Notizverwaltung Anytype im Test

Aus LinuxUser 12/2023

Notizverwaltung Anytype im Test

© mylisa / 123RF.com

Alleskönner

Anytype verspricht viel und setzt seine Vision auch um. Die Möglichkeiten, Daten zu präsentieren, zu kategorisieren und zu verbinden, klingen zunächst überwältigend.

Wenn sich eine Anwendung auf ihrer Webseite als “die App für alles” vorstellt, macht das einerseits neugierig, andererseits weckt die Aussage gehörige Zweifel [1]. Die anfängliche Neugier zu befriedigen ist dann auch nicht ganz einfach, denn die Webseite quillt vor Informationen über, ohne dass ein klar erkennbarer roter Faden von Anfang an deutlich macht, worum es konkret geht.

Erst nach längerem Studium der Webseite wird klar, dass Anytype unser digitales Leben besser organisieren möchte. Es handelt sich sozusagen um eine Notiz-App auf Steroiden. Die Software erlaubt es, Aufgaben, Notizen, Ideen, Dokumente, Arbeitsabläufe und vieles mehr zu erstellen und miteinander zu verbinden. Die Open-Source-lizenzierte Software stammt von der in der Schweiz beheimateten Any Association, die Entwicklung findet aber hauptsächlich in Berlin und Lissabon statt.

Das ideale Internet

Der Antrieb zur Entwicklung von Anytype entstand aus der Erkenntnis, dass der Schutz der Privatsphäre und der digitalen Freiheiten heute im Netz und bei einem Großteil der verfügbaren Software kaum noch einen Stellenwert hat. Die langfristige Vision: Anytype soll eine großangelegte Zusammenarbeit ermöglichen, um ein globales Repository für vernetztes Wissen zu schaffen. Es geht darum, autonome, vertrauenswürdige Strukturen aufzubauen – in etwa das Internet im Kleinformat, so wie es idealerweise hätte werden können. Ein hehres Ziel.

Die Entwickler behaupten, dass Profit nicht im Vordergrund steht, auch wenn Anytype nach Abschluss der Beta-Phase vermutlich kostenpflichtig wird, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Der Anwender soll aber nur bezahlen, was er auch tatsächlich nutzt. Eine Grundsatzerklärung [2] und ein Manifest [3] erläutern ausführlich die dahinterstehenden Ideen, wobei so viel Ideologie manch potenziellen Anwender auch abschrecken könnte. Doch davon ließen wir uns nicht abhalten.

Offline oder P2P?

Soviel zur grundsätzlichen Ausrichtung des Projekts – aber was lässt sich praktisch mit Anytype anfangen? Es dient zunächst einmal als lokales Werkzeug, das sich optional in ein Peer-to-Peer-Netz einbinden lässt. Laut der Webseite eignet sich das Programm für eine Vielzahl von Einsatzszenarien, unter anderem für das Projektmanagement, das Speichern von Dokumenten, für tägliche Notizen und das Verwalten von Aufgaben, als Wissensdatenbank und als persönliche CRM-Software. Anytype steht derzeit in Version 0.3.5.2 für Linux, MacOS und Windows bereit, Apps für Android und iOS gehören ebenfalls zum Angebot. Eine Browser-Version gibt es aus Sicherheitsgründen nicht.

Wenn Anytype Sie vom ersten Eindruck her anspricht, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass die Lernkurve aufgrund der Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten relativ steil ausfällt. Sehen wir uns also an, wie all das unter einen Hut passt.

Installation

Unter Linux richten Sie die Software über ein DEB-, RPM- oder Snap-Paket ein, alternativ gibt es noch ein Appimage. Darüber hinaus finden Sie Anytype in AUR von Arch Linux und als Nix-Paket. Wir testeten die Anwendung zunächst mit einem Appimage, aber auch die Installation per DEB funktionierte einwandfrei.

Anytype baut auf dem Electron-Framework auf, was dazu führt, dass selbst das Debian-Paket mit rund 250 MByte recht groß ausfällt. Installiert wird in /opt anstatt in /usr/local. Das Arbeitsverzeichnis finden Sie unter ~/.config/anytype. Das Einloggen bei Android erleichtert ein QR-Code, den Sie auf dem Desktop unter Einstellungen | Wiederherstellungsphrase finden.

Nach der Installation gilt es, einen Account einzurichten. Dazu wird zunächst lokal die aus zwölf Worten bestehende Recovery Phrase erstellt, die Sie künftig zum Anmelden eingeben müssen. Geht diese Phrase verloren, können Sie sich nicht mehr anmelden. Daher speichern Sie sie am besten in einem Passwortmanager und drucken sie zusätzlich aus. Nach dem Einrichten der Software geben Sie alternativ eine sechsstellige PIN zum Anmelden ein.

