Nextcloud ging vor fünf Jahren als Fork aus Owncloud hervor. Wo stehen die beiden Cloud-Storage-Lösungen heute? Was verbindet, was trennt sie?
Freie Software liegt im Quellcode für die Öffentlichkeit frei zugänglich vor, und die Lizenz erlaubt es explizit, sie zu verändern und weiterzugeben. Wird eine veränderte Software veröffentlicht, spricht man im Jargon von einem Fork. Es gibt viele mögliche Gründe für einen solchen Fork, doch meist rührt er daher, dass sich die Projektbeteiligten nicht mehr darauf einigen können, in welche Richtung sie die Software weiterentwickeln wollen.
Bei einem Fork kann niemand voraussagen, ob das Unterfangen von Erfolg gekrönt sein wird. Es gibt jedoch sehr erfolgreiche Forks wie etwa den von LibreOffice, das aus OpenOffice hervorging. Ersteres wächst und gedeiht, Letzteres vegetiert ohne wirkliche Weiterentwicklung vor sich hin und lebt nur noch von seiner ehemaligen Bekanntheit. So konnte vor fünf Jahren auch niemand voraussagen, wie sich Nextcloud als Fork von Owncloud entwickeln würde.
Differenzen
Zur Abspaltung von Nextcloud von Owncloud kam es im April 2016, weil der Projektgründer Frank Karlitschek nach sechs Jahren mit dem Kurs, den Owncloud einschlug, nicht mehr konform ging und das Unternehmen verließ [1]. Anfang Juni 2016 wurde dann der Fork bekanntgegeben [2].
Die Entwicklung der Software war zuvor bei Owncloud gut vorangekommen und wurde von den Entwicklern und der Community getragen. Den Umgang mit der Community fand Karlitschek allerdings verbesserungswürdig, was die Anerkennung für die Arbeit und die Teilhabe an Entscheidungen anging. Auch lag für ihn der Fokus zu sehr auf schnell verdientem Geld anstatt langfristiger Verantwortung und nachhaltigem Wachstum.
Zwölf der Owncloud-Entwickler folgten Karlitschek zu Nextcloud, andere blieben bei Owncloud. Ein Blick auf die in den Quellcode eingepflegten Commits zeigt die Konsequenzen der Aufspaltung (Abbildung 1). Seit der Trennung 2016 geht es bei Owncloud etwas gemächlicher zu, während sich Nextcloud schnell weiterentwickelt. Auch beim Interesse der Öffentlichkeit liegt Nextcloud stärker im Trend (Abbildung 2), was sich auch im wirtschaftliche Erfolg der beiden Unternehmen niederschlägt.

Abbildung 1: Im Verlauf der Commits auf Github seit 2011 sieht man oben bei Owncloud 2016 deutlich den Einschnitt nach dem Fork. Seitdem liegt bei den Einreichungen Nextcloud (unten) vorn.

