AVMultiPhone V2 auf dem PinePhone

Aus LinuxUser 08/2022

AVMultiPhone V2 auf dem PinePhone

© devenorr / 123RF.com

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AVMultiPhone V2 realisiert mit PostmarketOS einen ressourcenschonenden Linux-Desktop für die Hosentasche.

In den letzten Jahren hat die Gattung der Linux-Phones eine erfreuliche Entwicklung genommen. Wir haben unter anderem über Geräte wie das Librem 5 und das PinePhone berichtet. Gerade für Letzteres entstanden rund ein Dutzend Distributionen, die mehr oder weniger aufwendig vom jeweiligen Mutterprojekt abgespaltet wurden. Falls Sie ein PinePhone oder PinePhone Pro besitzen und noch unschlüssig sind, was darauf am besten läuft, so empfehlen wir die Multi-Distro-Demo des Entwicklers Megi, die 15 Distributionen auf einem Image zum Testen vereint [1].

AVMultiPhone V2

Dieser Artikel widmet sich speziell einer Distribution für das PinePhone aus dem deutschen Sprachbereich, nämlich aus der Schweiz, die der Entwickler Urs Pfister bereitstellt. Pfister verdient seine Brötchen mit seiner Firma Archivista GmbH und erstellt in seiner Freizeit unter anderem die Distribution AVMultimedia [2]. Er hat zudem im Sommer 2020 als Erweiterung die darauf basierende mobile Linux-Distribution AVMultiPhone für das PinePhone veröffentlicht [3]. Als Unterbau nutzte Pfister dafür PostmarketOS, ein mobiles Open-Source-Betriebssystem, das auf der minimalen Distribution Alpine Linux [4] basiert und mit Oberflächen wie Phosh, Plasma Mobile, Lomiri (ehemals Unity), XFCE 4, LXQt, Mate, Glacier und dem Fenstermanager i3wm genutzt werden kann.

Zur Zeit der ersten Veröffentlichung von AVMultiPhone war PostmarketOS in einer relativ frühen Phase, was die vollständige Nutzung der Hardware des PinePhone angeht. Das hohe Entwicklungstempo ließ Pfister hoffen, dass er auf das richtige Pferd gesetzt hatte. Allerdings musste er feststellen, dass wichtige Entwicklungen nicht so schnell vorankamen wie erhofft, und legte das Projekt Ende 2020 zunächst auf Eis. Die nicht leicht zu lösenden Probleme schränkten die Benutzung als alleinigen täglichen Begleiter zu stark ein. Der Akku lief zu schnell leer, da das Gerät nicht in den Tiefschlaf ging. Überredete man es mit der Firmware Crust [5] dazu, das doch zu tun, dann lief man Gefahr, Anrufe zu verpassen, weil das Gerät nicht schnell genug aufwachte. Für die Kamera gab es keine Software, die ohne professionelle Nachbearbeitung brauchbare Bilder lieferte.

Entwickler Pfister hatte im Frühjahr 2022 die Smartphone-Flotte seiner Firma aktualisiert. Auf den Geräten laufen quelloffene Android-Versionen wie LineageOS oder das darauf aufbauende /e/OS. Seine Erfahrungen mit den Hürden bei quelloffenen Android-Versionen und den dafür zur Verfügung stehenden Geräten im Jahr 2022 hat er in einem aufschlussreichen Blogpost festgehalten [6]. Nach Abschluss der Runderneuerung fand er es zudem an der Zeit, zu überprüfen, was sich an der Front der Linux-Smartphones in der Zeit seit dem Einfrieren der Entwicklung von AVMultiPhone im Jahr 2020 getan hat.

Gut gereift

Er stellte fest, dass PostmarketOS seit der ersten Auflage von AVMultiPhone neben allgemeinen Verbesserungen die drei entscheidenden Punkte, die zum Einfrieren geführt hatten, wesentlich verbessern konnte. Zum einen verbesserte sich die Akku-Laufzeit deutlich, sodass man inklusive der Anpassungen von Pfister mit rund 100 Stunden Standby-Zeit rechnen kann und bei moderater Nutzung nur alle paar Tage ans Netz muss.

Das liegt daran, dass das Gerät bei Nichtbenutzung in den Tiefschlaf fällt und daraus zeitgerecht aufwacht, sobald ein Anruf hereinkommt. Zur Zeit der ersten Auflage verpasste man oft Anrufe, weil das Handy nicht schnell genug aufwachte. Zudem lassen sich jetzt im Rahmen der Möglichkeiten einer Kamera mit fünf Megapixeln recht ansehnliche Fotos schießen (Abbildung 1).

Abbildung 1: PostmarketOS nutzt die Fähigkeiten der 5 Megapixel starken Kamera des PinePhone besser aus.

Abbildung 1: PostmarketOS nutzt die Fähigkeiten der 5 Megapixel starken Kamera des PinePhone besser aus.

