Nach gut 15 Jahren Entwicklung schaffte Wine im Juni 2008 den Sprung zu Version 1.0 und liegt derzeit in Release 1.1.26 vor. Die Versionsnummer suggeriert stabile, verlässliche und fehlerbereinigte Software – wir prüfen die Alltagstauglichkeit.
Für manche unter Windows lieb gewonnenen Programme gibt es unter Linux keine Entsprechungen. Wer solche Software unter Linux nutzen möchte, kommt nicht umhin, sie entweder in einer virtuellen Maschine zu starten – oder mit Wine. Ersteres setzt jedoch ein vorhandenes Windows-Installationsmedium samt Lizenz voraus, das Sie zur Installation in der virtuellen Umgebung benötigen. Da Wine [1] nur den für Programmstarts wichtigen Teil von Windows simuliert und die dafür benötigten Bibliotheken mehrheitlich selbst mitbringt, brauchen Sie hier weder ein Windows noch eine Lizenz.
Bei Wine handelt es sich nicht um einen Emulator im herkömmlichen Sinne, wie schon der Name sagt, der für das rekursive Akronym “Wine is not an Emulator” steht. Es bietet vielmehr eine zu Windows kompatible Laufzeitumgebung für POSIX-kompatible Betriebssysteme. Entsprechend besteht der Kern von Wine in der Hauptsache aus nachgebauten Windows-APIs. Beim Start biegt er die Funktionsaufrufe (“System Calls”) der mit Wine gestarteten Programme darauf um und leitet sie von dort aus an den Linux-Kernel weiter.
Eines der größten Probleme des Nicht-Emulators waren stets die Inkompatibilitäten verschiedener Wine-Versionen. So kam es immer wieder vor, dass Windows-Programme, die unter der Vorgänger-Release noch anstandslos ihren Dienst versehen hatten, mit der neuen Version nicht mehr liefen. Ähnlich gestaltete es sich mit dem Kernel: Bereits ein Update konnte genügen, damit eine Anwendung nicht mehr startete. Ob die Entwickler das Versprechung in die Tat umsetzen konnten, mit Wine 1.0 werde alles besser, prüft dieser der Kurztest. Zum Einsatz kamen dabei die derzeit aktuelle Wine-Version 1.1.26 unter Ubuntu 9.04 (Kernel 2.6.28-13) und OpenSuse 11.1 (Kernel 2.6.27.7-9).
Installation
Bei allen großen Distributionen findet sich Wine bereits im Haupt-Repository. Allerdings handelt es sich dabei nicht um selten veraltete Versionen. Legen Sie Wert auf das neueste Release, dann fügen Sie der Softwareverwaltung die von Wine angebotenen Downloadquellen hinzu. Danach installieren Wine wie gewohnt über den Paketmanager.
Das Setup legt das Verzeichnis ~/.wine an. Den darin enthaltene Ordner drive_c verwendet Wine als Arbeitsbasis – er entspricht dem Windows-Laufwerk C:\. Anders als Windows hält Wine die nachempfundene Registrierdatenbank als Textdatei darin vor. Zum Editieren genügt entsprechend ein Editor wie Vim, Kate oder Gedit. Allerdings stellt die Applikation auch einen “echten” Registry-Editor bereit, den Sie mit dem Kommandozeilenaufruf wine regedit (Abbildung 1) starten.

Abbildung 1: Wines “Regedit” unterscheidet sich nur im Detail vom Windows-Pendant. Allerdings bearbeiten Sie damit keine “echte” Registrierdatenbank, sondern lediglich eine Textdatei.
Trickreich
Bevor Sie Wine in Betrieb nehmen, sollten Sie zunächst einige wichtige Bibliotheken installieren, die viele Programme benötigen. Am einfachsten erledigen Sie das mit den Winetricks [2]. Während das Wine-Paket von OpenSuse diese bereits enthält, müssen Anwender von Ubuntu sie manuell einrichten. Dafür reicht es aus, den Text des Bash-Skripts in eine Textdatei zu kopieren und diese ausführbar zu machen. Der Aufruf winetricks in der Konsole startet ein kleines Auswahlfenster, in dem die die gewünschten Zusatzmodule, Laufzeitumgebungen und Bibliotheken auswählen, die Sie installieren möchten.

Abbildung 2: Das Bash-Skript Winetricks erlaubt Ihnen das unkomplizierte Nachinstallieren wichtiger Bibliotheken und Laufzeitumgebungen.
Winetricks lädt die gewählten Dateien direkt beim Hersteller herunter, etwa Microsoft oder Adobe, und installiert sie in der Wine-Umgebung. Bricht das Skript die Installation eines Pakets wegen Fehlern ab, stoppt es danach komplett. Entsprechend ignoriert es die Auswahl der Programme, die danach gefolgt wären.
