Der E-Mail-Client Betterbird will dank schnellerer Fehlerbereinigung und eigener Funktionen der bessere Thunderbird sein. Wir haben uns angeschaut, ob ihm das gelingt.
Mozillas Thunderbird erfreut sich mit 25 Millionen Anwendern großer Beliebtheit und ist zweifellos ein weitverbreiteter E-Mail-Client auf Open-Source-Basis. Weniger bekannt ist sein Verwandter Betterbird [1], ein sogenannter Soft Fork von Thunderbird. Er basiert zwar direkt auf Thunderbird und ist immer vollständig kompatibel, wird aber unabhängig entwickelt, enthält eigene Funktionen und bietet schnellere Fehlerbehebungen als das Original. Als Grundlage dienen die für gewöhnlich jedes Jahr im Frühsommer erscheinenden Extended-Support-Release-Versionen (ESR) von Thunderbird.

Abbildung 1: Die Bedienelemente auf der Oberfläche von Betterbird unterscheiden sich nicht von denen von Thunderbird.
Kürzlich kündigten die Thunderbird-Entwickler an, optional einige kostenpflichtige Dienste [2] anzubieten, um zur Finanzierung des Projekts beizutragen. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind und denken, die Verantwortlichen sollten besser die vielen gemeldeten Fehler beseitigen und von den Anwendern lange gewünschte Funktionalität nachrüsten, sollten Sie einen Blick auf die Alternative Betterbird werfen.
Seit 2021 kümmert sich der ehemalige Thunderbird-Betreuer und Release-Manager Jörg Knobloch (Abbildung 1) um den Soft Fork Betterbird (siehe Kasten “Interview mit Jörg Knobloch”). Nach zwei Jahren Mitwirkung als Community-Mitglied, arbeitete er ab 2016 fest angestellt für Thunderbird. Im Jahr 2020 wurde er vom Thunderbird-Council, dem gewählten Leitungsgremium des Projekts, ausgeschlossen und anschließend aus der Mozilla-Community verbannt. Er galt als unbequemer Kritiker des Managements, sein Ausschluss erfolgte aufgrund des nicht näher erläuterten Vorwurfs eines Richtlinienverstoßes. Das Council warf ihm einen nicht angemessenen Umgang mit den anderen Entwicklern und der Community vor.
Interview mit Jörg Knobloch
LinuxUser: Hallo Jörg. Erläutere unseren Lesern doch bitte kurz, wie die Entwicklung eines Soft Forks wie Betterbird abläuft.
Jörg Knobloch: Betterbird ist ein Fork von Thunderbird, also zunächst einmal eine Kopie, auf die wir rund 200 Patches anwenden. Abgesehen vom Branding lassen sich diese Patches in drei Kategorien einteilen: Betterbird-spezifische Features, selbst entwickelte Bug-Fixes sowie Bug-Fixes vom Thunderbird-Team, die dort erst in späteren Versionen veröffentlicht werden.
Um unseren Fork effektiv betreiben und das Basisprodukt wirklich verbessern zu können, brauchen wir jahrelange Erfahrung und ständige Beobachtung, um zu wissen, wo der Schuh drückt, teils schon seit über 20 Jahren, teils bei ganz aktuellen Problemen. Dafür werten wir alle verfügbaren Thunderbird-Quellen aus sowie einige Foren und Newsgruppen, und bekommen Meldungen über Github oder per E-Mail.
Ein Standbein unserer Arbeit ist also das Verwalten des Quellcodes und die laufende Anpassung an das sich ständig ändernde Basisprodukt. Das zweite ist die Ausarbeitung neuer eigener Lösungen. Das Team ist klein, ich bin das sprichwörtliche Mädchen für alles: Ich kümmere mich um Releases, die Website, Support-Anfragen und den Kontakt zu Spendern.