Die Ergebnisse waren insgesamt so positiv, dass im April 2022 AVMultimedia V2 erschien. PostmarketOS feierte bald darauf seinen fünften Geburtstag und bietet mit der aktuellen Version 22.06 vom Juni 2022 aus dem Desktop heraus die Möglichkeit der Aktualisierung von einer Version auf die nächste. Damit fällt das fehlerträchtige Flashen für die Oberflächen Sxmo, Phosh und Plasma Mobile künftig flach.

Phosh als Oberfläche

Neben PostmarketOS testete Pfister auch Mobian, PostmarketOS mit Plasma Mobile sowie Ubuntu Touch mit der Lomiri-Oberfläche. Im Endeffekt entschied er sich jedoch wieder für PostmarketOS mit Phosh, das von der Firma Purism und der Gnome-Community für das Linux-Phone Librem 5 entwickelt wurde. Ein Entscheidungskriterium war der sparsamere Umgang mit Arbeitsspeicher und damit auch die höhere Startgeschwindigkeit der Apps. Während AVMultiPhone inklusive aller Apps rund 1 GByte Arbeitsspeicher belegt, benötigt Mobian diese Menge an RAM bereits mit dem Basissystem.

Des Weiteren lässt sich AVMultiPhone im Prinzip auf alle 26 Geräte installieren, die derzeit von PostmarketOS voll unterstützt werden. Mobian und weitere ARM-Ableger bekannter Linux-Distributionen dagegen bleiben derzeit meist auf das PinePhone, das PinePhone Pro und das Librem 5 beschränkt. Allerdings heißt das im Umkehrschluss nicht, dass AVMultimedia V2 und PostmarketOS auf allen unterstützten Geräten auch zufriedenstellend mit allen Funktionen laufen. Das rund 180 Gramm leichte PinePhone verfügt aber über sämtliche Komponenten, um damit einen Linux-Desktop mit integriertem Telefon, Internet-Anbindung per WLAN, GPS, USB-Ports und Kamera bereitzustellen.

Einfache Installation

Die Installation des Systems verläuft gewohnt einfach. Man überträgt das Abbild mit Tools wie USBImager [7] auf eine SD-Karte, die man nach Entfernen des Akkus in den Schlitz unter dem Einschub für die SIM-Karte steckt. AVMultiPhone V2 läuft dann neben einem auf der internen eMMC-Karte aufgespielten Betriebssystem, ohne dieses anzutasten. Eine Installation direkt auf die schnellere eMMC-Karte ist ebenfalls machbar.

Ein erster Test bestätigt Urs Pfisters Aussage, dass das PinePhone mit AVMultiPhone V2 im Rahmen dessen, was das PinePhone eben zulässt, recht flott unterwegs ist. Office-Programme starten in wenigen Sekunden (Abbildung 2), der Browser Falkon spielt Videos ruckelfrei ab. Ein Wermutstropfen ist laut Pfister die bei Phosh eingestellte 1:2-Skalierung beim Bildschirmmanagement, die dazu führt, dass der Bildschirm auf 200 Prozent gezoomt wird. Das ergibt zwar gut lesbare Icons und Dialoge, erschwert jedoch bei Standardapplikationen wie LibreOffice das Arbeiten stark.

Abbildung 2: AVMultiPhone V2 startet auf dem PinePhone selbst große Programme wie LibreOffice zügig.

Abbildung 2: AVMultiPhone V2 startet auf dem PinePhone selbst große Programme wie LibreOffice zügig.

Fazit

AVMultiPhone adressiert laut Urs Pfister in erster Linie all jene, die unterwegs arbeiten möchten und trotzdem per Telefon, E-Mail oder SMS erreichbar sein wollen oder müssen (Abbildung 3). Auch für Wanderer und Radler eignet sich das PinePhone damit. Für einen preiswerten Linux-Desktop in der Hosentasche stellt es also eine günstige Gelegenheit dar.

Abbildung 3: Mit Telefon, E-Mail und SMS unterstützt AVMultiPhone V2 die wichtigsten Kommunikationsmittel.

Abbildung 3: Mit Telefon, E-Mail und SMS unterstützt AVMultiPhone V2 die wichtigsten Kommunikationsmittel.

Wer allerdings erst über die Anschaffung nachdenkt und bereit ist, statt der 150 Euro für das Grundmodell etwas tiefer in die Tasche zu greifen und 375 Euro plus Steuern und Zollgebühren zu zahlen, erhält mit dem PinePhone Pro ein leistungsfähigeres Gerät [8]. Das Abbild zum Testen von AVMultiPhone V2 mit einer Größe von 1,1 GByte steht auf Sourceforge [9] und OSDN [10] zum Download bereit. Vor der Installation gilt es, das rund 7 GByte große Abbild noch zu entpacken. (cla)

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