Wer tritt in die Fußstapfen von CentOS?

Aus LinuxUser 02/2022

Wer tritt in die Fußstapfen von CentOS?

© Zauberhut / Fotolia

Ende im Gelände

Red Hat organisiert die Satelliten seines Universums neu. Außen vor bleibt CentOS, das es seit Jahresende 2021 nicht mehr gibt.

Zum Umfeld von Red Hat und dessen Profi-OS Red Hat Enterprise Linux (RHEL) zählen weitere Betriebssysteme, die jeweils ihren Part bei der Zusammenstellung von RHEL spielen. Dazu gehören auch Fedora und CentOS. Fedora stellt die Experimentierküche von RHEL dar, CentOS am anderen Ende des Spektrums verhält sich mit einigen Wochen oder Monaten Release-Verzögerung binärkompatibel zu RHEL. Mit der Veröffentlichung von CentOS 8.3 Ende 2020 gab Red Hat Änderungen bekannt, die viele Anwender von CentOS dazu nötigen, sich ein neues Betriebssystem zu suchen.

Klone überall

CentOS erschien seit 2004 als binärkompatibler Klon von RHEL. 2014 übernahm Red Hat die Distribution, um eine Version von RHEL für Anwender zur Verfügung zu stellen, die keinen Support durch Red Hat benötigen. Zu den Ende 2020 verlautbarten Änderungen gehört, dass Red Hat CentOS 8.x bereits Ende 2021 einstellt, anstatt wie ursprünglich geplant erst 2029.

Seit Neujahr 2022 erscheinen entsprechend keine Aktualisierungen mehr für CentOS, ebenso wenig gibt es einen offiziellen Nachfolger des aktuellen Systems. Anwender, die bei CentOS 8 mit den beim Projekt üblichen zehn Jahren Unterstützung rechneten, stehen zunächst einmal im Regen. Red Hat ersetzt die bisherigen Versionen durch die neue Rolling-Release-Distribution CentOS Stream [1]. Anwender, die noch mit CentOS 7 arbeiten, bekommen noch bis zum offiziellen Support-Ende im Jahr 2024 Updates. Noch im September 2019 hatte der Distributor angekündigt, auch für Anwender von CentOS 8 werde sich nichts ändern [2].

Dabei ging es Red Hat unter anderem auch darum, Unternehmenslösungen wie OpenStack, OpenShift sowie Virtualisierung und Containerisierung einem breiteren Publikum außerhalb des eigenen Distributionsmodells vorzustellen. Viele Unternehmen setzen das kostenfreie CentOS (Abbildung 1) in der Entwicklung ein und fahren in der Produktion mit den Support-Plänen von Red Hat. Mit der Zeit entwickelte sich CentOS auf diese Weise hinter Ubuntu und Debian zur dritthäufigsten Distribution für Webserver und hält in dieser Sparte mehr als 10 Prozent Marktanteil. Damit stellt es durchaus einen Global Player für Server-Distributionen dar [3].

Abbildung 1: Nach Abschluss der Installation steht bei Verwendung der DVD-Version eine Gnome-Umgebung mit einigen vorinstallierten Anwendungen bereit.

Abbildung 1: Nach Abschluss der Installation steht bei Verwendung der DVD-Version eine Gnome-Umgebung mit einigen vorinstallierten Anwendungen bereit.

Es lässt sich trefflich spekulieren, warum Red Hat diesen Schritt geht. Manche vermuten, IBM möchte das gekaufte Red Hat straffen und die Unternehmen, die bisher CentOS einsetzen, in das Red-Hat-Portfolio der zahlenden Kunden ziehen. Das würde aber vermutlich nicht gelingen, da diese Unternehmen den nötigen Support mit Entwicklern im eigenen Hause erbringen und bestimmt nicht bereit sind, Red Hat zusätzlich dafür zu bezahlen.

Neue Ordnung

Die Entwicklung bei Red Hat gliedert sich künftig in das sich selbst als Leading Edge bezeichnende Fedora-Projekt, gefolgt vom Rolling Release CentOS Stream und von RHEL als stabilem Unternehmenssystem. Red Hat argumentiert marketingbetont, der wahre Wert von Open Source liege in der Innovation, und die sei bei einem im Nachgang von RHEL veröffentlichten binärkompatiblen Produkt nicht gegeben. Die Investition in CentOS Stream soll einer breiteren Community die Möglichkeit geben, sich an der Entwicklung von RHEL zu beteiligen und CentOS Stream als Upstream für die jeweils in Entwicklung befindliche RHEL-Version zu positionieren.