Wine selbst richten Sie in erster Linie über den Konfigurationsmanager (Abbildung 3) ein, den Sie in der Konsole mit dem Aufruf winecfg starten. In ihm stellen Sie sowohl das Audio- als auch das Video-Verhalten des Programms ein. Desweiteren bestimmen Sie damit, welchem Programm Wine welche Windows-Version vorgaukelt. Zur Auswahl stehen von 2.0 bis 2008 praktisch alle erschienenen Varianten.
Programme einrichten und starten
Um ein Windows-Programm mit Wine zu starten, rufen Sie es mit dem Präfix wine auf. Durch das Angeben von Startparametern ignoriert Wine die in der Konfiguration hinterlegten Werte. So bewirkt beispielsweise die Eingabe von wine setup.exe AUDIODEV /dev/dsp dass das aufgerufene Programm /dev/dsp als Audio-Device verwendet. Zwar öffnet das System EXE-Dateien beim Klick darauf selbständig mit Wine, doch sollten Sie den Start im Terminal speziell dann vorziehen, wenn es zu Problemen kommt: Nur dann zeigt Wine einen ausführlichen Fehlerbericht. Soviel zur grauen Theorie – unterm Strich zählt letztendlich, wie gut Wine verschiedenste Windows-Programme tatsächlich startet. Einen Anhaltspunkt dafür liefert die Wine-Applikationsdatenbank [3], die einige hundert Programme listet.
Als erster Prüfling ging in unserem Test MS Visio 2003 [4] an den Start. Mit ihm erstellen Sie umfangreiche Diagramme aller Art. Die Installation klappt unter Ubuntu reibungslos, beim ersten Start erscheint jedoch die Fehlermeldung, IOPL sei deaktiviert. Das lässt sich jedoch relativ leicht beheben, indem Sie in der Wine- Konfiguration unter Bibliotheken den Eintrag gdiplus hinzufügen, und danach seinen Modus auf (Native (Windows)) schalten.
Im Anschluss startete Visio ohne Probleme (Abbildung 4). Bei der Arbeit trat jedoch ein Fehler auf, der das Programm beinahe unbrauchbar macht: Speziell beim Erstellen größerer Diagramme erscheint der Hinweis Zu wenig Speicher, obwohl noch rund 1,5 GByte zur Verfügung standen. Das Programm reagiert danach auf keinerlei Eingaben mehr. Unter OpenSuse scheiterte schon die Installation von Visio mit dem Hinweis, der Installer-Dienst ließe sich nicht starten. Auch das Einrichten des entsprechenden Pakets von Microsoft sorgte nicht für Abhilfe.

Zu wenig Speicher.” width=”300″ height=”223″ />
Abbildung 4: MS Visio 2003 startete im Test unter Ubuntu zwar problemlos, doch sobald die Diagramme etwas umfangreicher wurden, erschien trotz 1,5 GByte an freiem RAM die FehlermeldungZu wenig Speicher.Ein wenig demotiviert nahmen wir uns das zweite Programm, den Bildbetrachter und -editor Irfan View [5] vor. Unter Ubuntu gelang zwar die Installation, den Programmstart quittiert Wine aber mit dem Hinweis auf einen Programmfehler. Unter OpenSuse 11.1 klappte die Installation und der Programmstart problemlos – bis zum Neustart des Systems. Danach erschien beim Versuch, Irfan View zu starten, auch hier lediglich eine Meldung, dass ein schwerwiegender Fehler auftrete.
Einen Lichtblick bot dann Audiograbber [6], mit dem Sie unkompliziert Musik-CDs in MP3-Dateien umwandeln. Zwar läuft unter Ubuntu nicht einmal das Setup, unter OpenSuse hingegen ließ sich das Programm problemlos installieren und auch nach einem Neustart noch betreiben. Ähnlich sah es mit Google Chrome [7] aus: Hier streikte unter Ubuntu schon die Installationsroutine, während unter OpenSuse sowohl die Installation als auch der Programmstart reibungslos verliefen. Das half allerdings deswegen nicht viel, weil es nicht möglich war, eine URL abzuschicken: Nach dem Bestätigen erschien stets die leere Seite about:blank.
Völlig reibungslos verlief hingegen sowohl die Installation als auch der Betrieb des beliebten Audioplayers Winamp [8] unter beiden Distributionen. Allerdings verweigerten einige Module wie der Equalizer und die Anzeige der Spielzeit den Betrieb. Darüber hinaus benötigt die Applikation im laufenden Betrieb auf einem Rechner mit einer Dual-Core-CPU (AMD 5600 AM2) um die 30 Prozent der Rechenleistung.
