Digitale Typographie einfach gemacht mit Opentype

Aus LinuxUser 12/2008

Digitale Typographie einfach gemacht mit Opentype

© sxc.hu

Gekonnt getippt

Opentype – das hört sich fast wie Open Source an, hat aber mit freier Software nur bedingt zu tun. Immerhin bietet die neue Font-Technik über den Umweg Open Source auch Heimanwendern die Möglichkeiten, die sonst nur Profis offen stehen.

Anfang der Achtziger Jahre kam es im Zug der Unternehmensgründung von Adobe zu einer technischen Revolution: Der Informatiker John Warnock hatte eine Seitenbeschreibungssprache entwickelt und diese schließlich in der eigens neugegründeten Firma Adobe unter dem Namen “Postscript” auf den Markt gebracht. Zu den wichtigen Bestandteilen von Postscript gehört der Type1-Font: ein vektorbasiertes, frei skalierbares Schriftformat und damit der Vorgänger dessen, was heute gemeinhin als Font gilt.

Ein Font besteht in der Regel aus der Beschreibung der Buchstaben an sich (in einem Vektorformat), metrischen Informationen (Abstände zwischen den Buchstaben) und geometrischen Zusatzbeschreibungen (für eine bessere Darstellung auf geringauflösenden Geräten). Die junge Firma Adobe hatte mit ihrem Produkt voll ins Schwarze getroffen: Die Nachfrage war riesig, und die großen Verleger zahlten die hohen Lizenzgebühren für die patentierte Technik, ohne mit der Wimper zu zucken.

Truetype vs. Postscript

Um diesen Lizenzgebühren zu entgehen, entwickelte Apple Ende der 80er Jahre für sein Macintosh-Betriebsystem das Konkurrenzprodukt Truetype. Weil jedoch die Nachfrage wegen der Umstellungshürde anfangs sehr gering ausfiel, erteilte Apple zu recht günstigen Bedingungen eine Lizenz an Microsoft. Mit Windows 3.1 erschienen daher drei mit ihren Postscript-Pendants metrisch nahezu identische Truetype-Schriften: Times New Roman (entspricht Times Roman), Arial (entspricht Helvetica) und Courier New (entspricht Courier). Mit diesem Schritt spaltete sich die Welt der Fonts in zwei Lager.

Während sich seither Computernutzer mit zwei Formaten herumschlagen, hatte die Konkurrenzsituation auch positive Effekte: Adobe gab seine restriktive Lizenzpolitik auf und veröffentlichte Postscript als internationalen Standard. Darüber hinaus schaute das Unternehmen zum ersten Mal über den amerikanischen Tellerand hinaus: Während in Type1-Fonts mit ihrer 8-Bit-Kodierung nur 256 Zeichen angesprochen werden konnten, belegen orientalische und asiatische Schriftsysteme locker das 50-fache an Kapazität. Moderne Unicode-kompatible Fonts können daher 16 Bits (also 65 536 Zeichen) direkt ansprechen.

Besonders von Handschriften abgeleitete Schriftsysteme wie das Arabische oder Sanskrit benötigen darüber hinaus eine intelligente Nachsatzstufe: Dort bestimmt der nachfolgende Buchstabe in einem Wort teilweise das Aussehen des Vorgängers mit. Auch in unserer Handschrift enden die Buchstaben “b”, “o”, “r”, “v” und “w” für gewöhnlich oberhalb der Grundlinie, während die restlichen auf der Grundlinie auslaufen. Per Font eine lateinische Schreibschrift zu imitieren, erfordert daher grundsätzlich vier Varianten von jedem Buchstaben erforderlich.

Die Kontrahenten Apple/Microsoft und Adobe entwickeln daher zunächst eigenständig eine Technik, um ihre jeweiligen Schriftformate zu erweitern: das so genannte Smartfont-System. Asiatische oder orientalische Schriftsysteme setzen diese Technik zwingend voraus; sie bringt jedoch auch für die Typographie westlicher Texte enorme Vorteile. Um die Marktkräfte wieder auf ein System zu bündeln, entschlossen sich Microsoft und Adobe im Jahr 1996, ein einheitliches Format zu veröffentlichen [1],[2]. Dies markiert die Geburtsstunde von Opentype (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Schrittweiser Ablauf von Darstellung und Satz eines Texts in einem Opentype-fähigen Endanwendungsprogramm.

