Neues in Plasma 6

Aus LinuxUser 03/2024

Neues in Plasma 6

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Boxenstopp

Mit Plasma 6 erscheint Ende Februar nach fast zehn Jahren eine mit Spannung erwartete neue Hauptversion des KDE-Desktops.

In regelmäßigen Abständen steigen die Entwickler des KDE-Plasma-Desktops auf eine neue Version des zugrunde liegenden Qt-Frameworks um. Zuletzt geschah das am 15. Juli 2014 mit dem Wechsel zu Plasma 5 [1]. Diese Inkarnation kam mittlerweile bei der letzten Version 5.27.10 LTS an. In LU 08/2021 beschrieb der Artikel “Ein langer Weg” die Geschichte des KDE-Projekts bis hin zu Plasma 5. Jetzt sehen wir uns an, was Plasma 6 in Zukunft bietet.

Ende 2020 erschien mit Qt 6.0 [2] eine neue Hauptversion des GUI-Toolkits. Kurz darauf begannen die KDE-Entwickler mit dem Anpassen des Plasma-Desktops an die neue Qt-Version, die derzeit bei Version 6.6 steht. Im März 2023 stellten die Entwickler dann in Git die Weichen des Master-Zweigs von KDE Plasma auf Qt 6 um.

Zeitplan

Am 28. Februar 2024 soll es so weit sein und Plasma 6 in stabiler Version erscheinen [3]. Dem voraus gingen am 8. November 2023 eine Alpha-Version, gefolgt von zwei Beta-Releases am 29. November und 20. Dezember desselben Jahrs. Am 10. Januar 2024 erblickte der erste Veröffentlichungskandidat (RC1) das Licht der Welt, ein weiterer am 31. Januar. Anders als beim Erscheinen von Plasma 5 werden am 28. Februar gleichzeitig der Desktop KDE Plasma, die Bibliotheken der KDE Frameworks und mehr als 120 KDE-Apps aus KDE Gear (ehemals KDE Applications) veröffentlicht. Deshalb sprechen die Entwickler auch von einem Mega-Release.

Zur Drucklegung dieses Artikels Ende Januar gab es zwar bereits einen RC1, er stand jedoch in KDE Neon noch nicht zur Verfügung. Wir haben den Desktop deshalb auf der Basis von Fedora “Rawhide” gebaut. Üblicherweise entsprechen Betas zumindest in den Grundfunktionen der späteren stabilen Versionen, was bei Plasma 6 aber nicht durchgehend der Fall ist. So war am 12. Januar 2024 das Home-Verzeichnis von Plasma 6 noch leer. Auch an einigen anderen Stellen haperte es noch. Es ergibt sich dennoch ein runder Eindruck, der kaum etwas vermissen lässt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die zweite Beta-Version von Plasma 6 ließ noch einiges an geplanten Funktionen vermissen. Das trieb die verbleibenden Fehlermeldungen Ende Dezember auf rund 250.

Abbildung 1: Die zweite Beta-Version von Plasma 6 ließ noch einiges an geplanten Funktionen vermissen. Das trieb die verbleibenden Fehlermeldungen Ende Dezember auf rund 250.

Was wir nicht wissen

Über das Design des ersten Wallpapers für Plasma 6 lässt sich noch nicht abschließend urteilen. Es gab im Vorfeld einen Wallpaper-Wettbewerb; Anfang Dezember 2023 wurden sechs Finalisten gekürt, ohne dass bisher ein Sieger feststeht [4]. Was das Standard-Theme angeht, so fiel die Wahl wieder auf Breeze, allerdings in modernisierter Form (Abbildung 2).

Abbildung 2: Breeze stellt mit drei Varianten bei Plasma 6 weiterhin das Theme. Nach der Überarbeitung wirkt es etwas runder als zuvor.

Abbildung 2: Breeze stellt mit drei Varianten bei Plasma 6 weiterhin das Theme. Nach der Überarbeitung wirkt es etwas runder als zuvor.

