Hypnotix bringt das Fernsehen auf den Desktop

Aus LinuxUser 03/2021

Hypnotix bringt das Fernsehen auf den Desktop

© Maksym Yemelyanov, 123RF

App ins TV

Für Linux gibt es nur wenige auf den Empfang von Internet-TV spezialisierte Programme. Hypnotix möchte diese Lücke schließen und macht dabei keine schlechte Arbeit.

Auch wenn Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon Prime Video oder Sky Go dem herkömmlichen linearen Fernsehen Jahr für Jahr Marktanteile wegnehmen, sollte man die gute alte Flimmerkiste noch nicht für tot erklären. Für Nachrichten oder Live-Sendungen schalten immer noch viele Nutzer den Fernseher ein. Als Alternative bieten daher inzwischen auch zahlreiche TV-Sender ihr Bild per Stream an – mal kostenlos und ohne Hürden wie bei beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mal gegen Registrierung oder gar nur mit kostenpflichtigem Abo wie bei vielen privaten Stationen.

Neben diesen “richtigen” Internet-Streams stellen inzwischen auch die TV- und Internet-Anbieter selbst vermehrt auf TV per Internet (IPTV) um. Die Dienstleister erhoffen sich davon mehr Bandbreite für die Internet-Anbindung, die durch das Abschalten von Kabelkanälen frei wird. Zudem gibt es für Nutzer auch die Option, DVB-C auf dem Router oder Zusatzgeräten zu empfangen und dann ins eigene Netz zu streamen. Eben für diese Lösungen gab es jedoch bislang unter Linux keine komfortablen Empfangsprogramme. Mit Hypnotix [1] ändert sich das jetzt.

Hypnotix

Das moderne Open-Source-Programm Hypnotix strickt um den Mediaplayer MPV [2] herum eine auf den Empfang von Internet-TV optimierte Oberfläche (Abbildung 1). Die Anwendung wird beim Arch-Linux-Ableger Manjaro entwickelt, lässt sich jedoch auch unter anderen Distributionen nutzen. Hypnotix bietet sich als Alternative zu VLC an, das bei vielen Nutzern als Empfänger für IPTV dient. Wir testeten Hypnotix auf einem System mit Ubuntu 20.10 in Kombination mit einem Fritz WLAN Repeater DVB-C von AVM. Das Vorgehen lässt sich jedoch auch auf eine Reihe von Fritzboxen übertragen, die direkt einen DVB-C-Tuner enthalten [3].

Abbildung 1: Das auf das Nötigste reduzierte Hauptfenster von Hypnotix. Über das kleine TV-Icon rechts oben wählen Sie den Provider oder legen neue Dienste an.

Abbildung 1: Das auf das Nötigste reduzierte Hauptfenster von Hypnotix. Über das kleine TV-Icon rechts oben wählen Sie den Provider oder legen neue Dienste an.

Zu Redaktionsschluss führte nur Manjaro Hypnotix direkt in den Paketquellen. Nutzer von Arch Linux oder anderer Arch-Derivate finden das Programm im Arch User Repository (AUR). Für Anwender mit Debian-basierten Distributionen wie Ubuntu, Linux Mint oder eben Debian selbst stellen die Entwickler über das Github-Repository DEB-Pakete zur Verfügung [4]. Unter Ubuntu 20.10 gelang die Installation ohne Probleme: DEB-Paket herunterladen, über einen Dateimanager ausführen und im Software Center auf Installieren klicken.

TV per Internet

In der Standardkonfiguration enthält Hypnotix bereits eine Playlist mit über 2000 frei empfangbaren internationalen TV-Kanälen. Die Liste stammt aus der für den Medienplayer Kodi gedachten Sammlung Free-IPTV [5]. Hypnotix listet unter TV Channels die Sender nach Ländern geordnet auf. Deutschsprachige TV-Sender finden Sie unter GERMAN TV (Öffentlich-Rechtliche plus Spartensender), GERMAN LOCAL (Lokalsender von a.tv Augsburg bis Westerwald TV) und GERMANY mit zwei weiteren Lokalsendern. Zum Abspielen eines Senders genügt ein Klick auf den entsprechenden Eintrag. Optional gibt es mit Kodinerds IPTV eine weitere Sammlung an IPTV-Sendern (siehe Kasten “Kodinerds IPTV”).