Abbildung 1: Schrittweiser Ablauf von Darstellung und Satz eines Texts in einem Opentype-fähigen Endanwendungsprogramm.

Tatsächlich verstecken sich unter dem Namen Opentype zum einen klassische Truetype-Schriften (mit der Endung .ttf) und zum anderen Adobes Type1-Nachfolger CFF (mit der Endung .otf). Abbildung 2 stellt beide Typen einander gegenüber. Das verbindende Element beider Schrifttypen liegt lediglich im Unicode-Support und der Smartfont-Technik.

Abbildung 2: Beides Opentype, aber intern unterschiedlich: Links ein Type1-Nachfolger mit Bézierkurven 3. Ordnung. Rechts Truetype mit Bézierkurven 2. Ordnung. Die Truetype-Definition der Zeichenbeschreibung ist mathematisch primitiver und benötigt mehr Punkte zur Darstellung gleicher Formen, weshalb TTFs bei gleicher Zeichenanzahl mehr Speicher benötigen als OTF. Während Adobe sein Format komplett neu entwickelt hat, verhält sich Opentype-TTF abwärtskompatibel und wurde mit den Opentype-Tabellen nur erweitert.

Abbildung 2: Beides Opentype, aber intern unterschiedlich: Links ein Type1-Nachfolger mit Bézierkurven 3. Ordnung. Rechts Truetype mit Bézierkurven 2. Ordnung. Die Truetype-Definition der Zeichenbeschreibung ist mathematisch primitiver und benötigt mehr Punkte zur Darstellung gleicher Formen, weshalb TTFs bei gleicher Zeichenanzahl mehr Speicher benötigen als OTF. Während Adobe sein Format komplett neu entwickelt hat, verhält sich Opentype-TTF abwärtskompatibel und wurde mit den Opentype-Tabellen nur erweitert.

Smartfont-Technik

Dank Smartfont-Technik erzeugen auch Heimanwender mit wenig Kenntnis einen professionellen Satz. Gut ausgebaute Opentype-Schriften, wie zum Beispiel die freie Schriftart “Linux Libertine” [3], verfügen beispielsweise über Ligaturen, echte Kapitälchen, verschiedene Ziffernsätze, echte Indizes und viele Funktionen mehr, die unbemerkt zum Einsatz kommen.

Die Technik dahinter funktioniert folgendermaßen: Im Kopf eines Opentype-Fonts befindet sich unter anderem die GSUB-Tabelle (“Glyph Substitution”). Sie enthält Einträge darüber, unter welchen Bedingungen Anwendungen bestimmte Buchstaben und Buchstabenfolgen durch spezielle Zeichen ersetzen sollen. Abbildung 3 zeigt einen typischen Ausschnitt einer Opentype-Ersetzungstabelle.

Abbildung 3: Dieser Ausschnitt aus der GSUB-Tabelle weist Applikationen an, die fi-Ligatur einzusetzen, wo immer die Buchstabenfolge "fi" auftritt. Gleiches gilt für "ffi" sowie die Ligaturen aus langem "s" und "i".

Abbildung 3: Dieser Ausschnitt aus der GSUB-Tabelle weist Applikationen an, die fi-Ligatur einzusetzen, wo immer die Buchstabenfolge “fi” auftritt. Gleiches gilt für “ffi” sowie die Ligaturen aus langem “s” und “i”.

Manche Opentype-Merkmale sind standardmäßig eingeschaltet – das heißt, dass beim Einsatz des Fonts in einem Opentype-fähigen Programm – beispielsweise XeTeX [4] – ohne Zutun des Anwenders grundlegende Ersetzungen automatisch geschehen. In der Regel gehören vor allem Basisligaturen zu denjenigen Zeichen, die die Applikationen austauschen. Manche Opentype-Merkmale hingegen erfordern die Auswahl des Anwenders, wie etwa der selektive Einsatz von Kapitälchen oder hoch- und tiefgestellten Zahlen.