Danach entscheiden Sie, ob Sie Ihr Konto offline führen möchten oder ob es eine Internet-Verbindung erhalten soll. Letztere benötigen Sie, um die in Anytype verwalteten Daten mit anderen Geräten in Ihrem Netzwerk zu synchronisieren oder im P2P-Netzwerk von Anytype als Backup abzulegen. In jedem Fall sind die Daten Ende-zu-Ende verschlüsselt und landen auch niemals auf den Servern der Any Association. Als Protokoll kommt das auch bei der Wikipedia genutzte verteilte Dateisystem IPFS (Interplanetary File System [4]) zum Einsatz.

Templates

Sie können beim weiteren Einrichten eine Vorlage wählen. Wir finden es jedoch praktischer, diesen Schritt zunächst zu überspringen. Danach öffnet sich Ihre persönliche Homepage. Dort klicken Sie zunächst auf den roten Punkt unten in der Mitte, hinter dem sich die Einstellungen verbergen. Darin stellen Sie zunächst den Standardobjekttyp ein. In der Voreinstellung ist das Note, zur Auswahl stehen daneben Book, Bookmark, Human, Page und Task.

Hier zeigt sich eine derzeit noch vorhandene Schwäche von Anytype: Die Lokalisierung ins Deutsche ist noch unvollständig, auch wenn Sie Deutsch als Sprache der Bedienoberfläche einstellen. Erfahrungsgemäß wirkt eine rein deutsche oder ausschließlich englische Lokalisierung weniger störend. Beim Aktivieren der Rechtschreibprüfung lassen sich beliebig viele Sprachen anhaken (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nach der Installation individualisieren Sie das System mithilfe von Vorlagen. Dieser Punkt lässt sich überspringen, danach stehen noch mehr Vorlagen bereit.

Abbildung 1: Nach der Installation individualisieren Sie das System mithilfe von Vorlagen. Dieser Punkt lässt sich überspringen, danach stehen noch mehr Vorlagen bereit.

Über Darstellung in der Seitenleiste wählen Sie einen hellen oder dunklen Farbmodus aus. Darunter findet sich die bereits erwähnte Einstellung für den Pin Code, um das Anmelden an der App zu vereinfachen. Unter Dateiverwaltung lassen sich zum Einsparen von lokalem Festplattenplatz alle in Anytype erstellten Inhalte verschlüsselt auf die Backup-Knoten des P2P-Netzwerks auslagern (Abbildung 2). Der verfügbare Platz beschränkt sich dabei auf 1 GByte. Die Dateien lädt die Software beim Öffnen dann wieder herunter. Zudem lässt sich hier das Konto löschen. Der letzte Punkt der Einstellungen betrifft die Wiederherstellungsphrase und die Anmeldung auf mobilen Geräten per QR-Code.

Abbildung 2: Die eingestellten Daten lassen sich platzsparend Ende-zu-Ende-verschlüsselt auf einem Backup-Knoten im P2P-Netzwerk ablegen.

Abbildung 2: Die eingestellten Daten lassen sich platzsparend Ende-zu-Ende-verschlüsselt auf einem Backup-Knoten im P2P-Netzwerk ablegen.

Ihr Space

Um die Seitenleiste zu öffnen, klicken Sie in der Startseite links oben auf das Icon, das Ihren internen Space darstellt (Abbildung 3). Dieser Begriff umfasst alle Inhalte, deren Beziehungen untereinander sowie die Konfiguration. Die Seitenleiste stellt eine Zeitachse Ihrer letzten Interaktionen mit Anytype dar und setzt sich aus editierbaren Widgets zusammen.

Abbildung 3: Der eigene Space verwaltet alle in Anytype eingestellten Daten, Inhalte, deren Beziehungen untereinander und die Konfiguration.

Abbildung 3: Der eigene Space verwaltet alle in Anytype eingestellten Daten, Inhalte, deren Beziehungen untereinander und die Konfiguration.

In den Einstellungen zu Ihrem Space am oberen Ende importieren oder exportieren Sie Inhalte, aktuell in den Formaten Markdown, HTML, TXT und CSV. Zusätzlich können Sie Daten aus der Notiz-App Notion importieren. Importierte Daten erscheinen mit der entsprechenden Formatbezeichnung in der Seitenleiste in der Rubrik Favoriten sowie mit dem Dateinamen unter Zuletzt bearbeitet. Alle eingestellten Daten lassen sich entweder als Markdown oder im hauseigenen Format Anyblock exportieren (Abbildung 4).