Es gibt Freiwillige, die Patches oder Übersetzungen beitragen oder sich um spezielle Plattformen kümmern, etwa Linux Flatpak, Arch Linux oder ein Linux-ARM64-Build. Auch Winget und Chocolatey unterstützt das Projekt. Das Tagesgeschäft ist sehr abwechslungsreich: Mal geht es um ein neues Feature oder einen nervigen Bug-Fix, an anderen Tagen um ein neues Release oder eines der genannten Themen.
LU: Thunderbird plant gerade eine Erweiterung seines Angebots und möchte sich als Dienstleistungsplattform aufstellen. Was hältst Du von diesem Schritt?
JK:Thunderbird war früher ein Community-Projekt für den Desktop-Client. Als dann 2016 die ersten Spendeneinnahmen kamen, die sich mittlerweile auf eine zweistellige Millionenhöhe belaufen, wurden einige Leute hellhörig, und das Projekt wird seit 2020 von der Firma MZLA kommerziell geführt.
Da verwundert es nicht, dass man sich vom eigentlichen Kernprodukt ablöst und nach neuen Märkten Ausschau hält. Zunächst wurde der Android-Mail-Client K-9 eingekauft, jetzt hat man auch ein Projekt für iOS aufgesetzt. Ich habe nichts gegen K-9 oder das Rebranding, aber mit dem Thunderbird-Desktop hat es nicht viel zu tun, genauso wenig wie die neuen Aktivitäten. Schauen wir uns die geplanten Produkte mal etwas genauer an.
Thunderbird Appointment sieht aus wie ein CalDAV-Server, ein Ersatz für NextCloud oder Google Calendar. Ich weiß nicht, ob man diesen Markt erschließen kann.
Thunderbird Send hingegen ist eine Neuauflage von Firefox Send. Es gibt aber schon einige File-Hosting-Angebote, die auch in Thunderbird und Betterbird eingebunden sind.
Thunderbird Assist wirkt noch nicht ganz klar. Sicher besteht für E-Mail auch ein Bedarf an KI, wie schon die Integration von Microsofts Copilot in MS Office und Outlook zeigt. Mal sehen, was das Angebot hier sein wird.
Hinter Thundermail steckt ein E-Mail-Hoster wie Fastmail. So etwas aufzusetzen ist nicht ganz einfach. Besser als Anbieter wie Fastmail zu werden und Benutzer zu überzeugen, von kostenlosen Angeboten wie Gmail, Hotmail/Outlook zu wechseln, fällt sicher nicht leicht.
Im Prinzip ist gegen zusätzliche Dienste nichts einzuwenden – solange darunter nicht das Kernprodukt leidet. Als Entwickler würde ich mir hier weniger Bugs, die wir zum Teil in Betterbird abfedern, und mehr Stabilität wünschen.
LU: Wir danken Dir für das Gespräch.
Die Details wurden nie veröffentlicht, was Knobloch [3] selbst als politisch motiviert bezeichnet. Seine Kritik am Entwicklungsprozess, der Fehlerbehebung und der mangelnden Geschwindigkeit beim Implementieren neuer Funktionen führte schließlich zum Soft Fork als Betterbird, den heute rund 100 000 Anwender nutzen.
Derzeit steht die Version 128.9.2esr-bb25 bereit, Release 140 soll bald folgen. Neue Veröffentlichungen von Betterbird finden meist wenige Tage nach dem Release von Thunderbird statt. Ob das Projekt allerdings den kürzlich eingeführten, an Firefox angelehnten monatlichen Veröffentlichungen von Thunderbird folgt, steht noch nicht fest.
Installation unter Linux
Betterbird läuft unter Linux, Mac OS und Windows. Unter Linux binden Sie das Programm auf unterschiedliche Arten ein, abhängig von der verwendeten Distribution und den eigenen Vorlieben. Bisher findet sich Betterbird nur in wenigen Nischendistributionen [4]. Die einzigen aktuellen Pakete bietet das AUR von Arch Linux und dessen Derivaten an. Stets aktuell ist dagegen das Flatpak, das Sie auf der Webseite von Flathub [5] oder über die Softwaremanager installieren.