Insgesamt wirkt das Theme etwas runder als zuvor. Für ein einheitlicheres Aussehen folgen in Plasma 6 alle Icons in den Anwendungen und in Plasma selbst einem systemweiten Icon-Theme statt wie bisher dem gewählten Plasma-Stil. Damit sich aktive Fenster besser erkennen lassen, erscheint der Kopfbereich des Arbeitsfensters in der eingestellten Akzentfarbe (Abbildung 3).

Abbildung 3: Akzentfarben wurden bereits mit Plasma 5.23 eingeführt. Jetzt verhelfen sie in Fenstertiteln und bei hervorgehobenen Texten zu besserer Sichtbarkeit.

Abbildung 3: Akzentfarben wurden bereits mit Plasma 5.23 eingeführt. Jetzt verhelfen sie in Fenstertiteln und bei hervorgehobenen Texten zu besserer Sichtbarkeit.

Erst kürzlich wurde vorgeschlagen, mit Plasma 6 ein neues Logo einzuführen; die Diskussion dazu läuft aktuell noch [5].

Was wir wissen

KDE Plasma 6 bricht mit einigen Traditionen und nutzt die Chance, um diverse Standards zu ändern. Ein Wechsel, der vielen Anwendern sofort auffallen dürfte, betrifft das Klickverhalten. Anstelle des standardmäßigen Einzelklicks zum Öffnen von Dateien und Ordnern kommt jetzt der Doppelklick zum Zug. Distributionen wie Kubuntu, Fedora KDE und Manjaro handhaben das bereits länger so. Die Änderung wurde intern lange diskutiert, sie soll Umsteigern von anderen Systemen von Beginn an ein vertrautes Verhalten bieten. Wie fast alles bei KDE lässt sich aber auch diese Einstellung schnell ändern (Abbildung 4).

Abbildung 4: Plasma 6 verwendet den Doppelklick als Standardaktion zum Öffnen von Verzeichnissen und Dateien. Das Verhalten lässt sich aber bei Bedarf wieder ändern.

Abbildung 4: Plasma 6 verwendet den Doppelklick als Standardaktion zum Öffnen von Verzeichnissen und Dateien. Das Verhalten lässt sich aber bei Bedarf wieder ändern.

Eine weitere, tiefgreifende Änderung fällt zunächst kaum auf: die Umstellung von X11 auf das Wayland-Protokoll als Standardsitzung. X11 wurde vor 40 Jahren konzipiert und gilt an vielen Stellen als nicht mehr zeitgemäß, besonders in Sachen Sicherheit. Wayland strebt an, X11 abzulösen, weswegen die Entscheidung der KDE-Entwickler folgerichtig erscheint. Sie brachte Wayland zudem einen enormen Entwicklungsschub, um noch bestehende Lücken bei der Unterstützung in Plasma zu schließen.

Es wird auch nach dem Release vermutlich Grenzfälle geben, etwa beim Screen Recording oder bei der Unterstützung älterer proprietärer Nvidia-Treiber. Die zu erwartende weitere Verbreitung nach der Veröffentlichung von Plasma 6 lässt jedoch auf eine schnelle Behebung hoffen. Während X11 für bestimmte Anwendungsfälle weiterhin zur Verfügung steht, wird Wayland für die meisten Plasma-Benutzer die erste Wahl sein und zusammen mit Pipewire und XDG Desktop Portal [6] Innovation und Leistung in Linux vorantreiben.

Evolution statt Revolution

Die Bedienleiste am unteren Bildschirmrand lässt sich bereits seit Plasma 5.25 schwebend einstellen. Das erheben die Entwickler in Plasma 6 jetzt zum Standard: Das Panel lässt sich mittig verankern und nimmt nur den Platz ein, den die jeweils enthaltenen Elemente benötigen. Der Schwebezustand beendet sich, wenn ein Fenster die Leiste berührt oder maximiert wird. Wichtiger ist aber der neu entworfene Bearbeitungsmodus für die Leiste. Anders als beim für Bedienfehler prädestinierten Vorgänger lässt sich die Leiste auch von Neueinsteigern problemlos einrichten (Abbildung 5).

Abbildung 5: Die Konfiguration der Bedienleiste war in Plasma 5 recht fehlerträchtig, besonders beim ersten Mal. Mit Plasma 6 kommt jetzt eine übersichtliche Einstellungsseite zum Zug.

