Der Debian-Fork der Veteran Unix Admins ohne Systemd

Aus LinuxUser 08/2016

Der Debian-Fork der Veteran Unix Admins ohne Systemd

© Christos Georghiou, 123RF

Aus Debian wird Devuan

Auf Streitigkeiten folgt bei Linux oft die Abspaltung eines Projekts. Der Fork Devuan ist das Ergebnis eines lautstarken Streits in der Debian-Community.

Die Einführung von Systemd führte besonders bei Debian zu schweren technischen wie sozialen Verwerfungen, die hauptsächlich von Widersachern des neuen Init-Systems von außen in das Projekt getragen wurden. Eine Handvoll Gegner überzog lautstark und medienwirksam die Linux-Szene im Allgemeinen und Debian im Besonderen mit einer Protestwelle gegen Systemd, die immer mehr von einer technischen Argumentation in ein philosophisches Lamento überging – eine sinnvolle Argumentation erwies sich kaum mehr als möglich.

Ein wie ein Mantra wiederholtes Argument lautete, Systemd verletze eine der Grundregeln von Unix, das da lautet: ein Werkzeug pro Aufgabe. Gegen die versuchte Einflussnahme von außen wie von innen versuchte Debians technisches Komitee seiner Aufgabe gerecht zu werden, eine rein sachliche Entscheidung herbeizuführen. Die fiel letztlich zugunsten von Systemd. Dies war die Geburtsstunde des Debian-Ablegers Devuan [1] (ausgesprochen wie “DevOne”)

Die Gruppe, die im November 2014 die Idee zu Devuan hatte, nennt sich VUA – das Akronym steht für “Veteran Unix Admins”. Es handelt sich dabei hauptsächlich um italienische Admins rund um Franko nextime Lanza [2] und den Open-Source-Aktivisten Denis jaromil Roio [3], der auch für das Netzwerk Dyne.org [4] verantwortlich zeichnet. Hinzu gesellte sich der derzeitige Chefentwickler Daniel Centurion Reurich [5].

Revolte

Der letztlich ausschlaggebende Punkt für den Fork war der Ausgang einer “General Resolution” [6], also einer Grundsatzentscheidung unter den Debian-Entwicklern. Es ging um die Frage, ob Pakete in Debian Abhängigkeiten zu einem bestimmten Init-System aufweisen dürfen. Bei Systemd ist dies der Fall, sodass ein Wechsel des Init-Systems sehr schwerfällt. Die Abstimmung, an der rund 500 der etwas über 1000 Entwickler teilnahmen, kam zu dem Ergebnis, dass es keinen Grund gebe, eine solche Abhängigkeit kategorisch auszuschließen. Das war ein Vertrauensbeweis in die Selbstregulierungskräfte des Projekts – an Entwickler und Paketbetreuer, in bester Absicht das Richtige zu tun – und eine Absage an Bürokratie und Überregulierung.

Damit sahen die VUAs die Wahlfreiheit des Init-Systems als nicht mehr gegeben an. Daher entschieden sie, ein Debian gänzlich ohne die Komponenten von Systemd zu erstellen, und begründeten diese Absicht in einer Ankündigung [7]. Dabei kritisierten die abtrünnigen Entwickler Debian nicht nur wegen seiner diesbezüglichen technischen Entscheidungen, sondern auch wegen seiner ideologischen Haltung. Debian habe sich selbst verraten, so der Tenor bei den Systemd-Gegnern. Eine erste Version eines Systemd-freien Debian sollte zur Veröffentlichung von Debian 8 “Jessie” im April 2015 bereitstehen. Schnell erwies sich die Aufgabe aber als schwieriger als anfangs angenommen.

