Programmieren mit Unterstützung von KI-Assistenten

Aus LinuxUser 05/2025

Programmieren mit Unterstützung von KI-Assistenten

© Kittipong Jirasukhanont / 123RF.com

Nützliche Helfer

Unser Autor, ein erfahrener Java-Entwickler, hat geprüft, ob und wie weit ihn künstliche Intelligenz bei der Programmierung unterstützen kann.

Im November 2022 erwachte eine bis dahin unbekannte Software zum Leben: Der KI-Assistent ChatGPT (https://openai.com) schüttelte die IT-Welt ordentlich durch. Ein paar Tage später machten mich die ersten begeisterten Azubis auf das Thema aufmerksam, in den Weihnachtsferien beschäftigte ich mich dann erstmals näher mit dem zu diesem Zeitpunkt hoffnungslos überlasteten Tool. Basierend auf den damaligen Erfahrungen habe ich für diesen Artikel die aktuelle Version von ChatGPT in Hinblick auf Programmierung und Softwareentwicklung erneut getestet.

Programmieren mit KI

Wie immer, wenn es um das Programmieren geht, steigen wir mit einem einfachen Hello-World-Beispiel ein (Abbildung 1). Diese Aufgabe erledigte die KI in wenigen Augenblicken; eine Suche mit Google hätte erheblich länger gedauert.

Abbildung 1: Einen Java-Codeschnipsel, der "Hello World" ausgibt, schüttelt ChatGPT erwartungsgemäß in Sekundenbruchteilen aus dem Ärmel.

Abbildung 1: Einen Java-Codeschnipsel, der “Hello World” ausgibt, schüttelt ChatGPT erwartungsgemäß in Sekundenbruchteilen aus dem Ärmel.

Im nächsten Anlauf versuchte ich, die KI mit einem Klassiker aufs Glatteis zu führen: “Wie funktioniert die Zeigerarithmetik in Java?” Der Kollege am Nachbartisch hätte da sicher mit “Was ist das für ‘ne blöde Frage?” geantwortet und mit den Augen gerollt. ChatGPT erklärte freundlich, aber bestimmt, dass es so etwas in Java nicht gibt. Auch den beliebten String-Vergleichsfehler, der sich manchmal tatsächlich auch in produktivem Code findet, erkannte ChatGPT direkt richtig.

Nach etlichen Versuchen musste ich zugeben: ChatGPT konnte alle Fragen rund um Java-Coding sauber beantworten. Dazu muss man sagen, dass es sich bei Java um eine häufig verwendete Sprache handelt und es entsprechend sehr viele Quellen im Netz gibt, die sicherlich mit in die Trainingsdaten einflossen.

Bei weniger konventionellen Anfragen sehen die Ergebnisse oft ganz anders aus. Als ChatGPT noch jung war, stellte ich beispielsweise folgende Frage: “Ich habe an einem ESP32 ein Display angeschlossen und möchte darauf mit MicroPython ein Dreieck zeichnen.” Die damaligen Antworten fielen vollkommen unbrauchbar aus. Der Assistent verstand offensichtlich selbst nach etlichen Nachfragen und Erklärungen nicht, was ein Mikrocontroller ist und wie man ihn verwendet. Die Zeiten ändern sich: Mit der Antwort aus der aktuellen ChatGPT-Version lässt sich arbeiten. Abbildung 2 zeigt, dass die KI obendrein erklärt, wie genau man die Hardware anschließen muss. Selbst ein Anfänger könnte mit dieser Anleitung sein Projekt aufbauen.

Abbildung 2: ChatGPT erklärt einsteigertauglich, wie Sie einen Bildschirm an einen ESP32-Mikrocontroller anschließen. Quelle: Martin Mohr

Abbildung 2: ChatGPT erklärt einsteigertauglich, wie Sie einen Bildschirm an einen ESP32-Mikrocontroller anschließen. Quelle: Martin Mohr

In den Anfangszeiten des Assistenten richtete ein Berufsschüler die folgende Frage an die KI: “Ich benötige für eine Datenbank 1000 Testeinträge.” Die Antwort bestand damals aus einem extrem kryptischen SQL-Statement ohne jegliche Erklärung dazu. Die kohlenstoffbasierte Lebensform Lehrer musste die KI-Antwort Azubi-kompatibel erklären. Die Antwort der KI auf dieselbe Frage fällt heute erheblich praxisbezogener aus (Abbildung 3). Sie vermuten es sicher schon: Als der Assistent genau wusste, wohin die Reise gehen sollte, lieferte er auch eine adäquate Antwort.