Abbildung 5: Die Konfiguration der Bedienleiste war in Plasma 5 recht fehlerträchtig, besonders beim ersten Mal. Mit Plasma 6 kommt jetzt eine übersichtliche Einstellungsseite zum Zug.

Auch den Anwendungsumschalter [Alt]+[Tab] wertet die neue Standarddarstellung auf. Statt des bisher verwendeten Breeze-Designs, das im Anwendungsumschalter auf größeren Bildschirmen keine ergonomische Darstellung der offenen Anwendungen bietet, kommt das Thumbnail Grid zum Einsatz. In den Systemeinstellungen haben Sie unter Fensterverwaltung | Anwendungsumschalter aber auch weiterhin die Wahl zwischen weiteren Umschaltern.

Eine der Komponenten, die 2023 neben der Softwareverwaltung Discover kontinuierlich aufgewertet wurden, betrifft die Systemeinstellungen. Plasma 6 sortiert die Reiter in der Seitenleiste neu, mit dem Menüpunkt Hintergrundbild kommt ein lange vermisster Eintrag hinzu. Er erlaubt das einfache Zuteilen verschiedener Wallpaper in Multi-Display-Umgebungen und in den genutzten Aktivitäten (Abbildung 6).

Abbildung 6: Unterschiedliche Hintergrundbilder lassen sich mit Plasma 6 in den Systemeinstellungen auch für mehrere Monitore setzen.

Abbildung 6: Unterschiedliche Hintergrundbilder lassen sich mit Plasma 6 in den Systemeinstellungen auch für mehrere Monitore setzen.

Ebenfalls aufgewertet wurde an derselben Stelle die Nachtfarbensteuerung mit einer grafischen Repräsentation der aktiven und inaktiven Zeiten sowie den Intervallen dazwischen (Abbildung 7). Eine Einstellung, die es zunächst in Systemeinstellungen | Arbeitsflächen-Effekte | Shake Cursor zu aktivieren gilt, hilft bei großen Monitoren beim Finden des Mauspfeils durch schnelles Bewegen der Maus. Das funktioniert bislang aber mit Trackballs noch nicht.

Abbildung 7: Die Seite zur Konfiguration der Nachtfarbensteuerung in den Systemeinstellungen wurde um einige Elemente erweitert.

Abbildung 7: Die Seite zur Konfiguration der Nachtfarbensteuerung in den Systemeinstellungen wurde um einige Elemente erweitert.

Die Anzahl der verfügbaren Effekte in den Systemeinstellungen wurde in den letzten Jahren zugunsten der Arbeitseffektivität und der Benutzerfreundlichkeit konsequent reduziert. Der Schlankheitskur fielen dabei Showeffekte wie die wabernden oder zersplitternden Fenster sowie der Arbeitsflächenwürfel zum Opfer. Letzterer erlebt mit Plasma 6 eine Wiederauferstehung (Abbildung 8). Um an den sinnfreien, aber besser als früher aussehenden Würfel zu kommen, müssen Sie vorher mindestens drei virtuelle Arbeitsflächen einrichten.

Abbildung 8: Sinnfrei, aber hübsch: Der Arbeitsflächenwürfel als Umschalteffekt ist wieder zurück.

Abbildung 8: Sinnfrei, aber hübsch: Der Arbeitsflächenwürfel als Umschalteffekt ist wieder zurück.

KWin gewinnt

KWin erfuhr bereits vor einiger Zeit eine Verbesserung der integrierten Tiling-Funktion. Mit Plasma 6 kümmert sich der KDE-Fenstermanager nun auch um die Gamer, denen er auf unterstützten Displays jetzt HDR-Unterstützung anbietet. Darüber hinaus erhalten Kreative dort unter Wayland die lange vermisste Unterstützung für ICC-Profile mit Farbmanagement [7]. Dank einer neuen Implementierung des XDG Desktop Portals lässt sich bei Screencasts nun anstatt des gesamten Bildschirms auch ein rechteckiger Ausschnitt des Bildschirms aufnehmen.