Als Alternative gibt das Projekt ein Skript [6] heraus, das Betterbird aus den Quellen baut. Nicht zuletzt sei noch der Download des Betterbird-Archivs [7] von der Projektseite erwähnt. Falls Sie eine andere Sprache als Deutsch benötigen, laden Sie bei dieser Methode das passende Sprachpaket zusätzlich herunter. Lokalisierungen bietet das Projekt in den Sprachen Deutsch, Niederländisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Polnisch, Ukrainisch, Tschechisch, Türkisch und Japanisch an.
Um die Anwendung über ein Desktop-Icon zu starten, müssen Sie zunächst manuell eine Desktop-Datei erstellen. Sowohl das Flatpak als auch das Archiv müssen Sie selbst aktualisieren. Bei Flatpak lässt sich das über das Verwenden des Softwareshops von Gnome oder KDE Plasma oder über einen Systemd-Timer automatisieren.
Was Betterbird verbessert
Bei der Versionierung folgt Betterbird (Abbildung 2) dem Vorbild – momentan stehen beide bei 128.9 ESR. Die Betterbird Release Notes [8] zeigen die Änderungen, von denen das Projekt viele in der Hoffnung auf Implementierung an Thunderbird weiterreicht. Beide Anwendungen lassen sich gleichzeitig installieren und sogar mit demselben Profil nutzen.

Abbildung 2: Auch beim Einrichten eines E-Mail-Kontos sind keine Unterschiede zu bemerken. Der Anbieter wird automatisch erkannt und das Konto eingerichtet.
Das erlaubt einen guten Vergleich der Funktionalität und ermöglicht auf Wunsch einen problemlosen Wechsel. Der Großteil der Erweiterungen (Abbildung 3) von Thunderbird funktioniert auch in Betterbird. Auf den ersten Blick fallen beim optischen Auftritt des Soft Forks keine Unterschiede zum Vorbild auf. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Betterbird sich im System-Tray einnistet, sobald zumindest eine ungelesene Nachricht vorhanden ist. Beim Berühren mit dem Mauszeiger informiert die Anwendung, wie viele ungelesene E-Mails in welchem Postfach liegen.

Abbildung 3: Die meisten Erweiterungen und Themes von Thunderbird funktionieren in Betterbird ebenfalls. Hier ist eine Auswahl an empfohlenen Erweiterungen zu sehen.
Unter Fedora erscheinen neue E-Mails bereits im Anmeldemanager (Abbildung 4). Bei Thunderbird klappt das nur mit einer separaten Erweiterung. Ein vor 25 Jahren eröffneter Bug-Report zum Einführen dieser Funktion wurde vor neun Monaten geschlossen, bisher existiert die Funktion aber weder unter Debian mit KDE noch unter Fedora mit Gnome.

Abbildung 4: Bereits beim Einloggen in Fedora 42 zeigt Betterbird ungelesene E-Mails und die entsprechenden Konten an.
Betterbird liefert weitere Funktionen aus, die Thunderbird bislang fehlen. Dazu zählt die Möglichkeit, die horizontale Tab-Leiste in die Vertikale zu verlagern und somit mehr Platz in der Höhe zu gewinnen. Zudem lassen sich in Betterbird die Ordner und Unterordner des Posteingangs manuell direkt auf der Oberfläche per Drag & Drop sortieren. Bei Thunderbird benötigten Sie bis Version 115 ebenfalls eine Erweiterung, die nach Updates der Software häufig erst mit Verzögerung angepasst wurde. Seit Thunderbird 115 gibt es diese Erweiterung nicht mehr. Unter Ansicht | Fensterlayout schalten Sie nach Auswahl von Mehrzeilenansicht für alle Ordner auf eine zweizeilige Ansicht (Abbildung 5) der E-Mails im Posteingang um.