Abbildung 3: Bei Unklarheiten fragt ChatGPT durchaus nach, bevor es unpassende Ergebnisse liefert. Quelle: Martin Mohr

Abbildung 3: Bei Unklarheiten fragt ChatGPT durchaus nach, bevor es unpassende Ergebnisse liefert. Quelle: Martin Mohr

Es überrascht, wie viel besser als frühere Iterationen die aktuelle Version von ChatGPT auf Wissens- und Verständnisfragen aus dem IT-Bereich antwortet. Bei Problemen rund um das Coding sind KI-Assistenten mittlerweile richtig gut geworden und können das Entwicklungstempo erheblich erhöhen.

Softwareentwicklung

Ein KI-Assistent kann also eine hervorragende Hilfe beim Programmieren darstellen. Werden deshalb jetzt alle Softwareentwickler arbeitslos? Tendenziell eher nein, denn Softwareentwicklung ist tatsächlich mehr als nur einfaches Programmieren. Sie beginnt bereits mit der Anforderungsanalyse beim Kunden. Das ist ein Part, den Assistenten nur schwer erledigen können.

Momentan arbeiten alle LLM-basierten KIs in erster Linie reaktiv. Bei der Anforderungsanalyse muss der Entwickler den Kunden so lange mit Fragen nerven, bis der genau weiß, was er eigentlich haben möchte. Es ist tatsächlich oft so, dass der Kunde erst in diesen Gesprächen ein klares Bild seiner eigenen Anforderungen gewinnt. Da kann eine KI nicht mithalten.

Ein weiterer Punkt betrifft das Testen von Software, das verhindern soll, dass bei den Anwendern Fehler auftreten. Ich lehne mich hier aus dem Fenster und behaupte, dass kein KI-Testprogramm auf derart verrückte Ideen kommt wie ein müder Anwender am Montagmorgen. Anwendungen werden von Menschen bedient, nicht von Maschinen.

Auf den spannenden Part der Softwareentwicklung folgt im Lebenszyklus von Anwendungen der schnöde Betrieb. Dabei kann wirklich viel schiefgehen. Viele Fehler lassen sich mit einfachen Skripten bereinigen, wobei eine KI durchaus gute Dienste leisten könnte. Tritt aber ein vollkommen neuer Fehler auf, ist die Chance recht hoch, dass eine KI genau dieses Problem nicht in ihrer Datenbasis hat. Sie wird sicher versuchen, eine Lösung zu generieren, es erscheint aber fraglich, ob das wirklich zielführend geschieht. Nicht zuletzt geht es hier darum, wer am Ende des Tages die Verantwortung für einen finanziellen Verlust tragen soll – die KI übernimmt das sicher nicht.

Bis zu einem bestimmten Level bietet KI eine gute Unterstützung bei der Softwareentwicklung. Es ist aber immer wichtig, zu verstehen, was der Generator liefert und ob die KI-Lösung unmodifiziert in die vorhandene Landschaft passt. Ich glaube nicht, dass künstliche Intelligenz einen erfahrenen Softwareentwickler ersetzen kann. Sie ergänzt lediglich unseren Werkzeugkasten und verändert die Arbeit ein wenig. Obendrein muss ja jemand die KI-Systeme aufbauen, trainieren und betreiben. Erst wenn eine KI das selbst übernehmen kann, fange ich an, mir Sorgen zu machen.

Fazit

KI-Assistenten sind ein spannendes Thema, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt. Sie bieten eine erheblich smartere Schnittstelle zur Wissenserlangung als Suchmaschinen. Die rasante Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz dürfte uns noch viele spannende Erfahrungen bescheren. Klar: Wo Licht ist, gibt es auch Schatten – doch das ist bei jeder technischen Revolution so. (tle/jlu)

Der Autor

Martin Mohr hat die komplette Entwicklung der modernen Computertechnik live miterlebt. Nach dem Studium entwickelte er überwiegend Java-Applikationen. Mit dem Raspberry Pi erwachte seine alte Liebe zur Elektronik wieder.

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