Wie bei einem weltweiten Marktanteil von 10 Prozent an Webservern nicht anders zu erwarten, versetzte die jähe Abkündigung von CentOS die betroffenen Unternehmen und Communities in einen Schockzustand. Um die Gemüter ein wenig zu beruhigen, erweiterte das Unternehmen seine kostenlose Developer Subscription. Während die Bedingungen bis dato die Nutzung von RHEL durch Entwickler auf nur einen Rechner beschränkte, dürfen sie nun bis zu 16 Geräte auch in Cloud-Umgebungen damit produktiv einsetzen.

Wie bei Linux üblich, entstehen in einer solchen Situation schnell Forks, so auch in diesem Fall. Binnen weniger Tage entstanden die Anfänge für einige Distributionen, von denen drei mittlerweile eine Infrastruktur aufbauten und ihre ersten Veröffentlichungen erfolgreich hinter sich brachten. Alle drei bieten sich als sogenannte Drop-in-Replacements an, also als gleichwertiger Ersatz für CentOS, auf die sich problemlos ohne Verluste migrieren lässt.

Mögliche Nachfolger

Die drei neuen Distributionen AlmaLinux [4], Rocky Linux [5] und VzLinux [6] kommen aus ganz verschiedenen Ecken. Während hinter AlmaLinux eine Firma steht, handelt es sich bei Rocky Linux um ein vom CentOS-Gründer Gregory Kurtzer initiiertes Community-Projekt. Dessen Namen versteht sich als einen Tribut an den verstorbenen CentOS-Mitgründer Rocky McGaugh.

Als Entwickler von AlmaLinux tritt das Unternehmen CloudLinux auf. Es verdiente sein Geld bislang mit der gleichnamigen, auf CentOS basierenden Linux-Distribution, die es hauptsächlich an Shared-Hosting-Anbieter vermarktet. Den Dritten im Bunde, VzLinux, entwickelt das schweizerische Unternehmen Virtuozzo, das eine gleichnamige Virtualisierungssoftware für Unternehmen vertreibt.

Rocky Linux

AlmaLinux und VzLinux bringen zwar den Vorteil eines professionellen Hintergrunds mit, aber auch Rocky Linux (Abbildung 2) gewann schnell einige prominente Unternehmen und Organisationen als Partner und Unterstützer, wie die Webseite der Distribution zeigt.

Abbildung 2: Auch Rocky Linux setzt auf den bewährten, wenn auch etwas sperrigen Anaconda-Installer.

Abbildung 2: Auch Rocky Linux setzt auf den bewährten, wenn auch etwas sperrigen Anaconda-Installer.

Alle drei Projekte bieten stabile Veröffentlichungen an. Bei Rocky Linux (Abbildung 3) steht Version 8.4 als Klon von RHEL 8.4 für die Architekturen x86_64 und aarch64 zum Herunterladen bereit. Ein Werkzeug zur Migration von CentOS 8 auf Rocky 8 stellen die Entwickler via Github zur Verfügung [7].

Abbildung 3: Gnome 3.32 kommt bei allen Kandidaten bei der DVD-Version zum Einsatz, hier bei Rocky Linux. Auch die installierten Anwendungen sind dieselben.

Abbildung 3: Gnome 3.32 kommt bei allen Kandidaten bei der DVD-Version zum Einsatz, hier bei Rocky Linux. Auch die installierten Anwendungen sind dieselben.

Version 8.4 erhält Unterstützung bis zum 31. Mai 2029. Die Rocky Enterprise Software Foundation (RESF) trägt das Projekt. Derzeit warten die Entwickler auf die Durchsicht des Codes und die Freigabe der für viele Unternehmen wichtigen Implementierung von Secure Boot.

AlmaLinux

Allerdings gestaltet sich der Weg dorthin für eine neue Distribution langwierig. Hier punktet AlmaLinux mit dem Umstand, dass ein Unternehmen hinter der Distribution steht, das den Prozess mit CloudLinux bereits durchlief und Secure Boot seit Mai für seinen CentOS-Nachfolger anbietet.

Wie zu erwarten hat AlmaLinux aber auch in anderen Bereichen die Nase vorn. So rief der Distributor bereits im März eine Stiftung ins Leben, die künftig die Verantwortung für das Verwalten des Projekts übernimmt. CloudLinux steuert eine jährliche Spende von 1 Million US-Dollar bei, um die Community und das Projekt zu unterstützen. Im Mai stellte CloudLinux zudem mit TuxCare ein Support-System vor, das auch für AlmaLinux bereitsteht [8].