Kodinerds IPTV

Das Kodinerds-Projekt aggregiert frei empfangbare IPTV-Sender aus aller Welt [6]. Die Senderliste ist ab Werk nicht direkt in Hypnotix integriert, lässt sich jedoch leicht einbinden. Dazu legen Sie einen neuen Provider an und tragen als Name Kodinerds Clean, als Typ M3U URL und als URL http://bit.ly/kn-clean ein. Das Angebot an Sendern gleicht in weiten Teilen der Free-IPTV-Sammlung, die Kodinerds-IPTV-Liste ist jedoch ein wenig übersichtlicher organisiert.

Damit streamen Sie wie mit einem Webbrowser sämtliche Kanäle über das Internet. Es fehlen die privaten TV-Sender, die ihre Streams wesentlich restriktiver handhaben als die öffentlichen TV-Stationen. Um das volle Programm zu empfangen, benötigt Hypnotix einen Streaming-Server, der das über DVB empfangene TV-Signal im LAN per IPTV zur Verfügung stellt. Viele Fritzboxen oder der (inzwischen aus dem Programm genommene) Fritz WLAN Repeater DVB-C übernehmen diese Aufgabe, ohne dass man eigene Dienste einrichten oder extra Hardware anschaffen muss (Abbildung 2).

Abbildung 2: Viele Fritzboxen oder wie hier der Fritz WLAN Repeater DVB-C bieten die Funktion, das TV-Bild ins lokale Netz zu streamen. Die Senderliste lässt sich direkt in Hypnotix integrieren.

Abbildung 2: Viele Fritzboxen oder wie hier der Fritz WLAN Repeater DVB-C bieten die Funktion, das TV-Bild ins lokale Netz zu streamen. Die Senderliste lässt sich direkt in Hypnotix integrieren.

Die Senderliste im M3U-Format erhalten Sie in diesem Fall über das Webfrontend des Fritz-Geräts in der Rubrik DVB-C | Senderliste. Die Fritzbox bietet zwei Playlisten an: eine mit allen SD-Sendern und eine nur mit den HD-Kanälen (Abbildung 3). Aufgrund der Grundverschlüsselung der privaten TV-Sender fehlen hier RTL, ProSieben und Konsorten.

Abbildung 3: Hypnotix streamt TV via IPTV direkt aus dem Internet – oder wie hier das von einer geeigneten Fritzbox aufbereitete DVB-C-Signal.

Abbildung 3: Hypnotix streamt TV via IPTV direkt aus dem Internet – oder wie hier das von einer geeigneten Fritzbox aufbereitete DVB-C-Signal.

Die URL in der Art http://IP-Adresse/dvb/m3u/tvsd.m3u?sid=12...89 kürzen Sie um die Session-ID (sid) und klicken dann im Hauptfenster von Hypnotix auf das TV-Icon rechts oben unterhalb der Fensterleiste. Über Add a new provider… legen Sie dann die Fritzbox als neuen TV-Provider an (Abbildung 4). Unter Type wählen Sie M3U URL oder laden über Local M3U File die Datei von der Festplatte.

Abbildung 4: Um den TV-Stream der Fritzbox zu empfangen, müssen die MPV-Optionen in den Einstellungen angepasst werden, danach legt man mit der URL zur M3U-Senderliste einen neuen Provider an.

Abbildung 4: Um den TV-Stream der Fritzbox zu empfangen, müssen die MPV-Optionen in den Einstellungen angepasst werden, danach legt man mit der URL zur M3U-Senderliste einen neuen Provider an.