Abbildung 2: In der Google-Suche überholte Nextcloud den Kontrahenten Ende 2017 und wird seitdem zunehmend nachgefragt.
Kurz nach dem Fork geriet Owncloud kurzfristig finanziell in Schieflage, nachdem die in den USA beheimatete Owncloud Inc. Konkurs anmelden musste. Rettung in Form einer Finanzspritze in unbekannter Millionenhöhe kam von einer Investorengruppe um den Unternehmer Tobias Gerlinger. Die Owncloud GmbH übernahm die Geschäfte der Owncloud Inc., sodass deren Bestandskunden nicht im Regen standen. Gerlinger übernahm die Geschäftsführung der GmbH, ein Posten, den er heute noch innehat. Der Fork Nextcloud gründete ebenfalls ein Unternehmen und firmiert seither als Nextcloud GmbH.
Private Nutzer
Wir betrachten die beiden Anwendungen hauptsächlich aus der Sicht des privaten Nutzers. Dabei kann es sich um einen Heimanwender handeln, der seine Daten und Medien gern von überall erreichen und zu Hause auf allen Geräten stets synchron halten möchte. Es kann aber auch der Mitarbeiter an einem Projekt sein, der mit dessen Mitgliedern gemeinsam an Code und Dokumentation arbeiten möchte und der seine Kollegen per Chat oder Videokonferenz kontaktieren will. Wir haben zudem den Geschäftsführern beider Unternehmen ein paar Fragen gestellt; die Antworten darauf lesen Sie in einem gesonderten Artikel in diesem Heft.
Beide Unternehmen werben mit deutschem Standort, 100 Prozent Konformität mit der DSGVO und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Doch was unterscheidet die Angebote beider Unternehmen nach fünf Jahren Trennung? Zunächst lässt sich sagen, dass beide Unternehmen mehr verbindende als trennende Merkmale aufweisen. Die Unterschiede bilden aber vermutlich die Entscheidungsgrundlage, für welchen der beiden Dienste man sich als Privatnutzer oder als Unternehmen entscheidet.
Lizenzen
Ein gewichtiges Unterscheidungsmerkmal, zumal für Open-Source-Bewegte, ist das verwendete Lizenzmodell. Während bei Nextcloud die Lizenzen AGPLv3 und GPLv2 zum Einsatz kommen, nutzt Owncloud neben der für die Community-Ausgabe geltenden AGPLv3 für seine Enterprise-Edition eine proprietäre Lizenz.
Das bedeutet, dass Sie bei Nextcloud als Nutzer alle Funktionen nutzen können, unabhängig davon, ob Sie dafür bezahlten Support in Anspruch nehmen oder nicht. Bei Owncloud bleiben Enterprise-Funktionen den zahlenden Kunden vorbehalten. Zudem darf zu Nextcloud jeder beitragen, ohne wie bei Owncloud ein Contributor License Agreement (CLA [3]) unterschreiben zu müssen, das die Rechte am Code regelt und die Mehrfachlizenzierung der Core-Komponenten und der Clients für Desktop, Android und iOS erlaubt.
Installation
Was die Installation angeht, so gibt es kaum Unterschiede: Beide Kontrahenten lassen sich auf einem Server oder Webspace oder im Heimnetz einrichten, etwa auf einem ausgedienten Rechner, einem NAS oder einem Raspberry Pi. Der Installationsvorgang setzt in beiden Fällen einen LAMP-Stack [4] voraus, auf den dann die jeweilige Cloud-Lösung aufsetzt.
Beide Dienste lassen sich von einem geübten Anwender in einer halben Stunde installieren, egal, ob direkt im Dateisystem oder per Docker im Container. Einsteiger finden im Netz viele Anleitungen zum Aufsetzen einer der Cloud-Lösungen auf unterschiedlichen Distributionen.
Oberflächen
Selbst die Bedienoberflächen im Webbrowser zeigen aufgrund derselben Codebasis noch viel Übereinstimmung, sieht man von der Farbgebung einmal ab: Nextcloud (Abbildung 3) trägt ein etwas helleres Kleid als Owncloud (Abbildung 4).

Abbildung 3: Die Administration in der Weboberfläche von Nextcloud bietet viele Stellschrauben zur Feinabstimmung und zum Absichern der Anwendung.

Abbildung 4: Bei der Administration von Owncloud stehen dem Anwender weniger Optionen zur Verfügung, um das System optimal einzustellen.
Ähnliches gilt für die Clients, die es für Linux, Windows, MacOS, Android und iOS gibt (Abbildung 5). Nextcloud und Owncloud lassen sich auch heterogen miteinander verknüpfen (Abbildung 6). Dagegen haben sich bei der Funktionalität beide Anwendungen in letzter Zeit in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Abbildung 5: Der Owncloud-Client während der Ersteinrichtung: Auch hier lässt sich die gemeinsame Herkunft nicht verleugnen.

Abbildung 6: Wir konnten unsere Testinstallation von Owncloud ohne Probleme in unsere bestehende Nextcloud einhängen. Dasselbe funktioniert auch umgekehrt.
Auseinanderentwickelt
Owncloud hat seit dem Fork die grundlegenden Funktionen Filesharing, Synchronisation und Federation weiter ausgebaut und auf das Enterprise-Level gehoben. Die Owncloud Business Edition bietet Unterstützung für Microsoft-Anwendungen wie Outlook, Office oder Teams.
Der Mitbewerber baute mit Nextcloud 18 im Januar 2020 nicht nur die Funktionalität weiter aus, sondern änderte auch seinen Namen und wurde zu Nextcloud Hub [5]. Damit einher ging neben der Einführung eines vorgeschalteten Dashboards (Abbildung 7) die Ausweitung des Angebots in Richtung Groupware und der seither kontinuierliche Ausbau der Funktionen für kollaboratives Arbeiten.

