ihr Internetprovider dieses Kanalbündelungsverfahren unterstützt. Erkundigen Sie sich aber vor dem Einsatz dieses Verfahrens auf jeden Fall bei Ihrem Internet-Provider, mit welchen zusätzlichen Kosten Sie dadurch rechnen müssen. Die meisten Internet-Provider berechnen nämlich für diesen Zusatzdienst eine ordentliche Aufschlaggebühr.
Verbindung schnell und leise
Wenn Sie Ihren Zugang zum Internet über ISDN realisieren wollen, dann benötigen Sie neben dem entsprechenden ISDN-Anschluss eine ISDN-Karte für Ihren PC. Eine relativ aktuelle Liste mit ISDN-Karten, die derzeit mit dem Kommandozeilen-Paket isdn4linux unter Linux betrieben werden können, finden Sie z. B. unter http://www.isdn4linux.de/faq/i4lfaq-5.html. Etwas komfortabler als mit isdn4linux können Sie Ihre ISDN-Konfiguration unter Linux auch mit KISDN (http://www.kisdn.de) erledigen, das jedoch einer kommerziellen Lizenz unterliegt. Während Sie mit analogen Modems (Modulator – Demodulator) derzeit eine maximale Übertragungsrate von 56.000 bit/s (ca. 6,8 KB Daten pro Sekunde) erreichen, liegt der ISDN-Maximalwert bei 64.000 bit/s (ca. 7,8 KB Daten pro Sekunde), pro Kanal versteht sich. Mit einer Kanalbündelung können Sie also bis zu 128.000 bit/s (oder 15,6 KB) aus dem und in das Internet laden. Ein weiterer Geschwindigkeitsvorteil von ISDN ist die kurze Einwahlzeit. Wenn Sie sich per Modem bei Ihrem Internet-Provider einwählen, müssen Sie mit einer Einwahlzeit von ca. 20-30 Sekunden unter heftigem Quietschen Ihres Modems rechnen. Mit einer ISDN-Karte sind Sie dagegen nach ca. einer Sekunde online, ohne den lästigen Lärm des Modems.
E-Mails empfangen, ohne einen Kanal zu belegen
ISDN verfügt übrigens noch über einen dritten Kanal, der seit kurzem an Bedeutung gewonnen hat. Der sogenannte D-Kanal (die beiden Nutzkanäle werden als B-Kanäle bezeichnet) war bisher nur dafür gedacht, Steuerbefehle zu übertragen. Der ISDN-Nutzer wusste meist nichts von dessen Existenz, noch merkte er etwas von den Aktivitäten, die darüber abgewickelt wurden. Der D-Kanal eignet sich zwar mit einer Bandbreite von nur 9.600 bit/s (ca. 1,2 KB Daten pro Sekunde) eher weniger für das Surfen im WWW. Zur Übertragung von E-Mails ist eine solche Bandbreite jedoch ausreichend. Es gibt daher inzwischen einige Internetprovider, die eine E-Mail-Flatrate über den D-Kanal einrichten. Damit haben Sie also die Möglichkeit, zu einem festen Monatspreis rund um die Uhr E-Mails zu empfangen, ohne einen der beiden B-Kanäle zu belegen.
Telefonieren und trotzdem 24 Stunden online sein
Ob diese Art der D-Kanal-Nutzung eine ausreichende Nachfrage finden wird, hängt auch davon ab, wie schnell in Europa die Preise von Flatrates für Standardverbindungen fallen. Denn immer mehr Provider bieten zu immer besseren Konditionen eine Rund-um-die-Uhr-Internetverbindung zu monatlichen Festpreisen an. 24 Stunden online zu sein ist ja schön und gut. Aber der eine oder die andere wird sicher das Bedürfnis haben, seinen bzw. ihren Telefonanschluss auch hin und wieder als solchen zu nutzen. Wenn Sie Ihren ISDN-Anschluss auch für andere Kommunikationsmedien als den Computer einsetzen wollen, bietet ISDN eine clevere Alternative an. Mit DSL (Digital Subscriber Line) existiert nämlich eine Möglichkeit, mehrere Kommunikationsgeräte gleichzeitig zu benutzen. In Deutschland ist bisher die ADSL-Variante verfügbar. Das ‘A’ steht hierbei für Asynchronous (= asynchron). Asychron deshalb, weil die Up- und die Downstream-Bandbreiten verschieden groß sind. Ein ADSL-Anschluss der Deutschen Telekom etwa verfügt über 768 kbit/s (ca. 96 KB/s!!) Downstream (12 x ein Kanal bei ISDN) und 128 kbit/s (ca. 16 KB/s) Upstream (2 x ein Kanal bei ISDN).
… und noch ein paar Begriffe
Für ISDN-Neueinsteiger stellen sich die ersten Hürden oft schon im Begriffsjargon der diversen Handbüchern und Software-Dokumentationen ein. Bei der Konfiguration Ihrer ISDN-Karte werden Sie zunächst zur Eingabe einer oder mehrerer MSN aufgefordert. MSN ist die Abkürzung für Multiple Subscriber Number (auf Deutsch: Mehrfachrufnummer). An einem ISDN-Anschluss existieren mindestens drei solcher MSNs, die Sie beliebig Ihren Endgeräten (Telefone, Faxgeräte, PCs) zuweisen können. Es ist auch möglich, einem Endgerät mehrere MSNs zuzuweisen. Der in Deutschland übliche ISDN-Standard ist Euro-ISDN. Bei der ISDN-Konfiguration sollten Sie daher im Normalfall immer Euro-ISDN einstellen.
Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, sich ein Home-Office einzurichten, werden Sie womöglich von Ihrer Firma gebeten, bei Beantragung des ISDN-Anschlusses die Rufnummernübermittlung freischalten zu lassen. Damit erkennt das Empfängergerät die Rufnummer des Anrufers. Auf diese Weise können Sie etwa das Firmennetz von zu Hause aus mit Ihrem PC anwählen. Hat der Firmenrechner Ihre Rufnummer erkannt, trennt er die Verbindung und ruft Sie automatisch zurück. Die Firma übernimmt dann für Sie die Verbindungskosten.
KISDN listet übrigens bei Bedarf auch die gesendeten und die empfangenen Steuerbefehle auf, die über den oben erwähnten D-Kanal laufen. Für die meisten Benutzer dürfte dies jedoch eher weniger von Belang sein.
Zu guter Letzt möchte ich Ihnen noch erklären, was sich hinter dem Begriff NTBA verbirgt. Ausgesprochen heißt diese Abkürzung Network Terminator (Netzwerkabschluss) Basis-Anschluss. Dieses kleine Netzabschlussgerät ist an einem ISDN-Anschluss zwingend erforderlich. Es bildet die Schnittstelle zwischen dem ISDN-Netz der Telefongesellschaft und den eigenen Endgeräten. Das NTBA ist sozusagen die ‘ISDN-Telefondose’, die an der üblichen Dose angeschlossen ist und an der alles Weitere angeschlossen wird.
Ich hoffe, Ihnen mit meiner kleinen Einführung in die Begriffswelt etwas weitergeholfen zu haben. Weitere Informationen zu ISDN und Linux finden Sie in dieser Heftausgabe und unter http://www.isdn4linux.de bzw. http://www.kisdn.de.