Abbildung 4: Aus Ihrem Space lassen sich Daten in verschiedenen Formaten im- und exportieren. Der Export eignet sich auch als Backup bei Anytype-Instanzen ohne Netzzugang.

Abbildung 4: Aus Ihrem Space lassen sich Daten in verschiedenen Formaten im- und exportieren. Der Export eignet sich auch als Backup bei Anytype-Instanzen ohne Netzzugang.

In der Seitenleiste strukturieren Sie Ihre Inhalte nach Ihren Bedürfnissen. Die einzelnen Widgets lassen sich sortieren, bearbeiten, verknüpfen, verstecken und löschen. So erstellen Sie Ihren eigenen Workflow aus den verschiedenen Widgets wie Notizen (My Notes), Aufgabenplaner (Task tracker), Favoriten (My Bookmarks) und vielen mehr (Abbildung 5).

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Abbildung 5: Der Task tracker ist nur eines von vielen Widgets, mit deren Hilfe Sie Ihren eigenen Arbeitsstil optimal abbilden können.

Alle Objekte in der Seitenleiste zeigen beim Berühren mit dem Mauszeiger ein Menü mit drei Punkten, über das Sie verschiedene Aktionen darauf anwenden. Dazu zählen neben dem Verschieben in den Papierkorb auch das Verlinken mit anderen Objekten. Sofern Sie nicht im Offline-Modus arbeiten, werden neu erstellte Inhalte automatisch mit anderen Instanzen synchronisiert. Den jeweiligen Status signalisiert die Software oben links entweder mit einem grünen Punkt als Synchronisiert, oder zeigt für neue Inhalte, die gerade synchronisiert werden, Preparing an. Zur Orientierung bietet Anytype einen Graphen, der die Verknüpfungen der einzelnen Inhalte als Mindmap darstellt. Sie öffnen ihn über das Sternsymbol in der kleinen Taskleiste am unteren Bildschirmrand (Abbildung 6).

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Abbildung 6: Über einen Mindmap-ähnlichen Graphen visualisiert Anytype die Verknüpfungen der Daten untereinander.

Mehr als nur Notizen

Wir könnten noch mehrere Seiten mit den weiteren Funktionen der Software füllen, doch das erkunden Sie wesentlich besser, indem Sie die App installieren und ein paar Tage testen. Suchen Sie lediglich ein Programm für Notizen, ist Anytype vermutlich überdimensioniert. Die Software wendet sich eher an Nutzer, die ihr Leben in eine App kippen möchten und dies – gut abgesichert – ganz oder teilweise mit Gleichgesinnten teilen möchten. Selbstredend lässt sich die Software auch ohne den ideellen Überbau als ausgefeiltes Instrument zum Sammeln und Strukturieren von Wissen verwenden.

Die Suche nach Updates auf eine neuere Version funktioniert derzeit über das Hauptmenü unter Anytype | Nach Updates suchen nur beim Appimage. Bei DEB und RPM läuft ein Klick auf den Menüpunkt ins Leere. Es fehlen noch entsprechende Repositories, die Sie in Ihre Quellenliste eintragen könnten. Sowohl beim Appimage als auch bei den DEB- und RPM-Paketen gilt es, die neue Version händisch herunterzuladen und über die alte Version zu installieren. Ein Wechsel von Appimage zu DEB funktionierte im Test problemlos, die Daten bleiben in jedem Fall unangetastet.

Fazit und Ausblick

Alle von uns getesteten Features von Anytype funktionierten im Test einwandfrei. Auch die Android-App (Abbildung 7) konnte mit einer intuitiven GUI überzeugen. Die Synchronisation mit anderen Geräten dauert nur wenige Sekunden. Am einfachsten erforschen Sie die Software, indem Sie die vorinstallierten Inhalte durchgehen oder die englischsprachige Dokumentation [5] konsultieren.

Abbildung 7: Die Android-App ist trotz der vielen Optionen &uuml;bersichtlich gestaltet und intuitiv zu bedienen.

Abbildung 7: Die Android-App ist trotz der vielen Optionen übersichtlich gestaltet und intuitiv zu bedienen.

Die Community beantwortet zeitnah Ihre Fragen im Forum [6] des Projekts. Auf der Anytype-Roadmap [7] lesen Sie geplante Erweiterungen bis ins erste Quartal 2024 nach. Demnach soll noch im Spätherbst 2023 die oft angefragte Möglichkeit zum kollaborativen Arbeiten an Dokumenten und Projekten verfügbar werden. Zudem steht die Öffnung der API für Beiträge von außen auf dem Plan. Das gemeinschaftliche Arbeiten hebt Anytype nochmals auf eine neue Ebene, die geöffnete API erleichtert Beiträge aus der Community. (tle)

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