Anders sah das bei den getesteten Produkten Photoshop CS2 [9] und Lightroom 2.3 [10] von Adobe aus. In beiden Fällen scheiterte sowohl unter Ubuntu als auch unter OpenSuse bereits die Installation, mit der Fehlermeldung: err:msi:ACTION_InstallFiles Failed to extract cabinet: L”Data1.cab”. Ein Blick in die Applikationsdatenbank von Wine attestiert aber gerade Photoshop einen reibungslosen Betrieb mit Wine [11]. Zudem erfüllte das Testsystem alle von der Datenbank vorgegebenen Voraussetzungen. Ein Quercheck mit Codeweavers Crossover [12] belegt jedoch, dass prinzipiell eine Installation von Photoshop unter Ubuntu möglich ist.
Ähnlich deprimierend verlief der Versuch, das Bildbearbeitungsprogramm Paintshop Pro [13] zur Mitarbeit zu überreden. So gelang unter Ubuntu zwar die Installation, den Start verweigerte das Programm aber mit dem Hinweis, es könne die Visual-C++-Bibliotheken nicht finden – obwohl sie auf dem System vorhanden waren.
Erfreulicher verliefen die Tests mit dem multifunktionalen Texteditor Ultra Edit [14]. Er ließ sich unter Ubuntu anstandslos installieren und starten. Allerdings verwunderte uns zunächst die lange Startzeit der schlanken Applikation. Der Blick auf top brachte Klarheit: Ultra Edit belegt in der Wine-Umgebung sagenhafte 1050 MByte Hauptspeicher. Unter Windows begnügt sich der Editor hingegen mit moderaten 23 MByte. Auch hier zeigte sich das bei Irfan View bereits aufgetretene Problem: Nach einem Neustart von Ubuntu verweigerte der Texteditor den Dienst, allerdings wegen angeblich fehlender DLLs. Unter OpenSuse schlug schon der Installationsversuch fehl – auch hier mit dem Hinweis, der MSI-Installer könne nicht gestartet werden.
Fazit
Programme mit Wine zu starten, ist auch in der ersten Major-Release kein echter Spaß. Nur die wenigsten Programme funktionieren von vorneherein, die Unterstützung schwankt von Distribution zu Distribution und von Wine-Version zu Wine-Version. Programme, die unter OpenSuse problemlos liefen, versagten unter Ubuntu mit der identischen Wine-Version den Dienst und umgekehrt. Letztendlich bleibt der Einsatz von Wine nach wie vor in den meisten Fällen Gefrickel mit ungewissem Ausgang. Im Test gelangen Installation und Betrieb sowohl unter Ubuntu als auch unter OpenSuse lediglich mit Winamp – dem fehlten allerdings einige Funktionen, etwa die Spielzeitanzeige und der Equalizer.
Wer Zeit und Nerven sparen möchte, verwendet zum Start von Windows-Programmen unter Linux besser einen echten Emulator wie das kostenfreien Vmware Server oder Virtualbox. Letzteres verfügt sogar über einen Seamless-Modus, der die gestarteten Applikationen losgelöst von Windows auf dem Linux-Desktop anzeigt.
Glossar
-
API
-
Application Programming Interface. Eine definierte Schnittstelle, die es Programmen erlaubt, mit einem System zu kommunizieren.
Infos
[1] Wine: http://winehq.org
[2] Winetricks: http://www.kegel.com/wine/winetricks
[3] Wine Applikationsdatenbank: http://appdb.winehq.org
[4] MS Visio: http://office.microsoft.com/de-de/visio/default.aspx
[5] Irfan View: http://www.irfanview.de
[6] Audiograbber: http://www.audiograbber.de
[7] Google Chrome: http://www.google.com/chrome/
[8] Winamp: http://www.winamp.com
[9] Adobe Photoshop: http://www.adobe.com/products/photoshop/compare/
[10] Adobe Lightroom: http://www.adobe.com/products/photoshoplightroom/
[11] Wine-Applikationen – Photoshop: http://appdb.winehq.org/objectManager.php?sClass=version&iId=2631
[12] Codeweaver Crossover: http://www.codeweavers.com/products/cxlinux/
[13] Paintshop Pro: http://www.corel.com/servlet/Satellite/de/de/Product/1184951547051
[14] Ultra Edit: http://www.ultraedit.com/products/ultraedit.html







Leider muss man für das Windows in Virtualbox auch Lizenzen zahlen ;-) deshalb wäre ein voll funktionales wine schon toll.
Aber auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich nie darauf verlassen sollte, dass grössere Programme damit laufen. Wenn ich aber z.B. ein kleines Testsimulatorchen für die Oracle-Prüfung von CD starten will, funktionieren solche “Gelegenheit-Exe’s” erstaunlich gut und nur ganz selten verweigern auch diese denn Dienst (dann liegt’s meistens an den vermaledeiten .net Bibliotheken, ach, diese Hobbyprogrammierer!)