Was fehlt

Die Veröffentlichung einer neuen Hauptversion ist der perfekte Zeitpunkt, alte Zöpfe abzuschneiden. So entfernten die Entwickler für Plasma 6 einige nicht mehr gepflegte Funktionen.

Die Liste beginnt mit KHotkeys zum Definieren von Mausgesten und Tastenkombinationen. Zwei Gründe führten zur Entfernung der Funktion: Das Tool wird schon lange nicht mehr adäquat gepflegt und hatte nach Plasma 5.27 keinen Betreuer mehr. Zudem funktioniert es unter Wayland nicht wie erwartet, sodass es in Wayland-Sitzungen unter Plasma 5.27 bereits jetzt nicht mehr im Repertoire erscheint. Als teilweiser Ersatz springt KGlobalAccel ein, das Plasma bereits seit Längerem parallel zu KHotkeys mitbrachte. Damit lassen sich zwar Tastaturkürzel definieren, aber keine Mausgesten. Sie finden es in den Systemeinstellungen unter Eingabegeräte | Tastatur.

KDE ist bekannt für seine fast unbegrenzten Konfigurationsmöglichkeiten. So konnten Sie zuletzt auf nicht weniger als sieben verschiedenen Wegen die Bildschirmauflösung verändern. Um das zu vereinfachen, entfernten die Entwickler nun zwei dieser Wege. Das soll Anwendern helfen, unterstützte und besser funktionierende Wege zur Skalierung ihrer Systeme zu nutzen.

Viele Plasma-Benutzer sind es gewohnt, ihre Desktops visuell zu aktualisieren, indem sie sich auf den dynamischen Wechsel der Hintergrundbilder durch Unsplash verlassen. Diese Option gibt es nun nicht mehr, da die Nutzungsbedingungen von Unsplash geändert wurden, um automatisierte Datenabfragen für KI-Trainingsmodelle zu bekämpfen. Weitere nicht mehr verfügbare Funktionen erläutert ein Beitrag von KDE-Entwickler Nate Graham, dessen Blog im Übrigen wöchentlich die neuesten Entwicklungen bei Plasma 6 vorstellt [8].

Release-Zyklus

Die Veröffentlichung von drei großen Plasma-Versionen pro Jahr ließ in der Vergangenheit oft nicht genug Zeit für eine angemessene Qualitätssicherung und Fehlerbehebung. Zudem fallen die Termine ein wenig aus dem Rahmen, den Distributionen wie Ubuntu und Fedora oder konkurrierende Desktop-Umgebungen mit zwei Veröffentlichungen im Frühjahr und Herbst für sich stecken. Das führte regelmäßig zu Distributionsveröffentlichungen, die eine sechs Monate alte Version von Plasma enthielten. Die Entwicklung von drei neuen Hintergrundbildern pro Jahr stellte zudem eine große Herausforderung für KDEs Visual Design Group (VDG) dar.

Um diese Probleme zu beseitigen, gibt es künftig nur noch zwei Plasma-Versionen pro Jahr: im März und im September. Mit der dadurch frei werdenden Zeit verlängern die Entwickler die Beta-Phase auf jeweils sechs Wochen, während derer jede Woche eine Aktualisierung erscheint.

Fazit

KDE Plasma ist zusammen mit Gnome eine der beiden großen Desktop-Umgebungen unter Linux. Oft wegen zu vieler Konfigurationsmöglichkeiten gescholten, erleichtert Plasma aber zweifellos den Umstieg von Windows oder Mac OS, da es sich gleich nach der Installation auch ohne viel Konfiguration gut nutzen lässt. Diesem Muster folgt auch Plasma 6, indem es konservativ renoviert und sinnvolle Vorgaben umsetzt. Mit der Umstellung auf Wayland und der gelungenen Einbindung von Flatpak lässt das Release aber auch die Zukunft nicht aus den Augen.

Der Entwicklungsstand Ende Januar deutete auf eine pünktliche Veröffentlichung am 28. Februar und einen nahtlosen Übergang von Plasma 5 hin. Wir wünschen dem KDE-Projekt ein gutes Gelingen und freuen uns auf die stabile Version. (tle)

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