Wayland

Zu Redaktionsschluss scheiterte Hypnotix bei der Wiedergabe von Streams, sobald wir das Programm unter Wayland starteten [7]. Auf einem Arch-Linux-System mit Gnome 3.38.2 ließ sich das Problem im Test nachvollziehen. Distributionen wie Ubuntu setzen in der Standardkonfiguration noch nicht auf Wayland, daher betrifft das Problem eher Nutzer von Distributionen wie Fedora oder eben Arch Linux, die Gnome möglichst unverändert ausliefern und die Standards übernehmen.

Anpassung an Fritzbox

Damit das MPV-Backend die Streams der Fritzbox abspielen kann, müssen Sie nun noch über das Zahnrad-Icon die Einstellungen von Hypnotix öffnen und unter Playback die MPV Options ergänzen, sodass am Ende hwdec=auto-safe rtsp-transport=udp deinterlace=yes in der Zeile steht (Abbildung 5). Beachten Sie hier, dass Hypnotix die hinterlegten Optionen nicht direkt an MPV übergibt. Im Gegensatz zu MPV müssen Sie die sonst üblichen Doppelstriche -- entfernen und die Optionen immer im Format option=wert eintragen, obwohl bei manchen Optionen einfach nur option genügen würde, wie zum Beispiel beim Deinterlacing.

Abbildung 5: Die Kombination aus den Free-IPTV- und Kodinerds-Listen plus die von der Fritzbox gestreamten Sender erlaubt, praktisch jeden deutschsprachigen Free-TV-Sender auf dem Computer zu empfangen.

Abbildung 5: Die Kombination aus den Free-IPTV- und Kodinerds-Listen plus die von der Fritzbox gestreamten Sender erlaubt, praktisch jeden deutschsprachigen Free-TV-Sender auf dem Computer zu empfangen.

In unserem Testfall mit der Telekom als TV- und Internet-Provider tauchten in der Senderliste in manchen Sendernamen kryptische Sonderzeichen auf. Dies lässt sich nur beheben, indem Sie die M3U-Senderlisten nicht direkt von der Fritzbox laden, sondern erst einmal abspeichern und die Datei in einem beliebigen Texteditor korrigieren (Abbildung 6). Anschließend legen Sie in Hypnotix den Provider neu an und wählen dieses Mal über Local M3U File die lokal abgespeicherte Datei von der Festplatte.

Abbildung 6: Die Fritzbox baute im Test unnötige Sonderzeichen in die Senderliste ein. Um diese zu entfernen, muss man die M3U-Dateien abspeichern, bearbeiten und dann als lokale Playlist in Hypnotix eintragen.

Abbildung 6: Die Fritzbox baute im Test unnötige Sonderzeichen in die Senderliste ein. Um diese zu entfernen, muss man die M3U-Dateien abspeichern, bearbeiten und dann als lokale Playlist in Hypnotix eintragen.

Fazit

Hypnotix füllt eine Lücke, die Alternativen wie VLC nicht ganz schließen können. VLC spielt zwar ebenfalls IPTV-Streams ab und erlaubt, die Sender aus einer Playlist zu wählen, doch die Oberfläche ist nicht auf den Empfang von Internet-TV spezialisiert. So macht es mit Hypnotix wesentlich mehr Spaß, durch das TV-Angebot zu zappen, als mit VLC. In Zukunft soll das Programm auch noch hinzulernen und etwa die Möglichkeit bieten, einen Programmführer (EPG) zu integrieren. Da Hypnotix im Rahmen von Manjaro entwickelt wird, dürfte es nicht lange dauern, bis neue Funktionen ihren Weg in das Programm finden. (cla)

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2 Kommentare
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Hans Huber
1 Jahr her

Braucht man ein VPN, um ausländische Sender in Deutschland sehen zu können? Wenn ich z.B. die Österreichischen Sender wähle, sehe ich immer nur ein kreisendes Symbol und es kommt kein Bild.

Gast
1 Jahr her
Reply to  Hans Huber

Ja, man bruacht ein VPN.

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