VzLinux

Der derzeit in der Öffentlichkeit am wenigsten präsente Bewerber auf die CentOS-Nachfolge heißt VzLinux (Abbildung 4) und ist ebenfalls ein binärkompatibler Klon von CentOS und somit von RHEL. Mit einem stolzen Alter von mehr als 20 Jahren übertrifft VzLinux sogar CentOS, das erstmals 2004 erschien. Allerdings steht VzLinux erst seit März 2021 für die breite Öffentlichkeit zur Verfügung. Bis dahin fungierte die Unternehmensdistribution als Basisbetriebssystem für die Virtualisierungslösung OpenVZ und andere kommerzielle Produkte des Unternehmens Virtuozzo, das früher Teil von Parallels war.

Abbildung 4: VzLinux diente in der Vergangenheit primär als Basis für die Virtualisierungslösung OpenVZ und andere kommerzielle Produkte aus dem Hause Virtuozzo. Es bietet einige Vorteile, von denen in erster Linie Unternehmen profitieren.

Abbildung 4: VzLinux diente in der Vergangenheit primär als Basis für die Virtualisierungslösung OpenVZ und andere kommerzielle Produkte aus dem Hause Virtuozzo. Es bietet einige Vorteile, von denen in erster Linie Unternehmen profitieren.

VzLinux hebt sich von der Konkurrenz durch Werkzeuge ab, die es ermöglichen, eine CentOS-Installation nach VzLinux zu überführen. Hier bieten die Entwickler einen Trockenlauf vor dem eigentlichen Konvertieren, eine Rollback-Funktion, falls doch etwas schiefläuft, sowie die gerade für Unternehmen sehr wichtige Möglichkeit der Massenkonvertierung.

Ein weiterer Pluspunkt besteht in der Verfügbarkeit von Vorlagen für die Virtualisierung, die es ermöglichen, VzLinux als Gastbetriebssystem unter verschiedenen Hypervisoren einzusetzen. Für die Zukunft plant Virtuozzo die Veröffentlichung von Editionen für den Einsatz in Containern und virtuellen Maschinen. Für Docker-Container steht wie bei den Konkurrenten bereits ein Abbild zur Verfügung.

Gleichauf

Alle drei Kandidaten sagen explizit zu, dass ihre Angebote für alle Zeit frei verfügbar bleiben. Die Abbilder von CentOS, Rocky Linux, AlmaLinux und VzLinux gibt es als Minimal- und DVD-Versionen, wobei Letztere jeweils eine Gnome-Umgebung bereitstellen. Die Installation verläuft absolut identisch.

Der Anaconda-Installer, den Sie vielleicht von Fedora her kennen, installiert die Distributionen mit dem Partitionierungsschema des Logical Volume Managers (LVM). Neben einem Kernel 4.18 kommt bei der DVD-Version Gnome 3.32 zum Einsatz. Auch bei der minimalen Edition dient Anaconda als Installer, allerdings fehlt die Desktop-Umgebung. Wir stellten weder bei der Installation noch beim laufenden System und den vorinstallierten Anwendungen Unterschiede zwischen den drei CentOS-Nachfolgern fest, die über unterschiedliche Hintergrundbilder hinausgehen.

Aber nicht nur die Forks von CentOS buhlen um die demnächst im Regen stehenden CentOS-Anwender. Auch einige der großen Unternehmen im Server- und Cloud-Geschäft wie Canonical [9] und Oracle [10] möchten ein Stück vom Kuchen abhaben. Beide preisen sich als die bessere Alternative zum dahinscheidenden CentOS an, wobei Oracle auch ein Migrationsskript auf Github bereitstellt [11]. Suse geht hier subtiler vor, gehört aber auch zum Kreis der geeigneten Kandidaten.

Fazit und Ausblick

Fest steht aktuell nur, dass Red Hat CentOS zum Jahresende 2021 eingestellt hat. Wer das Rennen um die Nachfolge macht, bleibt derzeit völlig offen. Für verschiedene Anforderungen von einzelnen Entwicklern bis hin zu großen Unternehmen gilt es, den geeigneten Nachfolger zu finden. Die Entscheidung fällt sehr wahrscheinlich über die Zusatzangebote wie Qualität der Migrationswerkzeuge, professionellen Support oder Nähe zur Community. Für einige CentOS-Anwender kommt sogar CentOS Stream als geeigneter Nachfolger infrage.

Mit CentOS Stream schuf Red Hat eine neue Community-Distribution, um die bei Fedora entwickelten Innovationen für RHEL zu stabilisieren und einer erweiterten Community zum Testen zur Verfügung zu stellen, bevor sie in RHEL einfließen. Diese Aufgabe nahmen bisher von Red Hat bezahlte Entwickler wahr, was auch etwas über die Motivation des Distributors für diesen Schritt enthüllt. (tle)

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