Wählen Sie beispielsweise die Funktion für Kapitälchen aus, um “LinuxUser” typographisch richtig zu setzen, schlägt XeTeX in den Tabellen nach, welche Zeichen als Kapitälchen für inux und ser definiert hat und tauscht die kleinen Buchstaben gegen die Kapitälchen aus. Lesen Sie dazu auch den Kasten “Echte Kapitälchen und Indices”.

Da der Umfang der Zeichen und Tabellen allerdings vom Willen und Aufwand des Herstellers abhängt, verhält sich jeder Opentype-Font am Ende doch nur so “intelligent” wie sein Schöpfer es implementiert hat (“Erster Grundsatz der Typo-Informatik”). Um im Bild zu bleiben: Microsofts “Times New Roman”, seit Windows XP eine Opentype-TTF, erweist sich daher als eher dümmlich; Adobes “Minion Pro” dagegen verhält sich gescheit.

Anwendungsprogramme

Aber selbst der gescheiteste Font nützt nichts, wenn das Endanwendungsprogramm die Smartfont-Technik nicht verwendet: Das eigentliche Ersetzen und Übermitteln der Opentype-Merkmale gehört zu den Aufgaben der Applikation. Die erste volle Unterstützung bot typographische Profisoftware wie Adobe Indesign. Die Open-Source-Gemeinschaft dagegen befindet sich in dieser Hinsicht gerade im Umbruch. Haben viele Projekte (aber auch kommerzielle Firmen) die Chancen von Opentype zunächst nicht erkannt und den Trend verschlafen, geht es nun schrittweise vorwärts.

Zu den zentralen Komponenten, die langsam auf Opentype setzen, gehört die Pango-Bibliothek aus dem GTK-Paket. Sie erledigt den Textsatz und die Anzeige für das Toolkit und unterstützt mittlerweile grundlegende Opentype-Merkmale. Anwendungen, die auf die Pango-Bibliothek aufsetzen, zeigen demnach beispielsweise Ligaturen an. Dazu gehört unter anderem der Browser Firefox oder die Grafikprogramme Gimp und Inkscape (Abbildung 4 und 5). Mit diesen bringen Sie daher schon typographisch vorbildliche Zeichnungen zustande.

Abbildung 4: Dank Pango erzeugen Sie schon heute mit Gimp bei Texten perfekte Ligaturen.

Abbildung 4: Dank Pango erzeugen Sie schon heute mit Gimp bei Texten perfekte Ligaturen.

Abbildung 5: Mit Inkscape steht eine freie Vektorsoftware bereit, die ansatzweise die Vorzüge von Opentype unterstützt.

Abbildung 5: Mit Inkscape steht eine freie Vektorsoftware bereit, die ansatzweise die Vorzüge von Opentype unterstützt.

Nach langem Drängen arbeitet nun auch das OpenOffice-Team am Opentype-Support. Ähnlich sieht es bei der freien DTP-Software Scribus aus. Bis alle Anwendungen vollständig auf Opentype setzen, dauert es aber wohl noch eine Weile. Wer als Anwender nicht solange auf gute Typographie warten mag, aber auch nicht das Geld für teure Profisoftware ausgeben möchte (die in der Regel nicht Linux-tauglich ist), dem sei XeTeX [5] empfohlen. Der LaTeX-Interpreter beherrscht Unicode und versteht sich als einziges Open-Source-Projekt bislang auf alle Opentype-Raffinessen.

Für kurze Drucksachen holen Sie aber auch mit herkömmlichen Office-Paketen manuell noch etwas heraus, denn alle Sonderzeichen, die Opentype sonst für Sie einsetzen würde, erreichen Sie auch über die Zeichentabelle. Mit Suchen und Ersetzen tauschen Sie auf einfache Weise jedes f:*i gegen eine entsprechende Ligatur aus. Kapitälchen geben Sie simpel per Einfügen | Sonderzeichen ein. Je besser Sie als Anwender die typographischen Grundregeln beherrschen, desto besser nutzen Sie die Möglichkeiten von Opentype-Schriften. Das verhindert dann beispielsweise, dass Sie das Zollzeichen (") als Anführungszeichen benutzen. Eine kleine Einführung in die Grundlagen guter Typographie findet sich im Netz [6].