Wahlfreiheit

Devuan sollte mit SysVinit auf das bisher bei Debian verwendete Init-System setzen, dabei aber dem Anwender die Freiheit lassen, andere Init-Systeme zu betreiben, wie Upstart, OpenRC, Runit und – der Vollständigkeit halber – auch Systemd. Letzteres fehlt in der aktuell vorliegenden Devuan-Beta noch, soll aber nach Veröffentlichung der stabilen ersten Version folgen, sofern es keine Regressionen bewirkt. Dabei geht es aber mehr ums Prinzip der freien Wahlmöglichkeit – die Anwender setzen in der Regel ja auf Devuan, weil sie auf Systemd verzichten möchten. Ein weiteres Ziel war eine einfache Möglichkeit des Cross-Grades von Debian “Wheezy” und “Jessie” nach Devuan.

Als Erstes ging es beim Projekt Devuan darum, eine eigene Infrastruktur zu erstellen. Statt auf Github hosten die Entwickler den Quellcode auf der Open-Source-Lösung Gitlab, um von dort mithilfe des Continuous-Integration-System Jenkins [8] Pakete zu erstellen. Die Repositories selbst verwaltet der eigens erstellte Repository-Layering-Proxy Amprolla. Dabei bindet das System lokale Devuan-Repositories ebenso ein wie entfernte Debian-Archive. Devuan will nur dort Pakete verändern oder selbst entwickeln, wo dies unumgänglich ist, um Systemd zu vermeiden.

Schwieriger als erwartet

Zu den insgesamt 381 veränderten Paketen [9] zählen etwa Policykit und Udisks, die bei Debian Abhängigkeiten zu Systemd aufweisen. Die vollständige Loslösung von Systemd vollzieht die aktuelle Devuan-Beta jedoch noch nicht. So benötigt etwa Udev, mit dem der Kernel Gerätedateien für die Datenein- und -ausgabe (I/O) verwaltet, weiterhin Systemd (Abbildung 1). Früher war Udev unabhängig, wurde aber während der Systemd-Entwicklung dort eingebunden.

Abbildung 1: Ganz frei von Systemd und den entsprechenden Abhängigkeiten ist Devuan bisher jedoch noch nicht.

Abbildung 1: Ganz frei von Systemd und den entsprechenden Abhängigkeiten ist Devuan bisher jedoch noch nicht.

Die Loslösung von Udev gelang den Devuanern bisher nicht, daneben kommt als weitere Komponente aus dem Systemd-Projekt die Bibliothek libsystmd0 zum Einsatz. Es gibt mehrere Ansätze, Udev in Linux zu ersetzen. Devuan favorisierte anfangs Eudev, das Gentoo entstammt. Zeitgleich entwickelt der Princeton-Student Jude Nelson mit Vdev [10] für Devuan eine neue Verwaltung für Gerätedateien, die Udev ersetzen und dabei wesentlich vereinfachen soll.

Das in 32- und 64-Bit-Versionen veröffentlichte Image Devuan “Jessie” 1.0 Beta bleibt unter 650 MByte, was auf einen reduzierten Paketbestand hinweist. Als Desktop kommt anstelle des zunächst favorisierten XFCE der Gnome-2-Epigone Maté zum Einsatz (Abbildung 2). Ergänzend zum Standard-Image, das man direkt oder per Torrent herunterladen kann, gibt es neben einer Netinstall- und einer DVD-Variante Abbilder für Vagrant, für diverse Clouds sowie für einige Single-Board-Computer [11].

Abbildung 2: Der auf den Bibliotheken von Gnome 2 aufbauende Maté-Desktop gibt ein aufgeräumtes Bild.

Abbildung 2: Der auf den Bibliotheken von Gnome 2 aufbauende Maté-Desktop gibt ein aufgeräumtes Bild.

Bewährter Debian-Installer

Devuan bildet darüber hinaus die Zweige von Debian ab, sodass neben “Stable” auch “Testing”, “Unstable” und “Experimental” zur Verfügung stehen. Da Devuan seine Release-Namen an Planeten ausrichtet, trägt Testing den Namen Ascii, während Unstable Ceres heißt, aber auch als Sid verlinkt ist. Das Projekt bietet derzeit keine Live-Abbilder an. Das Image bietet nach dem Hochfahren eine grafische Installation an, es gibt aber auch einen textbasierten Installer (Abbildung 3).