Abbildung 7: Mit Nextcloud Hub kam auch ein neues Dashboard, das dem Web-Interface vorgeschaltet ist.
Mit Workspaces erhielt Nextcloud Hub ein Organisationswerkzeug für die Zusammenarbeit im Team, über Flows lassen sich Arbeitsabläufe automatisieren. Dabei orientiert sich Nextcloud Hub an Microsoft 365 und Google Workspace, deren volles Potenzial es allerdings noch nicht erreicht.
Somit sprechen beide Unternehmen mittlerweile teils unterschiedliche Nutzergruppen an. Die Bezahlmodelle unterscheiden sich insofern, dass bei Nextcloud nur für Support-Optionen wie E-Mail und Telefon-Support sowie einen Update-Service Kosten anfallen, während Owncloud sich Zusatzfunktionen wie etwa die Volltextsuche in der kommerziell lizenzierten Enterprise-Edition bezahlen lässt.
Beide Anwendungen kann man mithilfe von Apps erweitern. Einige sind bereits vorinstalliert, andere finden sich in den jeweiligen App-Stores. Nextcloud liegt bei der Anzahl mit weit über 200 Apps vorn. Davon genießen aber manche keine offizielle Unterstützung, und nicht alle funktionieren. Insofern sagt die Menge nicht unbedingt etwas über die Qualität des App-Angebots aus.
In Sachen Sicherheit hat Nextcloud mit einem automatisch eingerichteten Brute-Force-Schutz und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in der Basisversion die Nase vorn. Auch beim Vergleich der Preismodelle glänzt der Fork mit etwas günstigeren Sätzen, was aber wieder nichts über die Qualität der Unterstützung aussagt.
Die Dokumentation hinkt bei Nextcloud den neuen Funktionen oft hinterher. Das ist bei Owncloud besser, was aber auch daran liegt, dass Owncloud weniger neue Funktionen ausrollt. Beide Anwendungen erzielen beim Speichern vieler kleiner Dateien nur eine eher mäßige Geschwindigkeit.
Was eignet sich für wen?
Open-Source-Anwender, die keinen Support benötigen, haben es recht einfach: Sie greifen zu Nextcloud. Der Fork ist zu 100 Prozent Open Source, und alle Funktionen stehen ohne Kosten allen Anwendern offen. Geht es um bezahlten Support, kommt es eher darauf an, auf welchem Funktionsbereich der Schwerpunkt liegt. Geht es eher um Grundfunktionalitäten wie Filesharing und Synchronisation, so kommen beide Produkte infrage.
Geht es dagegen um kollaboratives Arbeiten an Dokumenten, um Conferencing oder um eine Groupware-Lösung, so ist Nextcloud der geeignete Anbieter. Bei Business-Modellen für große Unternehmen und maßgeschneiderte Lösungen beispielsweise für Industriekunden hat derzeit Owncloud die Nase vorn, sofern der gebotene Funktionsumfang zu den Anforderungen passt.
Seit geraumer Zeit arbeitet Owncloud an einer völlig neu geschriebenen Architektur namens OCIS (Owncloud Infinite Scale), die nicht mehr auf PHP basiert, sondern auf Go [6]. Wie der Name sagt, verspricht Owncloud damit unbegrenzte Skalierbarkeit, sowohl was Benutzer als auch was Daten und Zugriffe betrifft. Das neue Web-Frontend hört auf den Namen Phoenix und wurde mit dem Javascript-Framework Vue.js geschrieben. OCIS liegt derzeit als technische Vorschau vor und soll mit der auf Owncloud 10.x folgenden Hauptversion Ende 2021 erscheinen.
Nextcloud rollte 2017 die neue Architektur Global Scale [7] aus, um global Daten schnell zwischen Rechenzentren zu verschieben. Die Entwickler versprechen sich davon auch ohne völlige Abkehr von PHP ein höheres Maß an Skalierbarkeit unter Beibehaltung des Funktionsumfangs der Anwendung.
Fazit und Ausblick
Wenn man heute nachliest, worüber 2016 beide Seiten diskutierten, dann wird klar, dass bei Owncloud das gegenseitige Verständnis von Open-Source-Entwicklern einerseits und Risikokapitalgebern andererseits nicht so funktioniert hat, dass beide Seiten mit den Ergebnissen zufrieden waren. Aus heutiger Sicht war der Fork die richtige Entscheidung. Owncloud konnte sein Konzept fortsetzen, während Nextcloud die ursprüngliche Vision der Entwickler weiterverfolgt.
Von daher ist für private Nutzer, die ihre Daten selbstbestimmt vorhalten, synchronisieren und teilen wollen, der Tisch in Sachen Open Source gut gefüllt. Alternativ stehen, wenn es hauptsächlich um Synchronisierung geht, Open-Source-Anwendungen wie Syncthing, Seafile, SparkleShare oder das mit einer Freemium-Lizenz versehene Resilio Sync (früher Bittorrent Sync) bereit. (cla)
Infos
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Karlitschek verlässt Owncloud: https://karlitschek.de/2016/04/big-changes-i-am-leaving-owncloud-inc-today/
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Fork: https://www.pro-linux.de/news/1/23615/nextcloud-startet-fork-von-owncloud.html
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CLA: https://owncloud.com/contribute/join-the-development/contributor-agreement/
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OCIS: https://linuxnews.de/2021/01/owncloud-stellt-infinite-scale-als-tech-review-vor/
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Global Scale: https://nextcloud.com/blog/nextcloud-announces-global-scale-architecture-as-part-of-nextcloud-12/