Fazit

Gute Typographie macht viel her, aber immer auch etwas Arbeit. Opentype ermöglicht vieles, was für Endanwender bislang unmöglich erschien, und vereinfacht den Rest erheblich. Wenngleich es nicht im Interesse der marktbeherrschenden Firmen liegt, dass professionelle Software jedem Anwender kostenlos bereit steht, desto mehr liegt dies im Interesse der Anwender und freien Projektentwickler. Open Source bietet in dieser Hinsicht eine Riesenchance.

Echte Kapitälchen und Indices

Großbuchstaben, die auf die Höhe von Kleinbuchstaben gebracht wurden, heißen Kapitälchen. Sie kommen zum Beispiel in wissenschaftlichen Texten zum Einsatz, um Autorennamen auszuzeichnen. Ansonsten eignen sie sich auch zum eleganten Hervorheben auf Titelseiten und in Überschriften.

Textverarbeitungen wie OpenOffice bieten für jede Schrift die Möglichkeit an, Kapitälchen zu setzen. Sie erzeugen diese über einfaches Herunterskalieren der Großbuchstaben. Solche Kapitälchen heißen jedoch falsche Kapitälchen. Abbildung 6 zeigt falsche, softwaregenerierte (oben) und echte, handgefertigte Kapitälchen (unten) am Beispiel der Schriftart Linux Libertine.

Abbildung 6: Kapitälchen ist nicht gleich Kapitälchen. Die oberen hat eine Applikation durch herunterskalieren generiert, die unteren liegen als eigene Glyphen vor.

Abbildung 6: Kapitälchen ist nicht gleich Kapitälchen. Die oberen hat eine Applikation durch herunterskalieren generiert, die unteren liegen als eigene Glyphen vor.

Beim einfachen Herunterskalieren geraten natürlich die Strichstärken der eigentlichen Großbuchstaben feiner. Deswegen wirken sie im Gesamtschriftbild zu leicht und drahtig. Haben die Schriftgestalter jedoch echte Kapitälchen angefertigt, weisen deren Konturen die selbe Stärke auf wie die Kleinbuchstaben.

Genau das gleiche Problem tritt bei hoch- und tiefgestellten Zahlen auf, wie sie bei Fußnoten, Indices oder ähnlichem vorkommen. Generiert die Software diese kleinen Zahlen durch einfaches Herunterskalieren, geraten ihre Konturen viel zu fein und gehen oftmals im Druck und beim Kopieren verloren. Bei Opentype-Schriften sucht ein fähiges Programm das korrekte Zeichen aus dem Zeichenpool heraus und setzt es ein.

Glossar

Font

Datei, die – häufig metrische – Informationen zu Buchstaben enthält. Im Deutschen kommt der Begriff sowohl für Schrift (“Font-Datei”) im allgemeinen als auch Schriftarten (“verschiedene Fonts”) zum Einsatz.

Ligaturen

Buchstabenverbindungen, welche die Typographen für solche Fälle geschaffen haben, bei denen zwei oder mehrere Buchstaben problematisch aufeinanderlaufen. Ein typisches Beispiel sind fi-Ligaturen. Der lange, überbordende Hals des “f” würde sich mit dem Punkt des “i” verhaken. Bei der fi-Ligatur ist das Problem dadurch gelöst, dass der Tropfen des “f” gleichzeitig der i-Punkt ist.

Infos

[1] Opentype-Spezifikation (Adobe): http://www.adobe.com/devnet/opentype

[2] Opentype-Spezifikation (Microsoft): http://www.microsoft.com/typography/otspec

[3] Opentype-Font Linux Libertine: http://linuxlibertine.sf.net

[4] XeTeX als Bestandteil der TeX-Live-Distribution: http://www.tug.org/texlive

[5] XeTeX-Workshop: “Weltsprache”, Daniel Stender, LinuxUser 11/2008, S. 76, http://www.linux-user.de/ausgabe/2008/11/076/

[6] Kurzportrait Typographie: http://www.zvisionwelt.de/typokurz.pdf

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