Interview mit Tobias Gerlinger (Owncloud) und Frank Karlitschek (Nextcloud)

Aus LinuxUser 09/2021

Interview mit Tobias Gerlinger (Owncloud) und Frank Karlitschek (Nextcloud)

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Getrennte Wege

Softwarequalität, Performance und die Migration auf eine neue Programmiersprache: Die Projekte Nextcloud und Owncloud haben große Pläne und viel zu tun.

Die Projekte Owncloud und Nextcloud stehen nach mehreren Jahren Entwicklungsarbeit beide vor einschneidenden Veränderungen. Themen wie Mehrwert gegenüber Cloud-Diensten oder Softwarequalität beschäftigen die führenden Köpfe Frank Karlitschek und Tobias Gerlinger die uns für ein Interview Rede und Antwort standen.

LinuxUser: Vor ziemlich genau fünf Jahren wurde das Projekt Nextcloud (NC) aus Owncloud (OC) heraus geforkt, und viele aktive Entwickler folgten dem neuen Weg. Was waren die größten Herausforderungen nach dem Neustart?

Abbildung 1: Frank Karlitschek sieht den Mehrwert von Nextcloud gegenüber Cloud-Diensten auf der Synchronisation von Daten und die Freigabe von Dateien.

Abbildung 1: Frank Karlitschek sieht den Mehrwert von Nextcloud gegenüber Cloud-Diensten auf der Synchronisation von Daten und die Freigabe von Dateien.

Frank Karlitschek: Die größten Herausforderungen waren, ganz von vorn anzufangen und zu erklären, was wir besser machen wollen. Mittlerweile sind aber die meisten Nutzer zu Nextcloud gewechselt und überzeugt.

LU: War die Spaltung nicht ein herber Schlag für Owncloud?

Abbildung 2: Tobias Gerlinger, CEO von Owncloud, sieht die Portierung der Software auf Go als Quantensprung hin zu mehr Stabilität und Performance.

Abbildung 2: Tobias Gerlinger, CEO von Owncloud, sieht die Portierung der Software auf Go als Quantensprung hin zu mehr Stabilität und Performance.

Tobias Gerlinger: Etwa die Hälfte der Entwickler ging zum Fork, die andere Hälfte blieb. Es gelang uns damals schnell, das Vertrauen der Kunden und des Markts zurückgewinnen, sodass wir letztlich nur zwei Kunden verloren. Wir haben viele neue Mitarbeiter eingestellt und alleine in 2020 50 Prozent Wachstum erzielt. Wie sagt man so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft.

LU: Die Basisfunktionen von OC und NC waren in 2016 identisch und entsprechen den Basisfunktionen der typischen Cloud-Dienstleister. Wie haben sich die Bedürfnisse und Wünsche der Anwender verändert?

TG: Bei uns liegt der Schwerpunkt vor allem auf Qualität und Service. Owncloud hat sich unter meiner Führung neu fokussiert, auf Softwarequalität und Enterprise. Ein Unterschied zum Fork sind die vielen Industriekunden mit hohen Ansprüchen an Stabilität und Performance. Wir entwickeln Features für sie, weniger für Privatanwender. Beim Fork nur experimentell implementierte Funktionen, etwa Secure View oder WND, sind bei Owncloud produktiv im Einsatz.

Statt wie der Fork zu versuchen, den Office-Stack von Microsoft zu ersetzen, integrieren wir Microsoft Office inklusive Teams. Besonders Industriekunden wollen wegen Inkompatibilitäten keinen kompletten Open-Source-Office-Stack, sondern MS Office datenschutzkonform nutzen – mit Owncloud als sichere Dateiablage. Dazu lassen sich weitere Open-Source-Komponenten einbinden, wie etwa Matrix, das meines Erachtens der selbstgestrickten Chat-Anwendung des Forks überlegen ist.

FK: Der Markt hat sich von den Grundfunktionen aus dem Jahr 2016 weiterentwickelt. Microsoft 365 und Google Workspaces integrieren Chat, Groupware und andere Kollaborationsfunktionen, die moderne Benutzer heute erwarten, wie etwa Wissensmanagement, Formulare, Umfragen und vieles mehr.

Unser Fokus liegt darauf, die beste Lösung für die Synchronisation und Freigabe von Dateien zu sein und gleichzeitig unseren Umfang zu erweitern, um mit Microsoft und Google konkurrieren zu können. Da jeder unterschiedliche Bedürfnisse hat, ist Nextcloud eine modulare App-Plattform.

LU: Die Entwickler bei Owncloud arbeiten seit gut zwei Jahren an einer neuen Implementierung der Plattform. Statt PHP kommen Go und Microservices zum Einsatz. Wie ist da der derzeitige Stand, und wann können wir mit einer stabilen Veröffentlichung rechnen?

TG: Owncloud Infinite Scale ist im Tech Preview, also zwischen Alpha und Beta. Drei Kunden haben die neue Software schon im Einsatz. Das Feedback zu Stabilität und Performance fällt überaus positiv aus. Mit dem Stable Release rechnen wir Ende 2021. Die neue Technologie bedeutet einen Quantensprung bei Installation, Betrieb, Performance und Sicherheit. Sie dürfen gespannt sein.

LU: Wie entwickelt Nextcloud die Architektur weiter?

FK: Es ist nicht immer einfach, einen Server so zu betreiben, dass er in jeder Hinsicht gute Leistung bietet. Daher gibt Nextcloud in der Benutzeroberfläche Tipps für optimale Leistung, und unser neues High-Performance-Backend für Files ermöglicht eine unglaublich schnelle Synchronisation. Wir unterstützen viele verschiedene Plattformen, auch wenn manche davon nicht ganz so performant sind. Wir glauben dennoch, dass das besser ist, als sie gar nicht zu unterstützen.

Im Jahr 2017 haben wir die Nextcloud-Architektur mit Global Scale weiterentwickelt. Es kann Daten zwischen Rechenzentren oder Installationen auf verschiedenen Kontinenten verteilen und hat sich seit vielen Jahren und mit Dutzenden von Millionen Nutzern in der Produktion bewährt. Die komplette Anwendung von PHP auf Go umzuschreiben ermöglicht weder dieses Maß an Skalierbarkeit noch irgendeinen Leistungsvorteil, sondern wirft den Funktionsumfang nur einige Jahre in die Vergangenheit zurück.

Nextcloud verwendet Technologien, die Sinn ergeben – unser Backend für Talk ist in Go geschrieben, das für Files in Rust. Wir glauben, es ist besser, jeweils das richtige Werkzeug für eine Aufgabe zu verwenden, als zu versuchen, alles mit demselben Hammer zu lösen.

LU: Herr Karlitschek, Herr Gerlinger: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch! (agr)

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