Abbildung 5: Im Menü aktivieren Sie auf Wunsch eine zweizeilige Ansicht der Mails in Ihrem Posteingang, in der die Inhalte besser zu erkennen sind, ohne die Mail zu öffnen.
Einige zusätzliche Verbesserungen von Betterbird betreffen die Suchfunktion. Dazu gehört das Verwenden regulärer Ausdrücke in der Suche. Des Weiteren bringt Betterbird eine Schnellsuche, eine Ordnersuche und Filter mit, die diakritische Zeichen ignorieren. Auch die Suche in PGP- und S/MIME-verschlüsselten Nachrichten zählt zum Leistungsumfang des E-Mail-Clients. Bei Thunderbird müssen Sie das erneut über eine Erweiterung nachrüsten.
Beim Start verzweigt Thunderbird immer in den zuletzt geöffneten Ordner, während Sie bei Betterbird den Start-Ordner selbst bestimmen. Beim Verfassen einer E-Mail können Sie in Betterbird eingefügte URLs öffnen, um sie auf Korrektheit zu überprüfen. In Thunderbird fristet dafür seit 2011 ein Bugreport [9] sein Dasein. Als der Wunsch nach Implementierung die Betterbird-Entwickler erreichte, stand die Funktion innerhalb von 24 Stunden zur Verfügung. Ebenfalls seit 2011 existiert ein anderer Bug-Report für Thunderbird, der die Möglichkeit der Deaktivierung eines IMAP-Kontos fordert, um beispielsweise zu Hause keine Fehlermeldungen wegen nicht erreichbarer Arbeitskonten zu erhalten – Betterbird bringt auch sie mit.
Fazit
Ist Betterbird der bessere Thunderbird? Nach unserem zugegebenermaßen nur eine Woche andauernden Test können wir das bejahen. Danach tauchte unweigerlich die Frage auf, warum Thunderbird selbstverständliche und nicht wirklich komplexe Funktionen wie das Sortieren von Ordnern oder eine zeitgemäße Suchfunktion vermissen lässt – obwohl Bug-Reports teilweise seit 20 Jahren die Funktionen fordern.
Warum Betterbird mit seinen eingeschränkten Ressourcen Fehler schneller beheben kann als ein Unternehmen, das bereits im Jahr 2022 24 Entwickler beschäftigte und dessen Spendeneinnahmen von 6,5 Millionen US-Dollar im Jahr 2022 auf 8,6 Millionen im Folgejahr stiegen, können wir nicht beantworten.
Ein Vorteil von Thunderbird besteht jedoch in der kürzlich veröffentlichten neuen Android-Version, eine für iOS befindet sich momentan in der Entwicklung. Hier kann Betterbird nicht mithalten, dazu fehlen Entwickler und finanzielle Mittel. Wir konnten während unseres Tests keine Fehler in Betterbird feststellen, das Verwenden im Alltag klappte einwandfrei. Ein FAQ-Abschnitt auf der Webseite klärt häufig gestellte Fragen. Ausführliche Unterstützung bei Fehlern erhalten Sie ebenfalls über die Webseite. (tle)
Infos
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Betterbird Projektseite: https://www.betterbird.eu
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Kostenpflichtige Thunderbird-Dienste: https://linuxnews.de/thunderbird-kuendigt-weitere-dienste-an/
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Ausschluss von Jörg Knobloch aus Thunderbird: https://www.betterbird.eu/faq/former.html
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Betterbird Verfügbarkeit: https://repology.org/project/betterbird/versions
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Betterbird bei Flathub: https://flathub.org/apps/eu.betterbird.Betterbird
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Skript zum Bauen von Betterbird aus den Quellen: https://github.com/Betterbird/thunderbird-patches/tree/main/install-on-linux
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Betterbird herunterladen: https://www.betterbird.eu/downloads/index.php
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Betterbird Release Notes: https://www.betterbird.eu/releasenotes/index.html
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Thunderbird Burgreport – Links öffnen: https://bugzilla.mozilla.org/show_bug.cgi?id=695142