Abbildung 3: Devuan bietet derzeit keine Live-CD, es startet sofort der Installer.

Abbildung 3: Devuan bietet derzeit keine Live-CD, es startet sofort der Installer.

Der erweiterte Modus umfasst zudem eine Experteninstallation, die die Einflussmöglichkeiten während des Einrichtens erweitert. Somit ähnelt das Prozedere sehr dem bei Debian – kein Wunder, schließlich kommt derselbe Installer zum Einsatz. Die grafische Variante führt in rund zehn Minuten bis zum Neustart in die Installation.

Mit Maté trafen die Entwickler eine gute Wahl: Der Desktop arbeitet flott, lässt sich leicht bedienen und wirkt dezent. Die Menüs am oberen Displayrand erklären sich von selbst, und das System listet nur relativ wenige Pakete auf – man startet also nicht mit einer überladenen Installation. Dem Anwender steht es frei, das System gezielt nach eigenem Gusto zu erweitern. Die wichtigsten Anwendungen bringt Devuan jedoch gleich mit: Als Browser kommt Firefox zum Einsatz, LibreOffice übernimmt das Büro. Wicd baut Netzwerkverbindungen auf, Gimp steht für grafische Aufgaben bereit.

Um Musik zu hören oder ein Video anzuschauen, muss man notgedrungen eine Anwendung installieren – die Multimedia-Rubrik im Devuan-Anwendungsmenü bleibt bis auf einen Lautstärkeregler leer. Das war’s auch schon, wenn man von den Maté-Anwendungen wie dem Dateimanager Caja und einigen Einstellungsdialogen absieht. Ziehen Sie den umgekehrten Weg vor und specken lieber ein “fettes” System ab, dann sollten Sie auf die 4,7 GByte fassende DVD-Ausgabe setzen: Sie bietet eine umfangreiche Auswahl an Software aus allen Bereichen.

Wer Debian kennt, findet sich ohne Problem auch im Devuan-System zurecht. Haben Sie bereits mit Debian “Jessie” oder “Testing” und “Unstable” gearbeitet, müssen Sie sich an einigen Stellen wieder auf die Zeit vor Systemd zurückbesinnen: An die Stelle des Journals rückt wieder Rsyslog, der Befehl dmesg ersetzt wieder systemctl. Ansonsten bemerkt man keinen Unterschied zu Debian “Stable”. Wir stellten im Test Devuan auch auf “Unstable” als Quelle um, die Migration verlief problemlos.

Fazit

Die Macher von Devuan ließen sich viel Zeit, haben aber ihre Hausaufgaben gemacht: Das System läuft rund, grobe Fehler im Betriebssystem selbst treten nicht hervor. Die Dokumentation fällt, gemessen an der Kürze der Zeit, gut aus, könnte aber etwas mehr Ordnung vertragen [12]. In Fällen, die nicht Systemd betreffen, bietet sich die umfassende Debian-Dokumentation als Ergänzung an. Ein Manko stellen die oft nicht erreichbaren Server des Devuan-Projekts dar: So streikte im Test beispielsweise des Öfteren die Paketverwaltung. Hier scheint der Besucheransturm die Infrastruktur regelmäßig zu überlasten.

Legen Sie Wert auf ein Betriebssystem ohne Systemd, dann sollten Sie Devuan durchaus in die Auswahl möglicher Alternativen aufnehmen. Allerdings bleibt abzuwarten, ob es dem Team auf Dauer gelingt, ein von Debian abweichendes System zu pflegen. Falls Ihnen Devuan nicht gefällt, gibt es weiterhin eine große Anzahl meist kleinerer Distributionen, die (noch) nicht auf Systemd umgestiegen sind [13]. Die Devuan-Entwickler planen zudem eine Systemd-freie Version des auf Anonymität und Achtung der Privatsphäre bedachten Live-Betriebssystems Tails [14]

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